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Hätten alle Männer Nabor dabei geholfen, Pflöcke ins Eis zu schlagen, um den Wolkensammler und das Schiff zu sichern, so wie Nabor es gefordert hatte, dann hätte es vielleicht gar keine Toten gegeben. Hätte, hätte, hätte … Er sollte aufhören, sich den Kopf zu zerbrechen. Es war das Los von Anführern, gelegentlich falsche Entscheidungen zu treffen. Aber ohne Anführer wurden gar keine Entscheidungen gefällt! Sie hatten das Traumeis gefunden. Das allein zählte im Augenblick. Und er würde an Koljas Seite sein, wenn der Drusnier starb. Das war alles, was er tun konnte.

Barnaba sah, wie Kolja kraftlos im Fass zusammensackte, als es aufgerichtet wurde.

»Er blutet wieder aus der Wunde im Rücken.« Nabor bedachte ihn mit einem finsteren Blick. »Sie ist erneut aufgebrochen, als wir ihn bewegt haben.«

Selbst der Affe auf Nabors Schulter schien sich über seine Entscheidungen zu empören. Das kleine Biest griente Barnaba an. Es wirkte fast spöttisch.

»Zieht ihn schnell hoch!«, befahl der Prediger entschlossen.

Der Lotse trat an den Eingang der Höhle und winkte den Männern, die am Kraterrand die beiden Kräne bedienten. »Auf mein Zeichen zieht ihr das Fass hoch.«

Die beiden Wolkenschiffer, die mit ihm gekommen waren, schoben das Fass zum Höhleneingang. Es schien nicht ganz dicht zu sein. Offensichtlich hatte es wie alles heute Schaden genommen – eine Blutspur blieb auf dem Boden zurück, als es bewegt wurde.

»Jetzt!«, rief Nabor.

Die Seile, mit denen das Fass gesichert war, knarrten. Puderfeiner Raureif rieselte aus den Hanffasern, als die Taue sich spannten. Dann erhob es sich leicht schwankend und schwebte dem Kraterrand entgegen.

»Wir müssen uns beeilen!«, drängte der alte Lotse. »Es ist schon fast dunkel.« Er wies die beiden Wolkenschiffer an, an den zusätzlichen Seilen, die inzwischen an der Steilwand hinabgelassen worden waren, hinaufzuklettern.

»Wie viele Tote haben wir?« Barnaba wusste nun, worauf die Eisgeister aus waren und wie er es ihnen verweigern konnte.

»Ein Mann wurde durch einen herausgerissenen Pflock gepfählt, als das Schiff fast in den Abgrund gestürzt wäre. Ein weiterer wurde durch ein durch die Luft peitschendes Seil getötet«, zählte Nabor grimmig auf. »Von den vier Mann, die geholfen haben, dich und Kolja abzuseilen, sind zwei in den Abgrund gerissen worden. Außerdem haben wir sieben Verletzte. Einer von ihnen wird die Nacht wohl nicht überleben. Und dann ist da noch Kolja … Wir haben mehr Männer verloren, als wir uns leisten können.« Er schnaubte und fuhr fort: »Aber wir haben ja auch kein Schiff mehr, das wir bemannen müssten. Es ist im Grunde also egal.«

»Wir werden von heute an unsere Toten verbrennen. Die ersten noch in dieser Nacht.«

Nabor sah ihn verständnislos an.

»Sie sind wegen unserer Körper hier! Wenn wir ihnen die verweigern, werden die Sturmgeister sich andere Opfer suchen.«

Der Affe stieß ein schrilles Kreischen aus und drohte Barnaba mit seinen winzigen Fäusten, bis Nabor das Tier unter seinen Umhang schob.

»Wir werden trotzdem verrecken. Der größte Teil unserer Vorräte ist in den Abgrund gestürzt, und Wind vor regenschwerem Horizont wird uns nicht mehr zurückbringen«, sagte der Alte verzweifelt. »Ohne seine Hilfe verrecken wir hier. Was spielt es da für eine Rolle, ob wir verhungern, erfrieren oder von den Sturmgeistern geholt werden. Wir sind verloren.«

»Nangog wird uns schützen!«, beharrte Barnaba. Die Verzweiflung seines Lotsen begann ihn zunehmend zu ärgern. Dies war ein strahlender Tag. Der Tag, an dem sie endlich das Traumeis gefunden hatten. »Wir werden die Welt verändern, Nabor! Von heute an wird nichts mehr so sein, wie es einmal war.«

Nabor sah ihn zweifelnd an, sagte aber nichts mehr.

Das Fass wurde wieder heruntergelassen.

»Nimm du das Fass«, sagte Nabor mit belegter Stimme. »Ich lass mich am Seil hochziehen.«

»Ich bin jünger. Ich kann …«

Der Lotse schüttelte entschieden den Kopf. »Das Fass ist sicherer. Besser die jungen Träumer überleben als die alten Nörgler.« Mit diesen Worten half er Barnaba in das Fass und schob es zum Rand des Abgrunds.

Während der Priester sicher nach oben schwebte, sah er, wie sich der Lotse eines der Seile griff, die hinabhingen, und sich ebenfalls hochziehen ließ. Das Fass war rutschig vom Blut Koljas. Barnaba fühlte sich schuldig. Warum hatte er nichts gegen Sangan unternommen? Er war einfach ein Feigling. Ganz anders als der Drusnier, der niemals aufgab zu kämpfen.

Am Kraterrand halfen ihm zwei Wolkenschiffer, aus dem Fass zu steigen. Barnaba streckte sich und sah sich um. Die endlose verschneite Ebene rund um den Krater war in das dunkle Rot des letzten Abendlichts getaucht. Schon berührte die Sonne den Horizont, und hoch über ihnen zeigten sich die Zwillingsmonde der neuen Welt am Himmel. Ein leichter Wind trieb Schneewirbel vor sich her, die wie Geister über das flache Land zogen.

Wind vor regenschwerem Horizont hatte sich am Roten Turm festgeklammert. Der Wolkensammler hing schlaff an dem Pfeiler herab. Nur am oberen Ende klammerte er sich noch mit seinen Tentakeln fest. Die übrigen, nicht erfrorenen Fangarme hatte er eng um seinen Leib geschlungen. Er wirkte nun kleiner, dünner. Fast wie die Puppe eines Schmetterlings, die von einem Ast hing, nur dass es eine turmhohe Puppe war.

Ein Gespinst von Seilen reichte ein Stück auf die Ebene hinaus. Einige waren zerrissen. An einer Stelle sah Barnaba deutlich Blut durch frischen Schnee schimmern. Hätte Nabor nicht die Seile spannen lassen, wäre vielleicht der ganze Wolkensammler in den Krater gestürzt.

Wind vor regenschwerem Horizont sah einfach nur noch elend aus. Es ließ sich nicht mehr leugnen, er lag im Sterben. Nie wieder würde er sich in den Himmel erheben. Sie mussten einen anderen Weg finden, um von hier fortzukommen.

»Komm, wir müssen Schutz im Unterstand suchen!«, riss ihn der alte Lotse aus seinen Gedanken.

Barnaba ging auf die notdürftige Baracke aus den großen Landungskörben des Schiffes zu, die etwa dreißig Schritt vom Turm entfernt aufgebaut worden waren. Auch sie waren mit schweren Pflöcken im Eis befestigt. Nabor hatte Segeltuch darüberspannen lassen, um das Weidengeflecht winddicht zu machen. Alle Körbe waren auf den Kopf gestülpt auf das Eis gesetzt. In die kurzen Seiten waren auf Nabors Befehl Löcher geschnitten worden, gerade groß genug, dass ein Mann sich hindurchducken konnte. Auf Anstoß hintereinandergestellt, ergaben die Landungskörbe einen fünfzehn Schritt langen und etwas über einen Schritt hohen Unterschlupf.

»Wo sind unsere Toten?«, fragte Barnaba.

Der Lotse wies auf zwei reglose Gestalten unter Wolldecken, die ein Stück entfernt vom Unterschlupf auf dem Eis lagen.

»Wir müssen drei Scheiterhaufen errichten«, entschied der Prediger. »Gibt es noch Öl?«

»Dafür bleibt uns keine Zeit mehr!«, fuhr Nabor ihn an. »Im Namen der Götter! Sieh doch nur zum Horizont! Diese verfluchten Sturmgeister werden jeden Augenblick über uns herfallen!«

Die Sonne war schon mehr als zur Hälfte hinter den Horizont getaucht. Nabor hatte recht, es war an der Zeit, in den Unterschlupf zu kriechen. Aber wenn sie das taten, würden sie es bald bereuen.

»Zur Not mache ich es alleine! Die Leichen müssen brennen. Nur deshalb suchen die Sturmgeister uns heim. Sie wollen unsere Toten!«

Der Lotse fluchte etwas Unverständliches, dann rief er einige der Wolkenschiffer herbei. Holztrümmer lagen genug herum, und so waren die Scheiterhaufen schnell errichtet. Zwei Männer kümmerten sich darum, Fackeln zu entzünden und bei den Holzstößen in den Boden zu rammen, bevor sie nach Ölkrügen suchten. Schwieriger wurde es, die Leichen herüberzuschaffen. Sie waren auf dem blanken Eis angefroren.