Ein Knarren hinter ihr ließ Ailyn herumfahren. Da war etwas im Nebel. Eine schemenhafte Gestalt, groß wie ein Troll, kam über die Brücke. Er hatte einen seltsam schleppenden Gang. Lebte der Trollkrieger etwa noch, der bei den Kämpfen am Albenstern gefallen war? Eigentlich war das nicht möglich … Anderseits, Trolle waren schwer umzubringen. Ailyn entschied sich, ihm entgegenzugehen.
»Darp?«
Der Troll reagierte nicht. So wie er zugerichtet gewesen war, musste er mehr tot als lebendig sein. Wahrscheinlich schleppte er sich gerade noch mit letzter Kraft weiter.
Die Gestalt schob sich aus dem Nebel, und mit aller Deutlichkeit sah Ailyn nun die schrecklichen Wunden des Trolls: Seine Brust war voller gefrorenem Blut, seine Kehle zerfetzt. Dass er sich noch auf den Beinen halten konnte, grenzte an ein Wunder.
»Ich rufe deine Brüder, Darp. Sie sollen dich stützen.«
Der Troll drehte den Kopf ein wenig, der daraufhin mit einem Ruck nach vorn sackte. Augen aus zerfurchtem, schmutzigem Eis starrten Ailyn an. Als er sich vorbeugte und seine mächtige Pranke nach ihr ausstreckte, wich Ailyn aus. Er taumelte. Einen Herzschlag lang fürchtete sie, er würde stürzen. Waren ihm in der eisigen Nacht die Augen gefroren? Jetzt sah sie noch weitere Schemen im Nebel. Drei … nein, vier. Sie schwankten ähnlich wie der Troll.
»Darp!«, rief sie in scharfem Befehlston. »Was ist los mit dir? Antworte!«
»Dein Leib ist viel schöner als meiner«, erklang eine dunkle Stimme irgendwo in den Nebeln.
Erschrocken trat die Elfe einen Schritt zurück.
Darp hob den Kopf und folgte ihr mit vorgestreckten Armen, als wollte er nach ihr greifen.
»Ich will dich«, tönte die Stimme im Nebel.
Das mussten die Geister sein, von denen die Zapote gesprochen hatten.
»Wer kommt da?«, rief Bailin hinter ihr vom Ufer. »Wer ist bei dir auf der Brücke, Kommandantin?«
Mit unbarmherziger Deutlichkeit zeigte das Mondlicht die Wunde an Darps Kehle. Sie war zu tief. Er musste ausgeblutet sein. Eine solche Verletzung konnte niemand überleben, nicht einmal ein Troll.
Ailyn duckte sich unter den grapschenden Händen weg, wich seitlich aus, packte mit der Linken in das Lederseil, das den Lendenschurz des Trolls hielt, zog sich hoch und hämmerte mit ihrem rechten Ellbogen auf den Nervenknoten dicht unter dem dritten Nackenwirbel. Es war, als schlüge sie auf Eis ein. Darp zeigte keinerlei Reaktion. Jeder andere Troll wäre mit zuckenden Gliedern wehrlos in die Knie gegangen. Jeder außer einem toten Troll, dessen Körper halb gefroren war!
Darp griff sich mit der Linken über seine rechte Schulter, um sie zu packen zu bekommen, aber Ailyn glitt bereits den Rücken des Hünen hinab. Federnd landete sie auf den Füßen und starrte auf den Jaguarmann mit dem aufgebrochenen Brustkorb, der aus dem Nebel kam. Ihm folgte ein Lastenträger, dem ein Troll den rechten Arm abgerissen hatte.
Ailyn wog ihre Alternativen ab: Gegen Tote, die sich aus ihren Gräbern erhoben hatten, würde sie mit Fäusten und Tritten allein nicht ankommen. Sie lief über die Brücke zurück und rief den Zwergen zu: »Die Speerschleudern bereit machen!«
Sofort wurden die ledernen Planen, die die geölte Mechanik des Abschussmechanismus gegen den Frost schützten, zurückgezogen.
Ailyn sprang auf das Ufer und schrie: »Schießt auf den Troll!«
Galar sah sie fragend an. »Auf einen unserer Verbündeten?«
»Schießt!«, befahl sie entschieden.
Die Speerschleudern schwenkten auf Darp ein, der nun für alle deutlich zu sehen war.
»Geschütz eins!«, rief Galar. »Schießt!«
Mit einem metallischen Singen entspannte sich der Bogen des Geschützes und schleuderte den Speer der Brücke entgegen. Um ihren Flug zu stabilisieren, waren die Geschosse der Speerschleudern auf den letzten zehn Zoll befiedert, so wie es Pfeile für Bögen waren. Ailyn sah, wie sich der Speer im Flug um seine eigene Achse drehte. Die Zeit schien langsamer zu laufen, so überdeutlich sah sie selbst kleinste Details: Eiskristalle, die sich aus der Befiederung lösten und im Mondlicht aufblitzten, die polierte, um die eigene Achse wirbelnde Speerspitze.
Der Speer traf Darp in den Magen. Die Wucht des Aufschlags ließ den Troll zurücktorkeln. Seine mächtigen Arme ruderten durch die Luft. Einen Herzschlag lang sah es aus, als würde er auf den Zapote stürzen, der hinter ihm ging, doch dann fing er sich wieder.
Ein Raunen ging durch die Reihen der Zwerge an den Geschützen.
»Was ist das?«, fragte Galar.
»Unser Untergang, wenn wir sie nicht aufhalten!«
»Zweites Geschütz! Schießt!« rief der Zwerg. »Drittes Geschütz. Höher halten. Zielt auf den Kopf!«
»Was tut ihr!«, brüllte Groz und kam auf sie zu. Hinter ihm ertönte das erboste Geheul der anderen Trolle, die aufgewacht waren und nun sahen, wie die Speerschleudern einem ihrer Brüder zusetzten.
Der zweite Speer traf Darp dicht unter der rechten Schulter. Er wurde herumgerissen, drehte eine halbe Pirouette und stürzte. Der Zapote hinter ihm schritt unbeeindruckt weiter.
»Das ist nicht mehr euer Bruder!«, rief Ailyn. »Die bösen Geister aus dem Eis sind in die Toten gefahren, und nun wollen sie sich die Lebenden holen.«
Che, der unbemerkt zu ihnen getreten war, sah zu ihr auf. »Hätte ich mir denken können. Wenn man mit Drachenelfen auf eine Mission geschickt wird, dann reiten die einen nicht einfach nur in die Scheiße, nein, es muss gleich ein Riesenhaufen Scheiße sein.«
»Dein Schwert!«, befahl Ailyn harsch.
Der Troll war wieder auf die Beine gekommen. Beide Speere hatten seinen massigen Leib durchschlagen. Ihre Spitzen ragten ihm einen Fuß weit aus dem Rücken, doch das hielt ihn nicht auf. Schwankenden Schritts nahm er seinen Marsch zu den Speerschleudern wieder auf.
Che zog die Waffe, die er im Gurt auf dem Rücken trug, und reichte sie ihr mit dem Griff voran. Das Zwergenschwert war gut ausgewogen. Blanker Stahl und ein entschlossener Angriff würden vielleicht helfen, diese Toten wieder zur Ruhe zu legen.
»Drittes Geschütz! Schießt!«, rief Galar. Der Speer zischte davon. Diesmal verfehlte er sein Ziel.
»Nicht weiterschießen!«, befahl Ailyn und lief los. »Nur wenn ich stürze.«
Darp hatte fast das Ende der Brücke erreicht.
»Das ist mein Mann!« Der Boden erbebte unter dem schweren Tritt von Groz, der Ailyn folgte. »Mein Kampf!« Mit diesen Worten schwang er seine wuchtige Keule und versuchte, sich an Ailyn vorbeizudrängen.
Die Elfe ließ ihm gerne den Vortritt, blieb stehen und öffnete ihr Verborgenes Auge. Eine Aura aus dunklem Lila wogte um den Körper des Trolls, sie war aus dem grellen Rot des Zorns und dem Nachtblau jahrhundertealter Trauer geboren. Am stärksten leuchtete die Aura um den Kopf des Trolls. Ailyn blickte weiter die Brücke hinab. Auch die anderen Gestalten waren von einem Lichtkranz aus dunklem Lila umgeben. In der Welt, wie die Elfe sie durch das Verborgene Auge sah, gab es keinen Nebel. Deutlich erkannte sie die Gestalten weiter hinten auf der Brücke. Dutzende Tote hatten sich erhoben. Sie schienen abzuwarten, wie ihr Voraustrupp sich schlug.
Ein wütender Schrei ließ Ailyn den Zauber beenden. Groz drosch mit seiner Keule auf Darp ein. Sein früherer Kamerad hob einen Arm, um sich zu schützen.
Deutlich hörte die Elfe Knochen knacken, als die schwere Waffe auf den Arm traf. Sie eilte an die Seite von Darp und stieß ihm ihr Schwert in die linke Kniekehle. Doch obwohl Ailyn spürte, wie die Klinge zwischen dem Gelenk hindurch bis zur Innenseite der Kniescheibe stieß, gab der Troll keinen Schmerzenslaut von sich. Erst als ein weiterer Keulenhieb von Groz ihn traf, schwankte er.