Bailin erschien auf der gegenüberliegenden Seite der Straße. Er ging geduckt und hielt dabei seine gespannte Armbrust schussbereit schräg vor der Brust. Plötzlich blieb er stehen und winkte ihnen. Von seiner Position aus konnte man den Platz hinter der Häuserecke einsehen. Er hob zwei Finger zu den Augen und deutete dann mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den Platz. Er sah also etwas.
Galar prüfte, ob der Bolzen auf der Führungsschiene seiner Armbrust nicht verrutscht war. Die Waffe war gespannt. Es war an der Zeit, sich den Bewohnern dieser verwaisten Stadt zu stellen! Entschlossen trat er um die Hausecke. Nichts Lebendes zeigte sich auf dem Platz. Im hellen Licht der Monde war es fast taghell. Wind trieb feinen Pulverschnee vor sich her, der in drei Wirbeln in der Mitte des Marktplatzes kreiste. Auf der anderen Seite lag ein großes Gebäude, von dessen vorkragendem Dach lange Eiszapfen herabhingen. Hinter einem großen Schneehaufen dicht bei der Mauer leuchtete flackernd gelbes Licht. Rauch stieg auf.
Ohne sich weiter um seine Deckung zu scheren, marschierte Galar mitten über den Platz. Die Armbrust hielt er schussbereit gesenkt, entschlossen jeden zu töten, der ihn aufhalten wollte. Ihm folgten die knirschenden Schritte seiner Gefährten.
Nichts regte sich. Galar blickte misstrauisch zu den Fenstern der umgebenden Häuser. Sie waren mit Brettern vernagelt. Nirgends war ein Lichtschein zu sehen. Nur dort vor ihnen, wo der Abglanz von Flammen auf der Häuserwand tanzte. Dem Zwerg rann Schweiß den Nacken hinab. Etwas war hier und belauerte ihn. Er spürte es ganz deutlich. Eine böse Macht, die auf seinen Untergang sann. Er war kein Feigling, aber gegen einen Feind zu marschieren, der sich nicht zeigte, das war nicht seine Sache!
Er umrundete den Schneehaufen und blickte auf eine eisverkrustete Treppe, die an der Hauswand hinab zu einem Keller führte. Auf ihren Stufen spiegelte sich das Licht eines verborgenen Feuers. Öliger Rauch quoll aus dem Treppenschacht herauf und brannte Galar in den Augen.
»Wir sollten Ailyn holen«, flüsterte Bailin, der an seine Seite getreten war und ebenfalls die Treppe hinabblickte. »Wir wissen nicht, was uns dort unten erwartet.«
»Doch, das wissen wir! Da finden wir die Antwort, warum die Stadt verwaist ist. Ich will sie mir selbst holen und nicht darauf vertrauen, was mir eine verlogene Elfe erzählt. Ich will sehen, was dort ist!« Mit diesen Worten stieg er die Treppe hinab. Das Eis knarzte unter seinen schweren, genagelten Stiefeln. Der Rauch brannte ihm nun auch in der Lunge. Wussten diese verfluchten Menschenkinder nicht, wie man einen Kamin baute? Ließen sie den Rauch ihrer Feuer einfach durch irgendeine Öffnung abziehen?
Am Ende der Treppe fand sich eine offene Tür. Mitten im Durchgang stand eine große Feuerschale, in der mannshohe Flammen tanzten. Geblendet durch das Feuer konnte Galar nur undeutlich sehen, was sich dahinter verbarg. Er erkannte nur andere, kleinere Lichter und schattenhafte Gestalten. Kehlige Stimmen raunten in einer fremden Sprache.
Galar schob mit dem Stiefel die Feuerschale aus der Mitte des Durchgangs zur Wand hin, sodass eine Lücke entstand, durch die er sich an den Flammen vorbeizwängen konnte. Aufgebrachte Rufe erklangen.
Plötzlich sprang neben ihm eine weiße Gestalt durch die Flammen. Angstschreie gellten in dem Keller. Dann erhob sich eine nur zu bekannte Stimme. Ailyn! Galar verstand nicht, was sie sagte. Sie redete eindringlich auf die Menschenkinder ein, wurde aber von einer lauten, klagenden Stimme unterbrochen.
Galar drängte sich am Feuer vorbei neben die Elfe in den Keller. Der Raum war größer, als er erwartet hatte. Offenbar erstreckte er sich nicht nur über die ganze Länge des Hauses, sondern reichte auch noch unter den Marktplatz hinaus. Überall, auch in den zahllosen Nischen, stapelten sich schmutzige Säcke, auf denen hagere, abgehärmte Gestalten kauerten.
»Schieb die Feuerschale zurück an ihren Platz«, befahl ihm Ailyn harsch. »Soweit ich verstanden habe, sollen die Flammen die bösen Geister der Nacht fernhalten.«
Was für ein kindischer Unsinn, dachte Galar bei sich, aber er gehorchte.
Kaum stand die Schale wieder an ihrem ursprünglichen Platz, ging ein erleichtertes Aufatmen durch den weiten Keller. Vor Ailyn schienen die Menschenkinder keine Angst zu haben. Vielleicht hielten sie die hochgewachsene Elfe, die so meisterlich ihre Sprache beherrschte, ja für ihresgleichen. Ihn hingegen musterten sie mit Misstrauen.
Als Ailyn gestikulierend weitersprach, beobachtete Galar sie verstohlen. Woher kannte sie die Sprache der Menschen so gut? Und was beredeten sie? Kein Wort von dem zu verstehen, was besprochen wurde, ärgerte ihn zutiefst. Die Elfe könnte ihm jedes Märchen darüber erzählen. Oder auch die Wahrheit … Er würde es niemals wissen. Gerade deutete Ailyn wieder auf die Tür, durch die sie gekommen war.
Eine ganze Weile ging die Debatte hin und her. Dann endlich wurde es ruhiger, und die Elfe wandte sich an Galar. Die erbärmlichen Gestalten im Keller wirkten niedergeschlagen. »Hinaus jetzt!«, befahl Ailyn.
Galar schob die Feuerschale ein wenig zur Seite und drängte sich daran vorbei. Kaum war auch Ailyn über das Feuer gesprungen, wurde die Schale von innen an ihren ursprünglichen Ort gerückt. »Ich werde nicht mitmachen, wenn du sie auch umbringen willst«, sagte er, als sie gemeinsam die vereiste Treppe hinaufstiegen. Er hatte keine Ahnung, was dort unten eben vor sich gegangen war, aber er würde sich wehren.
»Wie kommst du darauf, dass ich sie töten will?«, fuhr Ailyn ihn schroff an.
»Die Erfahrungen am Albenstern …«
Sie wandte sich abrupt zu ihm um. »Was dort geschehen ist, kann ich nicht mehr rückgängig machen. Das dort im Keller sind keine Krieger. Es sind Seeleute und Lastenträger. Wie dir vielleicht aufgefallen ist, sind sie völlig verängstigt. Sie haben mich für eine ihrer Priesterinnen gehalten. Es war allerdings ziemlich schwer zu erklären, was du bist. Ich habe erzählt, du seist ein missgestalteter Kleinwüchsiger. Ein Geschenk aus den Königreichen jenseits des Großen Wassers an meinen Tempel.«
»Danke!«, knurrte Galar eisig.
»Sie fürchten sich vor irgendwelchen Geistern, die hier durch die Nacht streifen. Deshalb haben sie sich in diesem Keller versammelt. Angeblich hält das Feuer die Geister fern.«
»Geister? Du glaubst ihnen doch nicht?«
Ailyn wirkte unschlüssig. »Wären wir in Albenmark, würde ich das für alberne Ammenmärchen halten. Aber das hier ist eine andere Welt …« Sie zuckte mit den Schultern. »Wahrscheinlich ist es dummes Geschwätz, aber wir werden vorsichtig sein. Bei Tageslicht besteht angeblich keine Gefahr. Die Geister kommen nur nachts. Die Menschenkinder sagen, sie reiten auf dem Nordwind.«
»Und was machen diese Hasenfüße bei Tageslicht? Kommen sie dann aus ihrem Keller raus?«
Ailyn lächelte kühl. »Nein. Sie werden ihr Versteck nicht mehr verlassen. Ich habe ihnen gesagt, dass nun auch noch graue Riesen von Norden gekommen sind. Grässliche Menschenfresser, die es auf sie abgesehen haben. Unsere Freunde sind überzeugt, nur noch dort unten sicher zu sein. Sie haben Lebensmittel und Tran, um Feuer zu machen. Sie werden die nächsten Tage überstehen, bis hier alles vorbei ist.«
»Was wird denn in den nächsten Tagen geschehen?«
Ailyn maß ihn mit einem so abschätzend arroganten Blick, wie nur Elfen es konnten. »Zunächst einmal werden zwei von unseren Trollen hierbleiben. Die beiden Dümmsten aus dieser Schar der Einfältigen.«
»Ah, die grauen Riesen«, sagte Galar.
»Ganz genau. Sollte doch eines der Menschenkinder den Keller verlassen und die Trolle sehen, dann wird es schnell unter die Erde zurückkriechen.«
Galar gefiel diese Formulierung nicht. Es gab nichts Anstößiges daran, unter der Erde oder tief im Fels zu leben!
»Außerdem wird dein einbeiniger Gefährte hierbleiben. Er soll das Hirn der beiden Trolle sein.«
»Ich glaube nicht, dass Glamir das gefallen wird. Er ist …«
»Was ihm gefällt oder nicht, spielt keine Rolle. Er erhält einen Befehl, und dem wird er gehorchen! Es ist das Beste für ihn. Wir anderen gehen zurück zur Brücke. Dort werden wir unsere Schlacht schlagen, denn sie ist gut zu verteidigen. Diese Stadt ohne Mauern hingegen ist nicht zu halten. Sie ist eine einzige große Falle.«