Die Sonne war indessen hinter dem Horizont verschwunden, und die Männer wurden unruhig. Im Licht von drei Fackeln arbeiteten sie wie besessen weiter, während der eisige Wind auffrischte. Schatten tanzten um sie herum, die nicht zu ihnen gehörten. Die Abbilder verzerrter Leiber mit überlangen Gliedern.
Die Zeit lief ihnen davon. Jede Hand wurde gebraucht. Barnaba kniete neben einem der Toten. Er hackte mit seinem Dolch auf das Eis ein und durchtrennte das schwarze Haar des Wolkenschiffers, das eins mit dem Eispanzer geworden war. Nabor schob eine zersplitterte Planke unter den Körper, und ihr Segelmacher benutzte einen abgebrochenen Schaufelgriff als Hebel. Nabors Affe tanzte feixend auf der Brust des Toten. Am liebsten hätte Barnaba der kleinen Bestie seinen Dolch in den Leib gestoßen. Das Tier verhöhnte sie! Die unheimlichen Schatten schienen ihn nicht im Mindesten zu beeindrucken.
Endlich löste sich mit einem Ruck der Leichnam. Nabor machte sich gar nicht erst die Mühe, die Planke anzuheben. Wie einen Schlitten schob er sie über das Eis zu den Scheiterhaufen. Barnaba lief neben ihm her.
Es war deutlich kälter geworden. Wie Messer schnitt ihm die eisige Luft in die Lunge. Der Prediger spürte die Anwesenheit der Geister, die Aura aus Zorn und Düsternis, die sie umgab.
Als sie den Scheiterhaufen erreichten, packte Barnaba den Toten bei den Füßen. »Hoch mit ihm! Schnell!«
Nabor hob den Kopf. Gemeinsam wuchteten sie den Wolkenschiffer auf den hüfthohen Stoß aus gesplitterten Brettern und Balken.
Als er gerade loslassen wollte, spürte Barnaba, wie sich der Fuß des Toten streckte. Der Sturmwind heulte auf. »Es fängt an!«, schrie er und bückte sich nach dem tönernen Ölgefäß neben dem Scheiterhaufen. »Lass ihn nicht aufstehen!«
Nabor riss das Brett hoch, auf dem er den Wolkenschiffer hierhergeschoben hatte, und rammte es dem Liegenden vor die Brust. Im selben Augenblick öffnete der Tote die Augen. Es waren Augen aus Eis. Abgründe des Bösen.
»Große Mutter, Herrin der Welt, verschone uns vor deinen Kindern. Nimm von uns diese Kreaturen der Finsternis!«, rief Barnaba und schüttete das Öl über den Wiedergänger und den Scheiterhaufen.
Der Tote bäumte sich auf. Seine Bewegungen waren ungelenk. Noch schaffte er es nicht, den Körper, den er sich angeeignet hatte, wirklich zu beherrschen. Mit rudernden Armen versuchte er, das Brett zur Seite zu schlagen, mit dem Nabor ihn niedergedrückt hielt. Die Kreatur erinnerte an einen Käfer, der wehrlos auf dem Rücken liegend mit seinen Beinen strampelte. Aber wie lange noch?
Barnaba schleuderte den leeren Ölkrug zur Seite und griff nach der Fackel, die neben dem Scheiterhaufen im Eis steckte. Entschlossen schlug er sie dem Wiedergänger gegen die Brust, und augenblicklich leckten Flammen über dessen ölgetränkte Kleider. Ein Schrei kam aus der Weite der Ebene, noch bevor die Kreatur den Mund aufriss. Wut, nicht Schmerz, klang aus dem schrillen Heulen.
»Halte ihn unten!«, rief Barnaba, als ein zweiter Schrei ihn herumfahren ließ. Auch der andere Leichnam hatte sich erhoben und einen der Wolkenschiffer bei der Kehle gepackt.
Brennende Wut
Wild mit der Fackel schwenkend, lief der Prediger zu seinen Reisegefährten auf dem Eis. Die Schiffsbesatzung hatte ihren Kameraden im Stich gelassen und rannte der Zuflucht aus Landungskörben entgegen, vor deren Eingang inzwischen Flammen in einer Feuerschale loderten.
Der Wiedergänger schüttelte sein Opfer, und trotz des heulenden Windes hörte Barnaba, wie das Genick des Mannes brach. Er musste sie aufhalten! Sie alle würden in dieser Nacht sterben, wenn die wütenden Sturmgeister noch mehr Leiber erbeuteten.
»Weiche von meinen Gefährten!«, schrie er aus Leibeskräften. »Zurück mit dir! Die Große Mutter wird euch auf ewig strafen, wenn ihr nicht von meinen Männern ablasst!«
Der Wiedergänger ließ sein Opfer fallen und drehte sich zu Barnaba um. Augen aus Eis fixierten den Prediger, als er mit unsicheren Schritten und ausgestreckten Armen auf ihn zukam, die Beine so steif, als hätten sie keine Kniegelenke. Er streckte die Arme vor. Die Hände öffneten und schlossen sich. »Wir fürchten Nangog schon lange nicht mehr«, hallte es im Sturmwind. »Wir sind die Herren des Nordens! Nichts kann uns aufhalten.« Wie um seine Worte zu unterstreichen, flammte ein gezackter Blitz quer über den Himmel. Ein Schatten, der nicht im Mindesten dem kleinen, stämmigen Wolkenschiffer ähnelte, den die Kreatur in Besitz genommen hatte, fiel neben Barnaba auf das Eis. Der Schattenarm streckte sich vor. Krallen fuhren aus langen Fingern.
Erschrocken wich der Prediger zurück. Er dachte an die Geschichte, die Kolja ihm erzählt hatte. Die Geschichte der Schattenhand, die nach Nabors Affen gegriffen hatte.
»Ihr könnt nicht siegen«, höhnte die Stimme im Wind. »Verkriecht euch nur in euren armseligen Körben. Ein paar Tage noch, dann haben wir euch alle.«
Barnaba wich weiter zurück. Dann fuhr seine Hand zu dem Messer am Gürtel. Der verfluchten Klinge, die er auf dem Schlachtfeld von Kush aufgelesen hatte. Das Messer, das das Schicksal des Unsterblichen Aaron besiegeln sollte, wenn er eines Tages vor ihm stand. Diese Waffe war dafür geschaffen, Böses zu tilgen, das hatte er schon gewusst, als er sie das erste Mal berührt hatte. Sie war für Kreaturen wie diesen Wiedergänger erschaffen.
»Zurück mit dir!«, rief er erneut.
»Worte werden nicht ausreichen, um uns aufzuhalten, Prediger!«, spottete die Stimme im Wind. »Lauf, verkriech dich wie ein Hase in seinem Bau, und ich schenke dir noch eine Nacht.«
Immer noch wankte die Kreatur, die einmal ein Mensch gewesen war, ihm mit ausgestreckten Armen entgegen. Barnaba nahm all seinen Mut zusammen und blieb stehen.
»Also doch schon in dieser Nacht, Priester. Die Dunkelheit erwartet dich.«
Ein Blitz zerteilte hoch über ihnen das Firmament, und diesmal folgte das Donnergrollen augenblicklich. Ein langer Schatten fiel vom Wiedergänger nach hinten. Barnaba sprang vor, das Messer in der Faust, und rammte der Kreatur die Klinge mitten ins Gesicht. Sie drang ihm an der Nase vorbei in die Mundhöhle. Augen aus trübem Eis starrten Barnaba entgegen.
Mit einem Ruck riss er das Messer zurück und stieß erneut zu, obwohl sich eine eisige Hand in seine Hüfte krallte.
Diesmal hatte Barnaba ins Auge getroffen. Als der Stahl seitlich aus dem Schädel austrat, schlug ihm eisiger Atem ins Gesicht. Doch noch immer hielt ihn die Krallenhand gepackt, und nun erreichten die eisigen Finger sein Fleisch. Barnaba ließ die Fackel, die er immer noch in der Linken gehalten hatte, fallen. Statt zu schreien, konnte er nur keuchen. In seinem ganzen Leben hatte er nicht solchen Schmerz empfunden! Das konnte nicht sein. Es war ihm nicht bestimmt, hier zu sterben! Das war unmöglich.
Flammen leckten über seine mit Gamaschen aus zerschnittenen Wolldecken umwickelten Hosenbeine. Der Stoff war mit dem Öl durchtränkt, das er eben in achtloser Hast über den Scheiterhaufen geschüttet hatte. Als er seine Fackel losließ, hatte er sich selbst entflammt.
Doch bevor der Priester reagieren konnte, schlossen sich die Arme des Wiedergängers fest um seine Hüften. Ihn kümmerten die Flammen und die Hitze nicht. »Gehen wir also zusammen«, hallte die Stimme im Wind. »Ich werde zurückkehren und meine Seele erneut in Fleisch kleiden. Du nicht, Menschensohn. Für dich ist nun das Ende all deiner Träume gekommen!«
»Niemals!«, kreischte Barnaba, und selbst in seinen Ohren klang seine Stimme wie der Schrei eines wilden Tiers. Mit blinder Wut stieß er ein drittes Mal mit dem Messer zu. Diesmal bohrte sich die Klinge durch die Stirn des Toten. Ein Zittern durchlief die widernatürliche Kreatur. Die Kraft der Umklammerung ließ nach, und schließlich sanken die Arme zur Seite. Doch das verfluchte Messer war bis zum Heft in der Stirn versunken.