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Hinter dem Fass war der Affe nun außer Sicht. Dafür erklang ein Knarren, als zerrte es an den Weidenruten, aus denen die Landungskörbe geflochten waren. Vorsichtig, ganz darauf bedacht, kein Geräusch zu verursachen, setzte Kolja sich auf, aber es half nicht, der Affe war weiterhin außerhalb seines Sichtfeldes.

Was machte er sich Sorgen wegen des Tiers? Was konnte der kleine Affe schon ausrichten, selbst mit einem Messer … Der Drusnier kratzte sich die juckende Stirn. Was war nur mit ihm los? Auch sein gesunder Arm juckte so sehr, dass er sich am liebsten die Haut abgezogen hätte.

Der Drusnier stemmte sich auf die Knie und erhob sich. Ihre provisorische Unterkunft war so niedrig, dass er sich nur geduckt bewegen konnte. Das Geräusch vor ihm verstummte. Der verdammte Affe musste etwas gemerkt haben.

Mit einem Schritt stieg Kolja über den Mann, der neben ihm lag, und streifte den Arm des nächsten, der einen ärgerlichen Laut von sich gab und sich von ihm wegdrehte. Es herrschte drangvolle Enge. Jetzt ertönte das Knarren erneut, einen Herzschlag lang, bevor ein Donnerschlag draußen jedes Geräusch übertönte. Kolja stieg über Nabor hinweg und stand nun dicht bei dem Heringsfass. Endlich konnte er den Affen sehen. Er hatte das Messer mit beiden Händen gepackt und schnitt ein Loch in das Geflecht aus Weidenruten. Die Klinge glitt so leicht durch das verflochtene Astwerk, als wäre es nicht zäher als Stoff.

»Du kleines Biest«, zischte Kolja und wirbelte den Arm mit der Prothese herum, sodass die darin verborgene Klinge zischend aus dem Leder schoss.

Der Affe ignorierte ihn und verdoppelte seine Anstrengungen. Sein Dolch schnitt bis auf den Boden hinunter, und in der Wand des Landungskorbes klaffte ein Loch so groß wie der Deckel des Fasses daneben. Kolja stürmte vor, ohne noch weiter Rücksicht auf die Schlafenden zu nehmen. Jetzt wandte der kleine Affe den Kopf, griente ihn frech an und zerrte das ausgeschnittene Wandstück zur Seite.

Kolja warf sich nach vorne, den Arm mit der Klinge weit vorgestreckt. Er traf den Affen in die Brust. Mit knirschendem Geräusch fuhr der Stahl durch den kleinen Körper. Im Liegen sah Kolja deutlich das Stück Segeltuch hinter der Lücke, das sich im Sturmwind hob und senkte. Dort hatten die Pflöcke gehalten, an denen Nabor das Segel festgezurrt hatte. Als ein Blitz das Loch im Landungskorb in ein Fenster aus gleißendem Licht verwandelte, zeichnete sich der scharf umrissene Schatten einer Krallenhand ab, die in ihre Zuflucht hineingreifen wollte.

Kolja keuchte auf, zugleich erklang Nabors Wutgeschrei in seinen Ohren.

»Was hast du getan! Du Ungeheuer! Gabott! Mein Kleiner, was hast du ihm angetan …«

Der Drusnier stemmte sich hoch. Das Loch in der Wand war wieder von Dunkelheit ausgefüllt. Der kleine Affe aber umklammerte mit seinen Händchen die Klinge und versuchte sich rückwärts vom scharfen Stahl hinabzuschieben. Kein Blut war über das kurze Schwert an Koljas Prothese geflossen. Der Affe fixierte Kolja mit seinen schwarzen Augen.

»Es ist noch nicht zu Ende mit uns, Kleiner.« Er versetzte Nabor einen Stoß mit dem Ellenbogen, der den Alten gegen das Heringsfass schleuderte.

Alle waren inzwischen aufgewacht. Ihre Blicke hafteten auf dem Schwert und dem Affen, der hätte tot sein sollen, aber immer noch nicht aufgeben wollte. Er zerschnitt sich die kleinen Hände am Stahl, aber kämpfte immer weiter. Unendlich langsam schob er sich der Spitze der Klinge entgegen, die ihn durchbohrt hatte.

Kolja stampfte geduckt dem Eingang entgegen. Er nahm keine Rücksicht auf die Männer, die ihm im Weg lagen, und es war zu eng, um dem wütenden Drusnier auszuweichen. Er trampelte über Beine hinweg und trat einem Mann auf die Brust, dass dieser vor Schmerz keuchte. Doch Kolja hatte nur Augen für den Ausgang. Er musste ihn erreichen, bevor der Affe sich vom Schwert befreite.

»Mörder!«, keifte Nabor hinter ihm. »Er ist das Ungeheuer hier. Er ist unser Fluch!«

Der Affe hatte sich fast befreit, als Kolja sein Schwert in die Feuerschale am Eingang stieß. Der Drusnier genoss die Überraschung und dann das Entsetzen im Antlitz des kleinen Monsters. Ein Herzschlag nur, und sein Fell stand in hellen Flammen. Er schrie nicht. Sein Blick war starr auf Kolja gerichtet, als sich der kleine Körper in der Hitze krümmte. Ein eisiger Luftzug strich durch die Zuflucht der letzten Überlebenden.

»Für diese Nacht habt ihr gesiegt«, erklang eine unheimliche Stimme draußen in der Nacht. »Erfreut euch daran, denn es wird euer letzter Sieg gewesen sein.«

Spuren im Schnee

Volodi trat durch den Albenstern, und das Erste, was er sah, war gefrorenes Blut. Hier war gekämpft worden. Hier hatten die Daimonen die Karawane der Zapote überfallen. Aber er konnte nirgends Tote sehen. Und auch keine Gräber. Was hatten sie mit den Gefallenen gemacht? Verwundert ging er weiter und achtete darauf, nicht auf die Blutflächen im Eis zu treten. Er würde herausfinden, was hier geschehen war. Fröstelnd rieb er sich über die Arme. Er war harte Winter gewohnt, aber hier war es tatsächlich arschkalt.

Volodi trug nur eine wollene Tunika und dazu den Brustpanzer, den der Große Bär ihm geschenkt hatte. Die Rüstungen der Unsterblichen mit ihren Maskenhelmen, Beinlingen und langen Ärmeln fand er zu albern. Er wäre sich wie ein Idiot vorgekommen, wenn er sie angelegt hätte. Quetzalli hatte darauf gedrängt, aber wie konnte er sich in eine Rüstung hüllen, die ihn fast unverwundbar machte, während seine Krieger voller Todesverachtung den Klingen der Feinde entgegentraten. Das gehörte sich nicht! Und wenn er tausendmal der Unsterbliche war, in seiner Brust schlug das Herz eines einfachen Kriegers, und er würde auch weiterhin jede Gefahr mit ihnen teilen. Der Brustpanzer aus Lederschuppen war das einzige Zugeständnis, das er Quetzalli gemacht hatte. Jetzt aber fragte sich Volodi, ob seine Prunkrüstung ihn nicht nur vor den Klingen der Feinde, sondern auch vor der Kälte geschützt hätte.

Mehr und mehr Krieger traten durch den Albenstern. Auf den Gesichtern der Männer zeigte sich die Erleichterung, den Schrecken des Dunkels entflohen zu sein. Die Kälte hier war eine Kleinigkeit im Vergleich zum Abgrund zwischen den Welten. Viele der Männer hatten diesen Weg zum ersten Mal gemacht. Eben noch waren sie auf dem weiten Feld vor seinem Herrschersitz in Drusna gewesen, und nun standen sie auf einer vereisten Ebene irgendwo im Norden Nangogs.

»Vorwärts, Männer!«, rief Volodi mit volltönender Stimme, wandte sich vom östlichen Horizont ab, wo sich erstes Morgenlicht zeigte, und wies mit seinem Schwert nach Norden, wo dunkle Wolken bis hinab auf die Ebene gesunken waren. »Wir sind die Ersten. Offensichtlich sind die anderen zögerlicher, wenn es um einen Tanz mit Daimonen geht. Oder sie haben Angst, sich kalte Füße zu holen.«

Keiner lachte. Das mit den Reden vor der Schlacht war nicht so seine Sache, dachte Volodi bedrückt. Aaron hätte das besser gemacht. »Beschämen wir die anderen und bringen wir diese Sache hinter uns, bevor sie hier erscheinen!« Mit diesen Worten ging er entschlossen los. Eine breite Spur aus zertrampeltem Schnee wies ihnen deutlich den Weg, den die Daimonen genommen hatten.

Boltar, ein stämmiger Kriegerfürst, der in der Vergangenheit unzählige Überfälle auf die Valesier angeführt hatte, eilte an seine Seite. »Hast du diese Fußspuren gesehen?« Er deutete auf eine Fährte, die etwas abseits des breiten Pfades aus zertrampeltem Schnee verlief. »Die haben Riesen in ihren Reihen.«

Volodi waren die Spuren nicht entgangen. Manchmal sah man auch auf dem zerwühlten Weg deutlich einen einzelnen Fußabdruck. »Sie müssen auch Riesen haben, so wenige, wie sie sind«, erklärte er, wobei sich seine Stimme nicht ganz so entspannt anhörte, wie er es sich gewünscht hätte. »Sonst würde dies ein ziemlich ehrloser Kampf für uns.«