Seine Worte lasteten wie Blei auf der kleinen Gruppe, denn sie waren eine Kriegserklärung an die Elfe gewesen. Keiner sprach mehr, bis sie fast den Anfang der Ansammlung von neuen Häusern am Talgrund erreicht hatten. Vor ihnen lag eine lang gestreckte Hütte, die im Gegensatz zu allen anderen aus massiven Baumstämmen gefertigt worden war. Zusätzlich war das untere Drittel mit einer Bruchsteinmauer ummantelt. Vor der Tür standen unter einem Vordach zwei Elfen auf Wache. Sie trugen silbern glänzende, knielange Kettenhemden und stützten sich auf Speere mit schwertlangen Stichblättern. Als sie Ailyn sahen, nahmen sie Haltung an. Einer von ihnen öffnete die schwere, mit breiten Messingbändern verstärkte Eichentür. Galar hatte den Eindruck, dass Ailyn an diesem Tag nicht zum ersten Mal hierherkam. Als er die Wachen passierte, warf er einen kritischen Blick auf die Kettenhemden. Sie waren aus kleinen Ringen gefertigt, jeder einzelne genietet und mit sechs anderen Ringen verbunden. Das Kettenhemd war stark und würde den meisten Stichen standhalten. Er sah genauer hin. Runzelte die Stirn. Das war kein poliertes Eisen. Wie den meisten Albenkindern war es auch den Elfen unangenehm, Eisen zu berühren. Diese Rüstungen waren aus Silberstahl gefertigt. Ebenso die beiden Helme mit den weißen Federbüschen, die die Wachen trugen. Sie waren ein Vermögen wert! Die Elfen machten ein Geheimnis daraus, wie sie diesen Stahl herstellten. Vermutlich gelang es allein durch Zauberei. Generationen von Zwergenschmieden hatten versucht, das Geheimnis des Silberstahls zu ergründen, und alle waren gescheitert.
»Glotz nicht so!« Glamir stieß ihn an und drängte ihn weiterzugehen. »Dir fallen noch die Augen aus dem Kopf.«
»Aber hast du gesehen …«
»Was? Dass diese verdammten Elfen Angeber sind? Protzerei mit Reichtum beeindruckt mich nicht im Geringsten!«, sagte Glamir, und doch entging Galar nicht, dass auch sein Gefährte im Vorübergehen die Rüstungen der beiden Wachen eingehend gemustert hatte.
Das Innere der Hütte war von Dutzenden Öllampen blendend hell erleuchtet. Es roch intensiv nach Waffenfett, und der unverwechselbare Geruch glühenden Metalls hing in der Luft. Überwältigt sah Galar sich um. Die Kettenhemden der Wachen waren ein Scheißdreck im Vergleich zu dem, was hier lagerte: Hunderte von Äxten und Schwertern hingen in Gestellen entlang der Wände. Speere in den unterschiedlichsten Längen waren mit Lederriemen zu Bündeln verschnürt. Mitten im Gang standen drei Speerschleudern, die ihrer Drachenflitsche nicht unähnlich waren. Seitlich der Geschütze hingen Trageriemen herab. Sollten Trolle die Speerschleudern ins Gefecht schleppen? Nyr war sofort bei den Geschützen und musterte sie kritisch.
»Du kennst dich damit aus?«, fragte Ailyn neugierig.
»Jeder Zwerg kennt solche Geschütze«, mischte sich Galar ein, bevor seinem Freund etwas Verräterisches herausrutschen konnte. »Wir nutzen sie zur Verteidigung unserer Städte.«
»Und du sprichst gerne für andere«, stellte Ailyn nüchtern fest. Sie sah ihn auf eine Art an, dass ihm ganz mulmig wurde. Sie ahnte etwas, da war er sich sicher. Er war es, der Mist gebaut hatte. Wahrscheinlich hätte sich Nyr auch gut alleine aus der Affäre gezogen.
»Mich interessiert nicht, wer ihr seid. Was mich angeht, ist euer früheres Leben ausgelöscht. Ihr seid von heute an meine Krieger. Ich erwarte, dass ihr meinen Befehlen gehorcht. Das ist alles.«
»Auch wenn die Befehle dumm sind?« Glamir grinste sie frech an. »Woher sollen wir wissen, was du als Anführerin taugst.«
Ihre Lippen wurden schmal. Ihr Mund sah jetzt aus wie ein Schnitt durch ihr Gesicht. »Als Krieger ist es nur eure Aufgabe, zu gehorchen, zu kämpfen und zu töten, wann immer ich es befehle. Das Denken übernehme ich.«
»Du siehst auch nicht aus, als ob du kämpfen würdest«, setzte Glamir nach. »So klein und zart. Du trägst ja nicht einmal eine Waffe. Ich glaube gern, dass du den anderen die Blutarbeit überlässt, wenn es so weit ist. Und du wirst dich schön aus der Gefahr halten, wie Elfen es immer tun.«
»Ich beginne die Spinnen zu verstehen, denen du begegnet bist.« Sie bedachte Glamir mit einem Lächeln, das Galar das Blut in den Adern gefrieren ließ. »Mach nur so weiter, und du wirst dir sehr schnell wünschen, du hättest nur ein paar Spinnen verärgert.« Mit weit ausholender Geste wies sie auf die Waffen ringsherum. »Sucht euch aus, was immer ihr braucht. Deckt euch mit allem ein. Ihr werdet nur ein einziges Mal hierherkommen. Und wenn ihr fertig seid, dann geht ins Nachbarhaus. Am besten verbrennt ihr dort die Lumpen, die ihr am Leib tragt. Nehmt warme Kleidung mit. Der Ort, an den wir gehen werden, ist so kalt, dass dort selbst Trolle frieren.« Mit diesen Worten verließ Ailyn das Waffenlager.
»Da läuft sie weg«, murmelte Glamir. »Das kann ja was werden, wenn wir erst mal richtig in der Scheiße stecken. Aber sich hier bedienen zu können …« Er sah sich mit weiten Augen um. Dann stieß er einen tiefen Seufzer aus. »Ich weiß nicht, warum sie mich verdammten Krüppel ausgesucht haben. Ich bin genauso ein Maulheld wie diese Elfe. Ich kann nicht mal mehr eine Waffe halten. Selbst ein Koboldkind kann mich mit einem Tritt gegen meine Krücke von meinem letzten Bein holen.« Sehnsüchtig glitt sein Blick über all die Äxte. »Das ist wie einen Eunuchen ins Bordell zu schicken!«
»Ich bin mir sicher, sie hat dich wegen des Zorns, den du in deinem Herzen trägst, in ihrer Schar behalten.« Zwischen den Regalen trat ein hochgewachsener Elf hervor. Er trug eine altersdunkle Lederschürze und darunter ein Gewand, das Galar frappierend an ein ärmelloses Kleid erinnerte.
»Was bist du denn für ein Schleicher?«, giftete Glamir ihn an. »Hat man dir nicht beigebracht, dass es unhöflich ist, andere zu belauschen? Was stellst du überhaupt dar? Bist du ein Mann oder noch so ein verdammtes Elfenweib.«
Auch wenn der Fremde bartlos war und fein geschnittene Züge hatte, besaß er in Galars Augen nichts Weibisches.
»Ich entschuldige mich für meinen Kameraden«, erklärte Bailin, dem Glamirs Auftreten sichtlich peinlich war.
»Nicht doch.« Der weißhaarige Elf lächelte verständnisvoll. »Ich bin lautlos aus dem Nichts aufgetaucht. Ich sollte mich entschuldigen. Es war nicht meine Absicht, mich anzuschleichen. Es ist einfach die Art der Elfen, leise zu sein. Ich hätte bedenken müssen, dass das unschicklich ist, und euch früher auf mich aufmerksam machen sollen. Dir fehlt ein Auge, zorniger Zwerg, und ich bin aus dem toten Winkel plötzlich in dein Gesichtsfeld getreten. Das ist unverzeihlich.« Damit verbeugte sich der Elf, und Galar hatte den Eindruck, dass er es wirklich ernst meinte. Innerlich seufzte er auf. Das war das Letzte, was Glamir brauchte. Mitleid wegen seiner verstümmelten Glieder trieb ihn zur Weißglut.
»Wenn du denkst, ich hätte was mit den Ohren und ich hätte dich nicht hier herumschleichen hören …«, polterte Glamir auch schon los.
»Was ich denke, Zwerg, ist, dass du eine Waffe brauchst, die für dich maßgefertigt ist. Dann wird sich deine Laune verbessern. Ailyn ist niemand, der sehr duldsam ist. Reize sie besser nicht noch mehr.«
Glamir spuckte auf den Boden. »Willst du einen Krüppel verscheißern?« Er lachte bitter. »Endlich mal ein Elf nach meinem Geschmack, der sich einen Dreck um geheuchelte Scheißhöflichkeit schert. Und nur falls mir entgangen sein sollte, dass du blind bist: Mir fehlen ein Arm, ein Bein und ein Auge. Es gibt keine Waffe auf dieser Welt, die ich sinnvoll einsetzen könnte. Diese Zeiten sind vorbei für mich.«
»Ich dachte an eine Armbrust mit einem ausklappbaren Stützbein und einem speziellen maßgeschneiderten Kolben. Dazu ein Magazin mit Bolzen, damit du nicht die Geschosse auf die Führungsschiene legen musst.«
Glamir wirkte einen Augenblick lang verdutzt, dann schüttelte er den Kopf. »Netter Versuch. Aber wie sollte ich die Armbrust spannen?« Er hob resignierend den Stumpf, der von seinem Arm übrig geblieben war. »Das hier taugt zu nichts mehr. Ich werde nie mehr etwas tun, wofür man zwei Hände braucht.«
»Ich dachte an einen Fuß am unteren Ende der Armbrust und eine seitlich angebrachte Kurbel, die es dir erlaubt, den Bogen zu spannen.«