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Mit einem Mal wurde es deutlich kälter in der Höhle. Der Raureif auf dem Boden und den Wänden knisterte leise. Ein Geräusch ließ Kolja herumfahren: Sangan stand im Eingang zur Höhle und sah ihn mit seinen beängstigenden Winteraugen an.

»So sehen wir uns wieder, Kolja«, sagte die seltsam körperlose Stimme Sangans. Obwohl ein langer Holzsplitter im Oberschenkel des ehemaligen Schiffskochs steckte, schien er es nicht zu bemerken. Die Wunde blutete nicht einmal.

»Bist nicht hübscher geworden seit dem letzten Mal«, röchelte Kolja. »Ich glaube, du wirst nicht viel Erfolg bei den Frauen haben.«

Die Gestalt, die einmal Sangan gewesen war, lächelte ihn an. »Ich schätze, da kennst du dich aus.«

Jetzt endlich wandte sich auch Barnaba dem Besucher zu. »Geh!«, sagte der Prediger schlicht. »Du bist hier unerwünscht!«

Kolja traute seinen Ohren nicht. Er fragte sich, ob das Mut oder Wahnsinn war. Barnaba verhielt sich, als stünde er in der Mitte seines Tempels, umgeben von Hunderten von Gläubigen, einem Ort also, an dem er alle Macht hatte und nichts zu befürchten war. Das Blut aus seiner Stirnwunde war dem Prediger in seinen Bart gefroren und bildete einen rot funkelnden Eispanzer auf seinem Obergewand. »Geh!«, wiederholte Barnaba noch einmal entschieden und wies mit ausgestrecktem Arm zum Höhlenausgang in den Krater zurück, dem Sangan entstiegen war.

Sangan lachte, ein Laut, der wie Donnergrollen durch den Krater brandete. »Ich war hier, als dieses Land geboren wurde, und ich werde noch hier sein, wenn nicht nur dein Name, sondern sogar die Sprache, in der du sprichst, längst vergessen sein wird. Du stehst in meinem Haus und wagst es, mir die Tür zu weisen?« Er kam einen Schritt näher.

»Kehre um zu Nangog, und sie wird dir verzeihen«, entgegnete Barnaba freundlich. »Du bist eines ihrer Kinder, und das Herz jeder Mutter ist groß. Die Zeit des Wandels ist gekommen. Die Zeit, auf die ihr so lange gewartet habt.«

»Mit dem Warten kenne ich mich in der Tat aus.« Sangan machte einen weiteren Schritt in die Höhle.

Kolja stemmte sich mit dem Rücken an der Höhlenwand hoch. Er hatte kaum die Kraft, sich auf den Beinen zu halten, und die Hand, mit der er nach dem Schwert an seiner Seite griff, zitterte.

»Und mit den Versprechen Nangogs auch. Sie wollte uns in Fleisch kleiden, aber eure Menschengötter haben es verhindert! Warum also sollte ich freundlich zu euch sein? Ich werde mir euer Fleisch nehmen, um meiner Seele ein Gewand zu geben. Und die Letzte, die mich daran hindern wird, ist Nangog.« Er warf einen verächtlichen Blick auf Kolja und trat dicht vor ihn. »Und auch du wirst mich nicht aufhalten, Krieger. Ich schätze Mut, deshalb schenke ich dir einen schnellen Tod – anders als diesem Großmaul!«

»Vergib ihm, Große Mutter! Sein Hass hat ihn verblendet …«, rief Barnaba so laut, als predigte er vor einer großen Menschenmenge.

Kolja versuchte, sein Schwert zu ziehen, doch die Waffe wollte nicht aus der ledernen Scheide gleiten. Vielleicht war das Waffenfett gefroren und verband nun Stahl und Leder miteinander. Oder er war einfach zu schwach.

Sangan packte ihn bei der Brust und hob ihn mit einer Leichtigkeit hoch und wirbelte ihn herum, als wöge er nicht mehr als ein Sack voller Daunen. »Soll euer Traum das Ende deiner Träume besiegeln, Kolja. Stirb wohl, Krieger.«

Kolja wollte mit seiner verbliebenen Hand nach Sangans Kehle greifen. Doch sein Arm war zwischen ihren beiden Leibern so fest eingeklemmt, dass er ihn nicht bewegen konnte. Er keuchte auf. Sangan ließ Kolja ein wenig sinken, sodass seine Fußspitzen wieder den Boden berührten. Ein eisiger Schmerz durchfuhr den Drusnier. Etwas bohrte sich in seinen Rücken. Das Traumeis! Der einzelne Kristalldorn, der aus der Felswand gewachsen war!

Noch einmal versuchte Kolja, seine Finger nach Sangans Kehle auszustrecken, aber der drückte ihn unerbittlich gegen die Felswand. Er spürte deutlich, wie sich der Dorn stetig in sein Fleisch schob. Alle Kraft verließ seine Glieder. Er war wie eine Forelle, die man auf einen eisernen Haken im Räucherhaus gespießt hatte.

»Wo ist deine Göttin, Priester?«, höhnte Sangan und trat einen Schritt von Kolja zurück. »Warum hilft sie dir nicht?«

Auf den Kristall gespießt, durchliefen Krämpfe Koljas Leib. Sein ganzer Körper erzitterte.

Barnaba schüttelte den Kopf, als wollte er nicht glauben, was geschehen war. »Das … das ist nicht das Ende«, stammelte er.

»Stimmt, das wird noch ein Weilchen auf sich warten lassen. Jetzt gehörst du ganz mir, denn gleich schon wird einer meiner Brüder von Kolja Besitz ergreifen – sobald dessen Seele seinen Körper verlässt. Er hat keinen hübschen Leib, aber er ist erstaunlich stark. Von dir aber wird nicht mehr viel übrig sein, wenn ich mit dir fertig bin. Dich wird keiner meiner Brüder haben wollen. Ich werde dich …«

Weiter hörte Kolja nicht … Er fühlte sich plötzlich ganz leicht. Alles Gewicht war von seinen Gliedern gewichen. Blut rann ihm den Rücken hinab und sammelte sich über seinem Waffengurt. Es war unangenehm kalt und hielt ihn wach. Was für ein verdammtes Ende, dachte er ärgerlich. Von einem Schwätzer aufgespießt werden, um auszubluten wie ein Schwein. Er biss die Zähne zusammen. Es kostete so viel Kraft, die Augenlider offen zu halten. Der verdammte Schwätzer stand genau vor ihm. So nah … Kolja wusste, er würde sein Schwert nicht ziehen können. Aber der Arm mit der Prothese war nicht länger eingeklemmt. Dieses überhebliche Großmaul …

Der Drusnier sammelte all seine Wut und seine Verzweiflung. Er wusste, er war am Ende seines Weges angelangt. Aber ihn würde er noch mitnehmen. So würde er nicht abtreten. Er dachte an die Arena, an den tosenden Beifall, an die Blumen, die hinab in den blutigen Sand geworfen wurden, und daran, wie er der blonde Held gewesen war. Seitdem hatte er vieles getan, worauf er nicht stolz war. Eine letzte Heldentat würde das nicht ungeschehen machen, aber sie mochte seinem Abgang ein kleines bisschen Würde geben.

»He, Schwafelkopf!«

Sangan fuhr zu ihm herum. Die Bewegung kam Kolja gelegen: Sie lief genau gegenläufig zu dem Schlag, den er führte, und verlieh dem Treffer so noch zusätzliche Wucht. Die Dornaxt erwischte das Ungeheuer mit den Eisaugen an der Schläfe. Ohne Mühe durchschlug die Bronzespitze den Schädelknochen und versank tief im Kopf. Erstaunen lag auf Sangans Antlitz. Seine Augen verdrehten sich, sein Mund klappte auf, und ein eisiger Wind fuhr durch die Höhle. Dann brach die Kreatur, die einmal ihr Schiffskoch gewesen war, in sich zusammen.

Koljas Arm sank kraftlos herab. Blut troff ihm von den Lippen, aber er lächelte. Jetzt hörte er ihn wieder, den tosenden Beifall der Arena, den er so viele Jahre lang vermisst hatte.

Die Verlorenen

»Vielleicht bringt es ihn schon um, wenn wir ihn in das Fass heben. Wir sollten ihn hierlassen. Hier kann er in Frieden sterben.«

»Ich bleibe, wo er ist«, sagte Barnaba entschieden. »Er hat mir das Leben gerettet.«

Nabor verdrehte unwillig die Augen. »Herr, wir haben nicht mehr viel Zeit. Die Dämmerung hat bereits begonnen, und dann werden die Windgeister kommen.« Der Lotse bedachte den am Boden liegenden Sangan mit einem misstrauischen Blick. »Wir wissen nicht einmal, ob der sich wieder erheben wird. Ich bitte dich …«

Barnaba schnitt dem Lotsen mit einer harschen Geste das Wort ab. »Kolja kommt mit. Lass ihn uns in das Fass heben!«

Der Lotse seufzte, gab seinen Widerstand aber auf und winkte den beiden Wolkenschiffern, die sich mit ihm abgeseilt hatten. Vorsichtig hoben sie Kolja auf. Nur die zarten Atemwölkchen, die sich in unregelmäßigen Abständen um seine Nase bildeten, verrieten, dass er noch lebte. Seine Augen blickten starr zur Decke der Höhle.

Barnaba fühlte sich elend. Er war zu begierig gewesen, hierherzukommen, und dafür hatte die Göttin ihn gestraft. Er wusste das genau, auch wenn er es niemals gegenüber einem seiner Männer eingestehen würde. Auch Nabor war sich dessen bewusst, dass es klüger gewesen wäre, Kräne am Rand des Kraters zu errichten, so wie er es nun getan hatte. So war es leichter, in die Höhlen zu kommen, denn man ersparte sich das Seilschwingen, und die Kräne standen obendrein noch auf sicherem Grund. So hätten sie von Anfang an vorgehen sollen. Es hätte den Abstieg zu den Höhlen um zwei oder drei Stunden verzögert, aber alles wäre sicherer gewesen.