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»Der Unsterbliche Aaron schickt mich«, begann der Jüngling etwas unbeholfen. »Ich soll fünfzig Damen aussuchen, die einen Teil unseres Heeres in den hohen Norden begleiten sollen. Es dürfen nur Damen sein, die an die Unbilden harter Winter gewöhnt sind …«

»Wir sind an ganz andere Unbilden gewöhnt als an pfeifende Winde«, rief Ninwe dazwischen. »Du hättest mal sehen sollen, was mich gestern Nacht besucht hat. Bei den Göttern, hat der gestunken! Ich dachte, mir bleibt die Luft weg. Zum Glück wollte er von hinten ran.« Wieder wurde gekichert. Ungewaschene Liebhaber kannte jede hier. Ninwe war die dickste unter den Frauen und bei den Männern außergewöhnlich beliebt. Vielleicht weil sie sich ihr gelocktes Haar rot färbte und angeblich auch jedes andere Haar an ihrem Körper, oder einfach nur, weil es sich angenehm anfühlte, sie anzufassen. Hätte Kira nicht ihren Kupferkessel besessen, wäre ganz sicher Ninwe die Wortführerin der Frauen gewesen; sie war allgemein beliebt.

»Der Feldzug wird nur wenige Tage dauern«, fuhr der Jüngling diesmal unbeirrt fort. »Aber diese Tage werden euch alles abverlangen. Sie werden eine schreckliche Strapaze sein. Nur wer gut bei Kräften ist, kalte Winter kennt und warme Kleidung besitzt, darf mit in den Norden gehen. Und noch eines. Ihr dürfte keine Angst haben, ein weiteres Mal durch das große Dunkel zwischen den Welten zu schreiten. Das wird der Weg sein, auf dem wir nach Norden reisen.«

»Und was wollt ihr da im Norden?«, fragte Ninwe skeptisch. »Wir sitzen hier mit einem Riesenhaufen von Bastarden fest, denen es langweilig ist. Das ist gut für das Geschäft! Was machst du eigentlich heute Abend? Schenk mir das hübsche Vögelchen an deinem Umhang, und ich lehre dich ein paar Dinge über das Vögeln, die du dir in deinen kühnsten Träumen nicht vorstellen kannst.«

Der junge Hauptmann wurde rot und räusperte sich. »Ich werde mit nach Norden ziehen. Wir werden schon heute am frühen Abend gehen. Gegen wen gekämpft werden soll, weiß ich nicht, dafür bin ich nicht bedeutend genug, doch es heißt, dass die Unsterblichen ein großes Heer zusammenziehen, um eine Schlacht zu schlagen.«

Ein leises Raunen ging durch die Reihen der Frauen. Eine Schlacht verhieß schnelles Gold. Sie konnten die Toten und Verwundeten auf dem Schlachtfeld ausplündern, sobald die Kämpfe vorüber waren, und die Überlebenden waren meist sehr großzügig mit der Beute, die sie gemacht hatten. Eine Nacht lang einen Krieger die Schrecken des Gemetzels vergessen zu lassen konnte einer Hure leicht so viel einbringen wie die Arbeit eines ganzen Mondes in Friedenszeiten. Angeblich war Kira auf diese Art zu ihrem Kupferkessel gelangt. Sie hatte ihn nach der Schlacht auf der Hochebene von Kush bekommen.

»Ich mag gut gewaschene Jünglinge«, rief Ninwe und fasste sich mit großer Geste an ihren üppigen Busen. »Da wo du hingehst, da will auch ich sein!«

»Dein sonniges Gemüt wird uns sicherlich wärmen, wenn wir in den Norden ziehen«, erwiderte der Hauptmann, war dabei aber immer noch rot und wirkte reichlich verlegen. »Wer von euch mitkommen will, soll sich bis zur Mittagsstunde auf dem Markt der Langhornrinder einfinden. Von dort werden die Truppen abmarschieren. Uns werden überwiegend Männer aus den östlichen Provinzen begleiten. Aus Issedon und den beiden Garagum. Wer damit ein Problem hat, sollte besser nicht mitkommen.«

Es wurde schlagartig still. Die Männer aus Garagum galten als Barbaren, die ihre Frauen gerne schlugen. Mit den Issedonen war es noch schlimmer. Es gab Gerüchte, dass, starb einer ihrer Krieger oder Jäger, sie beim Leichenschmaus dem Toten das Fleisch von den Knochen schnitten, es zusammen mit dem Fleisch eines Rinderbullen schmorten und als Leichenschmaus auftischten. Auch hieß es, dass die Söhne ihre Väter so sehr liebten, dass sie deren Schädel in Gold einfassten und deren Gräber zum Jahrestag ihres Todes öffneten, um mit ihnen gemeinsam zu feiern.

Kira schlug mit dem Schöpflöffel, den sie immer noch in der Hand hielt, gegen den leeren Kupferkessel. »Mir macht’s nichts aus, mit Issedonen zu tun zu haben. Ich bring sogar einen Kessel mit, wenn’s ans Fleischschmoren geht.«

Diesmal lachte niemand.

»Ihr wisst nun also Bescheid.« Auch der junge Hauptmann wirkte peinlich berührt über diese Bemerkung. »Wen das alles nicht schreckt, der soll sich zur Mittagsstunde am Markt der Langhornrinder einfinden. Es soll euer Schaden nicht sein.« Er hob etwas linkisch die Hand zum Gruß, sah aber niemand Bestimmtes dabei an. Dann verließ er den Karawanenhof, auf dem die Frauen ihr Lager zugewiesen bekommen hatten.

Ninwe pfiff ihm hinterher, aber er drehte sich nicht mehr um. »Netter Kerl, aber sich mit Issedonen abgeben …« Sie spuckte aus.

Shaya erhob sich von ihrem Lager und schichtete ihre in Stoff gewickelten Kräuterpäckchen auf ihre Wolldecke.

»Willst du wirklich mit ihm gehen?«, fragte Ninwe ungläubig.

»Die Kleine hat doch recht!«, mischte sich Kira ein. »Ich werde auch gehen. Auf Schlachtfeldern wird man reich.«

»Du solltest nicht nur an die Krieger denken.« Ninwe drehte ihre langen Locken und lächelte verschmitzt. »Nangog ist der beste Platz, den eine Hure sich nur wünschen kann. Wir können hier nicht aus Versehen schwanger werden, und auf mehr als hundert Männer kommt nur eine Frau. Zwei, drei Jahre hier, und jede von uns kehrt als reiche Matrone nach Hause zurück. Seid also nicht dumm und lauft den Kriegern nach! Wenn ihr euch in einen verliebt, verreckt er im nächsten Mond. Wird vom Fleckfieber dahingerafft, stirbt an Entkräftung, wird als Deserteur zu Tode geprügelt, weil er zu sehr euren Rockzipfeln nachgelaufen ist, wird beim Würfelspiel erdolcht oder von den Feinden des Unsterblichen Aaron auf dem Schlachtfeld massakriert. Glaubt mir, Kinder, ich weiß, wovon ich rede. Ich angele mir hier einen reichen Kaufmann oder einen Rinderfürsten aus der Messergras-Steppe oder einen Goldsucher, der sein Glück gemacht hat.«

»Träum nur weiter.« Kira spuckte auf einen schmutzigen Lappen und begann damit, ihren Kessel zu putzen. »Glaubst du, einer mit Geld will eine von uns. Der holt sich ein Liebchen von zu Hause hierher.«

»Nur dass nicht viele Liebchen hierherkommen wollen«, entgegnete Ninwe triumphierend. »Naga – die Stadt der toten Kinder. Wer kennt ihre Geschichte nicht und die des unglücklichen Satrapen Siran. Hier will keine normale Frau hin. Und die Männer geben dir ihr letztes Hemd für eine schöne Nacht. Wir müssen es nur richtig anfangen, Mädels, und jede von uns wird reich. Ich hab eine Geschichte über eine Hure in der Goldenen Stadt gehört, die man die Seidene nannte. Sie besaß einen eigenen Palast, und die Statthalter der Unsterblichen bettelten um ihre Gunst.«

»Siran soll ein Geizkragen sein, und seit den Ereignissen mit den …« Kira stockte. Sie, die sich sonst immer so kaltherzig gab, wirkte plötzlich aufgewühlt. »Also seit das damals passiert ist, hat er angeblich keine Frau mehr angerührt. Da ziehe ich lieber auf ein Schlachtfeld. Das ist das sicherere Geschäft.«

Shaya dachte an ihre Kinderfrau, die ihr vor langer Zeit die Geschichte über die Stadt der toten Kinder erzählt hatte. Naga war aus den dunklen Basaltblöcken erbaut, die man in der Steppe fand. Die Stadt war schwarz und abweisend – vor allem war sie viel zu groß für die wenigen Einwohner, die hier lebten. Sie hatte einen Hafen mit Liegeplätzen für mehr als hundert Flussschiffe, zwei Dutzend Karawansereien lagen in den Außenbezirken und verfielen nun langsam. Siran hatte geglaubt, dass Naga ein wichtiges Handelszentrum werden würde. Der Ort, an dem sich die Karawanenstraßen aus Nord und Ost trafen. Wo die Güter aus der weiten Steppe auf den Gelben Fluss verschifft wurden, um zu den reichen Hafenstädten am Meer der Silberrücken gebracht zu werden. Doch die düsteren Basaltmauern bedrückten die Menschen, die hier lebten. Kein Lachen erklang in den weiten Prachtstraßen Nagas, und bald wurde die Stadt gemieden.