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Ein Herz aus Eis

Galar kniff die Augen zusammen. Da waren dunkle Schatten im vom Sonnenlicht weiß leuchtenden Nebel. Kamen die verfluchten Wiedergänger zurück? Er sah zu Ailyn. Die Elfe lehnte an dem vordersten Geschütz. Auch sie sah zur Brücke hin, doch wirkte sie dabei völlig gelassen.

»Da kommt was«, raunte Nyr neben ihm. Ohne einen Befehl abzuwarten, nahm er die Lederplane vom Geschütz und spähte prüfend über die Führungsschiene für den schweren Speer, den die mächtige Waffe ihren Feinden entgegenschleudern würde.

»Lasst sie aus dem Nebel treten«, befahl Ailyn ruhig.

Wieder blickte Galar zu der Elfe. Sie war eine schöne Frau. Etwas lang und unproportioniert, aber schön, wäre da nicht die Kälte, die sie umgab. Ihr schwarzes Haar hatte sie aus der Stirn zurückgekämmt und zu einem Pferdeschwanz hochgesteckt. Keine einzige Strähne hatte sich gelöst. Ihre Frisur war so makellos wie das Weiß des langen Kleides, das sie trug. Kein Schmutzspritzer vom Schneematsch zeigte sich auf dem zarten Stoff. Nichts schien ihr etwas anhaben zu können. Nicht Wind noch Wetter und schon gar nicht Feinde aus Fleisch und Blut.

Ein großer, blonder Krieger trat aus dem Nebel. Galar konnte es auf die Entfernung nicht genau erkennen, aber er hatte den Eindruck, dass den Menschensohn etwas überrascht hatte. Hatte er etwa geglaubt, das Ufer sei unverteidigt? Nach kurzem Zögern rief er etwas und winkte mit seinem Schwert. Augenblicke später marschierten Schulter an Schulter Speerträger aus dem wogenden Dunst.

Der Blonde, wohl ein Kriegerfürst, ging den Männern voran.

»Warten«, sagte Ailyn eindringlich. »Wir lassen sie noch etwas näher kommen.«

Nyr räusperte sich. Die Menschenkinder waren kaum zwanzig Schritt entfernt. »Sollen wir warten, bis die uns auf den Stiefelspitzen stehen?«

»Kobolde! Bereit machen!«, kommandierte die Elfe.

Che und seine Männer, die im Halbkreis vor der Brücke standen, legten ihre Armbrüste an.

Den Speerträgern der Menschenkinder folgten ein paar Bogenschützen. Es waren nicht sonderlich viele Feinde, die angriffen. Vielleicht fünfzig. Ihr Anführer war ein tapferer Mann. Er musste die Kobolde und die Speerschleudern sehen, dennoch marschierte er ohne zu zögern vorwärts. Galar ertappte sich dabei, wie ihm der Kerl leidtat. Er und seine Krieger trugen nicht einmal Schilde. Jetzt waren sie nur noch zehn Schritt vom Ende der Brücke entfernt.

Der Blonde rief etwas, und die Männer hinter ihm verfielen in Laufschritt.

»Geschütz eins! Schießt!«, befahl Ailyn ungerührt. »Geschütz zwei. Schießt!«

Galar sah, wie der erste Speer den Blonden knapp verfehlte und hinter ihm in die Reihen der Krieger schlug. Ein Mann mit wildem, schwarzem Bart wurde nach hinten gerissen und auf den Mann hinter ihm gespießt. Auf so kurze Distanz hatten die Geschütze eine mörderische Durchschlagskraft. Auch das nächste Geschoss tötete gleich zwei Männer.

Der Blonde winkte wild mit seinem Schwert und lief noch schneller.

»Kobolde!«, befahl Ailyn. »Schießt! Geschütz drei! Schießt.«

Der Bolzenhagel der Koboldarmbrüste ließ den Angriff endgültig zusammenbrechen. Der Blonde wurde gleich von mehreren Geschossen getroffen. Es sah aus, als hämmerten unsichtbare Fäuste auf ihn ein. Er zuckte und taumelte auf groteske Weise.

Außer ihm standen nur noch zwei weitere Krieger. Rinnsale aus dampfendem Blut troffen seitlich von der Holzbrücke. Dunkle Schatten zerwühlten das Wasser zu sprühender Gischt. Kurz zerteilte eine leuchtend orange Finne die Fluten. Was für Bestien dort wohl lauerten?

»Geschütz vier!«, rief Ailyn.

»Etwas einschwenken«, murmelte Galar, doch Nyr hatte bereits von sich aus begonnen, die Ausrichtung seiner Speerschleuder zu korrigieren. Ruhig spähte der Geschützmeister über die Führungsschiene und nickte knapp. »Passt!«

Galar biss die Zähne zusammen. Der blonde Menschensohn hatte sich wieder gefangen und richtete sich auf. Sie hatten gesiegt. Es war nicht nötig, noch weiterzumachen.

»Schießt!«, erklang die gnadenlose Stimme der Elfe.

Nyr zog den Sperrhebel zurück. Mit scharfem Klacken schnellten die beiden stählernen Arme der Speerschleuder vor. Das Geschoss drehte sich im Flug um seine eigene Achse. Es war völlig windstill, und Nyr war der beste Richtschütze, den Galar je getroffen hatte. Unmöglich, dass dieser Speer sein Ziel verfehlte. Das gleißende Licht der Wintersonne brach sich auf der Speerspitze aus Silberstahl. Dann schlug das Geschoss in sein Ziel ein. Der Kriegerfürst stieß einen gellenden Schrei aus. Er wurde von den Beinen gerissen und drei Schritt weit durch die Luft geschleudert, um inmitten der anderen Toten und Sterbenden auf die Brücke zu schlagen.

»Das kann nicht sein«, murmelte Nyr fassungslos. »Hast du das gesehen?«

»Ein guter Schuss«, sagte Galar mit tonloser Stimme.

»Nein, nicht das. Der müsste aufgespießt sein wie ein Hühnchen auf einem Bratspieß. Ich hab ihn mitten in die Brust getroffen.«

Der Blonde setzte sich auf. Sofort eilten die beiden letzten Überlebenden an seine Seite.

»Harter Bursche!«, kommentierte Groz hinter ihnen. »Nicht leicht tot.«

»Geschütz fünf!«, rief Ailyn.

»Das reicht!« Galar lief an die Seite der Elfe. »Kennst du keine Gnade? Die drei hatten Glück. Sei großmütig und schenk ihnen ihr Leben.«

Ailyn hob eine einzelne Braue. »Ich hoffe für dich, dass die Menschenkinder auch großmütig zu dir sein werden, wenn deine Stunde gekommen ist.« Mit diesen Worten wandte sie sich der Geschützbedienung zu. »Nicht schießen. Wir lassen sie laufen. Wenn sie den Kriegern am anderen Ufer berichten, was sie hier erwartet, dann ist das für uns von größerem Wert als drei weitere Menschenleben. Ihren nächsten Angriff werden sie mit verzagten Herzen beginnen.«

»Danke«, sagte Galar leise.

Ailyn ging vor ihm in die Hocke. Ihr Gesicht war fast so weiß wie ihr Gewand, ihre blassen Lippen nur ein schmaler Strich. Diese Lippen haben noch nie einen leidenschaftlichen Kuss empfangen, ging es Galar kurz durch den Sinn. Wahrscheinlich hat nicht einmal ihre Mutter sie gemocht.

»Du hast gesehen, dass der blonde Krieger durch den Speer nicht zu töten war«, sagte sie so leise, dass die Umstehenden sie nicht hören konnten. »Dieser Krieger trägt eine Rüstung, die von den Göttern der Menschen gefertigt wurde, sonst wäre er wie die anderen gestorben. Weißt du, was das heißt, Zwerg?«

Galar schluckte. Dass der Krieger ein Fürst sein musste, war ihm klar gewesen. Aber wie es schien, war er noch erheblich mehr gewesen.

»Dieser Menschensohn muss einer der sieben Unsterblichen gewesen sein. Ein Freund der Götter. Kannst du ermessen, welche Konsequenzen dein Wunsch haben wird?«

»Warum hast du ihn dann laufen lassen?«, fragte Galar, der nicht begreifen konnte, dass sie den Unsterblichen hatte leben lassen.

»Weil es eine noble Geste von dir war, Zwerg. Du bist ein Mann von Ehre. Gäbe es mehr Männer wie dich, dann gäbe es weniger Kriege zwischen unseren Welten. Doch du schuldest mir nun etwas. Und ich hoffe, du verhältst dich genauso ehrenhaft, wenn ich diese Schuld eines Tages von dir einfordern werde … Vielleicht ist mein Preis etwas, was du nicht gerne tun wirst. Erinnere dich an diese Stunde, wenn es so weit ist.« Mit diesen Worten erhob sich Ailyn und winkte Che. »Nimm ein paar deiner Krieger und geh auf die Brücke hinaus. Schießt jedem der Toten einen Armbrustbolzen durch den Kopf. Wir wollen sie nicht ein zweites Mal umbringen müssen.«

»Den Wünschen schöner Frauen konnte ich noch nie widerstehen, Herrin!« Der Anführer der Kobolde verbeugte sich mit einem anzüglichen Grinsen. »Was machen wir, wenn es bei den Kerlen noch Überlebende geben sollte?«

»Mit denen verfahrt ihr genauso«, entgegnete Ailyn eisig. »Dies ist nicht der Ort, um zimperlich zu sein. Um Gefangene können wir uns nicht kümmern. Lasst die Toten auf der Brücke liegen. Sie werden die nächsten Angreifer beim Vorrücken behindern.«