Ein lang gezogenes Seufzen ließ ihn aufhorchen. Es kam von oben. Kolja trat dicht an den Abgrund und spähte zum Rumpf des Schiffes hinauf. Ein zweiter Mann wurde an einem Seil heruntergelassen. Barnaba!
Der Drusnier fluchte. Der verdammte Prediger hätte oben bleiben sollen. Niemand wusste, was sie hier erwartete. Barnaba durfte sein Leben nicht riskieren! Er war zu wertvoll. Sein Glaube musste sie nach Hause bringen.
Der Prediger winkte ihm zu, während er rasch näher kam.
Wieder erklang das seltsame Seufzen. Lauter noch als vorhin. Jemand auf dem Schiff schrie auf, doch Kolja konnte die Worte nicht verstehen. Im nächsten Augenblick sackte das Schiff tiefer und schlug mit seinem vorderen Teil unter ohrenbetäubendem Getöse auf den Rand des Kraters. Masten brachen. Das Holz des Rumpfes zersplitterte. Ein Schauer von Holztrümmern, Tauen und erfrorenen Tentakeln stürzte in den Abgrund.
Barnaba wurde von einem Balken am Rücken getroffen und schrie auf. Mit letzter Kraft klammerte sich der Prediger an sein Seil, das nun wie der Schlägel einer Glocke hin und her schlug.
Ohne zu zögern, griff Kolja nach seinem Seil, packte mit der gesunden Hand die Schlaufe und stieß sich vom Höhlenboden ab. Ein gefrorener Tentakel schlug ihm ins Gesicht. Stumm betete er zum Großen Bären, dass er diese Dummheit überleben möge. Knapp verfehlte ihn ein Fass, ein steif gefrorenes Tau peitschte über seinen Hinterkopf. Der Große Bär schien gerade anderweitig beschäftigt zu sein.
»Bring dich in Sicherheit«, keuchte Barnaba.
Er hing inzwischen tiefer als Kolja. Wie um seine Worte zu verhöhnen, traf ihn ein gesplittertes Brett an der Schulter.
Der Drusnier ignorierte ihn. Ohne den Priester auch nur einen Herzschlag aus den Augen zu lassen, pendelte er zurück und schaffte es, sich mit einem Fuß kräftig von der Felswand abzustoßen.
Die Schiffswand war steuerbord aufgebrochen, und nun ergoss sich ein Strom von Säcken, zersplitterten Amphoren, Trockenfisch und Bohnen in die Tiefe. Ihre Vorräte! Selbst wenn sie diesen Schiffbruch am Kraterrand überleben sollten, waren sie erledigt. Ein Hagelsturm von Erbsen prasselte auf Kolja nieder, als er mit der Dornaxt das Seil des Predigers einfing. Doch nun wurde der Schwung des Seils durch das zusätzliche Gewicht gebremst! Sie würden nur einen Versuch haben, um in die Höhle zu kommen; danach würden sie hilflos über dem Abgrund hängen.
»Schneid mich los«, befahl der Prediger. »Die Große Göttin wird mich retten.«
Barnaba hatte wohl einen ordentlichen Schlag auf den Kopf bekommen. Kolja ignorierte ihn und konzentrierte sich ganz auf den Höhleneingang, dem sie langsam entgegenschwangen. Es würde knapp werden! Über ihnen erklang aufs Neue das Bersten von Holz. Kolja warf einen hastigen Blick nach oben. Das Geräusch stammte von den Masten, die seitlich aus dem Rumpf des Wolkenschiffs ragten. Sie waren gegen die Steilwand gedrückt worden, und nun ruhte fast das gesamte Gewicht des Schiffes und des sterbenden Wolkensammlers auf ihnen. Schon gaben sie einer nach dem anderen nach. Rahen brachen und stürzten mit der Takelage in die Tiefe. Der Mast schoss keine zehn Schritt an Kolja vorbei, als er mit ausgestreckten Füßen versuchte, Halt am Eingang zur Höhle zu finden. Kaum ein Fußweit fehlte noch, als die Pendelbewegung des Seils den größten Ausschlag erreicht hatte und er zurück in den Krater schwang.
Der Drusnier schrie vor Wut und Verzweiflung auf. Segelfetzen trieben wie große Vögel durch den Krater. Aus dem Schwarz unter ihnen stieg warmer Wind auf. Plötzlich bewegte sich etwas Großes mit dem Kopf nach unten an der Steilwand – wie ein riesiges Eichhörnchen, das einen Stamm hinablief, nur dass dieser Kreatur der buschige, rotbraune Schwanz fehlte. Kolja drehte den Kopf in den Nacken, um es besser zu sehen, als ihn dicht über der Hüfte ein Schlag in die Nieren traf. Eine Rah, die ein Gespinst halb zerrissenen Takelwerks noch mit dem sterbenden Schiff verband, hatte ihn getroffen. Er wurde der Höhle entgegengeschleudert. Und landete darin!
Halb ohnmächtig stemmte er die Füße auf den Boden, hieb die Dornaxt mit letzter Kraft in die vereiste Wand. Das Seil zerrte an seinem gesunden Arm, aber er wurde nicht zu Boden gerissen. Immer noch hielt er das Tau, an dem Barnaba hing, mit der Faust umklammert.
Gleißende Lichter tanzten ihm vor den Augen. Verzweifelt zerrte er an dem Seil, zog es Zoll um Zoll unendlich langsam höher, bis das blutüberströmte Gesicht des Predigers im Höhleneingang erschien.
Barnaba lächelte, und das Blut aus seiner Wunde an der Stirn sammelte sich in den Falten um die Mundwinkel. »Ich habe dir doch gesagt, dass die Göttin ihre schützende Hand über mich hält.«
Kolja krümmte sich vor Schmerzen. Nie in seinem ganzen Leben hatte er einen solchen Schlag in die Nieren bekommen. Er vermochte kaum zu atmen. Sich aufzurichten war unmöglich. Er kroch ein Stück in die Höhle hinein und lehnte sich gegen den Fels. Immer noch tanzten ihm Sterne vor den Augen. Seine Lider wurden ihm schwer. Der eiserne Geschmack von Blut füllte seinen Mund. Hatte er sich die Lippen durchgebissen? Kolja wusste, dass man an einem Nierenschlag sterben konnte. Er hatte es zweimal gesehen während der Jahre, die er in den Arenen Luwiens gekämpft hatte.
Er hustete, und Blut sprühte vor ihm auf den mit Raureif überzogenen Boden. Kolja riss die Augen auf, er durfte sie jetzt nicht schließen, musste weiter durchhalten, sich dem Tod verweigern. Und dieser Narr Barnaba glaubte, die Große Göttin habe ihre schützende Hand über ihn gehalten. Einen verdammten Dreck hatte sie getan!
Benommen sah Kolja zu, wie der Priester die Blendlaterne aufhob, ins Innere der Höhle leuchtete und dann entschlossen über ihn hinwegstieg. Der Drusnier kämpfte seinen Hustenreiz nieder. Dumpfer, lähmender Schmerz hatte sich in seinem unteren Rücken eingenistet. Er versuchte sich hochzustemmen, schaffte es aber nicht. Als ihn erneut ein Hustenanfall schüttelte, fühlte es sich an, als würde ihm ein Pferd in den Rücken treten.
»Das ist es!«, rief der Prediger verzückt aus. »Wir sind am Ziel! Sieh nur, Kolja, wir haben es gefunden. Das Traumeis! Wie schön es ist. So zart, so zerbrechlich.«
Kolja wandte den Kopf. Und sah überrascht, dass die Höhle nicht sonderlich tief ins Felsgestein führte. Vielleicht fünf oder sechs Schritt. An ihrem Ende, dort wo Barnaba hinleuchtete, funkelte es grünlich auf dem glatten Granit. Kolja kniff die Augen zusammen. Noch immer behinderten grelle Lichtpunkte seine Sicht. Etwas ragte senkrecht aus der Wand. Ein schillernder Kristall, etwa doppelt so lang wie sein kleiner Finger, aber nicht einmal ein Viertel so dick. Eine Kristallnadel, durch die ein unheimliches Leuchten geisterte, als wäre ein Licht in ihrem Inneren gefangen.
Kolja blinzelte erneut. Langsam sah er wieder klarer. Es gab noch mehr Kristalle. Die meisten sahen aus wie kleine Nester aus zarten Nadeln. Das musste Barnaba gemeint haben! Das Traumeis wirkte zerbrechlich wie Blütenstängel. Und auch in ihnen war dieses unheimliche Licht gefangen.
Unwillkürlich dachte Kolja an die Kristallhöhle, vor der er seinen Arm verloren hatte. Auch wenn jene Kristalle ebenfalls grün gewesen waren, sahen diese Gebilde hier ganz anders aus. Sie hatten etwas an sich … Man betrachtete sie und ließ die Gedanken schweifen. Fand zurück zu seinen besten Erinnerungen. Jene Tage in der Arena, als sein Gesicht noch nicht von den eisenbeschlagenen Lederbändern entstellt gewesen war, die sie sich für den Faustkampf um die Hände gewickelt hatten. Als Tausende begeistert seinen Namen gerufen hatten und ihm auf den rauschenden Festen nach seinen Siegen die Blicke der schönsten Frauen gefolgt waren. Er lächelte melancholisch. Das war so lange vorbei. Nun war er ein vernarbtes Ungeheuer, ohne Augenbrauen, mit zu kleinen Knorpeln geschrumpften Ohren, dem obendrein noch ein Arm fehlte. Aber er würde nicht in diesem Eisloch verrecken, das schwor er sich!
Kolja musste erneut husten und spuckte Blut. Das war nichts, redete er sich wider besseres Wissen ein und sah wieder zu den Kristallen. Sie waren schön … Aber waren sie all die Opfer wert gewesen? Wie sollten sie die Welt verändern? Schwerter vermochten das und der Wille, über Leichen zu gehen, um zur Macht zu gelangen. Schöne Dinge, Kunst, das war etwas für Träumer.