Labarna ließ die Keule von den Schultern gleiten, trat vor Artax und packte dessen Handgelenk im Kriegergruß. »Gut dich zu sehen, Aaron. Und gut, dass du hier den Befehl führst.« Er senkte die Stimme. »Es würde mir nicht gefallen, von einem Unsterblichen, der sich wie ein aufgeplusterter Hahn kleidet, Befehle anzunehmen, wo ich mich mit meinen Männern aufstellen soll.«
»Du führst die Spitze des Angriffs«, sagte Artax ernst. »Es ist die gefährlichste Aufgabe.«
»Ich weiß doch, dass du es noch nicht aufgegeben hast, die Günstlinge Ištas auf schnellem Weg ins Grab zu schicken.« Er schlug ihm kameradschaftlich auf die Schulter, sodass Artax fast in die Knie gegangen wäre. Wahrscheinlich gab es Pferdetritte, die ein zärtlicherer Freundschaftsbeweis waren als ein Schulterklopfen des Hünen.
»Mach dir keine Gedanken. Meine Männer und ich sehen das auf die gleiche Art. Da wo es hart auf hart kommt, hat man am besten einen Luwier stehen, wenn man siegen will. Wir verstehen es als eine Ehre, den Angriff zu führen.«
Es war leicht, so zu sprechen, wenn man die Rüstung eines Unsterblichen trug, dachte Artax. »Die anderen haben dich in die Angriffspläne eingeweiht?«
»Sie waren gerade dabei.« Er winkte zu der Gruppe der Hauptleute, bei der er gestanden hatte, und Artax erkannte Subai, den Sohn des Madyas, Ormu, den Hauptmann seiner Kushiten, und den Unsterblichen Volodi.
»Das sind die Stundengläser?« Labarna nickte in Richtung der Dienerschaft, die Artax gefolgt war. »Eine ungewöhnliche Idee, einen Angriff abzustimmen. Ich finde ja, Hörnerklang und die Stimme des Feldherrn sollten den Sturm entfesseln, der über unsere Feinde kommt. Rieselnder Sand … hm, das hat nichts Heroisches.« Er legte Artax den Arm um die Schultern. »Komm, reden wir mit den anderen. Volodi ist immer noch beleidigt, weil du ihn nicht mit in den Himmel nimmst.«
Unterwegs fuhr Labarna mit gesenkter Stimme fort. »Ich bin froh, dass deine Wahl nicht auf mich gefallen ist. Ich bin wirklich kein Feigling, aber das, was du vorhast, das wäre nichts für mich.«
»Und doch wird der Tag kommen, an dem wir es alle gemeinsam tun müssen«, entgegnete Artax.
Labarna grinste. »Ich bin ein einfacher Mann, mein Freund. Ich denke nur selten an das Morgen.«
Die Feldherren standen um eine Feuerschale und wärmten sich die Hände, während sich hinter ihnen die Reiter aus Ischkuzaia sammelten. Subai würde mit seinen Steppenreitern nachsetzen, sobald es Labarna gelang, die Feinde von der Brücke zu drängen. Die reitenden Bogenschützen sollten den Daimonen jede Rückzugsmöglichkeit abschneiden, während Volodi als Dritter seine Krieger über die Brücke brachte, um Labarna bei den letzten Kämpfen zu unterstützen. Ormu hingegen sollte mit den Männern aus Aram als Lagerwache zurückbleiben.
Artax zweifelte nicht daran, dass sie siegen würden. Nur der Drache machte ihm Sorgen. Wie würde er sich verhalten? Wenn er die Brücke angriff, während dort Hunderte Krieger darauf warteten, dass es den Kämpfern an der Spitze gelang, die feindlichen Reihen zu durchbrechen, würde es ein Massaker geben. Er war entschlossen, das zu verhindern!
»Ihr alle wisst, was ihr zu tun habt?«
Die Feldherren nickten. Nur Subai gab ein mürrisches Grunzen von sich. Artax mochte den Steppenreiter nicht. Er wirkte stets übellaunig und hatte einen grausamen Zug um die Mundwinkel. Gut erinnerte er sich an die Geschichten, die Shaya über ihren Bruder erzählt hatte. Shaya … Wo sie jetzt wohl war? Er straffte sich. Er sollte sie vergessen. Zumindest für die Schlacht … Sie war nur noch ein Traum, so wie jene Almitra, die er sich in Gedanken als armer Bauer in Belbek ausgemalt hatte.
Er war zum mächtigsten Herrscher Daias aufgestiegen, doch der Traum von der Frau, mit der er leben wollte, war genauso unerfüllbar geblieben wie damals, als sein Leben Hunger und Armut gewesen war. Nichts hatte sich geändert … Wütend ballte er die Fäuste. Er wollte ihren Verlust nicht einfach hinnehmen! Er würde nach ihr suchen, wenn das hier vorüber war. Er würde sie finden, und wenn es ein ganzes Leben dauern würde. Doch zunächst galt es, hier zu siegen!
Artax winkte die Diener mit den restlichen Stundengläsern herbei und ließ sie den Befehlshabern überreichen. Nur Ormu bekam keines, da er am Angriff keinen Anteil haben würde, was der Jäger durchaus zu schätzen wusste. Er war kein Feigling, brannte aber nicht darauf, seine Männer um der Ehre willen in selbstmörderische Angriffe zu führen. Ganz anders als Volodi, der sichtlich schmollte, weil er mit seinen Kriegern zuletzt über die Brücke gehen würde.
Es waren nur noch knapp zwei Fingerbreit Sand in der oberen Hälfte der Stundengläser. Die Zeit lief ihnen davon.
»Gibt es noch Fragen?«
Schweigen war die Antwort. Alle sahen die Stundengläser an.
»Euch ist klar, dass ihr die schwerste Last in diesen Kämpfen tragt und dass das Gelingen dieses Angriffs vor allem von euch abhängt?«, wiederholte Artax seine Phrase. »Ich hoffe, in einer Stunde ist alles vorüber und wir alle sehen uns wohlbehalten am anderen Ufer wieder.«
»Wir sehen uns am anderen Ufer, Aaron, Herrscher aller Schwarzköpfe«, entgegnete Labarna feierlich. »Wir wissen, welchen Kampf du dir erwählt hast und wer das größte Risiko eingehen wird. Mögen die Götter mit dir sein!«
Artax lächelte verlegen, dann nickte er knapp und machte sich auf den Weg zu Langarm. In einer Bodensenke, geschützt vor neugierigen Blicken, erwartete ihn der Devanthar. Auch Madyas und Ansur, der Unsterbliche Herrscher von Valesia, waren bereits anwesend. Und drei silberne Löwen mit gefalteten, goldenen Schwingen.
Die Geschöpfe des Götterschmiedes waren ehrfurchtgebietend. Fast von doppelter Manneshöhe erstrahlten sie im klaren Licht des Wintertages in überirdischer Schönheit. Artax strich mit ausgestreckter Hand vorsichtig über das ziselierte Fell. Das Metall fühlte sich warm an, ganz so, als hätte er einen lebenden Körper berührt. Der Löwe drehte den Kopf nach ihm und betrachtete ihn mit seinen himmelblauen Augen, als wäre er ein Geschöpf mit Verstand und nicht nur eine von Langarm ersonnene Maschine. Seine Mähne war aus Hunderten einander überlappenden Goldschuppen erschaffen, die leise klirrten, wenn er sich bewegte. Er öffnete sein Maul und zeigte Artax dolchlange Fänge. Dann ließ er es mit scharfem Klirren wieder zuschnappen.
»Ich bin sie kaum geflogen«, erklärte Langarm, dem bei dem Gedanken an das, was bevorstand, sichtlich unwohl war. »Sie sind nicht ausreichend erprobt. Es ist der blanke Leichtsinn, mit ihnen sofort in ein Gefecht ziehen zu wollen. Ganz zu schweigen davon, dass ihr das Fliegen auch noch nicht geübt habt.«
»Langarm hat recht«, bekräftigte Ansur. Der Unsterbliche erinnerte Artax jedes Mal, wenn er ihm begegnete, eher an einen Gelehrten als an einen Kriegerkönig. Er war von kleiner, zierlicher Statur und hatte ein schmales Gesicht, dessen auffälligstes Merkmal ein großes Muttermal dicht über der Oberlippe war. Nur seine grauen Augen brannten von einer Leidenschaft, die den ersten Eindruck farbloser Gelehrsamkeit verblassen ließ.
»Ich sitze fest im Sattel, ganz gleich, was für ein Vieh mir unterkommt«, entgegnete Madyas abfällig. »Ich werde bestimmt nicht Zuschauer sein, wenn meine Männer kämpfen!«
Artax nickte ihm zu. Er war erleichtert, nicht alleine in den Himmel reiten zu müssen. »Wenn der Drache kommt, können nur wir allein sie vor dem Flammentod schützen.« Er blickte auf die Sanduhr. Nur ein Fingerbreit stand noch in der oberen Hälfte des Glases. Nun gab es kein Zurück mehr.
»Dann werdet ihr das hier brauchen.« Mit diesen Worten bückte sich Langarm und hob etwas auf, das halb im Neuschnee verborgen gelegen hatte. Eine Lanze, fast vier Schritt lang, mit einem Stichblatt wie eine Schwertklinge und einer schweren Kugel am anderen Ende. »Sie sind leider nicht perfekt ausbalanciert. Mehr war in der kurzen Zeit nicht zu machen. Außer Mut werdet ihr eine verdammte Portion Glück brauchen, um lebend wieder herunterzukommen!«
Aus Edelmut geboren