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Niemand, nicht einmal ihre Hauptleute, schien zu wissen, wo dieses Tal lag, zu dem sie der Albenstern geführt hatte. Es war völlig ungewiss, warum alles so geheim gehalten wurde. Sie waren noch in Albenmark, da war sich Galar ganz sicher. Was sollte ihnen hier geschehen, außer dass sie sich gegenseitig an die Gurgel gingen?

Unten im Tal erklangen dumpfe Axtschläge. Seit sie hier angekommen waren, hörten sie diesen Lärm. Selbst nachts war es nicht still.

Galar stützte Glamir, der sich mit seiner Krücke auf dem rutschigen Weg kaum auf dem verbliebenen Bein halten konnte. Für was für eine Aufgabe sie wohl ausgewählt waren?

Als sie tiefer hinabstiegen, verschwanden die Kiefern auf den Hängen. Nur Baumstümpfe waren noch geblieben. Nicht weit vom schlammbraunen Bach am Talgrund waren Dutzende Langhäuser errichtet worden, die Galar ungewöhnlich groß erschienen. Fundamente für etliche weitere Hütten waren gelegt. Fluchende Zwerge standen in halb gefluteten Löchern, um mit mächtigen Grubensägen aus den Fichtenstämmen Bretter zu schneiden. Einer balancierte jeweils auf dem Stamm, während der zweite unten in der Grube die Säge zu sich herabzog. Eine elende Plackerei, die Galar ein Lächeln auf die Lippen zauberte. Es gab Schlimmeres, als bei diesem Scheißwetter über schlammige Pfade geführt zu werden.

Sie erreichten die neu entstandene Siedlung zugleich mit einer Maultierkarawane. Neugierig sah Galar zu, wie Fässer und schwere, in Öltuch geschlagene Bündel in eines der neuen Lagerhäuser getragen wurden.

»Glotz nicht!«, schnauzte Hartwig ihn an, der ihnen dichtauf gefolgt war. »Da geht es für euch lang!« Dabei deutete der Hauptmann mit seinem Rebstock auf eine Scheune, die ganz am Ende der Siedlung stand. Das Tor, in das eine kleine Pforte eingelassen war, war so groß, dass ohne Weiteres ein hoch beladener Heuwagen hätte einfahren können.

»Mit der Hütte stimmt was nicht«, murmelte Glamir, als sie darauf zustapften. »Das Knie, das mir eigentlich fehlt, zwackt. Das passiert immer, wenn Ärger ansteht. Diese Bude da verheißt nichts Gutes.«

Vor der Scheune tippte der Hauptmann Bailin mit dem Stock vor die Brust. »Du kannst wieder mit mir kommen. Bist kein übler Kerl.«

Ihr rotbärtiger Retter aus den Ehernen Hallen lächelte spöttisch. »Danke für dein Lob, aber wenn ich täte, was du mir anbietest, wäre ich nicht der, für den du mich hältst.«

Hartwig runzelte die Stirn, als brauchte er einen Augenblick, um zu verstehen, was Bailin gemeint hatte. Dann schüttelte er ärgerlich den Kopf. »Komm lieber mit mir. Es wird dir leidtun, wenn du da hineingehst. Ich konnte vorhin einen kurzen Blick hineinwerfen.«

»Ich bleibe bei meinen Kameraden«, entgegnete Bailin, ohne zu zögern. »Irgendeiner muss ja auf sie aufpassen.«

Wenn es nach ihm gegangen wäre, dann hätte der Rotbart sich ruhig verpissen dürfen, dachte Galar ärgerlich. Dass er blieb, hatte nicht im Mindesten mit Loyalität zu tun. Er traute ihnen noch immer nicht über den Weg.

»Nun denn«, sagte Hartwig ruhig. »Jeder ist seines Glückes Schmied.« Mit diesen Worten öffnete er die kleine Pforte und schob sie in die Scheune.

Im ersten Augenblick konnte Galar kaum etwas sehen. Es roch nach Kiefernharz, frisch geschnittenem Holz und noch etwas anderem, Ranzigem, das er nicht sofort zuordnen konnte, ihm aber doch vertraut vorkam. Der Regen trommelte auf das Dach, an einigen Stellen tröpfelte Wasser durch Löcher in den Schindeln in die Scheune. Ein wenig Licht fiel durch Spalten in den Wänden aus groben Holzbrettern.

Im Dunkel am anderen Ende der Scheune rumorte es, dann fragte eine erstaunlich laute, tiefe Stimme etwas in einer Sprache, die Galar nicht verstand. Im selben Moment schloss sich hinter ihnen die Pforte.

Der hölzerne Boden erbebte unter schweren Schritten.

»Bei den Titten meiner Amme«, stöhnte Glamir neben ihm. Es war das erste Mal, dass Galar Angst in der Stimme seines Gefährten hörte. »Da sind Trolle!«

Jetzt sah der Schmied sie auch. Das hier war keine Scheune! Es war ein Quartier, dessen Abmessungen den riesigen Leibern von Trollen angepasst waren. Fünf große, graue Gestalten kamen durch das Zwielicht auf sie zu. Bis auf ihre schmuddeligen Lendenschurze und Lederriemen, von denen Dutzende Talismane hingen, waren die Trolle nackt. Wulstige Schmucknarben zierten ihre Leiber. Ein jeder von ihnen hielt eine schwere Keule, die aus einem jungen Baumstamm geschnitzt war.

Galar griff an seinen Gürtel, doch da war keine Waffe. Nicht einmal ein Messer.

Bailin drängte sich vor sie und hob seine Axt.

»Scheiße!«, zischte Nyr.

Einer der Trolle sagte etwas Unverständliches, woraufhin ein anderer mit grässlichem Akzent in kaum verständlichem Zwergisch antwortete: »Du hast recht, Bolbur, sie haben das Abendessen gebracht.«

Ein einfacher Plan

Es wird in Zukunft von großer Bedeutung sein, zu beobachten, was auf den Schlachtfeldern Nangogs geschieht, ohne dort anwesend zu sein. Ich würde vorschlagen, dass wir im Nichts abwarten, in der Nähe eines Albenpfades, über den wir schnell zum Kampfplatz kommen können, falls sich die Devanthar entscheiden sollten, in die Schlacht einzugreifen. Sobald sie dies tun, greifen wir an und vollenden, was in Selinunt missglückt ist.

Der Dunkle blickte zu den Dünenkämmen in der Ferne. Es ermüdete ihn, seinem Bruder, dem Goldenen, zuzuhören. Der Zweitgeschlüpfte hörte sich zu gerne reden. Seit fast einer halben Stunde berichtete er nun schon. Über die Truppen, die sich versammelten, und über seine großartigen Pläne, aber bislang war wenig Konkretes zu hören gewesen.

Zumindest der Flammende war von den Reden des Goldenen genauso gelangweilt wie er. Der Schweif seines Nestbruders zerwühlte den Sand, und er blickte hinauf zum weiten Sternenhimmel über der Wüste.

Entschuldige, Bruder, aber was für ein Zauber ist das, den du da weben möchtest?, mischte sich der Frühlingsbringer ein. Werden die Devanthar ihn nicht sofort bemerken und stören?

Ich denke nicht, entgegnete der Goldene auf provozierend selbstsichere Art. Wir werden von Natur aus von Magie durchdrungene Geschöpfe als Träger des Zaubers verwenden. Es werden wohl überwiegend Elfen sein. Kein Devanthar wird sich wundern, wenn ein Elf eine ausgeprägte Aura hat, die auf vielfache Art in Verbindung mit dem magischen Netz steht. Der Zauberbann, unter dem sie stehen, wird nur den alleraufmerksamsten Beobachtern auffallen. Und ich bin sicher, in der Hitze des Gefechts werden die Devanthar anderes im Sinn haben, als sich Elf für Elf ganz genau anzuschauen. Wir werden durch die Augen der Elfen sehen, und wir könnten sie sogar mit unseren Stimmen sprechen lassen, um durch sie Befehle zu geben und auf die Ereignisse der Schlacht zu reagieren.

Diesen Zauber musst du uns näher erläutern, Bruder. Der Smaragdene hatte den Kopf vorgestreckt, und in seinen Zügen spiegelte sich Wissbegier. Selten hatte der Dunkle ihn so aufgewühlt gesehen. Sonst strebte sein Bruder eher Ruhe und Ausgleich an. Allerdings war er auch derjenige von ihnen, der die meiste Zeit damit verbrachte, den Geheimnissen der Schöpfung der Alben nachzuspüren. Insbesondere jenen, die mit dem Goldenen Netz und der Zauberweberei in Verbindung standen.

Der Goldene begann eine weitschweifige Erklärung, aber ganz gegen seine Art unterbrach ihn der Smaragdene ungeduldig. Ich weiß, ich weiß … Ich bin diesen Weg selbst schon gegangen. Aber wie verhinderst du, dass die Albenkinder unter deinem Zauberbann Schaden nehmen? Ich habe mich selbst vor vielen Jahren in diesem Gebiet der Beherrschungsmagie versucht, und alle Albenkinder, mit denen ich gearbeitet habe, haben dauerhaften Schaden genommen. Ich konnte keinen Weg finden, es zu verhindern. Ihr Hirn kämpft gegen die Besessenheit an. Natürlich ist es eine Kleinigkeit, diesen Widerstand zu überwinden. Aber es zerstört Teile ihres Hirns. Sie verlieren ihre eigene Antriebskraft. Wenn wir uns zurückziehen, sind sie völlig apathisch. So als hätten wir durch den Zauber ihre Persönlichkeit ausgelöscht.