Der Valesier nickte, wobei ihm der üppige Rosshaarschweif seines Helms vors Gesicht schwang. Artax hielt den Mann für einen eitlen Stutzer. Die Geschütze zu bedienen war die Aufgabe, die den Valesiern in diesem ersten Gefecht zugeteilt worden war. Drei Tage lang hatten sie das andere Ufer beschossen, bis dort nur noch vereinzelt Schreie erklangen.
»Dreht die Stundengläser!«, befahl Artax den Dienern in seinem Gefolge, und sieben Stundengläser wurden alle im selben Augenblick auf den Kopf gestellt.
Artax persönlich nahm eines und reichte es dem Valesier. »Du wirst all deine Katapulte schießen lassen, was das Zeug hält. Übertriff dich selbst! Verwandele das andere Ufer in eine Flammenwand. Aber sobald das letzte Sandkorn durch das Glas gefallen ist, hört ihr auf zu schießen. Dies wird der Augenblick sein, in dem unsere Männer angreifen.«
Der Hauptmann nickte erneut, und wieder wischte ihm der viel zu lange Rosshaarschweif über das Gesicht.
»Ich verlasse mich auf dich, Vibius. Wenn deine Katapulte zu lange schießen, werden Hunderte unserer eigenen Krieger in den Flammen vergehen.«
»Ich werde das Stundenglas nicht aus dem Blick lassen.« Deutlich war der Stimme des Hauptmanns nun anzuhören, wie unwohl er sich fühlte.
»Stellst du den Beschuss zu früh ein, werden die Daimonen Gelegenheit haben, ihre Speerschleudern wieder zu bemannen. Alles kommt auf dich an. Ich vertraue dir!« Artax konnte sehen, wie seine letzten Worte die Zweifel des Hauptmanns hinwegfegten. Der Befehlshaber der Geschütze wirkte entschlossener als zuvor.
Mit einem Blick zu seiner Dienerschaft überzeugte der Unsterbliche sich noch einmal davon, dass sie alle die Stundengläser umgedreht hatten. Nun war der Angriff nicht mehr aufzuhalten, und ihre Zeit rann dahin. Mit einem knappen Gruß verließ Artax die Katapultstellungen und ging weiter den Fluss hinab, dorthin, wo die Katamarane der Krieger von den Schwimmenden Inseln knapp vor der abschüssigen Uferböschung lagen. Mit ihren flachen Doppelrümpfen würden die Boote wie Schlitten über den vereisten Grund in den Fluss gleiten.
Inmitten seiner Krieger erwartete ihn sein unsterblicher Bruder, Keanu, der Herr aller Wasser. Die schlanke, hochgewachsene Gestalt trug einen Federmantel, der in allen Regenbogenfarben schillerte. Seine Rüstung ähnelte der, die Artax trug, nur dass sie eine Brustplatte besaß, die aussah, als wäre sie aus einem Schildkrötenpanzer gefertigt.
»Deine Männer sind bereit?«
Keanu lächelte breit. »Sie können es kaum erwarten zu triumphieren, wo alle anderen bisher versagten.«
Artax missfiel die Überheblichkeit seines Bruders, aber er ließ sich nichts anmerken. »Bring die Boote wie besprochen bis zur Mitte des Flusses.« Er winkte einem Diener. »Sobald das Stundenglas abgelaufen ist, werden die Katapulte aufhören zu schießen. Dann stoßt schnell zum feindlichen Ufer vor.«
Keanu nahm das Stundenglas entgegen. »Ich erinnere mich sehr wohl, was besprochen ist. Du musst mir unsere Pläne nicht noch einmal auseinandersetzen.«
Arroganter Kotzbrocken, höhnten die Stimmen in Artax’ Gedanken. Du solltest dir solche Frechheiten nicht gefallen lassen. Wenn du schweigst, wird er das als Schwäche werten. Du weißt, dass er ein Verbündeter der Zapote ist und alles tun wird, um deine Autorität zu untergraben.
Wahre Autorität bedeutet, dass man nicht auf jede Provokation reagieren muss, dachte Artax. »Ich verlasse mich auf dich, Bruder Keanu. Der Angriff deiner Männer wird über Sieg oder Niederlage entscheiden.«
»Wir werden die Ersten am anderen Ufer sein«, entgegnete der Herr aller Wasser zuversichtlich.
»Dann wirst du all deine Brüder beschämt haben.« Mit diesen Worten wandte sich Artax ab und ging weiter zu den Flugtürmen der Zapote. Ihr Unsterblicher stand auf dem höchsten der aus Bambusstangen errichteten Gerüste. Er trug eine Federrüstung und hatte seine mächtigen Adlerschwingen vor der Brust verschränkt. Um ihn herum klammerten sich Dutzende seiner Adlerritter an das Gerüst. Sie alle würden auf ausgebreiteten Schwingen über den Fluss gleiten, sobald die Zeit für den Angriff gekommen war.
Artax hatte mit Bedacht entschieden, keine Hornsignale zu geben, die die Daimonen auf dem anderen Ufer vorwarnen würden. Die Stundengläser zeigten an, wann der Augenblick zum Angriff gekommen war. Ohne Vorwarnung würden sie über ihre Feinde herfallen und sie hinwegfegen.
Eine Gestalt im schwarzen Gewand der Jaguarkrieger trat Artax entgegen und verbeugte sich. Breite, goldene Armreifen verrieten, dass es sich um einen Krieger von Rang handeln musste. »Mein Gebieter möchte an der Spitze der Adlerritter den Angriff führen. Bitte entschuldigt, wenn er nicht die Strapaze auf sich nimmt, Euch persönlich zu empfangen, Unsterblicher Aaron, Herrscher aller Schwarzköpfe. Mein Name ist Necahual, und es ist meine Aufgabe, all Eure Wünsche mit größter Beflissenheit auszuführen.«
Artax war sich bewusst, dass all dies nur Ausflüchte waren. Seit dem Überfall auf den Tempelpalast der Zapote in der Goldenen Stadt, bei dem Artax Volodi befreit hatte, herrschte unversöhnliche Feindschaft zwischen ihm und Acoatl.
»Bring deinem Herrn dies Stundenglas, Necahual. Sobald der Sand durchgelaufen ist, soll er mit seinen Kriegern den Angriff beginnen.«
»So wird es sein!« Mit einer Verbeugung nahm Necahual die Sanduhr an sich, die ihm von einem der Diener aus Artax’ Gefolge gereicht wurde.
Der Unsterbliche war froh, dieses Treffen hinter sich gebracht zu haben. Er ging zur Straße, die hin zur Brücke führte. Dort sammelten sich bereits lange Kolonnen von Kriegern. Auch dieses Mal würde der Hauptangriff an diesem Engpass erfolgen, und Artax war zuversichtlich, dass sie diesmal durchbrechen würden. Letzten Endes schien es am anderen Ufer gar nicht so viele Verteidiger zu geben. Wenn sie vom Wasser, aus der Luft und über die Brücke gleichzeitig angegriffen wurden, würden ihre Reihen brechen. Zumal sie unter dem Beschuss schrecklich gelitten hatten. Deutlich waren die Schreie der Verletzten und Sterbenden auch auf ihrer Seite des Ufers zu hören gewesen, vor allem das dumpfe Röhren der Riesen.
Die Truppen Luwiens bildeten die Spitze der Kolonne. Die Krieger stützten sich auf ihre hohen Schilde und plauderten leise. Dichte Atemwolken standen vor ihren Mündern. Alle trugen Wickelgamaschen aus Fell, dicke Westen und Umhänge aus schwerer Wolle. Wie schon auf der Ebene von Kush waren die luwischen Krieger bestens auf die Schlacht vorbereitet. Ihre Ausrüstung war exzellent: Kostbare Eisenspitzen schimmerten auf ihren langen Speeren, und sie wirkten furchtlos, obwohl sie ganz sicher von den Massakern der ersten Angriffe gehört hatten.
Manche der Krieger winkten ihm. Sie erkannten seine Rüstung und den großen Maskenhelm, den er unter dem Arm trug. Vor gar nicht langer Zeit hatten sie einander als Feinde auf dem Schlachtfeld gegenübergestanden, doch seit Labarna seinen Vorgänger Muwatta als Unsterblicher des luwischen Großreiches abgelöst hatte, hatte sich alles verändert. Sie beide wollten Frieden, und seit Menschengedenken war das Verhältnis zwischen den Reichen Aram und Luwien nicht so gut gewesen wie in den letzten Monden.
»Heh, Bauernführer!«, erklang eine befehlsgewohnte Stimme. Aus einer kleinen Gruppe am Ende der Kolonne löste sich ein Hüne von Mann. Unter den Kriegern, die ihn umringten, war er der am schlichtesten Gewandete. Seine Wollhose war abgewetzt und mit Dreck bespritzt, und der bronzene Brustpanzer, obwohl von offensichtlich guter Qualität, hatte in der Gravur, die eine geflügelte Gestalt zeigte, Grünspan angesetzt. Von seinem Schwertgurt hing der Maskenhelm, das Statussymbol der Unsterblichen. Auf den Schultern des Kriegers ruhte eine massige Keule, aus der Bronzenägel ragten. Labarna hatte seine Arme lässig darübergelegt, sodass er von Ferne aussah wie ein Gekreuzigter.
»Ah, der luwische Kahlkopf ist auch endlich eingetroffen«, entgegnete Artax mit breitem Lächeln. Labarna hatte sich den Schädel kahl geschoren. Nur zwei breite, in Locken gedrehte Haarsträhnen an seinen Schläfen waren geblieben.