Выбрать главу

Der Zwerg wurde von den Beinen gerissen, flog ein Stück nach hinten und landete hart auf dem Bretterboden. Noch bevor er sich aufrappeln konnte, senkte sich ein riesiger Trollfuß auf seine Brust. »Jetzt bist du begraben unter Trollscheiße«, wurde er verhöhnt. »Und wenn ich ein bisschen drücke, läufst du durch die Ritzen im Boden.«

Galar hörte, wie Bailin einen Schlachtruf ausstieß. Dann ertönte ein dumpfer Schlag.

»Es genügt!« Aus den Augenwinkeln sah Galar die weiße Gestalt näher kommen, verschwommen, denn der Druck auf seine Rippen und Lunge ließ ihn vor Schmerz fast ohnmächtig werden.

»Es reicht, Groz!« Es war eine Stimme, die keinen Widerspruch duldete. Leise, doch durchdringend.

Der Druck auf Galars Brust ließ nach. Japsend rang er um Luft und setzte sich auf.

Vor ihm stand eine Elfe. Sie war in ein langes, weißes Kleid mit steifem Stehkragen gekleidet. Völlig unpassend für dieses im Schlamm versinkende Heerlager am Ende der Welt. Sie ging barfuß. Nicht der kleinste Schmutzspritzer zeigte sich auf ihrem Gewand. Die Elfe vor ihm war erstaunlich klein, war der erste Gedanke, der Galar durch den Kopf ging. Wenn er stand, würde sie ihn höchstens um zwei Köpfe überragen. Sie wirkte zerbrechlich wie ein Eiskristall und ebenso kalt. Sie sah auf ihn hinab, als wäre er nicht mehr als ein Mistkäfer.

»Mein Name ist Ailyn, und euer Schicksal ist es, in Zukunft meinen Befehlen zu gehorchen. Ich erwarte nicht, dass ihr einander respektiert. Es genügt mir, wenn ihr euch nicht die Kehlen durchschneidet oder gegenseitig auffresst.« Bei den letzten Worten warf sie den Trollen einen kühlen Blick zu. »Habt ihr mich verstanden?« Sie sagte noch etwas in der gurgelnden, unverständlichen Sprache der Trolle, und erstaunlicherweise senkten die hünenhaften Krieger ihre Köpfe, als wären sie Kinder, die gerade wegen eines Streichs gescholten wurden.

»Steh auf«, sagte Ailyn zu ihm, als wäre es eine Kleinigkeit, unter einem ungewaschenen Trollfuß halb zerquetscht worden zu sein.

Groz und seine Kumpane machten der Elfe Platz, sodass Galar nun seine Gefährten sehen konnte. Bailin lag am Boden und spuckte Blut. Nyr hatte dessen Axt aufgehoben und sah aus, als wollte er jeden Augenblick über die Trolle herfallen. Glamir wirkte einfach nur verzweifelt. Einarmig und einbeinig war er nicht in der Lage, sich zu verteidigen. Und ganz offensichtlich war er zu dickköpfig, um zu flüchten.

Die Elfe bedachte Bailin mit einem forschenden Blick, dann schnippte sie mit den Fingern. »Auf mit dir! Du kannst noch laufen.«

Der Hauptmann zog die Nase hoch und spie blutigen Schleim. Es fiel ihm sichtlich schwer, auf die Beine zu kommen, aber mit verbissenem Gesicht kämpfte er sich hoch.

»Aus welcher Gegend kommt ihr?«

»Eherne Hallen«, antwortete Glamir für sie alle.

Die Elfe hielt inne und sah sie der Reihe nach forschend an. Sie hatte ein schmales Gesicht, das nur aus geraden Linien zu bestehen schien. Es wirkte hart, wie aus Stein geschnitten. Und Galar hatte das beklemmende Gefühl, dass ihr langes Leben jedes bisschen Mitgefühl aus diesen Zügen gemeißelt hatte. »Ich hatte mir Zwerge gewünscht, die an ein raues Klima gewöhnt sind.«

»Sehen wir aus wie Weicheier?«, fragte Glamir erbost.

Der Anflug eines Lächelns spielte um die Lippen der Elfe. »Zumindest du siehst so aus, als würdest du dich weigern zu akzeptieren, dass du schon längst tot sein solltest.«

»Du solltest mal diese verdammten Spinnen sehen. Bin der Einzige, der einen Kampf mit ihnen überlebt hat.«

»Spinnen?« Eine Braue der Elfe stieg in die Höhe.

Hatte sie leise geseufzt? Galar war sich nicht ganz sicher. Ailyn war ihm so sympathisch wie ein toter Fisch. Gerne hätte er ihr von den verfluchten Smaragdspinnen erzählt, aber das wäre dumm. Die Elfen waren die Diener der Himmelsschlangen. Jedes Wort zu viel mochte sie auf die Spur des geheimnisvollen Metalls bringen, das sie unter Glamirs Turm abgebaut hatten. Sie durften auf keinen Fall von den Drachentöterpfeilen erfahren! Er warf seinem Gefährten einen eindringlichen Blick zu und schüttelte leicht den Kopf.

Doch Ailyn schien nicht weiter an den Spinnen interessiert zu sein. »Folgt mir! In diesen Lumpen werdet ihr dort, wo wir hingehen, keinen Tag überleben.« Mit diesen Worten öffnete sie die Pforte und trat hinaus. Ohne sich umzublicken, ob sie ihr folgten, ging sie die schlammige Straße entlang, an der Maultierkarawane vorüber, deren Lasten noch immer von fluchenden Kobolden in eine der großen Hütten getragen wurden.

»Meinen Namen kennt ihr schon«, erklärte die Elfe, während sie ihnen voranschritt. »Ich führe den Befehl über eine Gruppe aus fünfzig Trollen, fünfzig Zwergen und etwa hundert Kobolden. Ihr habt das Pech, mir zugeteilt worden zu sein. Wir werden die erste Schlacht auf Nangog ausfechten.«

»Zusammen mit Trollen und etwa hundert Kobolden?«, fragte Galar ungläubig.

»Hundert oder hundertzwanzig … Es ist Kobolden nicht gegeben, sich in ordentlichen Reihen aufzustellen.« Ailyn gab sich keine Mühe, die Geringschätzung, die sie vor dem kleinen Volk empfand, zu verhehlen. »Schon mal Kobolden begegnet? Sie stehen nicht lange genug still, um hundert von ihnen durchzählen zu können. Und sie sind allesamt Betrüger. Sie werden ganz sicher weniger Krieger schicken und versuchen, es zu verschleiern. Ich habe um Krieger aus dem Volk der Eisbärte gebeten. Hoffentlich bekomme ich sie. Mit anderen wird nichts anzufangen sein.«

Galar tauschte einen kurzen Blick mit Glamir an seiner Seite. Der Schmied verdrehte die Augen. Auch er hatte offensichtlich schon von den Eisbärten gehört. Der Koboldstamm lebte nördlich der Zwergensiedlung Ishaven. Vor einigen Jahren hatte es einen Krieg mit ihnen gegeben, weil sie auf die Idee gekommen waren, Aale in den unterirdischen Strömen zu entern, leckzuschlagen, sodass die Besatzungen ertranken, und dann die Tauchboote auszuplündern. Sie waren hartgesottene kleine Bastarde. Selbst heute galten die Routen nach Ishaven nicht als völlig sicher. Nie waren alle Piraten gestellt worden.

Galar hörte, wie auch Bailin und Nyr miteinander tuschelten. Kein Koboldvolk hatte unter Zwergen einen so schlechten Ruf wie die Eisbärte. Es war eine Sache, bis aufs Blut miteinander Krieg zu führen, und eine ganz andere, wehrlose Zwerge in Fässern ersaufen zu lassen. Galar konnte sich nicht vorstellen, wie Zwerge und Eisbärte gemeinsam in die Schlacht ziehen sollten. Das war ja noch schlimmer, als mit Trollen ein Quartier zu teilen. Legten es die Elfen darauf an, dass dieser Feldzug in einer Katastrophe endete?

»Ich weiß, was ihr denkt«, sagte Ailyn ruhig. »Und dazu muss ich nicht einmal einen Zauber weben. Dort wo wir hingehen, werden wir entweder alle gemeinsam kämpfen oder jeder für sich allein sterben. Das sind keine leeren Worte. Überlegt also besser schon einmal, ob alte Feindschaften es wert sind, ihnen euer Leben zu opfern.«

»Pathetisches Elfengeschwätz«, murmelte Glamir. »Die kann mich mal mit ihrem schalen Gerede.«

Galar war sich ganz sicher, dass Ailyn ihn gehört hatte, auch wenn sie unbeirrt weiterging. Es lag ihm auf der Zunge, in das Gemaule einzustimmen, aber ausnahmsweise beherrschte er sich. Es wäre klüger, Ailyn ein wenig besser kennenzulernen und sich nicht sofort mit ihr anzulegen. Eisbärte und Trolle waren ein Dreck gegen einen Feind wie sie. Sie war keine gewöhnliche Elfe, da war er sich ganz sicher, obwohl Galar erst zweimal in seinem Leben Elfen gesehen hatte.

Das erste Mal während einer Waffenmesse in der Tiefen Stadt und das zweite Mal, als seine Heimat von Elfen und Drachen zerstört worden war. Bei der Erinnerung daran ballte er unwillkürlich die Fäuste. »Ich glaube, dass Elfen lügen, wenn sie nur das Maul aufreißen«, platzte es dann doch wider besseres Wissen aus ihm heraus.