»Sie können uns nicht sehen. Vielleicht ein schwaches Leuchten der Brände. Aber in erster Linie schießen sie nach Gehör. Das ist unsere Hoffnung. Wir können sie täuschen, wenn …«, wiederholte Nyr stur.
»Er hat recht!«, bekräftigte Ailyn und hatte es plötzlich eilig, die Uferböschung hinabzulaufen. Kaum einen Herzschlag später schlug dort, wo sie eben noch gestanden hatte, das nächste Brandgeschoss ein. Ein Tongefäß zersplitterte krachend auf dem festgestampften Schnee. Es war in ein Netz aus teergetränkten Hanfseilen gewickelt. Die Seile standen in Flammen, und sobald der Tonkrug zerschellte, entzündeten sie das heiße Öl, das Flammenzungen in alle Himmelsrichtungen verspritzte. Zischend schmolz der Schnee unter dem Feuer. Rinnsale, auf denen Flammen trieben, flossen die Böschung zum Fluss hinab.
Ein weiteres Tongefäß schlug auf den hart gefrorenen Schnee. Eine Feuerblume erblühte, fast zwanzig Schritt von der letzten Geschützstellung entfernt.
»Schreit!«, befahl Ailyn. »Los, schreit!«
Nyr war der Erste, der ihrem Befehl folgte. Er brüllte los, als hätte man ihm ein Schwert in die Gedärme gerammt. Als Nächstes schrie Che auf. Dann begannen auch die anderen.
Galar fand es albern. Es mochte vernünftig sein, aber irgendwie konnte er nicht.
Ein weiteres Brandgeschoss zerplatzte auf dem Ufer. Diesmal war es gut platziert. Es war inmitten der Kobolde eingeschlagen. Das Geschrei, das eben noch ausgelassen und gekünstelt geklungen hatte, war nun echt.
Ein Kobold, ganz in Flammen gewandet, lief auf Galar zu. Es war einer von denen mit roter Wollmütze. Sein Gesicht lag hinter einem Schleier aus Feuer. Nur sein weit aufgerissener Mund war deutlich zu erkennen.
»Still!«, befahl Ailyn. Doch keiner hörte. Schmerz und Entsetzen hatten jeglichen Gehorsam aufgelöst. Entschlossen trat die Elfe hinter den Kobold, der vor Galar Halt gemacht hatte und sich auf die Arme schlug, in einem grotesken Versuch, die Flammen, die seinen ganzen Leib umfingen, zumindest dort zu löschen.
Ailyn griff ihm in den Nacken. Galar konnte nicht genau erkennen, was sie tat, aber das Schreien verstummte, und die Arme des Kobolds sanken schlaff herab. In den Augen des Kobolds sah der Zwerg namenlosen Schrecken. Der kleine Krieger war noch bei vollem Bewusstsein, aber er brachte keine Silbe mehr über die Lippen, war unfähig, sich zu rühren. Er stand still wie ein Baum, der Feuer gefangen hatte.
Ailyn trat zu Galar und wischte an seiner Weste ihre besudelte Hand ab. »Ihr schreit nur, wenn ich es euch erlaube«, sagte sie mit düsterer Entschlossenheit in die Runde. »Ihr gehört mir. Und auch wenn ihr mich jetzt still verfluchen werdet, am Ende werdet ihr begreifen, dass ich eure Leben rette.«
Die Verwundeten waren von ihren Worten nicht im Mindesten beeindruckt. Weiter hallten ihre Schreie durch die Nacht, und Ailyn brachte noch drei andere Kobolde zum Schweigen. Dann endlich wurde es stiller.
»Los, tun wir was!« Bailin stieß Galar in die Seite. »In dieser Nacht sind wir alle Gefährten, ganz gleich, was in der Vergangenheit war.« Mit diesen Worten ging der Hauptmann zu einer kleinen Gestalt, die zusammengekrümmt am Boden lag, und erstickte die Brände auf dessen Felljacke mit einigen Händen voll Schnee.
Auch Nyr machte sich an die Arbeit. Er schaufelte Schnee in die Flammen des Feuerkruges, der in ihrer Mitte zerschellt war. Aus den Schreien war ein leises Wimmern geworden, als erneut ein Licht seine bedrohliche Bahn durch den Nebel zog.
»Zur Seite, Che!«, schrie Galar auf. »Nehmt die Beine in die Hand!«
Der Anführer der Kobolde blickte zum Himmel hinauf. Kurz runzelte er die Stirn, und dann erstarrte er, als stünde auch er unter dem seltsamen Zauberbann, den Ailyn auf die Männer gelegt hatte, die in Flammen gestanden hatten.
»Verdammter Idiot!« Galar stürmte vor. Kobolde, alles Maulhelden, die zu blöd zum Scheißen waren. Der Zwerg packte Che und stürmte weiter. Zwei Schritt nur, dann rutschte er auf der vereisten Uferböschung aus. Einen Herzschlag später schlug der Feuerkrug ein. Fast genau an der Stelle, an der Che eben noch gestanden hatte. Eine weitere Feuerblume erblühte. Etwas spritzte auf Galars Hand. Er stöhnte auf, schlug die Hand in den Schnee und rollte sich vom Kobold fort, den er unter sich begraben hatte.
Doch da war kein Feuer auf seiner Hand. Er hatte lediglich einen Spritzer heißen Öls abbekommen. Die Haut auf dem Handrücken war zu einer dicken roten Quaddel aufgequollen. »Scheiße«, fluchte er durch zusammengebissene Zähne, als plötzlich etwas seinen Rücken traf.
Che schlug ihm mit einem dicken Schneeball auf die Schaffellweste. »Du dampfst«, erklärte der Kobold. »Hast noch mehr Öl abbekommen. Da waren auch zwei kleine Flämmchen. Die sind aber schon erstickt.«
Galar sah den Kobold misstrauisch an. Che stand über ihn gebeugt und trug einen breiten Schwertgurt über der Brust, den er irgendeinem gemeuchelten Zwerg abgenommen hatte. Er hätte den Bastard einfach da stehen lassen sollen, war er doch für den Tod von etlichen Zwergen verantwortlich. Und wenn das hier vorüber war, würden er und seine Koboldhorde vielleicht einen neuen Krieg gegen die Zwerge von Ishaven anzetteln. Es wäre so leicht gewesen …
»Danke!«, sagte Che plötzlich. Es war ihm anzusehen, dass ihm dieses Wort nicht leicht über die Lippen gekommen war.
»Hab dich bei dem schlechten Licht für ’nen Zwerg gehalten.«
»Klar.« Der Kobold grinste. Er wusste, dass kein Zwerg Albenmarks jemals versehentlich einen Kobold für seinesgleichen halten würde.
Zwei weitere Brandgeschosse schlugen weit hinter ihnen in den Schnee.
»Schreit!«, befahl Ailyn.
Und diesmal erhob sich ein Wehgeschrei, als wäre ihre halbe Truppe in Flammen gesetzt worden. Auch klangen die Schreie nun erschütternd echt.
Che streckte Galar die Hand entgegen, um ihm aufzuhelfen. »Gehen wir näher ans Ufer.«
Galar griff nicht zu. So weit kam es noch, dass er sich von einem verdammten Eisbart hochhelfen ließ!
»Dickschädel, was?« Che hatte immer noch gute Laune. »Du bist der erste Zwerg, den ich mag«, erklärte er grinsend. »Natürlich nur so viel wie eine Steinviper, die man über dem Lagerfeuer brät. Aber wenn so eine verdammte Viper erstmal tot ist und gut durchgebraten wurde, dann kann man wirklich Freude an ihr haben.«
»Was ist das«, knurrte Galar. »Eine Beleidigung oder eine Kriegserklärung?«
Che hob in großer Geste die Hände. »Das war nett gemeint. Du hast mir das Leben gerettet. Mir, dem Anführer der Eisbärte. Ich bin wirklich überrascht, ja, sogar ein klein wenig gerührt.«
»Wäre nett, wenn du nicht herumerzählst, was ich getan habe«, brummte Galar. »Die Zwerge von Ishaven würden mich für diese glorreiche Tat vermutlich an die Tore ihrer Festung nageln.«
Che schüttelte den Kopf, und als er antwortete, lag kein Schalk mehr in seiner Stimme. »Nein, sie würden sich etwas Schlimmeres einfallen lassen.«
Sie erreichten das Ufer des dampfenden Flusses. Wieder zogen Feuerbälle über sie hinweg durch den Nebel. Dieses Mal verfehlten sie die Geschützstellung um fast vierzig Schritt. »Schreit!«, befahl Ailyn erneut.
Trolle, Zwerge und Kobolde gehorchten, und allgemeines Wehklagen erhob sich. Nyrs Plan, umgesetzt von einer gnadenlosen Elfe, hatten sie es zu verdanken, wenn im Augenblick keine Feuerkrüge in ihren Reihen einschlugen. Doch Ailyn machte sich nichts aus ihrem Erfolg, sie blickte angespannt in den Nebel über dem Fluss, und Galar fragte sich, welche neuen Schrecken sie dort sah.
Sieben Stundengläser
Artax schritt die lange Reihe der Katapulte ab, die dicht beim Ufer standen. Inzwischen waren dreiundzwanzig der großen Geschütze mit ihren langen Wurfarmen errichtet worden. Hinter ihnen türmten sich Hunderte von Feuerkrügen.
»Du hast mich verstanden?«, fragte er scharf den hageren Hauptmann, der ihn begleitete.