11. Tag nach dem Abflug von Wanu
Bin gestern an Deck geblieben. Es blieb windstill. Habe beobachtet, wie der tote Sangan den mittleren Mast steuerbord herabgekrochen kam. Er bewegt sich nicht mehr wie ein Mensch. Seltsam ruckartig. Bin ins Heiligtum geflohen, bevor er das Deck erreichte. Heute hat uns Nangog wieder drei Stunden Sonnenschein vor wolkenlosem Himmel geschenkt. Habe im Abendlicht etwas Seltsames gesehen. Am Horizont stand ein roter Turm. So erschien es mir zumindest, auch wenn mein Verstand sich weigert zu glauben, dass es Geschöpfe gibt, die hier im ewigen Eis überleben könnten. Wagte es nicht länger, an Deck zu bleiben. Hatte Angst, dass Sangan mir den Rückweg zum Heiligtum abschneiden könnte. Bin gemeinsam mit Kolja zum Heiligtum hinabgestiegen. Unser Schiff hält Kurs auf den Turm.
Der Rote Turm
Dieser verdammte Schreiberling machte sie alle ganz verrückt mit seinem Geschwätz über den Roten Turm. Die ganze Mannschaft fand keine Ruhe.
Kolja hatte seine Decke zusammengerollt und benutzte sie als Kopfkissen. Die Kälte war für ihn weniger schlimm als für die anderen. Aus Drusna war er eisige Winter gewöhnt. Nur tief in seinen Knochen spürte er einen unstet flackernden Schmerz. Er peinigte eher seine Seele als seinen Körper. Der Schmerz erinnerte ihn daran, dass die Tage seiner Jugend vorüber waren. Bald schon würde er den Preis für all die Feldzüge, die Nächte im Freien, die Wunden und Entbehrungen der letzten Jahre zahlen müssen. Die Gicht begann sich in seinen Knochen einzunisten.
Morgens, wenn er erwachte, waren seine Glieder steif und wehrten sich dagegen, gekrümmt zu werden. Als Erstes ballte er immer seine Faust. Manchmal knackten seine Gelenke dann laut. Kolja lauschte auf das Getuschel der Wolkenschiffer über den Roten Turm und lächelte grimmig. Wenn er Glück hatte, wurde er nicht mehr alt genug, um ein grantiger, von der Gicht gekrümmter Krüppel zu sein. Diese Reise stand unter keinem guten Stern. Keiner von ihnen würde zurückkehren.
Den anderen gegenüber würde er das nicht sagen. Er würde bis zuletzt die Fahne hochhalten, aber es war unübersehbar, dass ihr Wolkensammler starb. Und wie sollten sie ohne ihn Hunderte Meilen Eiswüste durchqueren?
Barnabas Traum würde für sie alle mit einem tödlichen Erwachen enden. Der Drusnier schloss die Augen und dachte an seine Erfolge als Faustkämpfer, an den Jubel in den Arenen, als er noch ein hübscher, blonder Jüngling gewesen war, dem die Herzen der Frauen zugeflogen waren. Die Seidene begleitete ihn in seine Träume. Hätte sie ihn so gekannt, dann hätte sie sich vielleicht in ihn verliebt. Er lachte leise, schon halb im Schlaf. Das war töricht, Kurtisanen verliebten sich nicht. Liebe war für sie nur ein Geschäft. Bestimmt hatte sie sich schon an Tarkon Eisenzunge herangemacht. Nie zuvor war Kolja einer Frau begegnet, die sich so gut darauf verstanden hatte, die Herzen der Mächtigen zu gewinnen. Was gäbe er dafür, noch einmal in ihren Armen zu liegen? Vielleicht liebte sie ihn ja in seinen Träumen?
Ein plötzlicher Ruck riss Kolja aus dem Halbschlaf. Barnaba eilte an seine Seite. Müde blinzelnd registrierte der Drusnier, dass alle in der stickigen Kammer ihn und den Priester anstarrten.
»Wie es scheint, haben wir angelegt«, erklärte der Priester. Dann senkte er die Stimme. »Am Roten Turm.«
Der Drusnier blickte zu den Feuerschalen am einzigen Zugang zum Heiligtum. Die Flammen reichten fast einen Schritt hoch und ließen sie in der Kammer fast ersticken.
»Wir können nichts tun«, erklärte Kolja schläfrig. »Jetzt hinauszugehen wäre Selbstmord. Wir müssen warten, bis es hell wird. Sorgt dafür, dass die Feuer nicht verlöschen.« Mit diesen Worten drehte er sich um. Barnaba sagte nichts mehr zum Roten Turm. Auch er schien nichts über dieses rätselhafte Bauwerk, das nur Hartapu gesehen hatte, zu wissen. Wie konnte das sein? Er war doch ein Vertrauter der Schlafenden Göttin.
Als Kolja mit Hartapu an Deck gewesen war, hatte er den Turm nicht ausmachen können. Allerdings musste das nichts heißen. Der junge Luwier hatte gewiss bessere Augen. So aufgeregt, wie er gewesen war, hatte er ganz gewiss etwas gesehen. Doch dieses Geheimnis würde sich erst erschließen, wenn die Sonne wieder ihr Haupt erhob. Vorher hinauszugehen war reiner Selbstmord.
Kolja schob die Gedanken an den nächsten Tag zur Seite. Sich jetzt zu sorgen war müßig. Ihnen blieb nichts weiter übrig, als zu warten. Er dachte an die Seidene, an ihre zarte Haut, ihr langes, schwarzes Haar, das sie wie ein durchscheinendes Gewand aus gesponnener Nacht umgeben hatte. Könnte er sie nur in seinen Träumen treffen …
»Kolja!« Jemand rüttelte unsanft an seiner Schulter. »Kolja!«
Ärgerlich ballte der Drusnier seine Faust. Die Fingerglieder schmerzten. Er hatte auch Kopfschmerzen. Die Luft im Heiligtum war von öligem Rauch gesättigt. Widerwillig schlug er die Augen auf. Barnaba beugte sich über ihn. »Der Morgen kommt. Wir müssen hinausgehen, und ich will dich an meiner Seite haben.«
Bei diesen Worten verflogen endgültig die letzten Erinnerungen an Zarah. Kolja setzte sich auf. Sein Kopf fühlte sich an, als hätte ihm jemand einen Dolch durchs Auge gestoßen, um mit der Spitze an der Innenseite seines Schädels zu kratzen. Ein pelziger Geschmack lag ihm auf der Zunge. Er tastete nach dem Weinschlauch neben seinem Lager, zog mit den Zähnen den Korken und trank einen kleinen Schluck, den er durch den Mund kreisen ließ, um den widerwärtigen Geschmack des Morgens zu vertreiben. Wie es wohl war, einen solchen Mund leidenschaftlich zu küssen, dachte er, und ein Schmunzeln huschte über seine Lippen. Zarah hatte sich niemals etwas anmerken lassen. Sie war wirklich gut gewesen. Wer ihre Gunst genoss, dem fiel es leicht zu glauben, er sei der Einzige, den sie wirklich liebte. Er hatte nie eine andere Hure getroffen, die ihm das so vollkommen vorgespielt hatte. Dann erinnerte sich Kolja daran, wie oft sie gestritten hatten. Er spuckte den Wein aus. Letzten Endes war immer klar gewesen, wie es zwischen ihnen stand. Leider.
Er streckte sich und sah den Priester an. Wie allen Männern an Bord war ihm ein dichter Bart gewachsen. Barnabas Augen waren rot entzündet. Wahrscheinlich hatte er die ganze Nacht nicht geschlafen. Das war schlecht. Unausgeschlafene Männer neigten dazu, unkluge Entscheidungen zu treffen.
»Also gut, gehen wir.« Mit einem Seufzer kam der Drusnier auf die Beine und federte in den Knien. Seine Gelenke knackten hörbar. Mit einer Drehung ließ er die Klinge aus seiner Prothese schnellen. Barnaba wich erschrocken zurück.
»Keine Sorge. Wollte nur sehen, ob sie noch gut gefettet ist. Wäre ziemlich dumm, wenn ich sie brauche und sie im Leder festklemmt.« Mit diesen Worten hob er seinen Waffengurt auf und schnallte ihn um, was mit nur noch einer Hand von einer alltäglichen zu einer lästigen Angelegenheit geworden war.
»Wer kommt mit nach draußen?«, fragte er grinsend in die Runde. Alle Wolkenschiffer wichen seinem Blick aus. Verdammte Bande von Feiglingen! Nur Nabor, der alte Lotse mit seinem Äffchen auf der Schulter, stand bereits bei den Feuerschalen neben der Tür. Der und der Priester waren die Einzigen mit Mumm in den Knochen!
Kolja warf sich seinen schweren Umhang aus Bärenfell um die Schultern und hakte die schwere, goldene Schließe unter dem Kinn ein. Hoffentlich war die Kälte der einzige Feind, der sie draußen erwartete. Dann sprang er über die beiden Feuerschalen und atmete tief durch. Wenn da draußen ein Turm war, dann gab es auch eine Turmbesatzung. Er legte die Hand auf den Sperrriegel an der massiven Tür, die das Heiligtum schützte, zog ihn mit einem Ruck zurück und riss die Tür auf.