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Der Wiedergänger taumelte ein Stück zurück. Auch seine Kleider brannten. Es stank nach schwelender Wolle und gebratenem Fleisch.

Entsetzt sah Barnaba an sich herab. Seine Hosenbeine waren ein Flammenmeer, und auch über die dicke Schaffellweste leckten schon Flammen. Verzweifelt warf er sich zu Boden, wälzte sich über das Eis und schlug mit seinen Händen auf seine brennenden Hosenbeine. Er spürte, wie die Hitze die Haut seiner Beine aufplatzen ließ, und schrie in blindem Schmerz, als sich ein schwerer Fuß auf seine Brust setzte und ihn fest zu Boden drückte. Über ihm stand der Wolkenschiffer, den der Wiedergänger kurz vor seinem Eintreffen getötet hatte. Und auch er hatte Augen aus Eis.

»Meine Brüder und Schwestern waren so freundlich, mir diesen Körper zu überlassen, damit ich zu Ende bringen kann, was ich begonnen habe. Was willst du nun tun? Mir scheint, du hast vergessen, dein Messer aus dem Kopf meines vorherigen Körpers zu ziehen.«

Seine Wut half Barnaba, den Schmerz niederzuringen. »Die Göttin … sie wird mir helfen«, stammelte er. »Ihr seid ihre verfluchten Kinder. Ihr seid für immer verloren.«

»Du findest, ich sei verloren?« Er hob den Fuß von Barnabas Brust. »Wo sind deine Freunde? Wer ist hier, um dir zu helfen?« Er ging ein paar Schritt zurück und hob die Fackel auf, deren Flamme zu roter Glut verloschen war.

»Zu schade, dass diese toten Körper weder schmecken noch riechen können. Ihr Menschenkinder esst doch gerne gebratenes Fleisch.« Er wirbelte den Arm mit der Fackel herum, und Flammen schlugen aus der Glut. »Vielleicht holen sich deine Gefährten ja ein paar Stücke von dir. Viele Vorräte sind euch nicht mehr geblieben.«

Barnaba blickte zu dem Toten, dem sein Dolch im Kopf steckte. Er versuchte sich aufzurichten, sank aber sofort wieder stöhnend zurück. Es war aussichtslos. Er würde niemals an die Waffe gelangen. Aus den Augenwinkeln sah er eine weitere schwankende Gestalt auf sich zukommen. Also war noch ein Wolkenschiffer tot.

Der Wiedergänger strich mit der Fackel über seine Weste aus Schaffell, und sofort fing das Öl darauf wieder Feuer. »Brenne, Prediger!«, rief die Stimme im Wind.

Der Schmerz löschte alle Gedanken Barnabas aus. Er schrie, bis er glaubte, seine Kehle müsse zerreißen. Auch seine Beinkleider standen nun wieder in hellen Flammen. Er wälzte sich herum, doch vermochte er das Feuer nicht zu ersticken. Immer wieder stieß die Fackel gegen seinen Leib und legte neue Brände. Dann plötzlich fiel etwas neben ihm zu Boden. Der Kopf des Wiedergängers.

Durch einen Schleier von Tränen sah er Kolja über sich stehen. Wie war das möglich? War auch er ein Wiedergänger geworden?

Barnaba versuchte, die Tränen fortzublinzeln. Er musste dem Drusnier in die Augen sehen! Aber das Antlitz seines Gefährten war nur ein Schatten vor dem hellen Licht der beiden Monde, die hinter ihm am Himmel standen. Dann kniete Kolja neben ihm nieder und warf Schnee auf die Brände. Würde das ein Wiedergänger tun? Aber wie konnte sein Gefährte noch leben? Er hatte so viel Blut verloren! War dies ein letztes makaberes Spiel der Sturmgeister, um sein Leben und seine Qualen noch etwas zu verlängern?

»Die Schwelbrände haben sich zu tief in deine Beinkleider gefressen«, erklang eine Stimme von irgendwoher. War er kurz ohnmächtig gewesen? Kolja hielt jetzt einen Dolch in seiner verbliebenen Hand. Wo kam der her?

Die Waffe senkte sich. Barnaba hörte Stoff reißen. Er wünschte sich, ohnmächtig zu werden. Die Schmerzen … Nicht einmal damals, als er in seinem verborgenen Tal abgestürzt war, hatte er solche Schmerzen gelitten. Und diesmal würde ihm keine Xana helfen. Tränen blendeten seinen Blick. Er hatte sein Glück gefunden gehabt, und Aaron hatte es ihm wieder entrissen. Er würde den verdammten Unsterblichen töten. Das war sein Lebensziel.

»Der Dolch …«, stammelte er. Er brauchte die verfluchte Waffe dazu. Sie durfte auf keinen Fall hier zurückbleiben!

»Keine Sorge, ich bin vorsichtig. Ich werde dich nicht verletzen«, sagte die Stimme, die nach Kolja klang.

Barnaba stemmte sich auf den Ellenbogen hoch. Es ging nicht um Koljas Dolch! Er musste dem Drusnier klarmachen, was er wollte.

Sein Gefährte begann damit, die verbrannten Hosenbeine zurückzustreifen. Der Stoff leistete zähen Widerstand. Kolja zog mit einem Ruck und hielt mit einem erschrockenen Keuchen inne.

Barnaba brauchte einen Augenblick, bis er begriff, was er sah. Die Hose war bis zu den Knien herabgezogen. Darüber war nur noch rötlich schimmerndes Fleisch zu sehen. Etwas schwarz Verbranntes lugte zwischen dem Stoff hervor. Seine Haut! Sie war mit dem Stoff zurückgeglitten, so wie ein enger Strumpf, den man vom Bein abrollte.

Der Priester konnte nicht einmal schreien. Er starrte auf seine Beine und spürte keinen Schmerz. Das Entsetzen tilgte jedes Gefühl.

Kolja hob ihn hoch. Da war ein Feuer, nahe bei dem Pfeiler, von dem ihr sterbender Wolkensammler hing.

Er musste wirklich kurz ohnmächtig geworden sein. Er konnte sich nicht erinnern, wie er hierhergekommen war, doch jetzt lag er auf irgendetwas. Nicht auf dem Boden. War es ein Bett? Woher sollte hier in der Eiswüste ein Bett kommen. Hoch über ihm zerbrach der Himmel, und ein Spalt aus hellem Licht war hinter der Finsternis zu sehen. Feierliches Donnergrollen, wie ferner Trommelwirbel, rollte zum Horizont.

Barnaba fühlte sich schwindelig. Kälte sickerte in seine Glieder. Er war unendlich müde. Schmerzen spürte er nicht mehr.

»Du hast einen guten letzten Kampf gefochten, Prediger.«

War das Koljas Stimme? Sie klang fremd, schien von überallher zugleich zu kommen. Eine Schattengestalt stand neben ihm. Er musste die Augen sehen! Waren sie aus Eis? Oder waren es lebendige Augen?

»Deine Ahnen blicken auf dich herab, Barnaba. Sie werden stolz auf dich sein. Du hast deiner Sippe Ehre gemacht.«

Was sollte das? Das klang ja wie eine Grabrede! Sie sollten ihn in den Unterstand bringen und seine Wunden versorgen. Er hatte noch lange nicht seinen letzten Kampf gefochten. Es war seine Bestimmung, den Unsterblichen Aaron zu töten! Nur dafür lebte er!

»Wir dürfen dich nicht den Sturmgeistern überlassen, mein Freund. Du weißt, sie würden kommen und dich holen.«

Barnaba wollte etwas sagen, aber er fand keine Kraft mehr. Kälte kroch seine Glieder hinauf. Er war so müde, dass er kaum noch die Augen offen halten konnte. Das musste ein Albtraum sein. Die Große Mutter beschützte ihn. Wahrscheinlich hatte ihn Wolken vor regenschwerem Horizont in sein Inneres gehoben, wie er es schon einmal getan hatte, um ihn zu heilen. Barnaba wusste, wie schrecklich seine Verletzungen waren. Aber er war der auserwählte Prediger Nangogs … Die Göttin würde ihn retten …

»Lebe wohl, mein tapferer Freund!« Die Gestalt, die wie Kolja aussah, hob eine Fackel und stieß sie dann in das seltsame Bett, auf das sie ihn gelegt hatten. Flammen loderten rings um Barnaba auf, aber er fühlte immer noch keine Schmerzen. Nur unendliche Müdigkeit. Das musste ein Albtraum sein. Wenn er erwachte, wäre alles wieder gut … Er hatte das Traumeis gefunden … Er würde Nangog befreien und den Unsterblichen Aaron stürzen … Das war sein Schicks…

Verlorene Unschuld

»Worauf wartet die?«, flüsterte Glamir.

»Sehe ich aus wie eine Elfe?«, zischte Galar zurück. »Woher soll ich denn wissen, was in ihrem Hirn vorgeht?«

Zwei Tage lang waren sie über schlammige Pfade bis über die Schneegrenze hinaus immer höher in die Berge gestiegen. Ailyn hatte ihnen nicht gesagt, wohin es ging. Auch wussten die Zwerge nicht, für was für einen Auftrag sie ausgewählt waren. So kauerten sie nun im Schnee unter tiefem Wolkenhimmel und beobachteten Ailyn, die etwa hundert Schritt entfernt kniete. Die Elfe hatte beide Hände im Schnee vergraben und wirkte angespannt. Wollte sie ein Tor in die neue Welt öffnen? Dass es nach Nangog gehen sollte, war das Einzige, was Galar erfahren hatte. Dafür mussten sie das Goldene Netz durchqueren. Aber warum öffnete Ailyn das verfluchte Tor nicht endlich? War sie eine Stümperin? Wollte ihr dieser Zauber nicht gelingen? Bestimmt würde sie sie alle ins Verderben führen.