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»Was für ein Angriff wird uns denn erwarten?«

Die Elfe sah ihn an, als wäre er ein Idiot. »Was glaubst du denn? Meinst du etwa, es fallen diese Geister über uns her? Menschenkinder werden kommen! Tausende von ihnen. Unsere Anwesenheit hier ist eine Provokation. Mit uns hat die Invasion Nangogs durch die Albenkinder begonnen. Sie werden uns um jeden Preis vernichten wollen.«

Galar durchschaute immer noch nicht, was das alles bedeuten sollte. »Worum kämpfen wir überhaupt? Hier gibt es doch, so wie es aussieht, nichts als Vogelscheiße. Haben wir davon nicht genug in Albenmark?«

Ailyn stieß ein abgehacktes, freudloses Lachen aus. »Hier geht es nicht um etwas so Greifbares wie Scheiße. Wir kämpfen für die Freiheit Albenmarks und Nangogs. Für hehre Ideale werden wir unser Blut vergießen. Wir sind die Streiter des Lichtes und vertreiben die Dunkelheit aus dieser Welt.«

Galar war sich nicht sicher, ob sie das ironisch oder ernst meinte. »Für Streiter des Lichtes haben wir verdammt viel unschuldiges Blut an den Händen.«

Ailyns spöttisches Gehabe war plötzlich wie weggewischt. Sie nickte. »Und damit es sich nicht wiederholt, lassen wir deinen Freund und die Trolle hier. Wir werden an der Brücke viele Menschenkinder töten. Aber diesmal werden es wenigstens Krieger sein. Zuletzt werden sie uns einfach überrennen. Dir ist aufgefallen, dass sie längere Beine haben als du, oder?«

Galar nickte.

»Wenn sie unsere Linien durchbrechen, dann ist es besser, wenn Glamir nicht dort ist.«

»Du kennst also doch seinen Namen!« Der Zwerg war überrascht. Er war überzeugt gewesen, dass sie alle für die kaltherzige Elfe ohne jede Bedeutung seien.

»Natürlich kenne ich euch. Jeden einzelnen Namen. Glamir wäre der Erste, der stirbt, wenn die Zeit des Kämpfens vorbei ist und es nur noch darum geht, wer schneller läuft. Deshalb wird er hierbleiben.«

Galar konnte nicht fassen, was sie da sagte. »Besteht denn keine Hoffnung, dass wir gewinnen?« Er durfte hier nicht sterben! Sein Schicksal war es, die Himmelsschlangen zu stürzen. Er war zu Höherem bestimmt!

»Den Menschenkindern wird ein Sieg hier sehr wichtig sein, und es wäre töricht, sie zu unterschätzen. Ich bin mir ganz sicher, dass es ihnen gelingen wird, uns zu überraschen.«

»Ja, aber haben wir denn keine Bedeutung für die Himmelsschlangen? Man fängt doch einen Krieg nicht an, wenn man nicht glaubt, dass man siegen kann.«

»Ich bin überzeugt, dass wir Albenkinder am Ende gewinnen. Nur ob wir das Ende des Krieges noch erleben werden, wage ich zu bezweifeln. Wir sind nicht mehr als ein Staubkorn in dem Sturm, der aufzieht.«

Galar fluchte. »Also ist alles, was wir tun, sinnlos?«

»Aber nein«, widersprach Ailyn leidenschaftlich. »Wir sind der Funke, der die Flamme des Krieges entzündet.«

»Das war ja eine tolle Rede vor der Schlacht! Ich wünschte, ich wüsste nichts von alledem!«

»Du hast mich gefragt, ob wir hier nur um einen Haufen Scheiße kämpfen. Dieser Krieg beginnt, weil die Herrschenden auf beiden Seiten Angst haben. Die Devanthar glauben, dass die Menschenkinder ohne die Nahrung, die sie auf Nangog stehlen, nicht mehr leben können. Und die Himmelsschlangen fürchten, dass die Menschen als Nächstes nach Albenmark greifen, wenn sie sich Nangog erst einmal untertan gemacht haben. Ein Haufen Scheiße wäre wirklich etwas Handfestes! Wir kämpfen wegen der Ängste der Mächtigen.«

»Warum sagst du mir das alles? Hast du keine Angst, dass ich davonlaufe?«

»Nein«, entgegnete Ailyn, ohne zu zögern. »Dich schätze ich so ein, dass du eine ausgesprochene Vorliebe für aussichtslose Unternehmungen hast. Du willst aller Welt beweisen, dass du vollbringen kannst, was jeder für unmöglich hält. Deshalb wirst du bis zum Ende an der Brücke ausharren. Ich habe dir all dies erzählt, damit du überzeugend bist, wenn du gleich mit Glamir sprichst. Mir ist egal, welche Lügen du ihm auftischst. Ich wünsche nur, dass du erreichst, dass er hierbleibt. Wenn dir klar ist, dass er an der Brücke auf jeden Fall sterben wird, dann wirst du viel überzeugender sein. Also, mach deine Sache gut!« Mit diesen Worten ging sie über den weiten Platz davon.

Galar blieb verstört zurück. Sie hatte ihm freigestellt, Glamir irgendwelche Lügen zu erzählen, damit sein Kamerad das tat, was sie wollte. Hatte Ailyn dasselbe mit ihm getan? Ärgerlich umrundete er den großen Schneehaufen, der die Treppe abschirmte. Er würde an der Brücke sein, um herauszufinden, was Wahrheit und was Lüge war.

»Was habt ihr da unten so lange besprochen?« Glamir stand im Windschatten des Schneehaufens und sah erbärmlich verfroren aus.

»Sie will Trolle hierlassen, um auf die verdammten Menschenkinder dort unten im Keller aufzupassen.«

Glamir runzelte die Stirn. »Warum?«

»Wir werden bei der Brücke kämpfen. Sie hat Sorge, dass sich die Trottel bewaffnen und uns in den Rücken fallen. Das sagt sie zumindest. Angeblich ist ihr das Massaker bei unserem Eintreffen zu Herzen gegangen, aber ich glaube ihr kein Wort. Wenn sie wirklich Sorgen um das Leben der Menschenkinder hätte, dann würde sie doch keine Trolle hierlassen.«

Glamir kratzte sich nachdenklich den Bart. »Da ist was dran.«

»Du erinnerst dich, was Groz als Erstes nach der Schlacht getan hat? Gefressen! Genau das werden die Trolle wieder tun, wenn Ailyn mit uns zur Brücke zurückkehrt. Die werden aus dem Keller ein Schlachthaus machen, und die Menschen werden das Festmahl für unsere Siegesfeier. Aber Ailyn ist das egal.«

»Elfenschlange«, zischte Glamir. »Die ist nicht besser als die verfluchten Drachen.«

»Wir haben uns geschworen, dass die von den Himmelsschlangen angezettelten Massaker ein Ende haben müssen. Hier können wir unseren Eid wahr werden lassen.«

»Was hast du vor?«

»Mit deiner Krücke bist du langsam. Es wird nicht auffallen, wenn du in der Marschkolonne zurückfällst. Während die anderen zur Brücke ziehen, kommst du heimlich hierher zurück und behältst die Trolle im Auge. Und wenn sie die Menschen schlachten wollen, dann benutzt du die Armbrustbolzen, die wir mit Drachentöterpfeilspitzen bestückt haben.«

Glamir schüttelte den Kopf. »Das gefällt mir nicht. Im Grunde sind mir die Menschenkinder egal.«

»So darfst du das nicht sehen«, widersprach Galar entschieden. »Wir kämpfen ja nicht für die Menschen. Wir kämpfen gegen die Willkür der Himmelsschlangen! Wenn diese Menschenkinder hier überleben, dann ist das unser erster Sieg im geheimen Krieg gegen die Drachen.« Er sah das Funkeln im verbliebenen Auge seines Gefährten und wusste, dass er gewonnen hatte. Ganz gleich, was bei der Brücke geschah, es würde ein Zwerg übrig bleiben, der Drachentöterpfeile besaß. Das war das Einzige, worauf es ankam.

Befreite Geister

Eine angenehm kalte Brise schlug Lyvianne entgegen, als sie durch den Torbogen aus Licht nach Nangog trat. Die Albenpfade hatten sie auf einen kargen Hang hoch in den Bergen geführt. Der Wind trieb unter ihr ein Wolkenmeer in ein enges Tal.

Wunderbar klares Licht strahlte über den rötlichen Felsen. Die Elfe kauerte sich nieder und betrachtete gedankenverloren die majestätische Landschaft. Sie befand sich kaum mehr als zwanzig Schritt über den Wolken. Das wirbelnde Weiß zu beobachten schenkte ihrer Seele Frieden. Sie dachte an ihre toten Kinder und an Anatu.

Was hatte die Devanthar getan? Die Geschichte ihrer Liebe zum Purpurnen schien anders verlaufen zu sein, als die alten Legenden berichteten. Lyvianne zweifelte nicht daran, dass Anatu dem Drachen verfallen war. Sie selbst kannte das unwiderstehliche Charisma der Himmelsschlangen nur zu gut. Wenn ihr Blick auf einen fiel, so bedeutete das höchstes Glück und seelenpeinigende Not zugleich. Glück, weil sie einem Aufmerksamkeit schenkten, und Not, weil nichts schrecklicher war, als unter ihrem kritischen Blick als unwert zu gelten. Ob auch Anatu so empfunden hatte? Was hatten sie und der Purpurne erreichen wollen? Und wie genau waren sie zu Tode gekommen? Wer waren die heimlichen Helfer, die Išta in ihrem Kampf gegen Anatu und den Purpurnen zur Seite gestanden hatten?