»Nun, Aaron, willkommen im ewigen Eis! Dieses Schlachtfeld ist wie geschaffen für den Helden von Kush, der es verstand, in einer Wüste mit einem Heer aus Bauern erfahrene Krieger zu besiegen.« Langarm wies auf eine flache, mit Sand gefüllte Kiste. »Komm her, ich zeige dir, wie es um uns steht.« Er zog mit zwei Fingern eine Doppellinie. »Das hier ist der Fluss. Sein warmes Wasser ist schuld an der Nebelwand dort draußen.« Eine dritte Linie kreuzte die beiden ersten. »Hier ist die Brücke. Sie liegt keine hundert Schritt von unserer Jurte entfernt. Sie ist so breit, dass darauf fünf Mann nebeneinander gehen können.«
Langarm tupfte mit den Fingern in den Sand, der das Ende der Brücke und das andere Ufer darstellte. »Hier haben sie Speerschleudern und Bogenschützen. Wer aus dem Nebel tritt, kommt in ein mörderisches Speerfeuer. Und sollte es doch jemand bis zum Ende der Brücke schaffen, warten dort Riesen, die jeden Überlebenden niedermachen. Wie löst du das Problem?«
»Wir verhalten uns genau so, wie sie es erwarten«, sagte Artax nachdenklich. »Wir müssen sie überraschen, wenn wir siegen wollen. Gibt es eine Furt?«
»Denkst du, wir sind dämlich?«, fuhr ihn der Unsterbliche Madyas an, der zu ihnen an den Tisch getreten war. »Es gibt weder eine zweite Brücke noch eine verdammte Furt. Meine Männer könnten den Fluss auf ihren Pferden durchschwimmen, wären da nicht diese Ungeheuer, die alles zerfleischen, was ins Wasser steigt. Das Blut, das flussabwärts ins Meer treibt, scheint sie anzulocken. Es werden immer mehr.«
»Wie viele Feinde erwarten uns am anderen Ufer?«
»Zwei- oder dreihundert?« Langarm zuckte mit den Schultern. »Wissen wir nicht so genau. Und diese Riesen sind noch nicht das Schlimmste. Kurz nachdem ich hergekommen bin, kam ein Drache durch das Weltentor. Ein wirklich großer. Er hat noch nicht einmal in den Kampf eingegriffen.«
Artax spielte gedankenverloren mit seinem Bart. »Was für Gerüste werden dort draußen gebaut?«
»Flugtürme«, erklärte der Devanthar. »Die Zapote wollen ihre Adlerritter dort hinaufsteigen lassen. Sie sollen dann im Gleitflug den Fluss überqueren.«
»Kann das gelingen?«
Langarm schnitt eine Grimasse. »Die Zapote sind davon überzeugt.«
»Wie steht es mit der Moral der Truppen?«
»Nicht gut. Wir haben drei Angriffe geführt und haben uns drei Mal eine blutige Nase geholt. Alle im Lager wissen das. Die Männer erwarten zu sterben und nicht zu siegen, wenn wir sie auf die Brücke schicken. Es ist alles …«
»Unsinn!«, fuhr Madyas dazwischen. »Meine Reiter werden, ohne zu zögern, erneut angreifen, wenn ich es ihnen befehle.«
Langarm rollte mit den Augen, sagte aber nichts.
»Niemand zweifelt am Mut der Ischkuzaia«, erklärte Artax versöhnlich. »Aber zunächst müssen wir ein paar grundlegende Dinge ändern. Unsere Toten sollten nicht an der Straße liegen, auf der neue Truppen eintreffen. Das ist gleich der erste Tiefschlag für die Moral der Männer. Ich wünsche, dass sie noch heute dort fortgeschafft werden. Irgendwohin das Flussufer hinauf. Auf jeden Fall an einen Ort, wo man nicht dauernd an ihnen vorbeiläuft. Dann sollten wir ein gemeinsames Lager für alle Verwundeten einrichten. Auch etwas entfernt vom Hauptlager. Wir müssen unsere Kräfte bündeln. Wie schlimm hat es dich erwischt, Volodi?«
Der ehemalige Hauptmann seiner Leibwache richtete sich auf seinem Lager auf. »Im Grunde nur ein Kratzer. Morgen kann ich wieder kämpfen.«
»Ich werde ihn heilen«, brummte der große Bär. »Aber es ist mehr als ein Kratzer. Er hat drei gebrochene Rippen und großes Glück gehabt, dass sie seine Lunge nicht durchbohrt haben.«
»Das sind nicht meine ersten gebrochenen Rippen«, murrte Volodi. »Ein straffer Verband, und ich bin morgen bei den Kämpfen dabei.«
Artax zweifelte keinen Augenblick daran, dass es so sein würde. Volodi würde kämpfen und wenn er sich auf das Schlachtfeld tragen lassen müsste.
»Bist du nun ein Heilkundiger oder ein Heerführer?«, fragte Madyas und schlug mit der flachen Hand auf die Zeichnung im Sand. »Wie siegen wir hier, Aaron, Herrscher aller Schwarzköpfe?«
»Zunächst brauchen wir Katapulte.« Artax war entschlossen, sich nicht provozieren zu lassen. Er sah zu Langarm. »Zwei oder drei Katapulte werden nicht genügen. Es sollten mindestens zwanzig sein. Und Brandgeschosse brauchen wir auch.«
»Du willst beschießen, was du nicht einmal siehst? Was für ein dämlicher Einfall ist das denn? Die Daimonen sind hinter der Nebelwand verborgen. Wir können nicht sehen, wann wir treffen und wann wir danebenschießen.«
»Ich war davon ausgegangen, dass du scharfsinnig genug bist, den tieferen Sinn dieser Maßnahme zu durchschauen, Madyas«, sagte Artax ironisch. Er war es leid, sich von einem Kerl beleidigen zu lassen, dem selbst nichts Besseres eingefallen war, als einen sinnlosen Reiterangriff gegen eine stark verteidigte Brücke zu führen.
Zornesröte stieg dem Reiterfürsten ins Gesicht. An seiner Schläfe trat eine dicke, pochende Ader hervor. »Hör mal zu, du eingebildeter …«
»Nein, du wirst zuhören«, unterbrach Artax ihn kalt, »und zwar so lange, bis du einen Vorschlag hast, der es wert ist, mein Gehör zu finden. Ansonsten schweigst du. Und wenn dir das nicht gegeben ist, können wir auch vor das Zelt gehen und diese Sache mit Klingen austragen, auf dass du danach für immer schweigen wirst. Du wärst nicht das erste Großmaul, das sich Unsterblicher nennt und von mir zur Strecke gebracht wird. Muwattas Schicksal kennst du, oder?«
Madyas öffnete die Schließe seines Schwertgurts und ließ ihn zu Boden fallen. »Wir regeln das nicht vor den Augen unserer Männer, sondern gleich hier in der Jurte.«
»Hast du Angst, dass ich dir die Kehle durchschneide, wenn wir Klingen benutzen?«
Madyas hob seine Fäuste. »Nach allem, was ich so über Muwatta gehört habe, schneidest du Männern auch schon mal den Schwanz ab, und meinen brauch ich noch.« Er grinste. »Was ist? Hast du Angst, dass ich dir die Zähne einschlage?«
Artax stellte seinen Maskenhelm auf den Kartentisch, löste seinen Schwertgurt und hob ebenfalls die Fäuste. »Nach allem, was ich über dich gehört habe, brichst du Männern, die besser aussehen als du, gerne die Nase.« Er grinste. »Wenn ich dich so ansehe, kommen dafür fast alle Männer infrage.«
In diesem Moment schwangen die Vorhänge am Eingang zurück, und der Löwenhäuptige betrat die Jurte. »Was geht hier vor?« Er sah zu Langarm und dem Großen Bären. »Und ihr beide seht einfach zu?«
»Manchmal regelt ein kleiner Faustkampf mehr als endloses Geschwätz«, brummte der Devanthar von Drusna. »Lass die beiden!«
Der Löwenhäuptige sah zu Artax, und Enttäuschung lag in seinen Augen. »Ich hatte dich für einen weiseren Mann gehalten.«
»Der Große Bär hat recht. Manchmal muss man es auf diese Weise austragen und nicht in endlosem Wortgeplänkel.« Obwohl er das sagte, machte es ihm zu schaffen, seinen Devanthar enttäuscht zu haben.
Wenn du seine Gunst verlierst, dann wirst du auch bald dein Leben verlieren, meldete sich die Stimme der früheren Aarons. Jene, deren Erinnerungen er in sich trug und die nun wirklich Unsterblichkeit erlangt hatten, auch wenn sie dazu verdammt waren, nur noch zuzusehen und lediglich ein Flüstern in seinen Gedanken zu sein.
»Bring uns nicht um das Spektakel einer guten Schlägerei, Bruder!«
Etwas an Langarms Stimme gefiel Artax nicht. Wollte er wirklich nur einen Faustkampf sehen? Oder ging es ihm darum, Unfrieden zu stiften?
Was glaubst du wohl, Artax? Er ist ein Freund Ištas, höhnte die Stimme in seinen Gedanken. Du kannst hier nicht gewinnen. Besiegst du Madyas, dann hast du einen neuen Feind unter den Unsterblichen. Gewinnt er, dann wird er nichts als Verachtung für dich übrig haben.
»Na, willst du kneifen?« Madyas trat in die Mitte des Zeltes und winkte ihm. »Komm schon, oder bist du nur tapfer, wenn du dein Geisterschwert in Händen hältst?«