»Seit wann hörst du auf die Wünsche von Menschenkindern?«, spottete Išta.
»Es ist der Löwenhäuptige, der mir zusetzt, aber auch unser Bruder, der sich gerne in eine Flamme verwandelt. Sogar der Weiße Wolf bedrängt mich. Die denken alle, ich muss nur einmal mit den Fingern schnippen und …«
Išta hob abwehrend die Hände. »Genug! Ich habe verstanden. Ich werde mit dem Gefiederten sprechen. Aber du wärest gut beraten, dir auch etwas Zeit zu nehmen. Wenn herauskommt, wie unsere Schwester Anatu zum Purpurnen gefunden hat, dann wird das nicht nur meinen Kopf kosten.« Jetzt hatte sie seine volle Aufmerksamkeit.
»Wie sollte das nach all den Jahrhunderten herauskommen? Wir waren so oft bei ihrem Tempel. Da gibt es nichts mehr. Jede Spur hat sich längst verloren.«
»Und wenn wir doch etwas übersehen haben?«
Langarm lachte. »Dann ist der verdammte Eberkopf bestimmt nicht derjenige, der darüber stolpern wird. Dazu hat er kein Talent. Allerdings …« Er rieb sich mit der mächtigen, vom Schmiedefeuer rußgeschwärzten Hand über das Kinn. »Es gibt da etwas, was ich tun könnte. Ich sorge dafür, dass wir es merken werden, wenn er im Tempel herumschnüffelt.« Er sah sie an, und sein lüsternes Lächeln kehrte zurück. »Du müsstest allerdings einen Armreif von mir als Geschenk annehmen.«
»Wozu?«
»Das werde ich dir erklären.« Er trat so dicht an sie heran, dass sie seinen Atem auf den Armen spüren konnte. »Ich vermisse dich«, hauchte er leise.
Išta waren diese Liebesbezeugungen zuwider. Unwillkürlich wich sie um wenige Zoll zurück. Langarms Enttäuschung war unübersehbar. »Noch zweiundvierzig Tage bis zur nächsten Himmlischen Hochzeit«, sagte er triumphierend. »Ich zähle die Tage.«
Ich auch, dachte Išta. Es war ein Fehler gewesen, ihm damals ein Versprechen für die Ewigkeit zu geben. Aber sie hatte ihn gebraucht, ohne ihn hätte sie den Federmann nicht für ihren Plan gewonnen.
»Der Armreif …«, begann Langarm, doch Išta blendete seine Worte aus. Ihre Gedanken weilten in der Vergangenheit, an jenem Tag, an dem sie den Pakt geschlossen hatte, der ihr ganzes Leben verändert hatte.
Durch fremde Augen
Der Goldene fluchte. Was war geschehen? Warum sah er Ailyn nicht mehr? Oder all die anderen. Nur dieser verkrüppelte Zwerg war geblieben.
Er hatte für seinen Zauber zwei Trolle ausgewählt, um die Ereignisse auf Nangog durch ihre Augen zu sehen. Anders als Kobolde oder Zwerge, die ein einzelner verirrter Pfeil töten konnte, waren Trolle nicht leicht umzubringen. Er hatte zwei ausgewählt, die nicht zu klug waren. So würde nicht auffallen, wenn der Zauber ihnen zusetzte und ihren Verstand angriff. Bei ihnen war davon ohnehin kaum etwas vorhanden.
Doch vielleicht war gerade das der Fehler gewesen. Er hatte alles so gut bedacht und war völlig in die Irre gegangen. Warum waren die beiden in der Stadt der Menschenkinder? Wo steckte der Rest der kleinen Armee? Es war wichtig, dass er wusste, was in Wanu vor sich ging. Er brauchte Späher, um im richtigen Augenblick das Ruder herumzureißen und eine sichere Niederlage in einen vernichtenden Sieg zu verwandeln.
Wieder schloss er die Augen und konzentrierte sich auf die beiden Trolle. Ein paar Herzschläge vergingen. Er rief ein Wort der Macht und spürte, wie sich das magische Netz um ihn herum zusammenzog. Dann sah er erneut durch die Augen eines der Trolle. Er hatte sich nicht einmal ihre Namen gemerkt.
Die Himmelsschlange blickte über einen trostlosen, vereisten Platz, der von schäbigen Häusern umstanden war. Der zweite Troll erschien in seinem Gesichtsfeld. Die Lippen des hässlichen Hünen bewegten sich, aber der Goldene hörte nichts. Er vermochte nur zu sehen. Er könnte auch durch den Troll sprechen, dessen Verstand der Zauber zerfraß wie ein Wurm, der sich in Aas bohrte. Allerdings würde er die Antworten nicht hören. Es wäre nutzlos, diese Anstrengung zu unternehmen.
Der Blick des Trolls senkte sich, und jetzt sah er den Zwerg. Was hatte so ein Kerl in Ailyns Truppe verloren? Ihm fehlten ein Arm, ein Bein und ein Auge. Er war nichts mehr wert. Warum war er dort, wo allein die besten Krieger hätten stehen sollen?
Der Goldene atmete schwer aus und durchtrennte das magische Band, das in die andere Welt reichte. Es kostete viel Kraft, diesen Zauber zu wirken. Er fühlte sich ein wenig schwindelig.
Was konnte er tun? Sein Versagen gegenüber seinen Brüdern eingestehen? Sollte er ihnen sagen, dass er die Kontrolle verloren hatte, noch bevor der Kampf wirklich begonnen hatte? Wie würde er dastehen? Nur zu gut konnte er sich die Häme des Dunklen vorstellen. Der Erstgeschlüpfte würde seine Vormachtstellung im Rat zurückgewinnen, wenn herauskam, was geschehen war.
Verdrossen stieß er einen langen, zischenden Seufzer aus. Wenigstens war er allein. Niemand konnte ihn in dieser Stunde der Verzweiflung sehen. Er würde einen Späher schicken, ganz altmodisch. Einen, dem er blind vertrauen konnte und der noch schwerer zu töten war als ein Troll. Gewiss hatten die Devanthar ihre Truppen noch nicht in Marsch gesetzt. Noch könnte sein Späher durch den Albenstern bei Wanu treten und zurückkehren, ohne bemerkt zu werden. Der Späher durfte nicht lange verweilen. Er sollte nur herausfinden, wo Ailyn und ihre Truppen abgeblieben waren.
Der Goldene weitete seine Flügel. Eine halbe Stunde vielleicht. Länger müsste er nicht fliegen, um seinen Boten zu finden.
Der zweite Tod
Ailyn schritt die Geschützstellungen rechts und links der Brücke ab und hoffte, dass man ihr die Unruhe nicht allzu sehr anmerkte. Alle zehn Speerschleudern waren auf die Brücke ausgerichtet, die kaum mehr als drei Schritt breit war. Sie dennoch überqueren zu wollen wäre reiner Selbstmord. Aber war den Menschenkindern nicht jede Unvernunft zuzutrauen?
Wenn nur diese verfluchte Nacht endlich endete! Sie wusste, dass zu dieser Jahreszeit die Tage im hohen Norden nur sehr kurz waren, aber es zu wissen und es zu erleben waren zwei grundverschiedene Dinge. Die beiden Monde standen tief am Himmel und tauchten die verschneite Landschaft in ein klares, silbernes Licht, das dem wogenden Nebel über dem Fluss eine unheimliche Aura verlieh.
Ailyns Zwerge standen bei den Speerschleudern. Sie redeten kaum und starrten in den Nebel, als könnten Blicke den weißen Dunst durchlöchern. Auch sie waren begierig darauf, dass die Schlacht begann. Aber es konnte noch dauern. Dennoch spürte Ailyn, dass dort draußen etwas war. Das war es, was sie so nervös machte. Die Menschen brauchten Zeit, um ihre Herrscher zu erreichen, Zeit, um Truppen zu sammeln, und noch einmal Zeit, um schließlich hierherzukommen. Es war unmöglich, dass sie jetzt schon dort drüben am anderen Ufer standen.
Die Elfe ging zur Brücke. Der Nebel dort würde wohl niemals nachlassen. Die Sicht betrug kaum zwanzig Schritt. Das war nicht gut für den Einsatz der Speerschleudern. Sie würden kaum Zeit zum Nachladen haben. Galar hatte vorgeschlagen, keine Salven zu schießen, sondern Geschütz für Geschütz einzeln auf Kommando. So wäre die erste Speerschleuder wieder nachgeladen, bevor das letzte Geschütz abgeschossen wurde. Es war ein guter Vorschlag, denn für die Moral der Angreifer war es viel schlimmer, wenn ununterbrochen die tödlichen Speere in ihre Reihen schlugen, als wenn sie ein einziges Mal eine mörderische Salve traf. Hoffentlich schickten sie nicht diese Katzenmänner. Die würde gar nichts aufhalten.
Ailyn trat ein Stück auf die Brücke hinaus. Die alten Bohlen knarrten kaum vernehmbar unter ihren Füßen. Etwas platschte im Wasser. Sie blickte auf den grauen Strom hinab, sah aber nichts. Die Zwerge behaupteten, ein paar ungewöhnlich große Fische gesehen zu haben. Ailyn verstand nicht, warum die Himmelsschlangen vorab keine Späher hierhergeschickt hatten. Es war besser, das Land zu kennen, auf dem man kämpfte. Gab es Raubfische im Fluss oder andere Kreaturen, die ihnen gefährlich werden konnten?
Die Elfe wandte sich um und ging zurück zum Ufer. Sie sollte sich weniger den Kopf zerbrechen! Che und seine Krieger lagen eingerollt in Decken in einer Mulde am Ufer und schliefen. Die Trolle saßen ein Stück entfernt und dösten. Nur die Zwerge hielten Wache. Sie würden ihre Sache sicherlich gut machen. Dieser Galar war ein kluger Kopf und wirkte zuverlässig. Sie konnte ihm die Wache überlassen und sich selber etwas hinlegen. Allzu bald würde sie keine Zeit mehr zum Schlafen haben.