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»Keine Spur von Iyali«, sagte die Elfe, als der Devanthar neben sie trat. »Es scheint, als wäre Išta sehr gründlich gewesen.«

»Nein«, widersprach der Ebermann und deutete auf die lange Reihe gleich aussehender Flaschen auf dem Boden. »Es scheint, als wäre Iyali sehr tapfer gewesen. Sie ist in das Wasser des Schweigens gestiegen. Das erfordert viel Mut!«

Lyvianne hörte nur mit einem Ohr zu, sie beugte sich weit vor und hob den Gegenstand am Boden des flachen Beckens auf. Es war ein von eingetrocknetem Schlamm verkrusteter goldener Ring in Form einer sich in Spiralen windenden Schlange. Für eine Arbeit von Menschenhand war er gut geraten. Jede Schuppe der Schlange war dargestellt, und Rubinsplitter waren als Augen eingesetzt worden. »Was ist das Wasser des Schweigens? Meinst du, sie hat sich hier im Becken ertränkt?«

»Damit hätte sie die Geheimnisse, die Anatu ihr anvertraut hat, nicht schützen können. Du weißt, was ich mit Alavašhi getan habe. Išta wäre ebenfalls nicht davor zurückgeschreckt, Iyalis Stimme aus dem ewigen Dunkel zu rufen. Sie hätte die Priesterin erpresst. Es war noch nicht viel Zeit seit Ištas Kampf gegen den Purpurnen vergangen. Vielleicht hätte sie lebende Verwandte Iyalis aufgespürt oder ihr gedroht, all ihre Priesterinnen grausam ermorden zu lassen. Wer weiß … Išta ist sehr erfahren darin, die Schwachpunkte von Menschen und Devanthar zu finden. Selbst der Tod hätte Iyali nicht vor meiner grausamen Schwester bewahrt. Alles, was wir Devanthar brauchen, um die Stimmen der Verstorbenen zu rufen, ist ein Knochen oder eine Haarsträhne. Iyali ist in ein Bad aus Säure gestiegen, damit nichts mehr von ihr bleibt. Das Wasser des Schweigens. Der einzige Weg, für immer Frieden zu finden.«

Lyvianne versuchte sich vorzustellen, was die Priesterin erduldet hatte. Wie war sie in das Bad gestiegen? Wie hatte sie den Schmerz ertragen, als die Säure ihre Haut auflöste und das Muskelfleisch zerfraß? Wie hatte sie dem Drang widerstanden, sich aus dem Bad zu winden, damit der Schmerz aufhörte?

»Wie konnte Išta den Ring übersehen?«

Der Ebermann schnaubte. »In den ersten Stunden nach Iyalis Selbstmord wird die Säure trübe gewesen sein. Man konnte nicht bis auf den Grund des Beckens blicken. Und danach … Wer immer seine Hand nach dem Ring ausgestreckt hat, wird es bitter bereut haben.«

»Aber Išta, hätte sie den Ring nicht an sich nehmen müssen?«

»Warum, Gold bedeutet uns Devanthar nichts. Und der Ring ist von keinerlei Nutzen, um den Geist Iyalis zu rufen. Išta wird vor Wut geschäumt haben, als sie hier war. Iyali ist ihr mit ihrem Selbstmord für immer entschlüpft, und meine Schwester Išta wird sich niemals ganz sicher sein können, ob die Zunge der Göttin nicht doch noch einen Hinweis auf die Intrige gegen ihre Herrin hinterlassen hat.«

»Nun, nicht hier, wie es scheint.« Lyvianne schloss die Hand um den Ring. »Ich konnte nichts entdecken. Ich …« Er würde es merken. Es wäre ein Fehler zu versuchen, ihn zu hintergehen.

»Gut, dass du das weißt«, sagte der Devanthar schroff. »Mir entgeht keiner deiner Gedanken. Was also willst du mit dem Ring?«

»Es gibt viele Spielarten der Magie in Albenmark. Ich kenne jemanden, der weit auf dunklen Pfaden geschritten ist. Vielleicht könnte sie mithilfe des Ringes eine Verbindung zu Iyali herstellen. Dafür müsstest du mich mit dem Ring gehen lassen und mir vertrauen.«

»Wenn ich dich ziehen lasse, wirst du zu deinem Meister, dieser Echse, gehen.«

Lyvianne nickte. »Ich habe dem Goldenen die Treue geschworen. Ich würde ihn niemals verraten. Aber zuerst werde ich die Zauberweberin besuchen, die mir mit dem Ring …«

»Ich sehe die Dunkelheit in deinem Herzen, Elfe. Ich sehe, was du mit deinen Kindern getan hast. Warum sollte ich dir vertrauen?« Er machte einen Schritt auf sie zu. Wieder umfing Lyvianne sein animalischer Geruch. »Ich sollte dich töten. Deine Welt würde ein besserer Ort werden, wenn du nie wieder zurückkehrst.« Seine Krallenhand schloss sich um ihre Kehle.

»Du wirst niemals die Wahrheit über Anatu erfahren, wenn du mich jetzt tötest.«

Der Druck der Krallenhand ließ ein wenig nach. »Das werde ich auch nicht, wenn ich dich gehen lasse – denn du hast keinen Grund zurückzukehren.«

»Ich werde zurückkehren, um Išta stürzen zu sehen. Ihr Untergang ist auch ein Sieg für Albenmark.«

Der Devanthar keuchte. Er ließ sie los und wich von ihr zurück. »Das meinst du wirklich ernst.« Fassungslos sah er sie an. »Geh! In achtundzwanzig Tagen, wenn erneut Anatus Palast aus Mondenlicht über diesem Hügel steht, erwarte ich dich im Garten der Göttin.«

»Und wenn ich mehr Zeit brauche? Die Zauberweberin, die ich um Hilfe bitten muss, ist launisch. Es könnte Wochen dauern, sie dazu zu bewegen. Sie wird sich mit Blut bezahlen lassen.«

»Mich interessiert nicht, was du tun musst. In sechsundfünfzig Tagen, zur zweiten Vollmondnacht, werde ich noch einmal hier sein, um dich zu erwarten. Kommst du auch dann nicht, werde ich nach Albenmark kommen. Und glaube mir, ich werde dich schneller finden, als dein Beschützer, die goldene Echse, mich aufspüren wird. Versuche nicht, mich zu hintergehen, Lyvianne!« Mit diesen Worten verließ er die Kammer. Sie hörte seine Eberhufe draußen im Gang widerhallen. Dann war es still bis auf das Rascheln der trockenen Disteln im Wind.

Die Elfe betrachtete das Becken, in dem Iyali auf so schreckliche Weise gestorben war. »Man ist niemals in Sicherheit, Hohepriesterin. Ganz gleich, welches Opfer man bringt.«

Das letzte Quartier

»Heh, Galar!« Ein Gesicht, umrahmt von einem eisengrauen Bart, erschien unter dem Schutz aus Blättern, den sie sich gebaut hatten. »Schnapp dir den Krüppel und die beiden anderen Pfeifen, mit denen du aufgetaucht bist!«, blaffte ihn Hauptmann Hartwig an. »Ich habe eine schöne Aufgabe für euch.«

Hartwig war der Kommandeur, in dessen Truppe sie untergeschlüpft waren. Er war ein Eisenfresser. Ein Veteran aus dem Krieg zwischen dem Koboldvolk der Eisbärte und den Zwergen von Ishaven, von denen Galar bis vor einer Woche nur wenig gehört hatte. Es war eine lange, blutige Angelegenheit gewesen, und sie hatte Hartwig hart wie Granitbrocken gemacht. Ihr Kommandeur hatte vom ersten Tag an gerochen, dass mit Galar und seinen Kameraden etwas nicht stimmte.

»Los, los, los!«, blaffte er nun. »Oder soll ich euch Beine machen?«

Galar weckte Nyr, Glamir und Bailin. Die drei hatten sich eng in ihre Kapuzenmäntel gerollt und waren eingeschlafen, obwohl der Boden ein eisiger Schlamm war.

Glamir war als Erster wach. Er tat einen tiefen Seufzer, als er die Augen aufschlug. Er jammerte nie, aber Galar wusste, wie sehr die nasse Kälte seinem Gefährten zusetzte. »Harti hat wohl Lust, uns zu ärgern«, zischte er.

»Das habe ich gehört!«, schnarrte der Hauptmann. »Und ich sage dir, du hast keine Ahnung, was Ärger bedeutet. Bisher habe ich euch gehätschelt wie meine Enkelkinder, aber damit ist jetzt Schluss!« Er schlug mit dem schweren Rebstock, der Zeichen seines Ranges war, auf das provisorische Laubdach. Beim dritten Hieb stürzte es zusammen.

Fluchend schob Galar die nassen Äste zur Seite und zog Glamir hoch. Nyr und Bailin waren inzwischen ebenfalls auf den Beinen. Gemeinsam traten sie auf den rutschigen Pfad, der hinab zum Tal führte. Keiner sah zu ihrem Unterstand zurück; außer ihren Mänteln und den Kleidern darunter besaßen sie ohnehin nichts. Nur Bailin trug eine Axt am Gürtel.

Unablässig prasselte eisiger Regen auf sie nieder. Die Tropfen ließen den Schlamm aufspritzen. Dünne Rinnsale hatten Furchen in den steilen Weg geschnitten. Dicker Rauch sickerte den Hang hinab, als würde auch er vom Regen talwärts getrieben. Hunderte Zwerge lagerten wie sie unter den Kiefern, die sich an die Bergflanke klammerten. Manche hatte Unterstände in das Erdreich getrieben. Rußgeschwärzte Löcher, aus denen blaugrauer Qualm hervorquoll. Die meisten jedoch hatten, aus Angst vor Schlammlawinen, nur Unterstände aus Astwerk errichtet, die mehr schlecht als recht vor dem unaufhörlichen Regen schützten. Es gab kein trockenes Holz mehr. Jedes Feuer räucherte die Männer, die sich daran niedergelassen hatten. Die Stimmung war auf dem Tiefpunkt.