Der Verschluss der Ledertasche schnappte auf. Er griff nach den Bolzen, bekam gleich etliche zu packen und zerrte sie hervor.
Die Luft um den Drachen begann zu zittern. Glamir spürte die Hitze.
Die Bolzen – bis auf einen – fielen ihm aus der Hand. Da war er, der eine, der, den er mit Eulenfedern versehen hatte, damit er besonders sicher flog.
Der Drache hob seinen Kopf. Sein Hals erinnerte mit der edlen Krümmung an den Hals eines Schwans.
Glamir legte den Bolzen auf die Führungsschiene der Armbrust. Die Waffe war nur halb gespannt, doch es blieb keine Zeit mehr. Er hob den Arm und atmete aus. Im selben Moment zog er den Abzugsbügel.
Er mochte sie nicht einmal, diese Menschenkinder. Aber er würde nicht zusehen, wie sie starben. Trotz seiner Schwäche zitterte sein verstümmelter Arm nicht. Er zog den Abzugshebel durch und dachte: Für die Tiefe Stadt! Sagen konnte er es nicht mehr. Dazu war er zu schwach. Sein Arm sank nieder.
Er sah den Drachen nicht mehr. Nur noch ein grelles, weißes Licht. Glamir fühlte sich leicht. Und ein wenig müde. Er würde kurz die Augen schließen. Einen Atemzug lang nur. Ganz kurz …
Zweites Buch
Die letzten Eiskrieger
Schlagabtausch
Artax hob den Arm, und hinter ihm wurden Befehle gebellt. Die Marschkolonne kam zum Stillstand. Erstaunt betrachtete der Unsterbliche das Spektakel, das sich vor ihm auf der Ebene abspielte. Es herrschte ein entsetzliches Durcheinander. Männer rannten kreuz und quer. Es waren Lagerplätze aufgeschlagen, die ohne erkennbare Ordnung wie Flechten auf einem Stein wucherten. Die Grenze war eine wogende Nebelwand, die in etwa einer halben Meile Entfernung den Blick nach Norden verstellte.
»Ormu!«
Der Hauptmann der Bogenschützen der Kushiten kam herüber. Er schlenderte nicht gerade, aber sein Gang und seine Haltung waren äußerst unmilitärisch. Der hagere, rotbärtige Bogenschütze hatte einst dem Steinrat angehört, jener kleinen Gruppe von Weisen, die über die Geschicke der Provinz Garagum entschieden. Warum genau er sich dem Heer angeschlossen hatte, hatte Artax nie verstanden, aber Ormu war trotz seiner lässigen Haltung ein guter und umsichtiger Anführer.
»Wir lagern mit etwas Abstand zu diesem Chaos«, entschied Artax. »Du kümmerst dich darum, dass ein ordentliches Lager aufgeschlagen wird. Und sorge dafür, dass unsere Vorräte gut bewacht werden.« Wieder ließ er den Blick über das wimmelnde Durcheinander schweifen und schüttelte den Kopf. »Es sieht aus, als würden sie die Nebelwand belagern. Es hieß, wir machen einen schnellen Feldzug von ein paar Tagen. Den anderen werden also bald die Vorräte ausgehen. Kümmere dich hier um alles, ich werde mir dieses Chaos näher ansehen und die Unsterblichen Volodi und Labarna suchen.«
»Ich stelle eine Eskorte zusammen«, erklärte Ormu.
Artax hob abwehrend die Hand. »Ich bin lieber allein unterwegs.«
Ormu lächelte, als hätte er nichts anderes erwartet. Der Hauptmann schätzte die Hofetikette nicht sonderlich. Er war nicht respektlos, doch ihrzte er Artax nur selten und vermied es auch, ihn mit seinen förmlichen Titeln wie Herrscher aller Schwarzköpfe anzusprechen. Nichtsdestotrotz hatten er und seine Bogenschützen schon zweimal Mordanschläge vereitelt. Und Artax war sich sicher, dass ihm auch diesmal einige Männer unauffällig folgen würden, um ein Auge auf ihren Herrscher zu haben. Dabei war er in seiner Rüstung, die ihm der Löwenhäuptige geschenkt hatte, so gut wie unverwundbar – auch wenn sie auf den ersten Blick unscheinbar wirkte. Ein steifer, weißer Leinenpanzer mit einem aufgestickten Löwenkopf schützte seine Brust. Darunter trug er eine langärmelige Tunika und Handschuhe, eine Hose und hohe Stiefel. All dies aus weichem Leder. Doch keine Klinge vermochte dieses Leder zu zerschneiden oder seinen Leinenpanzer zu ritzen. Den prächtigen Maskenhelm, das Zeichen der Unsterblichen, trug er unter den Arm geklemmt. Er fühlte sich darin stets gefangen, auch wenn die Metallplatte der Maske perfekt auf sein Gesicht modelliert war und der Helm erstaunlich wenig wog.
Artax ging an riesigen Holzstapeln vorüber und sah voller Erstaunen, dass ein Stück entfernt drei doppelrümpfige Boote lagen, wie sie Bewohner der schwimmenden Inseln nutzten. Nah der Nebelwand wurden hohe Gerüste aus Bambusstangen errichtet.
Er passierte gerade eine Reihe von Toten, die neben der Straße abgelegt waren, als ein Trupp Reiter aus dem Nebel erschien. Sie wirkten abgekämpft. Einige waren verwundet, und ihnen stand das Entsetzen in ihre Gesichter geschrieben. Einer der Reiter scherte aus der Kolonne aus und hielt auf eine große Jurte aus rot gefärbtem Leder zu. Gab es in diesem Durcheinander doch so etwas wie einen Mittelpunkt?
Artax passierte einen Verbandsplatz, auf dem Jaguarmänner der Zapote versorgt wurden; Krieger, die unangenehme Erinnerungen in ihm weckten. Vor wenigen Monden erst hatte er sie noch bekämpft, als er den Tempelbezirk der Zapote in der Goldenen Stadt gestürmt hatte. Diesmal beachteten sie ihn nicht. Die Männer sahen übel aus. Kurze Pfeile steckten in ihren Leibern.
Vor dem roten Zelt hielten ihn drei Wachen mit vorgehaltenen Speeren auf. Ischkuzaia, Steppenreiter, die polierte Schuppenpanzer aus Messing trugen und um deren spitze Helme bunte Seidenbänder gewickelt waren. »Geh weiter, Fremder. Hier …« Der Sprecher sah den Maskenhelm, den Artax unter den Arm geklemmt hatte, und kniete demütig nieder. »Vergebt mir, Unsterblicher. Ganz ohne Eskorte oder Bannerträger in Eurem Gefolge habe ich Euch nicht erkannt.«
»Ich würde einen Wächter niemals dafür tadeln, dass er argwöhnisch das Zelt seines Herrn hütet. Du hast deine Sache gut gemacht. Reden wir nicht weiter darüber.« Die beiden anderen Krieger zogen die schweren Vorhänge vor dem Eingang der Jurte zurück, und Artax trat in das Zwielicht des stickigen Zeltes. Es roch nach Raubtier.
Das Erste, was er sah, war ein riesiger Bär, der sich über ein Lager beugte, auf dem Volodi lag. Der Devanthar aus Drusna war also gekommen! Doch nicht allein: Vor einem langen Tisch stand eine Gestalt, hässlich wie die Nacht. Ein Bruder des Bären, Langarm, der Götterschmied.
In der Mitte der Jurte kniete ein Krieger, der aus einer tiefen Wunde an der Wange blutete, vor dem Unsterblichen Madyas, dem Herrscher der Ischkuzaia. Der Unsterbliche war von kleiner, gedrungener Gestalt, seine Wangen mit drahtigen Stoppeln bedeckt. Ein Leben auf Pferderücken hatte seine Beine gekrümmt, seine Arme waren mit Wolfstätowierungen und breiten Narben bedeckt. Das also war der Vater von Shaya, dachte Artax und spürte Wut in sich aufsteigen. Der Mann, der seine Tochter für eine Herde Pferde verschachert hatte, wohlwissend, dass die Heilige Hochzeit Shayas Tod bedeuten konnte.
»Du hast mich enttäuscht, Subai!«, schnauzte er den Knienden an, die stechenden, schwarzen Augen zusammengekniffen. »Schon wieder!« Er versetzte ihm einen Tritt vor die Brust, der den Krieger zu Boden schleuderte. »Du hast unser Volk entehrt, du …« Er hob den Fuß, als wollte er den Mann wie ein widerliches Insekt zerstampfen.
»Er befindet sich in guter Gesellschaft mit seinem Scheitern.« Volodis Stimme war schwach. Schon nach diesen wenigen Worten rang er um Atem. »Ich bin dort gescheitert, und die Jaguarmänner der Zapote haben sie auch zurückgeschlagen. Ihre Stellung ist zu stark.«
»Wir waren fast bei den Speerschleudern, Vater«, rief der Krieger am Boden, über dessen Gesicht immer noch der schwere Stiefel des Unsterblichen Madyas schwebte. »Aber dann haben uns die grauen Riesen angegriffen. Wir konnten auf der Brücke nicht ausweichen. Wie Blitzschläge sind sie in unsere Reihen gefahren. Panik brach aus. Dutzende Reiter sind ins Wasser gestürzt. Und auch dort lauern Ungeheuer. Fische mit einem Maul wie ein Adlerschnabel, nur dass sie so groß wie ein kleines Schiff sind. Ich habe selbst gesehen, wie so ein Biest mit einem einzigen Biss ein Pferd in zwei Hälften getrennt hat …«