Glamir runzelte die Stirn. »Reichlich kompliziert, aber es könnte klappen.« Dann schnitt er eine Grimasse. »Nur wird die Zeit, bis wir abrücken, nicht mehr reichen, um die Waffe zu bauen.«
»Vielleicht könntet ihr mir ja helfen. Steckt nicht in jedem Zwerg ein Schmied?«
»Vor dir stehen sogar zwei Schmiede«, entgegnete Glamir und nickte in Galars Richtung. »Wenn wir deine Werkstatt benutzen dürften …«
Der Elf wies mit einladender Geste in den hinteren Teil der Hütte. »Willkommen in meinem Reich. Übrigens heiße ich Gobhayn.«
»Gobhayn?« Bailin hatte sich von den Regalen mit den Waffen abgewandt und sah den Schmied ungläubig an. »Der Gobhayn?«
»Du hast dein Handwerk bei den Himmelsschlangen gelernt, heißt es«, sagte nun Galar und sah den Elfen mit gemischten Gefühlen an. Der Schmied war eine lebende Legende. Aber er hatte sich auch ganz und gar den Götterdrachen verschworen, die die Tiefe Stadt zerstört hatten. »Du hast mit ihnen zusammen die verwunschenen Klingen der Drachenelfen erschaffen.«
»Nur einige der Schwerter, nicht alle.«
»Und du willst für mich eine Armbrust fertigen?« Glamir drängte sich dicht vor den Elfen. »Das würdest du wirklich tun?«
»Ich habe es dir versprochen, und ich stehe zu meinem Wort.«
Glamir streckte seine verbliebene Hand vor. »Schlag ein!«
Gobhayn ergriff die Hand und drückte sie. »Machen wir uns ans Werk.«
Galar gefiel das nicht. Es war nicht gut, jemandem, der ein Vertrauter der Himmelsschlangen war, so nahe zu kommen! Eigentlich hätten sie sich auch vorstellen müssen, nachdem Gobhayn seinen Namen genannt hatte. Die Höflichkeit hätte es geboten. Dass sie es nicht getan hatten, würde dem Elfenschmied zu denken geben, auch wenn er mit keinem Wort auf das Versäumnis eingegangen war.
»Ist der Bogen dieser Speerschleuder aus Silberstahl?«, fragte Nyr, der die ganze Zeit über bei den Geschützen stehen geblieben war.
Der Elf bejahte es.
»Dann muss die Speerschleuder ein Vermögen wert sein.«
»Sie ist einfach nur eine schön gefertigte Waffe, genauso wie die Rüstungen, Schwerter und Äxte, die dort weiter vorne nah dem Schmiedefeuer hängen. Ich hatte überlegt, die Holzteile mit Intarsien oder zumindest mit Schnitzwerk zu versehen. Auch wenn es ein Instrument zum Töten ist, darf es doch eine gewisse Schönheit besitzen. Meist wird es nur betrachtet und nicht benutzt werden.« Er seufzte. »Aber die Himmelsschlangen wollen zu viele Waffen. Die Schönheit ist das erste Opfer des Krieges, der aufzieht.«
Die vier Zwerge folgten dem Elfenschmied in den hinteren Teil des Langhauses. Dort befanden sich eine große Feuerstelle, in der nur noch dunkle Glut glomm, verschiedene Ambosse, Wasserbecken, Blasebälge und Dutzende Zangen und Hämmer. Nichts fehlte in der Werkstatt des Elfen. Alles war von bester Qualität. Mit Befremden sah Galar, dass Gobhayn sogar seine Werkzeuge geschmückt hatte. Die Hämmer waren an den Seitenflächen ziseliert oder zeigten eine seltsame Form. Die hölzernen Griffe der Zangen waren mit Ranken und Blüten aus Perlmutt verziert.
»Wir können uns wirklich nehmen, was wir wollen?« Bailin hatte einen prächtigen Helm von einem Haken an der Wand gehoben. Der Helmkamm war wie ein gestreckter Schwanenleib gefertigt, dessen Kopf den Nasenschutz bildete und dessen Flügel die Wangenklappen des Helms bildeten.
»Ihr habt die freie Wahl«, erklärte Gobhayn leichthin.
»Wenn du den trägst, hält dich jeder für einen Anführer«, gab Galar zu bedenken. »Dann werden sich die Menschenkinder besondere Mühe geben, dich umzubringen.«
»Nicht vor den Menschenkindern müsst ihr euch hüten. Seid lieber vorsichtiger im Umgang mit Ailyn. Sie ist wie die Glut in der Esse.« Mit diesen Worten drückte Gobhayn den Hebel des Blasebalgs neben dem Feuer nieder. Zischend fuhr die Luft in die Holzkohle, und binnen eines Augenblicks tanzten über der Glut wieder helle Flammen. »Sie wirkt sehr ruhig, doch das täuscht. Eine Kleinigkeit mag genügen, und ihr Temperament geht mit ihr durch. Ich weiß, dass sie einige Schüler der Weißen Halle während der Fechtstunden halb totgeprügelt hat.«
»Wir sind keine verschüchterten Schüler«, erklärte Glamir grinsend. »Sie mag anderthalb Köpfe größer sein als ich, aber selbst als ein Krüppel mit fehlenden Gliedern bringe ich mehr Kampfgewicht auf die Waage. Dieses zierliche Elfchen wird mich nicht umhauen.«
»Hattest du dir nicht eben noch Sorgen gemacht, dass selbst ein Koboldkind dich zu Boden bringen könnte?«, fragte Gobhayn. Dann wurde er ernst. »Unterschätzt sie nicht. Ich erzähl euch jetzt eine Geschichte über sie, und ich hoffe, ihr überdenkt dann noch einmal euren Umgang mit ihr. Vor ein paar Jahren hat eine junge Elfe den einzigen Sohn des Trollkönigs Bromgar ermordet. Daraufhin hat Bromgar all seine Krieger und Jäger aufgeboten, um die Mörderin zu Tode zu hetzen. Auch die Himmelsschlangen wurden auf die Ereignisse aufmerksam, und sie entschieden, dass aus der Mörderin eine Drachenelfe werden solle. Sie schickten den Meister Gonvalon und die Meisterin Ailyn, um die junge Elfe zu retten. Dabei wurde Ailyns Pegasus getötet, und sie blieb allein inmitten einer Schar von Trollen zurück. Wie ihr sehen konntet, hat sie das nicht umgebracht. Die Trolle behandeln sie seither mit größtem Respekt. Es heißt, sie habe mit bloßen Händen mehr als ein Dutzend ihrer Krieger getötet.«
Einen Moment war nur das leise Knistern der Holzkohle in der Esse zu hören. »Werden solche Geschichten nicht immer größer mit den Jahren?«, fragte Glamir, und er klang dabei ganz und gar nicht mehr überheblich.
»Ihr habt Ailyn gesehen. Die Himmelsschlangen haben sie zu einer Meisterin des Todes gemacht. Habt sie an eurer Seite, und ihr seid fast unbesiegbar. Macht sie euch zur Feindin, und ihr habt euch euer Grab ausgehoben.«
Aus dem Tagebuch des Hartapu
6. Tag nach dem Abflug von Wanu
Wir wagen es kaum noch, das Heiligtum unter dem Schiffsbaum zu verlassen. Gestern Nacht erschien einer der Sturmgeister, der sich des Körpers des unglückseligen Sangan bemächtigt hat, um uns allen mit einem schrecklichen Tod zu drohen. Nicht einmal die klugen und mutigen Worte Barnabas vermochten uns danach wieder aufzurichten. Unser bevorstehender Untergang ist zu offensichtlich.
8. Tag nach dem Abflug von Wanu
Heute kurz an Deck gewesen. Die Tage währen nur noch drei Stunden. Der Rest ist Dunkelheit. Wir fliegen in die ewige Nacht. Habe lange an der Reling gestanden und überlegt zu springen. Manchmal ist ein schnelles Ende besser. Auch der Wolkensammler stirbt. Überall auf dem Deck lagen Stücke erfrorener Tentakel, die der Sturmwind abgerissen hat.
9. Tag nach dem Abflug von Wanu
Der Sturm hat nachgelassen. Die ganze Welt ist Licht! Ich habe so etwas noch nie gesehen. Die Sonne steht tief über dem Horizont. Das endlose Weiß der Eisebene erstrahlt so hell, dass ich kaum ein paar Herzschläge hinsehen konnte. Das Licht kommt überallhin. Selbst ins Heiligtum hat es durch verborgene Ritzen gefunden. Es ist immer noch tödlich kalt. Unser eigener Atem zaubert uns Eisbärte, wenn wir an Deck sind. Ich glaube, das Licht ist auch bis in unsere Herzen gedrungen. Barnaba hat eine ergreifende Rede an Deck gehalten. Das Schlimmste ist überstanden. Wir können es schaffen!
10. Tag nach dem Abflug von Wanu
Etwas mehr als drei Stunden währt der Tag. Dann kommt die Dunkelheit. Trotz der Kälte war ich die ganze Zeit an Deck. Kolja hat uns Lederbinden für die Augen gemacht, in denen nur schmale Sehschlitze sind. So blendet das gleißende Licht weniger. Wie kann die Welt so schön und zugleich so tödlich sein? Im Licht zu stehen gibt uns allen neue Hoffnung. Die Abenddämmerung ist ein blutiges Spektakel. Die meisten scheuen davor zurück und flüchten sich ins Heiligtum. Ich war bis zuletzt draußen. Ich ertrage dieses stickige Gefängnis nicht mehr. Habe überlegt, an Deck zu bleiben und auf die Sturmgeister zu warten. Heute quält uns kein scharfer Wind. Vielleicht können sie ohne den Wind ja nicht kommen?