Der tote Zapote versuchte Ailyn seine verbliebene Krallenhand ins Gesicht zu stoßen. Die Elfe ließ ihr Schwert los, das sich zwischen den Knochen des Trolls verkeilt hatte, wich dem Angriff aus und hieb dem Jaguarmann in die Armbeuge, sodass der Arm mit der Waffe einknickte und die Krallen auf sein Gesicht zeigten. Ein kurzer, harter Stoß gegen den Ellenbogen des Kriegers trieb ihm seine eigenen Krallen ins Gesicht. Er gab einen gurgelnden Laut von sich. Eine der Krallen war ihm durchs Auge tief in den Kopf gedrungen.
Ein Luftzug strich über die Brücke und griff nach den Säumen von Ailyns Kleid. Wie ein gefällter Baum ging der Zapote zu Boden. Die Elfe flüsterte ein Wort der Macht und öffnete ihr Verborgenes Auge erneut. Die Aura des Jaguarmanns war verschwunden. Nur wenige, schwache Kraftlinien verbanden ihn noch mit dem Netz aller Dinge. Jetzt war er wirklich tot. Was immer ihn beherrscht hatte, war gegangen.
Aber da waren noch so viele andere!
Groz keuchte auf. Ailyn blinzelte kurz. Sie wagte es nicht, schon wieder die Sicht auf die Welt zu verändern. Sie wäre einen kurzen Augenblick geblendet – töricht, diesen Zauber mitten in einem Gefecht anzuwenden!
Darp war in die Knie gebrochen. Er hatte die Arme um die Beine von Groz geschlungen. »Zerschmettere ihm den Schädel!«, rief Ailyn. Sie wusste, dass Trolle aus irgendwelchen rituellen Gründen davor zurückschreckten, Schädel zu zerstören, insbesondere bei ihresgleichen. Sie befürchteten, dass der Geist eines solchen Kriegers sie rastlos verfolgen würde. Es sah aus, als versuchte Darp seinem Anführer ins Bein zu beißen, während Groz immer wieder den Griff seiner Keule auf die Schultern des Kriegers hämmerte, in der Hoffnung, dass dieser endlich seine verzweifelte Umklammerung löste.
Eine kleine Gestalt erschien hinter Groz. Seine Aura war unverwechselbar. Gold und Purpur, jetzt mit einem unübersehbaren Anteil an kaltem Blau, der Farbe der Furcht. Es war Che, der Anführer der Kobolde.
»Nimm deine Armbrust und schieß denen, die dort hinten kommen, in den Kopf. Nur so kannst du sie aufhalten. Ich werde dir helfen, sobald ich das Schwert zurückgeholt habe.«
Ailyn sah, wie das Blau noch stärker wurde, doch Che überwand seine Angst. Er ging auf die unheimlichen Gestalten zu, hob die Waffe an die Schulter, und seine Hände zitterten nicht, als er zum ersten Mal schoss.
Ailyn kniete neben Darp nieder und packte den Schwertgriff. Sie musste es gegen die Gelenkknochen hebeln und mehrfach auf und nieder bewegen, um die Klinge zu befreien, doch Darp schien davon nichts zu bemerken. Er war ganz in sein Ringen mit Groz vertieft und fühlte offensichtlich keine Schmerzen.
Endlich kam das Zwergenschwert frei. Ailyn setzte die Waffe im Nacken des Trolls an. An der Stelle, an der die Wirbelsäule in den Schädel mündete. Mit einem Fausthieb auf den runden Knauf der Waffe trieb sie die Klinge ins Hirn des Trolls. Augenblicklich sackte er in sich zusammen, und wieder spürte die Elfe den eisigen Luftzug, so wie eben, als sie den Zapote besiegt hatte.
»Sie ziehen sich zurück!«, rief Che erleichtert. »Ich habe sie in die Flucht geschlagen!«
Ailyn ließ den Zauber weichen, der ihr den Blick in die magische Welt erlaubte. Einen Herzschlag lang fühlte sie sich desorientiert. Selbst das silberne Licht der schwindenden Vollmondnacht erschien ihr unangenehm grell. Dann sah sie wieder klar. Vor ihr stand Groz, ein Hüne, mehr als drei Schritt hoch, einer der machtvollsten Kämpfer seines Volkes, und sein Antlitz war eine Maske des Grauens. Blutige Striemen liefen über seine Brust, und kreisrunde Bisswunden zeichneten seine Oberschenkel.
»Schluss mit Schreien«, grollte der Troll. »Das ist kein Sieg!«
Che war unübersehbar beleidigt, wagte es aber nicht, Groz herauszufordern.
»Stoßt die Toten in den Fluss«, befahl Ailyn müde. »Soll das Wasser sie ins Meer tragen, zum Fraß für die Ungeheuer, die dort leben.« Sie fixierte den Troll. »Und diesmal ehrt ihr keine Helden, indem ihr Teile von ihnen verschlingt. Diese Körper waren besessen. Ich weiß nicht, ob ihr es dem Feind leichter macht, nach euch zu greifen, wenn ihr dieses Fleisch verschlingt.« Sie sah zu Che. »Oder wenn ihr Mützen in das Blut dieser Toten taucht.«
»Was geht hier eigentlich vor sich?« Che hatte trotz seines Sieges noch nicht zu seiner selbstsicheren, überheblichen Art zurückgefunden.
Ailyn stieß sein Zwergenschwert vor ihm in die Bohlen der Brücke. »Deine Waffe.«
»Werden sie zurückkommen?«, wollte nun auch Groz wissen.
»Wenn sie dumm sind«, entgegnete Ailyn ruhig. »Wir wissen nun, wie man sie tötet. Wir werden sie auch ein zweites Mal besiegen.«
Mit diesen Worten ging sie zum Lagerplatz am Ufer zurück. Kurz überlegte die Drachenelfe, ob sie den Kampf um Wanu nicht aufgeben sollten, solange sie noch zurückkonnten. An einem Ort eine Schlacht zu schlagen, an dem die Toten sich wieder erhoben, um erneut zu kämpfen, war der blanke Wahnsinn. Aber sie wusste, was der Goldene und die anderen Himmelsschlangen sagen würden. Sie waren nicht hier, um zu siegen. Sie waren der Köder. Es war längst ausgemacht, dass sie verschlungen werden würden.
Die Stadt der toten Kinder
»Aufstehen, Mädels!« Kiras Rufe wurden von dröhnenden Schlägen auf den großen, leeren Suppentopf begleitet. »Aufstehen!«
Shaya rollte sich aus ihren Decken und tastete als Erstes nach den Kissen, in die sie ihre Kräuter eingenäht hatte. Die Frauen stahlen wie die Raben! Erleichtert stellte sie fest, dass noch alles da war. Gut, denn sie hatte sich geschworen, zurückhaltend zu sein. Wenn sie in einer Prügelei ihr Können nutzte, würde Aaron davon erfahren. Sie musste unauffällig bleiben. Inzwischen war ihr bewusst, dass es ein Fehler gewesen war, sich dem Tross der Truppen Arams anzuschließen, aber sie hatte wenigstens für dieselbe Sache kämpfen wollen wie ihr Geliebter.
»Endlich wach?«, rief Kira. »Bewegt eure Ärsche aus den Decken! Seht mal, wer zu Besuch ist. Ein hübscher Kerl steht hier neben mir, und er ist ganz versessen darauf, gleich ein paar von euch abzuschleppen.«
Diese Worte wirkten. Dem Namen nach waren sie Näherinnen, Köchinnen oder Wäscherinnen, zuständig für all die kleinen Arbeiten, ohne die ein Heer nicht wirklich marschierte. Doch dafür wurden sie so schlecht entlohnt, dass es nicht zum Leben reichte. Fast alle verdienten sich in den Nachtstunden ein paar Kupferstücke dazu, indem sie sich verkauften. Ein Geschäft, das nie versiegte, selbst wenn die Krieger zerlumpt und barfuß marschierten.
Shaya würde diesen Weg nicht gehen. Sie hatte für all ihre Münzen Heilkräuter gekauft. Sie wollte das Wissen nutzen, das ihr Shen Yi Miao Shou geschenkt hatte, als er wusste, dass er dafür, dass er ihrem Vater, dem Unsterblichen Madyas, einen Gefallen getan hatte, der ein Staatsgeheimnis bleiben musste, mit dem Leben bezahlen würde. Der alte Heilkundige vom Seidenfluss hatte ihre Jungfräulichkeit wiederhergestellt, damit sie zur Heiligen Hochzeit an den Unsterblichen Muwatta verschachert werden konnte. Ein Geschäft, das ihren beiden Staaten Frieden und ihrem Vater tausend Pferde eingebracht hatte.
Sie lächelte müde. Einst war sie tausend Pferde wert gewesen, und heute war sie schon froh, wenn sie am Ende des Tages eine Handvoll Reis hatte und sich nicht hungrig in ihre Decke rollen musste.
»Meine Damen …«
Die Anrede durch den Hauptmann wurde mit allgemeinem Gekicher quittiert. Die Frauen hier waren es nicht gewohnt, Dame genannt zu werden. Allerdings hatte er es damit geschafft, dass auch die verschlafenste Trosshure zu ihm blickte und aufmerksam lauschte.
»Meine Damen«, wiederholte er und hob die Arme, um sie zur Ruhe zu rufen. Er war noch jung. Ihm spross kaum der erste Bart. Er trug einen Leinenpanzer, auf den ein Löwenhaupt gestickt war. Über die Schultern hing ein Umhang aus schwerer roter Wolle, der von einer goldenen Brosche in Form eines Vogels gehalten wurde.
Ein wenig unmännlich, dachte Shaya. Vielleicht ein Geschenk seiner Geliebten. So wie er gekleidet war, stammte er gewiss aus reichem Hause.
»Hört auf zu kichern, ihr dummen Gänse!«, fluchte nun Kira. Sie war ganz und gar das Gegenteil des jungen Hauptmanns – so dürr, wie man nur sein konnte, wenn man seit Langem hungerte oder Würmer hatte. Ihr Gesicht war schmal, die Augen hart, das dunkelbraune Haar lang und strähnig. »Lasst ihn reden!«