Ihr eberhäuptiger Bruder lächelte. »Ja, gehen wir. Lösen wir das Geheimnis.«
Was sollte diese Bemerkung? Meinte er das Verhalten des Gefiederten oder etwas anderes? Das war nicht der leichtfertige Bruder, den sie kannte. Was hatte ihn verändert? Oder war sie es, die den Worten eine tiefere Bedeutung gab, als in ihnen lag?
Die hohe Tür zur Versammlungshalle schwang auf. Dieser Ort war ihr Meisterstück der Zauberweberei. Fast alle ihre Brüder und Schwestern hatten ihr geholfen, diesen Ort zu erschaffen, der außerhalb der Ordnung der Dinge lag. Aber sie war es gewesen, die den Zauber dazu ersonnen hatte. Sie war enger als alle anderen mit dieser Halle verbunden. Vielleicht war ein Teil von ihrem Selbst in diese Mauern gebunden? Jedenfalls vermochte sie die Halle nicht zu betreten, ohne ein Unwohlsein zu empfinden, das sich hin zur Übelkeit steigerte, je länger sie verweilte und der bizarren Ordnung dieses Raumes ausgesetzt war. Säulen aus leuchtender Finsternis wanderten durch den Raum und rangen mit einem Licht, dessen Glanz nicht reichte, um Schatten zu werfen.
»Endlich sind wir vollzählig!«, rief der Gefiederte erbost. »Was hat euch so lange aufgehalten?«
»Die Vergangenheit«, entgegnete der Ebermann ruhig. Išta bemerkte den kurzen Blick, den ihr Bruder ihr zuwarf. Das war nicht gut! Er wusste etwas!
Der Gefiederte überging die Antwort. »Die Albenkinder sind nach Nangog gekommen«, verkündete er mit sich vor Zorn überschlagender Stimme. »Sie haben eine Karawane, die aus Wanu kam, angegriffen. Meine Männer berichten von grauen Riesen, die über sie hergefallen sind, und von heimtückischen, kleinwüchsigen Ungeheuern, die einen Hagel von Pfeilen auf sie niedergehen ließen. Sie sind also mit Trollen gekommen, und wahrscheinlich haben sie jetzt, in dieser Stunde, bereits die erste unserer Städte in Nangog besetzt. Wir müssen reagieren! Wir müssen dieser Invasion Einhalt gebieten, bevor die Albenkinder Fuß auf Nangog fassen!«
»Ist es nicht ein wenig übertrieben, Wanu eine Stadt zu nennen, Bruder?«, warf der Löwenhäuptige skeptisch ein. »Und welchen Nutzen sollte dieser Angriff bringen? Wären die Albenkinder ins Herz der besiedelten Regionen auf Nangog vorgestoßen, würde ich deine Sorgen teilen. Aber Wanu …? Wohin sollten sie von dort aus gehen? Es wird sich schwerlich ein abgelegenerer Ort auf Nangog finden lassen.«
»So würdest du wohl nicht sprechen, wäre eine deiner Städte besetzt worden«, entgegnete der Gefiederte scharf. »Was ist dein Vorschlag? Einfach zusehen, was sie als Nächstes tun?«
»In der Tat. Genau das würde ich vorschlagen.« Der Löwenhäuptige machte einen Schritt zur Seite und wich einer der Säulen aus Finsternis aus, die durch den weiten Saal wanderten, ihn unübersichtlich machten und ihm seine unheimliche Atmosphäre verliehen.
»Das Reich der Zapote braucht den Dünger, den sie bei Wanu abbauen«, mischte sich Išta ein. Ihr kam gelegen, dass der lang erwartete Krieg mit Albenmark endlich begonnen hatte. Er würde ihre Brüder und Schwestern beschäftigen und zudem eine Ausrede liefern, sollte sie etwas gegen den Eberhäuptigen unternehmen müssen. »Ist es nicht so, dass die Zapote in diesem Jahr eine außergewöhnlich schlechte Ernte erwarten? Wenn nun auch noch der Dünger für ihre ohnehin kargen Felder fehlt, erwartet das Reich unseres Bruders eine schreckliche Hungersnot. Ich bin mir sicher, dass die Himmelsschlangen davon wissen! Das ist der Grund, warum sie Wanu angegriffen haben. Und da sie heimtückisch sind, spekulieren sie bestimmt darauf, dass wir unserem Bruder nicht helfen werden, weil Wanu so weit von allen großen Städten und reichen Landstrichen entfernt liegt.« Sie sah sich beifallheischend um und fuhr selbstbewusst fort: »Auf den ersten Blick scheint Wanu in der Tat bedeutungslos. Bedenkt man es aber genauer, so mag es ein Spaltkeil für unsere Verbundenheit untereinander werden. Wenn wir schon beim ersten Angriff nicht Schulter an Schulter stehen, wie sollen wir den Krieg gewinnen können, der damit begonnen hat?«
Flammen schlugen aus einer der Säulen aus Finsternis, und aus dem Lebenden Licht formte sich die Gestalt eines wohlgewachsenen Kriegers mit Adlerkopf. »Wohl gesprochen, Schwester! Ich bin dafür, dass wir mit aller Entschiedenheit auf diesen Angriff reagieren. Vernichten wir die Albenkinder in Wanu! Schicken wir ein Heer, so stark, dass sie ihm nicht widerstehen können. Endet schon ihr erster Angriff in einem Desaster, dann werden sie es sich gut überlegen, weitere Überfälle zu unternehmen.«
Išta musste über die Vorliebe ihres Bruders für melodramatische Auftritte lächeln. Er liebte diese Auftritte ebenso wie sein Schützling, der Unsterbliche Ansur, Herrscher von Valesia, dessen Stadt Selinunt die Himmelsschlangen vernichtet hatten.
»Schicken wir ein großes Heer!«, forderte nun auch der sonst eher behäbige Große Bär. »Zerschmettern wir sie!«
»Euer Ungestüm in Ehren, Brüder!«, zischte die Sturmruferin. »Aber vergesst nicht alle Vernunft!«
Išta mochte ihre schöne Schwester mit dem sich windenden Schlangenhaar nicht. Sie wäre gerne die Herrscherin über eines der Sieben Großreiche geworden, auch wenn sie sich gerne frei und ungebunden gab. Sie hatte sich nie damit abgefunden, dass Išta den Platz von Anatu eingenommen hatte.
»Ihr bedenkt, wo Wanu liegt?«, fuhr die Sturmruferin fort. »Schickt Männer aus den Steppen Arams oder aus dem Süden von Valesia, und die Albenkinder werden nicht ihre Waffen erheben müssen, um sie zu besiegen. Nangog selbst wird das Töten übernehmen. Dort herrscht strenger Frost, und wütende Stürme fegen über die Eisebenen. Wir brauchen Männer, die an ein solches Klima gewöhnt sind, und sie müssen für einen Krieg im Winter ordentlich ausgerüstet sein.«
»Nein, wir müssen vor allem schnell und entschieden zuschlagen«, widersprach der Adlerhäuptige. »Dieser Kampf wird nur wenige Stunden dauern. Wir bringen unsere Männer durch das Goldene Netz nach Wanu und ziehen sie sofort wieder zurück.«
»Und doch kann Vorsicht nicht schaden«, bellte der Weiße Wolf mit tiefer Stimme. »Ich stelle tausend meiner Steppenreiter aus Ischkuza für diesen Feldzug. Sie sind an Entbehrungen und lange, harte Winter gewöhnt.«
»Ich schicke zweitausend Drusnier unter dem Unsterblichen Volodi«, brummte der Große Bär. »Die sind hart. Wenn denen nicht kalt ist, fühlen die sich gar nicht wohl. Volodi sollte den ganzen Heerhaufen anführen. Er hat Erfahrung im Winterkrieg.«
Išta erinnerte sich, dass Volodi auf der Ebene von Kush am falschen Ende des Schlachtfeldes gestanden hatte, aber sie widersprach dem Großen Bären lieber nicht. Wenn genug Krieger zusammenkamen, dann konnte auch ein Heerführer wie Volodi nicht viel falsch machen.
Weitere Truppenkontingente wurden geboten. Am Ende stand fest, dass der Drusnier mehr als siebentausend Krieger in die Schlacht führen würde. Und es sollte schnell gehen. Bis zum Angriff sollten nicht mehr als zwei Tage verstreichen.
Als die Versammlung endete, nahm Išta ihren Bruder Langarm zur Seite, den Schmied, der die Silberlöwen und so viele andere Wunderwerke erschaffen hatte. Er war kleinwüchsig und so hässlich, dass sie es kaum ertragen konnte, ihn anzusehen.
»Der Ebermann scheint seine alte Liebe für Anatu wiederentdeckt zu haben.«
Ihr missgestalteter Bruder sah sie mit lüsternem Lächeln an. »Ich hatte auch schon mal überlegt, zu ihr in den Drachenschädel zu steigen.«
»Er redet mit ihr, meine ich.«
Langarm lachte. »Da wird er ja nicht viel Vernünftiges zu hören bekommen. Sie spricht doch immerzu nur davon, dass man etwas hinter dem Spiegel suchen soll. Das wird er schnell leid sein.«
»Mich wundert, dass er überhaupt bei ihr war. Keiner hat Anatu so gemieden wie er. Und plötzlich steht er vor dem Schädel und hört ihrem Gestammel zu. Wir sollten ihn im Auge behalten.«
Ihr Bruder schüttelte ärgerlich den Kopf. »Ich kann nicht. Hast du eine Vorstellung davon, wie viel Arbeit ich habe? All die Geflügelten Löwen! Der Unsterbliche Aaron hat sich Dutzende davon gewünscht. Und bessere Waffen für den Krieg und Pläne für Umbauten auf den Wolkenschiffen und Rüstungen …«