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»Was?«, schnarrte Boltar gereizt.

»Aber sieh mal diese Spur da.« Im Abdruck eines nackten Riesenfußes war ein zweiter Fußabdruck zu sehen. Volodi stellte sich daneben und nahm Maß. Der Fuß des Riesen war fast doppelt so lang wie sein eigener, aber der zweite Abdruck war klein und schmal. Er musste zu einem Kinderfuß gehören. Zu einem Kind, das höchstens drei Jahre alt sein konnte, so winzig war er.

Boltar strich sich nachdenklich über seinen schwarzen Bart, der ihm bis weit auf die Brust hinabreichte. Inzwischen hatte sich eine ganze Gruppe Krieger um sie geschart. Alle betrachteten die Spuren im Schnee. »Warum bringen die Kinder hierher«, sagte der stämmige Krieger schließlich und schüttelte den Kopf. »Es weiß doch jeder, dass diese verfluchte Welt Kindern nicht gut bekommt.«

»Vielleicht wollen sie hier siedeln«, bemerkte ein rothaariger Krieger, dem eine wulstige Narbe quer über das Gesicht lief. Volodi erinnerte sich, dass er Ragnar hieß und im Ruf stand, ein guter Jäger zu sein.

»Hier, wo es nichts als Schnee und Eis gibt?«, entgegnete Boltar spöttisch. »Du hättest weniger billigen Branntwein saufen sollen. Offenbar hat er dir das letzte bisschen Hirn aus dem Schädel gebrannt. Hier gibt es nichts außer Schnee und Steinen.«

»Irgendwas muss hier sein, sonst hätten die Zapote hier keine Stadt errichtet«, gab Volodi zu bedenken. Allerdings konnte auch er sich keinen Reim darauf machen, warum die Riesen Kinder hierherbrachten.

»Zapote!« Boltar schnaubte verächtlich. »Nichts gegen deine Frau, Unsterblicher. Aber genau von ihr, Ketza … Ketcha …, also von deiner Frau mit ihrem unaussprechlichen Namen habe ich ein paar Geschichten über ihr Volk gehört. Die spinnen! Sie verkleiden ihre besten Krieger als Hühner und Kätzchen. Die haben noch weniger Verstand als unser Freund Ragnar hier. Obwohl … Vielleicht hoffen sie darauf, dass ihre Feinde sich totlachen, wenn sie einem Heer aus Federvieh gegenübertreten.«

Die Männer grinsten. Die Stimmung war endlich ein wenig besser, und Volodi entschied, nichts über die Jaguarmänner zu sagen, denen er begegnet war. »Gehen wir weiter!«

Sie schlugen ein gutes Tempo an und marschierten dem fernen Wolkenvorhang entgegen. Das Land war leicht gewellt. Volodi hatte ein paar Späher voraus und zu den Flanken geschickt. Nicht, dass er mit einem Hinterhalt rechnete, er wollte nur wissen, ob sie Gräber fanden. Es war schon seltsam, dass bei all dem Blut auf dem Eis nicht eine einzige Leiche auffindbar war.

Zwei Stunden marschierten sie, und bald wurde Volodi klar, dass nicht Wolken, sondern eine Nebelwand die Sicht versperrte. Die Sonne stieg schnell höher. Es würde ein kurzer Tag werden. Der Nebel löste sich nicht auf, wie er es bei einem so hellen Tag hätte tun sollen. Keine einzige Wolke stand über ihnen am weiten stahlblauen Himmel. Es blieb trotz der Sonne schneidend kalt.

Der Nebel beunruhigte den Unsterblichen. War es ein Zauber, den die Daimonen gewoben hatten? Und falls ja, was wollten sie darin verbergen? Wartete dort ein Heer aus Riesen und Kindern auf sie?

Volodi drehte sich um und winkte Ragnar zu sich. Der Rotbart eilte an seine Seite. Diese Narbe in seinem Gesicht … Es fiel Volodi schwer, ihn anzusehen. Die Wunde war schlecht behandelt worden. Sein ganzes Gesicht wirkte verrutscht.

»Was denkst du, wie viele Gegner haben wir zu erwarten?«

»Schwer zu sagen. Die Spuren überlagern einander. Vielleicht sechzig Riesen? Mit den Kindern ist es noch schwieriger. Es sind sicher über hundert. Wenn es überhaupt Kinder sind …«

Volodi sah ihn fragend an. »Was sollten sie sonst sein?«

Ragnar schüttelte den Kopf. »Ich kenn mich nicht mit Daimonen aus. Aber bei den Kleinen gibt es welche, die genagelte Stiefel tragen. Findest du das nicht seltsam? Die Eltern gehen alle barfuß, ihre Kinder aber nicht. Und wer würde seine Kinder auf einen Kriegszug mitnehmen. Die ganze Sache stinkt. Und dann dieser seltsame Nebel … Das Ganze riecht verdammt nach einer Falle.«

Einer der Späher kam zurückgelaufen. Ein großer, drahtiger Kerl, der ein Wolfsfell um die Schultern geschlungen hatte und den Schädel des Wolfes wie einen Helm auf dem Kopf trug. »Dort vorne ist ein breiter Fluss, Unsterblicher. Aus ihm steigt der Nebel auf. Das Wasser ist warm. Es gibt eine Holzbrücke.«

»Verdammter Dreck!« Warum suchten sich die Götter immer ihn aus, wenn ihnen nach schlechten Späßen zumute war.

Er hatte höchstens zweihundert Feinde vor sich. Und vielleicht waren über hundert davon Kinder oder irgendwelche kleinen Wichte. Ihm hingegen folgten mehr als zweitausend der besten Kämpfer Drusnas. Er könnte die Daimonen einfach überflügeln und einkesseln, wenn sie sich eine ordentliche Schlacht auf dieser Ebene geliefert hätten. Aber auf einer Brücke nutzte ihm seine Übermacht gar nichts. Dort könnte ein einzelner Riese ein ganzes Heer aufhalten.

»Wie heißt du?«

Der Späher sah ihn überrascht und auch ein wenig misstrauisch an. Vielleicht fürchtete er eine Strafe für die schlechten Nachrichten, die er überbracht hatte.

»Senja«, sagte er zögerlich.

»Ist schon irgendjemand von unseren Leuten über die Brücke gegangen?«

Er schüttelte den Kopf. »Die anderen Späher warten auf weitere Befehle. Sie werden sich ein bisschen am Ufer umsehen. Es gab da Spuren im Schnee. Nicht von den Riesen. Scheinen Zapote gewesen zu sein. Vielleicht gibt es eine Furt.«

Vielleicht irgendwelche Jäger, die zu der verdammten Stadt wollten, die irgendwo hinter der Brücke liegen musste, dachte Volodi. Bestimmt hatten sie die Fährten der Riesen gesehen und entschieden, ihnen lieber nicht auf der Brücke zu begegnen. Laut sagte er:

»Du siehst aus wie ein Jäger, Senja. Hast du schon mal einen Bären erlegt?«

»Ein kluger Mann geht Bären aus dem Weg«, entgegnete er vorsichtig.

»Und wenn du das nicht könntest, wie würdest du ihn jagen?«, setzte Volodi nach.

»Ich würde ihn sicher nicht nahe an mich heranlassen. Diese Geschichten über Helden, die einen Bären mit einem Messer getötet haben, sind alle erstunken und erlogen. Wenn du einem Bären so nahe kommst, dann richtet er sich auf und umarmt dich mit seinen Pranken. Und selbst wenn du ihm das Messer ins Herz stoßen kannst, wird er dir noch mit seinen Krallen bis auf die Rippen das Fleisch vom Rücken reißen.« Senja hatte sich sichtlich in Laune geredet. »Es wäre auch dumm, es mit Pfeilen zu versuchen. Ein Bär hat einen zu harten Schädel, als dass ein Pfeil ihn durchdringen könnte, es sei denn, man trifft mit Glück ein Auge. Und solange er sich nicht aufrichtet, schützen ihn sein dickes Fell, der Speck und die Muskeln vor tödlichen Treffern. Ich habe Geschichten über Bären gehört, die zahllose Pfeile in ihrem Leib stecken hatten und immer noch in Kampfeslaune waren.«

»Also keine Messer und keine Pfeile«, resümierte Volodi. »Wie würdest du es anfangen, wenn du einen Bären töten müsstest.«

»Tapfere Männer mit langen Speeren, das ist das Einzige, was hilft. So hält man ihn auf Abstand und kann ihn verwunden. Irgendwann hat er dann so viel Blut verloren, dass er zusammenbricht.«

»Du warst mir eine große Hilfe, Senja. Danke. Ich werde das nicht vergessen. Nun geh zur Brücke zurück und sorge dafür, dass keiner von deinen Kameraden auch nur einen Fuß auf sie setzt.«

Der Jäger sah ihn verblüfft an. Er hatte offensichtlich nicht begriffen, worum es gegangen war.

»Du meinst, so ein Riese ist so groß wie ein Höhlenbär, der sich aufrichtet?«, fragte Ragnar, als der Späher wieder außer Hörweite war.

Volodi zuckte leichthin mit den Schultern. »Ich hoffe, dass er nicht viel größer ist. Aber bei den Fußspuren würde ich drei Schritt oder etwas mehr schätzen. Such mir jetzt ein Dutzend Männer mit kräftigen Speeren, die den Tod nicht fürchten. Und bring mir auch ein paar Bogenschützen mit. Ich wette ein Fass Wein, dass uns mitten auf der Brücke ein Riese erwartet, und ich habe vor, ihn von dort zu vertreiben.«