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Rotes Morgenlicht blendete ihn. Ein frischer Wind blies ihm ins Gesicht. Kolja trat hinaus auf das Deck. Hinter sich hörte er Barnaba und Nabor. Das Wolkenschiff war an einem turmgroßen Pfeiler vor Anker gegangen. Die letzten nicht erfrorenen Tentakel von Wind vor regenschwerem Horizont hatten sich um den Monolithen geschlungen und hielten das Schiff vertäut. Sie sollten es schnell mit weiteren Seilen sichern.

Überall auf dem mit Eis verkrusteten Deck lagen verkrümmte, gefrorene Tentakelstücke. Manche so dünn wie ein Finger, andere mächtiger als sein Oberschenkel. Der Frost hatte sie fest mit dem Deck verwachsen lassen. Wenn die Tentakel erfroren, wurden sie brüchig wie sprödes Glas. Dem durften sie nicht die Sicherheit des Schiffes anvertrauen! Er wandte sich zu Nabor. »Wir brauchen die Mannschaft an Deck. Sorg dafür, dass wir ordentlich vertäut werden. Der nächste Sturmwind kann uns wieder losreißen, und ich glaube nicht, dass Wind vor regenschwerem Horizont die Kraft hat, noch einmal hierher zurückzukehren.«

»Die hat er ganz sicher nicht«, sagte der Lotse betrübt. »Er stirbt. Ich konnte gestern Nacht spüren, wie glücklich er war, dass er es bis hierher geschafft hat. Wir werden keine Rückreise mehr erleben. Wir werden …«

»Schweig!«, unterbrach ihn Barnaba. »Sag das nie wieder! Die Große Göttin hält ihre schützende Hand über uns. Wir finden einen Weg zurück. Ich weiß es! Nimm der Mannschaft nicht den Glauben daran.«

Nabor nickte, aber Kolja bemerkte, wie der kleine Affe auf Nabors Schulter Barnaba durchdringend ansah, fast als wäre er dem Prediger böse, weil er sich gegen seinen Herrn im Ton vergriffen hatte. Gabott war Kolja unheimlich. Er war sich ganz sicher gewesen, dass der kleine Affe während der Gewitternacht in der Lotsenkanzel gestorben war. Er hatte ihn erzittern sehen, als die Schattenhand ihn berührt hatte. Hatte gesehen, wie er unter dem Schatten leblos in sich zusammengesunken war. Oder konnten Affen etwa ohnmächtig werden? Seither hatte das kleine Biest etwas Heimtückisches an sich: Er blickte verschlagen, bewegte sich ungelenk, und was das Auffälligste war, die Kälte schien ihm nichts mehr auszumachen.

Der Prediger deutete auf den Pfeiler, an dem ihr Wolkenschiff vertäut lag. »Lasst uns zum Roten Turm gehen. Das Abendrot auf dem spiegelnden Eis muss ihm gestern seine Farbe gegeben haben.« Mit diesen Worten überquerte er das Deck und ging zur Reling.

Kolja betrachtete den Turm, der jetzt blassrosa aussah. Die Farbe des Morgenlichts. Ganz offensichtlich hatte Barnaba recht. Er kniff die Augen zusammen – da war noch etwas, ein Stich ins Grünliche … Ein Schrei riss den Drusnier aus seiner Betrachtung. Barnaba gestikulierte wild mit den Armen und deutete in die Tiefe.

»Wir haben es! Das ist es! Wir sind endlich da!«

Gemeinsam mit Nabor eilte Kolja an die Seite des Predigers. Unter ihnen lag keine verschneite Ebene mehr. Vielmehr gähnte dort ein bodenloser Abgrund, der sich im Dunkel verlor. Er war bei Weitem nicht so riesig wie der Weltenschlund bei der Goldenen Stadt und maß etwa drei Meilen im Durchmesser. Vielleicht auch weniger. In dieser Landschaft ohne Bäume oder andere klare Geländemerkmale, überstrahlt von immer heller werdendem Licht, war es schwer, Entfernungen zu schätzen.

Die Felsnadel, an der sie vor Anker gegangen waren, erhob sich direkt am Rand des Kraters. Ihr großes Schiff ragte ein Stück über den Abgrund hinaus, sodass sie einen guten Blick auf dieses riesige Loch am Ende der Welt hatten. Die Innenwände des Kraters bestanden aus grauem Fels, der von Schnee und Eis überkrustet war. Das Gestein war zerfurcht. Es gab Hunderte von kleinen Höhlen und Nischen.

Kolja fragte sich, ob es eine Laune der Natur war oder ob andere Mächte diese Höhlungen erschaffen hatten. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte er ein Muster in der Anordnung der Höhlen zu erkennen oder eine Bewegung in den dunklen Öffnungen. Aber da war nichts, das sein Misstrauen untermauert hätte.

»Wir müssen in diese Höhlen«, erklärte Barnaba vollmundig. »Dort werden wir das Traumeis finden.«

Kolja zog sich der Magen zusammen. Er hatte kein gutes Gefühl dabei.

»Wie sollen wir dort hinunter?«, fragte Nabor. »Kein Mensch kommt diese Steilwände hinab.«

»Wir bringen eine Seilwinde an den seitlichen Masten an. Ich lasse mich dann abseilen«, sagte Kolja.

Der Lotse schüttelte den Kopf. »Das ist keine gute Idee. Wir sind nur an einem einzigen Ankerpunkt vertäut. Das Schiff wird herumschwingen, wenn Wind aufkommt, und wer immer am Seil hängt, wird an der Felswand zerschmettert werden.«

»Dann finde einen zweiten Ankerpunkt! Ich habe dir schon gesagt, du sollst die Mannschaft holen und das Schiff vertäuen!«, zischte Kolja. Er wollte diese verfluchte Suche so schnell wie möglich zu einem Ende bringen. Allein die Götter wussten, wie viele Tage sich Wind vor regenschwerem Horizont noch in der Luft halten konnte. Sie mussten nach dieser verfluchten Traumeissuche so weit wie möglich nach Süden kommen, bevor er starb. Dann würden sie mit ein wenig Glück vielleicht Wanu erreichen können. »Beeil dich, Lotse. Wir haben weniger als drei Stunden Zeit, bis es wieder finster ist. Ich werde mich als Erster abseilen.«

Der Beifall der Arena

Sich als Einarmiger darauf einzulassen, an einem Seil über einem bodenlosen Abgrund zu hängen, war keine gute Idee gewesen. Kolja spürte, wie ihm trotz der eisigen Kälte der Schweiß den Rücken hinabrann. Das verdammte Seil pendelte so stark hin und her, dass er bei jedem Ausschlag mit den Füßen an die Wand stieß.

Von oben wurde Seil nachgelassen. Er klammerte sich an der Schlinge fest, die er in das Tau geknüpft hatte. Der Hanf, aus dem das Seil gedreht war, war ganz spröde vom Frost.

Kolja versuchte, nicht nach unten zu blicken. Wieder ging es mit einem Ruck ein Stück tiefer. Irgendwo über ihm hallten die dumpfen Schläge schwerer Hämmer. Nabor war mit einem Dutzend Wolkenschiffer draußen auf der Ebene. Sie schlugen Holzpflöcke ins Eis, um den Wolkensammler und das Schiff mit weiteren, drahtverstärkten Seilen zu sichern. Es war eher eine Geste der Verzweiflung als eine Hilfe. Ebenso gut hätte man versuchen können, ein Wildpferd mit einem Wollfaden anzuleinen. Wenn eine heftige Bö den Wolkensammler packte, würde er an dem riesigen Eispfeiler herumschwingen. Die dünnen Seile hätten dem Gewicht der Kreatur so gut wie nichts entgegenzusetzen.

Er sollte weniger nachdenken, schalt sich Kolja. Vor allem nicht über Dinge, an denen er ohnehin nichts ändern konnte. Nun blickte er doch nach unten; an der Wand unter ihm, nur ein kleines Stück unter seinen klobigen, mit Schaffell gefütterten Stiefeln, gab es eine Öffnung im Fels. Dort würde er mit seiner Suche beginnen! Er stieß sich von der Steilwand ab und federte hinaus ins Leere. Wieder wurde oben ein Stück Seil nachgelassen. Als er zurück zum Felsen schwang, war er auf Höhe der Höhle. Er streckte die Beine, verfehlte aber um einige Zoll den Boden des Höhleneingangs. Verzweifelt holte er mit seinem verstümmelten Arm aus. Er hatte sich eine Dornaxt an die Lederprothese gebunden, doch die Axtspitze kratzte nur über den Felsen und fand keinen Halt.

Schon zog ihn das pendelnde Seil wieder aus der Höhle heraus. »Noch fünf Zoll!«, schrie er nach oben. Es gab einen leichten Ruck, und als er wieder zurückschwang, landete er auf den Füßen. Kolja ließ die Schlaufe im Seil los und starrte in die Finsternis, die vor ihm lag.

Wieder pendelte das Seil fort. Der Eingang der Höhle wurde vom hellen Tageslicht, das in den Krater fiel, ausgeleuchtet. Kolja betrachtete die Höhlenwand. Keine Meißelspuren. Sie schien natürlichen Ursprungs zu sein.

Als das Seil zurückschwang, fing er es ein, zog es ganz zu sich herauf und löste die Blendlaterne aus Messing, die am unteren Ende festgeknotet war. Die kleine Flamme darin war zum Glück nicht verloschen.