Artax rief sich die Geschichten in Erinnerung, die Kolja ihm über die Faustkämpfe in den Arenen erzählt hatte. Dort sollte eine Auseinandersetzung lange dauern, damit das Publikum auf seine Kosten kam. Der Drusnier hatte auch gerne davon erzählt, wie Schlägereien in Karawansereien und Schankstuben waren.
»Gibt es irgendwelche besonderen Regeln, nach denen du kämpfen willst, Madyas, Hüter der Herden, Licht der Sonne, Sohn des Weißen Wolfes?«
»Du hast aber brav meine Titel gelernt.« Er grinste. »Wenn du jetzt noch meine Stiefel küsst, dann kommst du ohne deine Fäuste aus dieser Sache raus. Und Regeln sind für Knaben, die noch an den Brüsten ihrer Amme liegen. Jetzt hör auf zu schwätzen, Mann, und schlag dich, bevor ich …«
Artax packte die Kiste mit Sand auf dem Tisch und schleuderte sie Madyas entgegen. Der Unsterbliche wehrte die Kiste mit dem Unterarm ab, aber der Sand blendete ihn. Noch bevor er sich von der Überraschung erholt hatte, war Artax bei ihm. Ohne zu zögern, trat er Madyas zwischen die Schenkel, und als der Steppenreiter mit einem Stöhnen einknickte, riss Artax das Knie hoch, sodass es Madyas mit voller Wucht unter das Kinn traf.
Der Unsterbliche stürzte nach hinten. Sofort war Artax über ihm und setzte ihm den Fuß auf die Kehle. Er dachte an Shaya, und es fiel ihm schwer, dem Herrscher der Ischkuzaia nicht einfach die Luftröhre zu zerquetschen. »Reicht das als Eindruck, wie ich meine Schlachten führe?«
Madyas schob den Fuß zur Seite, der auf seine Kehle drückte. Erstaunlicherweise grinste er. »Ist mir eine Freude, auf deiner Seite zu kämpfen.«
Artax trat einen Schritt zurück, bereit, sofort wieder zuzuschlagen, sollte Madyas weiterkämpfen wollen. Doch der Steppenreiter wischte sich nur über die blutigen Lippen. »Ich habe dich unterschätzt. Du hast wirklich Eier! Und nun erzähl mir mal, warum wir Katapulte brauchen, um auf einen Feind zu schießen, den wir nicht sehen und wahrscheinlich auch nicht treffen werden.«
»Es geht nicht um den Feind. Wir tun das für unsere Männer. Es wird sich längst im Lager herumgesprochen haben, was uns am anderen Ende der Brücke erwartet. Wenn wir zurückschießen, dann hebt das die Moral. Und dass wir nicht treffen, kann man von diesem Ufer aus ja nicht sehen.« Er lächelte. »Und wer weiß, wenn wir Brandgeschosse benutzen, können wir die Flammen ja vielleicht doch durch den Nebel sehen. Es ist den Versuch auf jeden Fall wert.« Artax wandte sich an den Götterschmied. »Sind die geflügelten Löwen fertig?«
»Drei.« Langarm machte eine resignierende Geste. »Es ist aufwändig, sie zu bauen, und ich habe sie noch nicht ausreichend erprobt.«
»Werden sie fliegen?«
»Hm, weißt du, wie es ist, Magie und Mechanik miteinander zu verweben? Das sind Kräfte, die nicht miteinander harmonieren.«
»Werden sie fliegen?«, beharrte Artax.
»Ja, aber mit dem Landen könnte es Probleme geben.«
»Es ist ein großer Drache gekommen«, sagte Artax und blickte zu Madyas. »Reitest du auch Löwen?«
Der Unsterbliche wirkte nicht sonderlich glücklich über die Frage. »Natürlich.«
»Wirst du an meiner Seite sein?«
Madyas wirkte ein wenig blasser. »Sehe ich aus wie ein Feigling?«
»Dir ist schon klar, dass Drachen Feuer speien«, wandte der Löwenhäuptige ein. »Außerdem wird er ein viel besserer Flieger sein als du. Du bringst dich um, wenn du dich zu einem Kampf in der Luft stellst.«
»Irgendjemand muss unsere Männer vor Angriffen aus der Luft schützen. Ich habe niemals von meinen Kriegern etwas verlangt, was ich nicht selbst zu tun bereit wäre. Also ist mein Platz dort oben, auch wenn ich mich fürchte«, entgegnete Artax.
»Du glaubst, wenn du die Schlacht planst, wird ein Angriff über die Brücke endlich gelingen?«, fragte der Große Bär, der sich von Volodis Krankenlager abgewandt hatte.
»Wir werden es diesmal anders anfangen. Wir werden ihnen so viele Ziele bieten, dass sie gar nicht mehr wissen werden, wohin sie zuerst schießen sollen. Das erfordert allerdings ein wenig mehr Koordination als bisher. Ich habe folgenden Plan …«
Als er geendet hatte, herrschte zustimmendes Schweigen im Zelt. Nur der Löwenhäuptige schien nicht überzeugt zu sein. »Dein Plan klingt gut, Unsterblicher Aaron, aber da ist etwas, das sich unserem Verstehen entzieht! Ich habe den letzten Angriff der Ischkuzaia beobachtet. Etwas war da draußen im Nebel. Nicht auf der Brücke und auch nicht im Fluss. Es scheint ätherisch zu sein, und es hat von der letzten Lebenskraft der Sterbenden gezehrt. Einen Zauber wie diesen habe ich noch nie gesehen. Es gibt dort draußen eine Kraft, die sich all unseren Plänen entzieht. Wir sollten vorsichtig sein.«
»Aber zurück können wir nicht mehr!«, warf der Große Bär ein. »Wenn es sein muss, gehe ich selbst über die Brücke und führe meine Drusnier an.«
»Und ich gehe an deiner Seite«, sagte Volodi schwach.
Artax dachte an das schreckliche Gemetzel auf der Ebene von Kush. Auch dort waren seine Pläne nicht aufgegangen. Muwatta mochte ein grausamer und eitler Tyrann gewesen sein, aber er hatte sich auch als fähiger Heerführer erwiesen. »Keine Schlacht verläuft nach Plan«, sagte Artax melancholisch.
Er hatte das Antlitz von Narek vor Augen, seinem Jugendfreund, der auf der Ebene von Kush gefallen war, und er musste an seinen kleinen Sohn denken; daran, wie tapfer Daron in jener Nacht gewesen war, als er ihm die Nachricht vom Tod seines Vaters gebracht hatte. Narek hatte an einem der sichersten Plätze auf dem Schlachtfeld gestanden. Er war von Kriegern umgeben gewesen, die ihn und die Standarte, die Narek gehalten hatte, schützen sollten. Und doch hatte der Tod seinen Freund gefunden.
»Wenn wir die Angreifer sind, wird es weniger Überraschungen geben«, schloss er mit fester Stimme. »Wir dürfen nicht gleich im ersten Gefecht vor den Daimonen weichen. Wenn niemand weitere Einwände hat, dann bleibt es bei dem, was ich vorgeschlagen habe.«
Unter Feuer
»Achtung!«Ailyns Ruf zerriss die Stille der Nacht.
Fast im selben Augenblick zerbarst etwas, keine zehn Schritt hinter Galar, und eine blendende Flamme erhob sich aus dem Schnee. Der Zwerg blinzelte verschlafen. Ein Rinnsal aus Flammen lief die Uferböschung hinab in seine Richtung. Hinter der Nebelwand erklang ein dumpfer Laut, als hätte jemand mit der Faust auf einen Lederbezug geschlagen. Kaum zwei Herzschläge später sprühten Flammen hinter dem Lagerplatz der Trolle auf.
»Katapulte.« Nyr sah ihn aus weit aufgerissenen Augen an. »Sie haben Katapulte gebaut.«
»Groz!«, rief Ailyn. »Scheuch deine Männer auf. Wir müssen die Speerschleudern weiter nach hinten bringen.«
»Warum?« Der Troll blickte zum Himmel, wo eine Flammenkugel wie ein fallender Stern dahinzog.
»Weil sie verbrennen werden, du Trottel. Wir müssen uns vom Ufer zurückziehen. Wir …« Die Flammenkugel stieß steil vom Himmel hinab. Und dieses Mal zerbarst sie mitten unter den Trollen. Brennendes Öl spritzte aus dem aufplatzenden Geschoss. Etliche Trolle wurden getroffen. Wild schreiend schlugen sie auf ihre graue Haut, auf der Flammenzungen tanzten.
»Wälzt euch im Schnee!«, befahl Ailyn ruhig, obwohl schon wieder ein dumpfer Schlag vom jenseitigen Ufer zu hören war und eine weitere Feuerkugel in steilem Bogen in den Himmel stieg.
Die meisten Trolle hörten nicht auf die Elfe. Manche schlugen einfach mit ihren riesigen Händen auf die Brände ein. Andere rannten hinab zum Fluss, um sich ins Wasser zu werfen. Doch nur wenig später ertönten von dort noch grässlichere Schreie, und keiner der Trolle kehrte zurück.
Das nächste Geschoss verfehlte sie weit. Es schlug mehr als dreißig Schritt hinter ihren Geschützstellungen ein.
»Sie orientieren sich an den Feuern und unseren Schreien«, brüllte Nyr über das Getöse hinweg. »Wir müssen schreien, wenn sie danebenschießen, und ruhig bleiben, wenn ihnen ein Treffer gelingt.«
»Du spinnst! Wie willst du brennende Trolle ruhig halten?«, fragte Galar. Aus den Augenwinkeln beobachtete er Ailyns Reaktion. Offensichtlich hatte auch sie gehört, was der Geschützmeister riet, und der Zwerg konnte sich nur zu gut vorstellen, welchen Schluss sie daraus ziehen würde.