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Da beschloss Siran, dass die Straßen von Kinderlachen widerhallen sollten, und er befahl, die düsteren Mauern unter weißem Putz zu verstecken. Aus seiner Heimatsatrapie ließ er schwangere Frauen nach Naga bringen, und auch alle Waisenkinder wurden in die düstere Stadt gebracht.

Doch in der Stadt am Gelben Fluss schien der Fluch Nangogs noch schlimmer zu wüten als anderswo. Der Putz bröckelte immer wieder von den Mauern, und von den schwangeren Frauen brachte nicht eine ein lebendes Kind zu Welt. Auch die Waisen verkümmerten. Nach einem Jahr lebte nicht ein einziges Kind mehr in der Stadt, und statt Lachen erklang Heulen und Wehklagen in den weiten Prachtstraßen.

Shaya erinnerte sich noch genau, wie ihre Kinderfrau die Geschichte beendet hatte. Immer noch sucht der Satrap Siran nach Kindern für seine Stadt, und seine Schergen durchstreifen jedes Land. Sie holen sich jene Kinder, die widerborstig sind, die zu weit in die Steppe hinausreiten oder sich nachts heimlich aus den Jurten schleichen.

Shaya hatte ihr Verhalten nach dieser Geschichte nicht wirklich geändert, aber der Schatten des Satrapen Siran hatte auf ihrer frühen Kindheit gelegen. Wann immer sie sich davongeschlichen hatte, hatte sie an ihn denken müssen. Und nun, nach all den Jahren, hatte das Schicksal sie in seine Stadt verschlagen. Sie hatte zum Tross der fünftausend Krieger gehört, die hierher verlegt worden waren, weil die Rinderherden der Steppe genug Nahrung boten und sie in den leerstehenden Karawansereien und Lagerhäusern Quartiere beziehen konnten. Shaya hatte nur die Wahl gehabt, mitzugehen oder in Aram zurückzubleiben. Doch in dieser verfluchten Stadt wollte sie keinen Tag länger als nötig verweilen.

Aaron hatte seine Krieger bisher immer selbst in die Schlacht geführt. Ganz sicher würde auch er nach Norden gehen. Und sie wollte doch in seiner Nähe bleiben, um ihn zumindest manchmal von ferne zu sehen. Das war noch ein zweiter Grund, Naga zu verlassen.

Shaya rollte die Decke mit den Kräuterpäckchen zusammen und schnürte beide Enden fest mit einer Schnur zusammen. Dann warf sie sich die lange Rolle über die Schulter und griff nach dem Tragekorb, in dem sich ihre restlichen Habseligkeiten befanden. Sie würde nicht bis zur Mittagsstunde warten, sie würde schon jetzt zur Sammelstelle gehen.

»Das ist nicht dein Ernst, Kleine«, rief Ninwe ihr nach. »Das wird keine Schlacht wie in unserer Heimat werden. Dort gibt es Ungeheuer, die einem das Fleisch von den Knochen reißen, und böse Zauberer, die Menschen in unheimliche Gestalten, halb Mensch, halb Tier, verwandeln.«

»Lass dich von der fetten Kuh nicht verrückt machen.« Kira war ebenfalls aufgestanden und hob sich nun ihren schweren Kupferkessel auf den Rücken. »Warte, Shaya, ich komm mit dir. Wenn das Heer marschiert, dann steht eine Schlacht bevor, und ich habe noch nie gehört, dass ein Feldherr eine Armee von Ungeheuern aufgestellt hätte. Nicht einmal hier in Nangog.«

Gemeinsam durchquerten die beiden das verfallene Tor der Karawanserei. Jetzt erst bemerkte Shaya den weißen Putz, der am Fuß der Mauern lag. Er war zerbrochen wie ihre Träume. So wie Naga, der Stadt des verfluchten Satrapen Siran, waren auch ihr nur noch ihre Ängste geblieben.

Der Feind

Kolja saß auf seiner Decke und tastete über seinen Rücken. Da war noch das Loch in der Weste, wo der Kristall in seinen Rücken gedrungen war. Er schob einen Finger durch die zerrissene Kleidung und tastete tiefer, bis hinab zur Wunde. Schorf hatte sich über der Verletzung gebildet. Er drückte leicht auf die Kruste, und ein dumpfer Schmerz pulste in seinem Rücken. Langsam verstärkte er den Druck. Er müsste diesen verfluchten Kristall doch fühlen können! Das Ding war so lang wie ein Finger gewesen. Hatte es sich etwa aufgelöst und vergiftete ihn langsam? Im Gesicht und an den Armen spürte er seit Stunden ein unangenehmes Kribbeln, so als würden Tausende Kakerlaken auf ihm ein Tanzfest veranstalten. Es war unmöglich, so zu schlafen. Auch pochte in seinem Armstumpf ein dumpfer Schmerz. Nur dieser Kristall, der in seinem Rücken steckte, fehlte in der Sammlung der Unannehmlichkeiten. Es war, als wäre er verschwunden.

Kolja streckte sich auf seinem Lager, fand aber weiterhin keinen Schlaf. Die Ereignisse des Abends gingen ihm durch den Kopf. Die Männer standen unter Schock. Dass der Prediger tot war, hatten sie noch gar nicht richtig begriffen. Ausgerechnet er, der Auserwählte der Großen Göttin. Sobald sie die Wahrheit akzeptierten, würde es Ärger geben. Doch Kolja war entschlossen, den Plan des Predigers zu Ende zu führen und das Traumeis zu ernten. Und dann würde er sich auf den Weg nach Süden machen. Er war keiner, der einfach aufgab und darauf wartete zu verrecken. Vielleicht müsste er ein oder zwei der Wolkenschiffer in den Krater werfen, damit die anderen einsahen, dass es besser war, von nun an ihm zu gehorchen.

Er brütete darüber, wer von den paar Mann am besten als abschreckendes Beispiel taugte. Wessen Tod würde den größten Eindruck hinterlassen? Sollte er Nabor umbringen? Nein, als Lotse kannte er den Weg nach Süden besser als jeder andere. Wenn ihre Kräfte so weit reichten, wäre er es, der sie nach Wanu führen könnte. Und trotz seines Alters war er ein zäher Hund. Er würde sich durchbeißen, wo jüngere Männer aufgaben.

Ein Geräusch, das nicht zum nächtlichen Lärmen in ihrer engen Zuflucht passte, riss Kolja aus seinen Gedanken. Angespannt lauschte er. Ein Ende der Segeltuchplane, mit der sie die Landungskörbe abgedeckt hatten, die ihre notdürftige Zuflucht bildeten, hatte sich losgerissen und flatterte im Wind. Einige der Männer schnarchten, andere atmeten schwer, und Nabor stieß im Schlaf unregelmäßig einen pfeifenden Laut aus. Aber da war noch etwas. Ein heimlicher Laut, der nicht in diese Symphonie der Nacht passte. Ein Geräusch, wie man es nur machte, wenn man argwöhnisch darauf achtete, kein Geräusch zu verursachen. Ein leises Schaben.

Kolja öffnete die Augen einen winzigen Spalt, achtete aber sorgsam darauf, sich nicht zu bewegen. Die Flammen in der Feuerschale am Eingang ließen unstetes Licht über die aus Astwerk geflochtenen Wände der Landungskörbe tanzen. Die Männer rechts und links neben ihm lagen still. Kolja verdrehte die Augen bis zum Äußersten.

Nabors Affe war aus dem Nest in den Armen des Lotsen gestiegen und auf eines der wenigen Fässer mit Salzheringen geklettert, das sie aus den Vorräten des Schiffes hatten retten können. Das Vieh sah misstrauisch in Koljas Richtung, als spürte es, dass es beobachtet wurde. Es hatte den Dolch Barnabas in der Hand. Jene Waffe, die der Prediger einem der wandelnden Leichname in den Schädel gerammt hatte. Kolja hatte sie nach den Kämpfen geborgen. Es war eine meisterhaft geschmiedete Klinge, und der Drusnier hatte sich gefragt, wie ein Priester an eine solche Waffe gelangt war. Darauf würde er nie mehr eine Antwort bekommen. Was aber wollte der Affe mit dem Dolch? Spielen? Zu Beginn der Reise war er manchmal ausgelassen durch die Takelage des Wolkenschiffs geturnt und hatte dabei keckernde Freudenschreie ausgestoßen. Doch seit der Nacht in der Lotsenkanzel war der kleine Affe verändert. Kolja war immer noch davon überzeugt, gesehen zu haben, wie der Affe gestorben war, als der Schatten der Krallenhand auf ihn gefallen war.

Sollte er etwa …? Nein, er konnte kein Wiedergänger wie Sangan und die Toten dieser Nacht sein. Er hatte nicht diese Augen, die wie zerschrammtes Eis aussahen. Kolja drehte ein wenig den Kopf, um den Affen besser im Blick zu haben. Was hatte dieses kleine Biest nur vor?

Eine wütende Bö ließ die Wände aus Flechtwerk erbeben. Das grelle Licht eines Blitzes strahlte durch die feinen Spalten in den Korbwänden, wo der Wind die Plane gelöst hatte. Kolja hatte noch nie so viele Gewitter in so kurzer Zeit erlebt. Schlich etwa dieses Ding, dessen Schatten in der Lotsenkanzel auf den kleinen Affen gefallen war, draußen um ihren Unterschlupf?

Für den kleinen Affen war Barnabas Dolch so lang wie ein Speer für einen ausgewachsenen Mann. Er lehnte sich die Waffe gegen die Schulter, hielt sich mit einer Hand am Rand des Heringsfasses fest und ließ sich dann zu Boden gleiten. Kolja stutzte und dachte wieder an den Affen, der tollkühn durch die Takelage geturnt war. War das hier noch dasselbe Tier? Er bewegte sich plump und schwerfällig und so, als würde er alles vorher überdenken.