Versonnen betrachtete sie den Ring der toten Hohepriesterin Iyali, den sie sich über den linken Daumen gestreift hatte. Ihre übrigen Finger waren zu feingliedrig gewesen, um dem Ring sicheren Halt zu geben. Sie hatte Respekt vor der Toten. Wie viel Hingabe es wohl erfordert hatte, sich in ein Bad mit Säure zu setzen?
Sie musste ihren Geist aus dem Dunkel der Zeit heraufbeschwören. Wenn es stimmte, was der Ebermann behauptet hatte, und die Zunge der Göttin tatsächlich alle Gedanken ihrer Herrin gekannt hatte, dann wusste sie um die Intrige, der Anatu und der Purpurne zum Opfer gefallen waren. Nur ein einziges Geschöpf auf Albenmark war vielleicht in der Lage, einen solchen Zauber zu weben. Ihr selbst würde es nie gelingen, den Geist einer Priesterin zu rufen, die vor Jahrhunderten auf einer anderen Welt gestorben war.
Lyvianne lehnte sich gegen einen Felsen und sah dem Strom der Wolken zu. Sie hätte bis in alle Ewigkeit so stehen können, gefangen vom Schauspiel der Natur und ihren Zweifeln. Es war richtig, erst mit Ergebnissen zum Goldenen zu gehen, entschied sie. Würde sie ihn um Hilfe bei der Totenbeschwörung der Priesterin bitten, wie hoch wäre dann noch ihr Anteil an der Lösung des Rätsels? Sie wollte vor ihm glänzen und nicht als Bittstellerin kommen.
Sie spürte die Unruhe der Grünen Geister, die in ihrem Körper Zuflucht gesucht hatten. Sie war ihnen ihre Freiheit schuldig. Sie waren es gewesen, die sie auf diese Spur geführt hatten. Ein ganzes Zeitalter waren sie in jenen Höhlen gefangen gewesen, in denen die Devanthar ihre Hälfte von Nangogs Herz versteckt hatten. Ob es ihnen Trost gab, endlich wieder in ihrer Welt zu sein, auch wenn sie keine körperliche Gestalt annehmen konnten?
Lyvianne entspannte sich und lockerte die magischen Fesseln, die sie den Kreaturen der Alten Göttin auferlegt hatte. Sie atmete lang aus, ließ los, und sie strömten aus ihr heraus: Blassgrünes Licht wand sich wie Würmer aus ihrem Mund und ihrer Nase. Es tanzte in Spiralen um ihren Leib, wirbelte hinauf in den Himmel und verharrte. Gegen das klare Licht der Sonne waren sie fast unsichtbar. Einige Herzschläge lang verharrten die Grünen Geister hoch über ihr, dann kamen sie herab wie Schlangen, die einen Baumstamm hinabglitten. In engen Spiralen tanzten sie erneut um Lyvianne.
Eisige Kälte umfing die Elfe. Gleichzeitig erfüllte sie eine euphorische Zuversicht, wie sie sie schon lange nicht mehr verspürt hatte. Vielleicht war es die pure Freude der heimgekehrten Seelen, die auch auf sie übergriff. All ihre Zweifel verflüchtigten sich wie Morgendunst unter den Strahlen der erstarkenden Sonne.
Lyvianne würde sich der einen stellen, die ihr helfen konnte. Der, die ihr den höchstmöglichen Preis für ihr Entgegenkommen abverlangen würde. Der, die in ihrem blinden Zorn ganz gewiss vergessen hatte, wem sie ihr Überleben verdankte. Matha Naht!
Die Grünen Geister eilten davon. Sie verschmolzen mit den ziehenden Wolken. Einen Moment lang erinnerte ihr Licht im weißen Dunst an fernes Wetterleuchten, dann waren sie verschwunden.
Die Drachenelfe sprach ein Wort der Macht, und das Tor zum Abgrund zwischen den Welten öffnete sich.
Wer hinter die Spiegel schaut
Išta war überrascht, ihren Bruder, den Ebermann, vor dem großen Schädel knien zu sehen. Hier war er lange nicht mehr gewesen. Jeder, der zur großen Versammlungshalle wollte, musste am Schädel des Purpurnen vorbei, sodass Anatus Verrat niemals in Vergessenheit geraten würde, ebenso wenig wie die Strafe, die sie erhalten hatte. Doch von ihren Brüdern und Schwestern blieb schon lange niemand mehr stehen, um dem wirren Gestammel Anatus zu lauschen.
Lautlos schritt sie durch den von zwei Säulenreihen gegliederten Saal und fluchte stumm über die Zauber, die in dieses Gemäuer gewoben waren. Sie selbst hatte sie ersonnen. Das Gefüge der Wirklichkeit war hier verschoben. Raum und Zeit verzerrt. Fast so schlimm wie in jenem Versammlungssaal, in den sie alle gerufen worden waren. Die Zauber bewirkten, dass sie hier unangreifbar waren. Selbst wenn der Turm ringsherum zusammenbrechen würde, wären sie in Sicherheit, denn die Versammlungshalle lag, auch wenn es so schien, nicht wirklich innerhalb seiner Mauern. Wo genau sie tatsächlich waren, vermochte nicht einmal Išta zu sagen. Zu fremd war diese Magie, und sie hatte es nicht gewagt, diesen Weg weiter zu beschreiten. Vielleicht führte er ja an jenen Ort, den die Alben das Mondlicht nannten.
Der Drachenschädel lehnte an der gegenüberliegenden Wand, nahe der Tür, die zur Versammlungshalle führte. Išta ging entschlossen darauf zu, doch als sie den Schädel fast erreicht hatte, stand sie wie von Zauberhand versetzt wieder bei der Treppe, die hinauf in dieses Gewölbe führte, das Anatu zur Gruft geworden war. Es lag auch an ihrem dunklen Zauber, dass Anatus Wunden nicht heilten, dass der Schock der Verwundung nicht verging und sie seit Jahrhunderten den immer gleichen, schrecklichen Augenblick der Verletzlichkeit und des Ausgeliefertseins durchlebte, ohne dass sie ihre Gedanken in verständliche Worte fassen konnte. Würde man sie aus dem Schädel herausholen und an einen anderen Ort bringen – vielleicht würde sie genesen und das Geheimnis um den Tod des Purpurnen preisgeben. Aber niemand würde Anatu befreien, außer vielleicht ihr Bruder, der Ebermann.
Išta wusste, dass er ihre Schwester geliebt hatte. Doch gerade deshalb hatte sie seine Neugier bislang am allerwenigsten gefürchtet. Zu groß war sein Entsetzen gewesen, als er erfahren hatte, dass seine Geliebte sich auf eine Affäre mit einem der alten Drachen eingelassen hatte. Warum kam er ausgerechnet jetzt hierher, nachdem er Anatu für Jahrhunderte gemieden hatte?
Entschlossen ging Išta ein zweites Mal auf den Drachenschädel zu. Hatte sich da in den tiefen Schatten der Augenhöhlen etwas bewegt? Sah Anatu zu ihr hinüber? Warnte sie den Ebermann?
Wieder wurde Išta durch den Raum zurückgetragen. Das steinerne Kreuzgewölbe über ihr knirschte, und einen flüchtigen Augenblick lang hatte sie das Gefühl, dass die Säulen ganz am Rand ihres Gesichtsfeldes nach hinten rückten.
Ein drittes Mal ging Išta dem Drachenschädel entgegen. Man wusste in diesem Saal nie, wie oft man seinen Weg machen musste, um wirklich zur Tür am anderen Ende zu gelangen. Plötzlich stand sie neben dem Ebermann, als hätte sie einen gewaltigen Sprung durch die Luft getan. Erschrocken fuhr er zu ihr herum, und sie hörte Anatus wimmernde Stimme sagen: »Hinter dem Spiegel … Du musst hinter dem Spiegel suchen! Dort liegt die Wahrheit!« Ihre Schwester hatte eine Hand zwischen den schwertlangen Zähnen des Drachen hindurchgeschoben. Sie war schmutzig und von Grind überzogen, die Finger gekrümmt wie Tierkrallen, ihre Nägel verwachsen und rissig.
»Tut sie dir leid?«, fragte Išta mit gespieltem Mitgefühl.
Der Ebermann brauchte ein klein wenig zu lange, bis er antwortete. »Sie hat eine Strafe erhalten, die dem Ausmaß ihres Verrats angemessen ist.«
Er griff nicht nach Anatus Hand, die sich ihm so verzweifelt entgegenstreckte. Stattdessen wandte er sich zu ihr, Išta, um. »Verrat verjährt niemals und verdient es auch noch nach einem Jahrtausend, bestraft zu werden.«
Es schwang ein Ton in diesen Worten, der Išta beunruhigte. Auch wenn Anatu wie stets nur wirr davon sprach, dass die Wahrheit hinter dem Spiegel lag, schien es fast, als ahnte der Ebermann etwas. Er stand bei ihren Brüdern und Schwestern nicht in dem Ruf, der Hellste zu sein. War es möglich, dass er dem Geheimnis um Anatu auf die Spur gekommen war? Aber wo? Was hatte sie übersehen? Welche Fährte hatte er nach so langer Zeit noch aufnehmen können?
»Dein Gerechtigkeitssinn ehrt dich, Bruder«, sagte sie lächelnd. »Doch nun lass uns die Versammlungshalle betreten. Wir werden erwartet. Der Gefiederte läuft herum und gackert wie ein aufgescheuchtes Huhn.«