Che rief einige seiner Kameraden und machte sich, ohne zu zögern, an sein grausiges Handwerk.
Plötzlich hob Ailyn den Kopf. Hoch über ihnen schwebte mit weit ausgebreiteten Schwingen eine riesige, schlangenhafte Kreatur. Galar duckte sich unwillkürlich. Das war ein Drache! Er war karmesinrot. So einen hatte der Zwerg noch nie gesehen. Aber er hatte von ihnen gehört, von den Sonnendrachen von Ischemon, den Prinzen der Himmelsschlangen.
»Was macht der hier«, flüsterte er, obwohl die Himmelsechse ihn ganz gewiss nicht hören konnte.
»Das wüsste ich auch gern!« Es war das erste Mal, dass Ailyn ein Gefühl zeigte. Sie wirkte zornig. Nur einen Herzschlag lang, dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle. »Er sollte nicht hier sein. Noch nicht jetzt!«
»Du kennst ihn?«
Sie sah auf Galar herab, als wäre er ein Nichts, das gerade die dümmste aller Fragen gestellt hatte. »Das ist Abendstern, einer der Vertrauten des Goldenen. Und glaube mir, du wünschst dir, ihn nicht kennenzulernen. Er mag Zwerge nicht.«
Weil es mir so gefällt
Die aufgeregten Rufe seiner beiden Trolle schreckten Glamir aus dem Schlaf. Die beiden Trottel deuteten zum Himmel, schrien ihm etwas in ihrer kehligen Sprache zu und begannen zu laufen.
Der Zwerg blinzelte den Schlaf aus den Augen und fluchte. Er hatte von einem netten Weib mit drallen Brüsten geträumt. Ein wenig hatte sie wie Amalaswintha ausgesehen, nur dass sie netter gewesen war. Hoffentlich hatten die zwei einen triftigen Grund, ihn aufzuschrecken. So einen guten Traum hatte er schon lange nicht mehr gehabt.
Mit einem Seufzer stemmte er sich hoch. Obwohl er sich in zwei Decken eingerollt hatte und an der Südwand eines der schäbigen Häuser am großen Marktplatz lehnte, dort, wo die Sonne am stärksten schien, war ihm die Kälte bis tief in die Gelenke gekrochen.
Er sah flüchtig zu dem Kellereingang, der durch den großen Schneehaufen abgeschirmt wurde. Sollte eines der Menschenkinder von dort hervorgekrochen sein? Wohl kaum! Vor ein paar Stunden, kurz nach Sonnenaufgang, war einer von ihnen die Treppe heraufgeschlichen. Aber kaum, dass er die beiden Trolle gesehen hatte, war er laut schreiend wieder im Keller verschwunden. Das waren wahrlich keine Krieger da unten!
Ein riesiger Schatten glitt über den Marktplatz. Glamir hob die Armbrust, die ihm Gobhayn gefertigt hatte. Der Schulterstutzen der Waffe war verlängert und wie eine Schlange geformt. Er schmiegte sich perfekt an das wenige, was ihm von seinem rechten Arm geblieben war. So konnte er die Waffe halbwegs sicher halten. Hastig drehte er mit der Linken an der Winde, die den stählernen Bogen spannte. Das leise, gleichmäßige Klicken des Mechanismus beruhigte ihn ein wenig, während er zum strahlend blauen Himmel aufblickte.
Plötzlich füllten karmesinrote Schwingen Glamirs ganzes Gesichtsfeld. Sie wirbelten den Schnee auf dem weiten Platz auf und ließen die Holzschindeln der Dächer klappern, als fürchteten sich selbst die armseligen Häuser vor der Kreatur, die sich mit erstaunlicher Anmut auf dem Platz niederließ.
Glamir stockte der Atem. Seit er an den Brüsten seiner Amme gelegen hatte, hatte er Drachengeschichten gehört, aber er hatte nie einen gesehen. Keinen richtigen. Nicht so etwas. Diese Bestie war von der Schnauze bis zum Schwanzende fast fünfzig Schritt lang. Mit leisem Scharren glitt die Schwanzspitze auf ihn zu, die in einem flachen Dorn endete, der wie eine überlange Schwertklinge aussah.
»Was ist hier geschehen, Wurm?«
Glamirs Barthaare sträubten sich, und ein Prickeln überlief ihn. Es lag eine Spannung in der Luft wie kurz vor einem Gewitter. Das Maul des Drachen hatte sich nicht bewegt, und doch war seine Stimme klar zu verstehen. Tief und volltönend erklang sie und hinterließ ein Gefühl der Beklemmung in Glamir, das er kaum zu beherrschen vermochte. Er hob den Kopf und sah in die bernsteinfarbenen Augen der Echse, die groß wie Rundschilde waren.
»Störe mich nicht in meinem Mittagsschlaf, wenn du gekommen bist, um mit Würmern zu reden!«
Die Schwanzspitze schnellte vor wie eine zustoßende Schlange und verharrte kurz vor Glamirs Kehle. »Mir steht der Sinn nicht nach Scherzen, Zwerg! Wo steckt Ailyn? Wo sind ihre Kämpfer?«
»Dort, wo sie die Schlacht erwartet.«
Die geschlitzten Pupillen des Drachen verengten sich, bis sie nur zwei schmale, tiefschwarze Spalten waren. »Du bist also ein Wurm, der gerne Witze macht.«
Glamir bekam kaum noch Luft. Die Stimme des Drachen durchdrang ihn. Sie schnürte ihm die Kehle zu, verwirrte seine Sinne und ließ seine verbliebenen Glieder schlottern. Nie zuvor in seinem Leben hatte er solche Furcht empfunden. Nicht einmal als die Smaragdspinnen über ihn hergefallen waren. In einem fernen Winkel seines Verstandes ahnte er, dass Magie dabei im Spiel sein musste. Er war kein Feigling! Und dennoch rannen ihm jetzt Tränen der Angst über die Wangen.
»Sie sind zur Brücke«, stieß er schluchzend hervor. »Ailyn hat entschieden, dass die Stadt nicht zu verteidigen ist. Sie will die Menschenkinder an der langen Holzbrücke aufhalten.«
»Und warum sind die beiden Trolle hier?«
Glamir wand sich unter der neuerlichen Frage und dem Zwang des Zaubers, unter dem er stand. »Ich weiß es nicht genau. Sie sagte etwas davon, dass die beiden besonders dumm seien. Gute Wachen.«
Der Drache schnaubte, und glutheißer Atem traf den Zwerg ins Gesicht. »Wachen wofür?«
Die Furcht fraß sich in Glamirs Seele. Er spürte, wie er das Wasser nicht mehr halten konnte und es ihm das Bein hinablief. »Wir haben Gefangene! Dort hinten im Keller. Menschenkinder!«
»Menschenkinder …« Eine lange, gespaltene Zunge schoss zwischen den Fangzähnen des Drachen hervor. Er drehte den Kopf zur Seite und sog laut Luft in seine Nüstern. »Ja, ich rieche sie. Dort vorne.« Die Schwanzspitze, die eben noch dicht vor Glamirs Gesicht verharrt hatte, zuckte zurück und peitschte über den hart gefrorenen Boden des Marktplatzes. »Warum macht ihr Gefangene? Das ist nur eine Last.«
»Sie sind nicht einmal Krieger, keine Gefahr.« Der Zwang, den der Drache ausgeübt hatte, war gewichen. Diesmal antwortete Glamir aus freien Stücken.
»Die beiden Trolle werden auf dem Schlachtfeld gebraucht. Diese Menschenkinder stören die Pläne des Goldenen.«
»Du kannst sie doch nicht einfach …«, begann Glamir, als der Kopf wieder zu ihm herumschnellte. Dieser Zauber, der ihm solche Angst einflößte, schien etwas mit den riesigen Augen zu tun zu haben. Glamir vermochte ihrem Blick nicht zu widerstehen. Wieder schnürte sich seine Kehle zu.
»Du willst dich mir in den Weg stellen?«
»Ja! Was du tust, ist böse. Und das Böse soll bekämpft werden!«, platzte es aus Glamir heraus. Sein gerechter Zorn bannte all seine Angst, als ihn ein ungeheuerlicher Schlag von seinem Bein riss. Unter Schock sah er noch das Ende der roten Schwanzspitze zurückzucken, dann stürzte er neben der Wand in eine warme Pfütze.
»Du wirst dich in niemandes Weg mehr stellen. Und du wirst dich von nun an fortbewegen, wie es einem Wurm geziemt.« Mit diesen Worten wandte sich der riesige Drache ab.
Dumpfer Schmerz durchfuhr Glamir. Erst jetzt sah er das Blut. Und das Bein, das an der Hauswand lehnte, als wäre es eine abgestellte Prothese. Der Drache hatte ihm das gesunde Bein genommen! Er hatte ihm seine letzte Würde geraubt. Glamir schrie auf. Nicht vor Schmerz. Es war ein Laut reiner Verzweiflung.
»Warum? Warum dieses sinnlose Massaker«, stöhnte er.
»Weil es mir so gefällt«, kam die höhnische Antwort, ohne dass das Ungeheuer ihn noch eines Blickes würdigte. Es stand nun direkt vor dem Kellereinstieg.
Glamir sah, wie sich der Rücken des Ungeheuers wölbte. Ein pfeifendes Geräusch war zu hören. Der Drache sog Luft tief in seine Lunge.
Mit zitternder Hand tastete der Zwerg nach der Ledertasche mit den Armbrustbolzen an seinem Gürtel. Ihm wurde langsam kalt. Sein Blut spritzte in pumpenden Stößen gegen die Hauswand. Eine der großen Adern in seinem Bein war durchtrennt. Wenn er den Gürtel löste, dann könnte er damit die Wunde vielleicht abbinden. Aber dann würden alle Menschenkinder im Keller sterben! Er könnte ein Leben retten oder Dutzende.