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Ailyn war der Sinn dieser Mission nicht klar. Sie hatte ausdrücklichen Befehl gehabt zu warten, bis sie spürte, dass der Albenstern an ihrem Zielpunkt geöffnet wurde. Die Himmelsschlangen waren genau darüber informiert gewesen, zu welcher Tageszeit damit zu rechnen war. Aber welchen Sinn hatte es, eine Kolonne von Lastenträgern zu morden? Als Drachenelfe hatte sie gelernt, die Aufträge der Himmelsschlangen nicht zu hinterfragen. Aber das galt nicht für ihre Männer. Sie wusste nicht, wie sie mit diesem aufmüpfigen Zwerg, Galar, umgehen sollte, der sie dafür verachtete, was geschehen war, und der nicht aufhören würde, Fragen zu stellen, auf die sie keine Antworten hatte. Es wäre besser gewesen, nur mit Trollen und Kobolden in diese Schlacht zu ziehen. Die zerbrachen sich nicht den Kopf darüber, was geschah.

Wieder blickte sie auf die nächtliche Ebene. Obwohl die beiden Monde hinter Wolken verborgen blieben, war es erstaunlich hell. Die weiten Eisebenen reflektierten das Licht der Sterne. Deutlich sah sie die kleinen Schneewirbel tanzen. Was war das? Sie fühlte sich beobachtet. All ihre Instinkte warnten sie vor einem Feind, der dort lauerte. Einer Gefahr, vor der sie die Himmelsschlangen nicht gewarnt hatten.

Vor ihnen wogte Nebel über dem Eis. Der verharschte Weg, dem sie bislang gefolgt waren, führte geradewegs darauf zu. Die Nebelbank lag wie eine weiße Mauer über der Ebene. Ailyn hob die Hand und gab den anderen ein Zeichen, stehen zu bleiben. Sie hörte leises Murmeln und seufzte innerlich. Sie waren auf sich allein gestellt in Feindesland! Warum konnten diese Deppen nicht einfach still sein. Niemand wusste, was dort im Nebel lauerte.

Erstaunlicherweise waren es ausgerechnet die Kobolde, die ohne Befehl die Kolonne verließen, sich auffächerten und in Senken duckten, sodass sie in ihrer weißen Kleidung fast mit der Umgebung verschmolzen. Sogar ihre albernen, roten Mützen hatten sie abgenommen. Ganz offensichtlich hatten sie schon oft schlechte Erfahrungen gemacht.

Ailyn wich ein Stück vom Weg ab und schlich in den Nebel. Sie hörte Wasser, das sich an Felsen brach. Der Schnee unter ihren Füßen war pappig und klebte an ihren Stiefeln. Dann sah sie einen dunklen Fluss, aus dem der Nebel stieg, und den Schemen einer Holzbrücke, deren fernes Ende im wirbelnden Dunst verborgen blieb.

Vorsichtig schlich sie zum Weg zurück und näherte sich der Brücke. Es gab keine Wachen. Keine Befestigungen an der Brücke. Kein Torhaus. Ganz offensichtlich rechneten die Menschenkinder nicht damit, dass sie hier angegriffen werden könnten.

Ganz wie die Drachen befohlen hatten, waren etliche der Menschenkinder ins Goldene Netz entkommen. Wie lange mochte es dauern, bis sie mit Verstärkungen zurückkamen? Einen Tag? Zwei?

Zur Stadt hin war niemand entkommen. Dort ahnte man nicht, was auf sie zukam.

Ailyn schlich zurück zu ihren Kriegern. »Voraus liegt eine Brücke. Sie scheint nicht baufällig zu sein, trotzdem gehen deine Trolle nur einzeln und mit drei Schritt Abstand zueinander darüber. Hast du das verstanden, Groz?«

»Glaubst du, ich bin dumm?«, kam es beleidigt zurück. »Was ist mit Flitschen?«

Ailyn brauchte einen Moment, um zu verstehen. »Du meinst die Speerschleudern?«

»Genau! Feiglingswaffen!«

»Auf der Brücke gehen die Lastenträger nicht in Paaren. Schafft ihr es, ein Stück weit eine Speerschleuder alleine zu tragen?«

»Leicht.«

Lag da eine Spur von Überheblichkeit in der Stimme des Trolls? »Dann macht es so.«

Groz raunte seinen Männern Befehle zu und wies in den Nebel. Ohne irgendwelche Fragen fügten sie sich und teilten sich auf.

Ailyn sah sich nach den Kobolden um. Sie hatten sich inzwischen noch weiter vom Weg entfernt. Würden sie desertieren? Die Elfe öffnete ihr Verborgenes Auge. Die Auren verrieten das kleine Volk. Sie hatten einen rebellischen Geist. Wenn es hart auf hart kam, sollte sie besser nicht auf sie zählen.

»Che!« Ailyn deutete auf den Kobold, der etwa hundert Schritt entfernt in Deckung lag. Ohne ihr Verborgenes Auge hätte sie ihn nicht sehen können, aber seine Aura war unverwechselbar. Das Purpur reiner Rachsucht mischte sich mit dem Gold edler, uneigennütziger Gefühle. Bei keinem anderen Kobold waren diese Widersprüche so ausgeprägt. Che hätte lieber weiter Zwerge bekämpft. In einen Krieg gegen die Menschenkinder gezwungen zu werden passte ihm nicht. Er träumte davon, ein freies Königreich der Kobolde zu errichten, wo sie weder von Trollen noch von Zwergen versklavt wurden oder von Elfen, die die Kobolde als Diener schlechter behandelten als ihre Jagdhunde. Um diesen Traum zu verwirklichen, würde er ohne zu zögern jeden Preis zahlen. Sein ganzes Leben hatte er ihm verschrieben.

Che ließ sie nicht warten. Sollte es ihn erschreckt haben, dass sie ihn mit solcher Leichtigkeit gefunden hatte, ließ er es sich nicht anmerken. Mit herausforderndem Lächeln trat er ihr entgegen. »Was ist los, hübsche Elfe? Suchst du einen richtigen Mann? Du hast Glück. Der steht vor dir.«

»Schön, dann pfeif mal all die anderen richtigen Männer deiner Größe zusammen und führ sie über die Brücke. Folgt den Trollen. Die Zwerge bilden von nun an den Abschluss der Gruppe.«

Er machte eine übertriebene Verbeugung. »Deine Wünsche sind mir Befehl, meine Schöne, obwohl es eine Schande ist, die Nächte mit dir spazieren gehend zu verbringen.«

»Man weiß nie, wie eine Nacht enden wird«, entgegnete sie schmunzelnd.

Che sah überrascht zu ihr auf. Dann grinste er breit. »Ich bin für jede Überraschung zu haben.« Mit diesen Worten machte er sich beschwingten Schritts davon. Er war ein Halsabschneider und Dieb, ein Unruhestifter und Lügner, aber sie mochte ihn. Er hatte etwas an sich, das sie nicht in Worte fassen konnte … Er schien das Wort unmöglich nicht zu kennen oder zumindest nicht zu akzeptieren. Sein Enthusiasmus hatte etwas Ansteckendes.

Ihr Herz war Ailyn ein klein wenig leichter, als sie hinter den Zwergen als Letzte über die Brücke ging. Obwohl ihnen etwas folgte, das konnte sie spüren. Aber was es auch war, sie würde sich ihm stellen, wenn es an der Zeit war. Sie war eine Drachenelfe! Sie vermochte dem Unmöglichen neue, enge Grenzen zu ziehen. Beschämend, dass es eines Kobolds bedurft hatte, sie daran zu erinnern!

Die Zurückgebliebenen

Fast eine Meile nördlich der Brücke fanden sie die Stadt. Galar war überrascht, was die Menschenkinder so Stadt nannten. Es gab keine schützende Mauer. Die beiden einzigen Türme waren seltsame Bauwerke, aus deren Seitenwänden lange Balken ragten. Sie lagen mitten in einer Ansammlung flacher Häuser an einem weiten Platz. Welchen Zweck sie erfüllen sollten, vermochte Galar sich nicht vorzustellen. Zur Verteidigung dienten sie wohl nicht.

»Riechst du das?«, flüsterte Nyr.

Sie beide standen mit dem Rücken an einer Hauswand, dicht vor einer Straßenecke, hinter der der weite Platz lag. Ailyn hatte entschieden, dass sich die Zwerge vorsichtig ins Zentrum der Siedlung vorarbeiten sollten, während die Kobolde sich um die Häuser am Stadtrand kümmerten. Die Trolle von Groz hatte sie als Reserve zurückgehalten.

Galar sog die kalte Luft ein. Der bittere Frost machte ihm zu schaffen. Er hatte wohl zu lange in Höhlen gelebt. Er war richtige Kälte nicht mehr gewöhnt. Selbst die warme Kleidung vermochte sie nicht fernzuhalten.

»Hier irgendwo brennt ein Feuer«, raunte ihm Nyr zu. »Die Stadt ist also doch nicht verlassen.«

Galar nickte. Auch wenn er sich gewundert hatte, bisher noch keinen Menschen gesehen zu haben, war er nicht davon ausgegangen, dass es hier niemanden gab. Welchen Sinn hätte es gehabt, wenn die Drachen ihnen befohlen hätten, eine verlassene Stadt anzugreifen?