»Deckung!«, schrie Glamir, warf sich zu Boden und zog Galar mit sich. Ein Troll taumelte rückwärts in ihre Richtung. Auf seiner Brust kauerte eine Bestie, wie Galar sie nie zuvor gesehen hatte: Ein schwarzes Tier mit einem übergroßen Kopf, durch dessen weit aufgerissenes Maul schemenhaft ein Gesicht zu sehen war. Eine Krallenhand des Ungeheuers hatte sich tief in den Bauch des Trolls gegraben. Sich darauf aufstützend, schwang sich die Bestie in die Höhe, und die zweite Krallenhand des Ungeheuers zerfetzte dem wankenden Troll die Kehle. Krachend schlug der Hüne nur wenige Zoll neben Glamir und Galar in den Schnee. Doch noch im Sterben umklammerte er die schwarze Bestie mit seinen mächtigen Armen und presste sie fest gegen seinen Leib. Ein Kobold stürmte aus dem Nichts und setzte der sich windenden Kreatur eine Armbrust an den Kopf. Der Bolzen durchschlug den mächtigen Schädel und schoss in einer Blutfontäne auf der anderen Seite wieder heraus.
Galar rappelte sich auf und packte seinen Gefährten. Sie mussten fort vom Eingang zum Goldenen Netz. Hier tobten die heftigsten Kämpfe.
Mitten im Getümmel entdeckte er Bailin und Nyr, die versuchten, eine der Speerschleudern aufzurichten, die von den Trollen achtlos zur Seite geworfen worden war.
In blindem Zorn wüteten ihre hünenhaften Verbündeten unter den Menschenkindern. Die meisten von ihnen leisteten kaum Widerstand, ja sie schienen nicht einmal bewaffnet zu sein. Gefährlich schienen allein die schwarzen Bestien zu sein, von denen Galar noch zwei weitere entdeckte, die sich katzengleich durch das Kampfgetümmel bewegten und mit ihren Krallenhänden blutige Schneisen schlugen.
Überall zwischen den Kämpfenden lagen große Körbe und Säcke herum, als hätten sie eine Lastkarawane angegriffen. Doch konnte Galar kein einziges Maultier entdecken.
»Achtung!«, schrie Glamir hinter ihm.
Galar fuhr halb herum und riss seine Axt hoch. Kreischend fuhren stählerne Krallen über das breite Blatt der Waffe und streiften gerade eben noch sein Kettenhemd aus erlesenem Silberstahl. Der Zwerg starrte geradewegs in ein wutverzerrtes Gesicht, das von zwei mächtigen Kiefern eingerahmt wurde. War das eine Art Helm?
In rasender Folge droschen Prankenhiebe auf ihn nieder – viel zu schnell, um sie parieren zu können. Galar vertraute ganz dem Schutz durch das exzellente Kettenhemd und versuchte seinerseits, einen Treffer mit der Axt zu landen. Sein Gegner schien nicht recht bei Sinnen zu sein. Er achtete kaum auf seine Deckung. Allein die Wucht seiner Hiebe, die Galar bei jedem Treffer zurücktaumeln ließ, bewahrte ihn davor, dass die kurzstielige Axt zwischen seine Rippen fuhr.
Der Schmied wurde sich nur allzu bewusst, dass er kein ausgebildeter Kämpfer war. Er rutschte auf dem blutgetränkten Schnee, versuchte, mit ausgestreckten Armen das Gleichgewicht zu halten, und steckte einen Treffer ein, der ihm die Axt aus der Hand prellte. Gleich im Anschluss folgte ein gerader Stoß, der auf sein Gesicht zielte.
Galar ließ sich fallen, doch gewann er damit keine Zeit. Mit einem Satz war der Krieger mit der Raubkatzenmaske über ihm, drückte ihn mit einem Knie zu Boden und hob die Hand zum Todesstoß, als ein Schatten so dicht über Galar hinwegschwang, dass er einen Luftzug auf seinem schweißüberströmten Gesicht spürte.
Der Tiermensch wurde zur Seite geschleudert, und eine riesige Gestalt setzte mit einem weiten Schritt über den Zwerg hinweg. Es folgten ein röhrender Kriegsschrei und ein zweiter Hieb.
Als Galar sich aufsetzte, drehte der Troll sich zu ihm um. Triumphierend hob er den halb zerschmetterten Maskenhelm hoch. »Tapferer Kerl!«, grunzte er, und Galar erkannte, dass es Groz war, der vor ein paar Tagen erst versucht hatte, Bailin zu töten.
Der Schlachtenlärm war plötzlich verstummt. Nur leises Stöhnen war noch zu hören. Noch benommen von den harten Treffern, sah Galar sich um. Einige der Kobolde schnitten den verwundeten Menschenkindern die Kehlen durch. Ailyn sah dabei zu und schritt nicht ein.
Langsam wurde der Zwerg sich bewusst, dass die meisten ihrer toten Gegner tatsächlich gar keine Waffen in Händen hielten. Einige trugen noch Lastkörbe auf dem Rücken. Was hatten sie von hier fortbringen wollen, das so wichtig war, dass sie zum Angriffsziel geworden waren?
Galar erhob sich, ging zu einem der Toten und öffnete den Sack, der im Tragekorb steckte. Etwas Weißes, Krümeliges quoll daraus hervor. Der Zwerg zerrieb es zwischen den Fingern, dann roch er daran. »Das ist Vogelscheiße«, sagte er verwundert. »Vogelscheiße!«, wiederholte er nun lauter. »Wir haben einen Trupp unbewaffneter Vogelscheißeträger niedergemetzelt!«
Groz hatte seinem toten Gegner mit seinem Steinmesser eine der Krallenhände abgetrennt und hielt sie hoch. »Nicht unbewaffnet«, sagte er lapidar.
»Sie hatten drei oder vier Wachen. Wir sind mehr als zweihundert!« Er wandte sich Ailyn zu. »Was hat das zu bedeuten? Gegen wen führen wir hier Krieg?«
Die Elfe schien all dies nicht zu berühren. »Die Unschuld ist das erste Opfer des Krieges«, entgegnete sie kühl. »Offenbar gab es einen Fehler. Macht euch jetzt abmarschbereit.« Sie sah zum Horizont, der die blutig-rote Sonne verschluckt hatte. Eisiger Wind wehte von Norden. »Gehen wir!«, rief sie dann lauter. »Lasst die Toten liegen. Wir müssen nach Norden. Dort liegt die Stadt, die wir erobern sollen. Es ist besser, wenn wir sie noch in der Nacht erreichen und wir unsere Feinde im Schlaf erwischen!«
»Und die Toten?«, begehrte ein Kobold mit roter Mütze auf. Er war Galar schon zuvor als Wortführer des kleinen Volks aufgefallen. Der Mistkerl trug einen zwergischen Waffengurt, der mit schweren Silbermünzen beschlagen war, quer über der Brust. Über seinem Rücken ragte der Griff eines Kurzschwertes auf.
»Nach meiner Erfahrung ist es Toten reichlich egal, wo sie herumliegen.« Eine Bö ließ das hochgeschlitzte Kleid der Elfe aufwirbeln. »Wenn wir uns jetzt mit Begräbnisfeiern aufhalten, werden wir bis morgen Abend noch wesentlich mehr Tote zu beklagen haben.«
»Kurz warten!«, rief Groz und brach den Brustkorb des Katzenmanns auf, um dessen totes Herz herauszureißen und vor aller Augen zu verschlingen, was die übrigen Trolle mit wilden Rufen feierten.
Galar wandte sich ab. Es waren die Himmelsschlangen, die diesen Wahnsinn entfesselt hatten. Sie mussten aufgehalten werden, deshalb war er hier! Und deshalb würde er durchhalten und sich nicht vom Strudel der Grausamkeiten mitreißen lassen. Er durfte nicht auffallen. Durfte nichts sagen. Wenn er hoffen wollte, Himmelsschlangen zu töten, dann musste er sie alle überraschen.
Aus den Augenwinkeln sah er Bailin. Der Hauptmann aus den Ehernen Hallen war leichenblass. Wie lange würde er dem Wahnsinn widerstehen? Galar mochte Bailin nicht sonderlich, aber der Krieger war ein aufrechter Mann, für den Ehre mehr als nur hohles Pathos war. Er würde an dem, was hier geschah, zerbrechen.
Galar blickte nach vorne. Vor dem schneidenden Nordwind wanderten Wirbel aus Schnee über die Ebene. Fast sahen sie aus, als hätten die Geister des Landes sich erhoben, um zu sehen, wie die Albenkinder ihre Unschuld verloren hatten. Der Zwerg lachte bitter auf und trat neben Glamir, der den Kopf gesenkt hielt. Das war natürlich romantischer Unsinn! Er klopfte sich den Schnee aus den Kleidern und folgte der unheimlichen Elfe. In ihrem langen, weißen Kleid sah sie selbst wie aus Schnee geboren aus, und Galar hatte nicht den geringsten Zweifel, dass statt eines Herzens ein Eisblock in ihrer Brust steckte.
Che
Es lag Magie im Wind, der von Norden wehte. Immer wieder öffnete Ailyn ihr Verborgenes Auge und spähte hinaus in die Nacht. Mit diesen Wirbeln, die der Wind übers Eis blies, stimmte etwas nicht. In ihnen leuchteten schwache Auren, als verbärge sich etwas hinter den dünnen Schneeschleiern.
»Macht voran!«, trieb sie ihre Truppen an. Die kurzbeinigen Kobolde und dieser verkrüppelte Zwerg kosteten sie zu viel Zeit. Sie wünschte, die Himmelsschlangen hätten sie mit fünf Drachenelfen hierhergeschickt statt mit diesen zweihundert Lahmen! Als kleiner Trupp hätten sie mehr erreicht. Sie wären schneller und wendiger gewesen. Und es hätte auch nicht schon im ersten Gefecht eigene Opfer zu beklagen gegeben. Diese Jaguarmänner kämpften gut! Hoffentlich erwarteten sie in der Siedlung, die sie stürmen sollten, nicht noch mehr von diesen todesverliebten Berserkern.