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»Über dir!«, schrie Galar.

Groz reagierte für seinen Körper erstaunlich schnell. Er stemmte den Baumstamm, den er als Waffe nutzte, senkrecht in die Höhe, sodass der Adlerkrieger mit aller Wucht seines Sturzfluges auf das obere Ende des Stammes prallte. Federn stoben auf, als hätte ein Habicht eine Taube geschlagen. Ein Flügel des Vogelmanns wurde nach hinten gerissen und zerbrach. Groz aber nahm den Stamm und rammte ihn in weit ausholender Bewegung in eine Schlachtreihe aus Speerträgern, die sich am Ufer formierte.

Alle Blicke richteten sich auf den Troll, der sich mit dröhnendem Gebrüll in den Kampf warf. Galar nutzte die Gelegenheit, um sich an zwei Kriegern vorbeizudrücken und unter die Speerschleuder zu kauern. Mit dem Knauf seines Dolches zerschlug er den Ölkrug und griff nach der Lunte, die im Boden eines zweiten, zerbrochenen Kruges vor sich hin schwelte. Langsam nur wuchs aus der Glut eine kleine Flamme, die über das Hanfnetz des zerbrochenen Feuerkrugs kroch. Das musste reichen. Ein paar Augenblicke noch, und das Holz des Geschützes würde Feuer fangen.

Galar schob sich unter der Speerschleuder hervor und wollte sich gerade davonmachen, als ihn ein derber Stoß in den Rücken traf und zu Boden warf. Sein dünner Bart tauchte in das Öl, das aus dem zerbrochenen Krug geflossen war. Mehr überrascht als benommen, versuchte er sich aufzurichten, als ihn ein zweiter Stoß traf. Wieder wurde er zu Boden geworfen; diesmal sah er aus den Augenwinkeln einen Speer.

Fluchend drehte er sich um, und als ein dritter Speerstoß diesmal auf seine Brust zielte, packte er die Waffe dicht hinter dem Stichblatt. Mit einem Ruck entriss er sie den Händen eines Kriegers, der sich eine Fischfratze ins Gesicht tätowiert hatte.

»Und ich dachte, die verdammten Fische kämpfen heute auf unserer Seite«, knurrte Galar und drehte den Speer, sodass die Spitze nun auf den Menschensohn zeigte. Statt zu flüchten, rammte der Krieger seinen Schild vor den Speer und versuchte sich, geschützt durch das zähe Leder, auf Galar zu werfen, um ihn zu Boden zu drücken.

»Hältst du mich für einen Floh, den man einfach zerquetschen kann?«, fluchte der Zwerg, ließ den Speer fallen und riss den Dolch aus Silberstahl aus der Scheide am Gürtel, als ihn das volle Gewicht des Menschensohns traf. Er hielt den Dolch vor der Brust, wurde aber zu Boden gedrückt. Die Augen inmitten der Fischtätowierung weiteten sich erschrocken, und der Krieger stieß einen grunzenden Laut aus. Der Elfendolch hatte Schild und Rüstung durchdrungen, und durch sein eigenes Gewicht hatte sich der Menschensohn die Klinge zwischen den Rippen hindurch tief in den Leib gedrückt. Blut quoll ihm über die Lippen, als er mit seinem Kopf vorstieß und versuchte, Galar in die Nase zu beißen.

»Idiot!« Der Zwerg spannte die Muskeln, hob den Schild und stieß ihn samt Krieger zur Seite. Dann zog er den Dolch aus der Brust des Sterbenden. »Trottel, hättest weiterlaufen sollen«, grummelte er vor sich hin, als er die Waffe im Schnee abwischte. »Hast mich wohl für klein und wehrlos gehalten, Fischfresse.«

Der Krieger antwortete nicht. Mit weit aufgerissenen, toten Augen starrte er in den klaren Winterhimmel.

Galar war umgeben von den stampfenden Füßen der Trolle. Für den Augenblick schienen die grauen Hünen die Stellung am Ufer halten zu können. Doch flussabwärts sammelten sich immer mehr Krieger, und über dem Wasser trieben seltsame grüne Schleier, deren bloßer Anblick dem Zwerg Todesangst einjagte. Dort wurde Magie gewirkt, dabei hatte es immer geheißen, die Menschenkinder könnten keine Zauber weben. Sollte das stimmen, dann mussten dort, irgendwo jenseits der Nebelwand, ihre Götter lauern. Mindestens einer von ihnen … Es war höchste Zeit, von hier zu verschwinden!

Galar zog seine Axt aus dem Gürtel und blickte auf die schwelende Lunte im zerbrochenen Tonkrug. Er musste endlich das Geschütz in Brand setzen. Zweifelnd sah er an sich hinab. Er war über und über mit Öl beschmiert. Er sollte verdammt vorsichtig sein!

Mit spitzen Fingern griff er nach der Lunte, um die herum schwaches Feuer flackerte, und ließ sie in eine andere Öllache fallen. Es dauerte einen Augenblick, bis auch dort eine kleine Flamme erwuchs und sich langsam ausbreitete. Das Öl war kalt. Es brannte schlecht. Das war gut. Galar wandte sich ab und packte seine Axt mit beiden Händen, als neben ihm ein gellender Schrei ertönte. Mehrere Menschenkinder hatten einem Troll ihre Speere in die Brust gerammt. Mit den Armen rudernd, stürzte der Hüne nach hinten. Genau auf ihn zu.

Der Zwerg hechtete zur Seite. Zu langsam! Ein Arm des Trolls traf ihn schwer und riss ihn zu Boden. Nun lag er direkt neben der Speerschleuder erneut im Öl! Und auf seiner Brust lastete ein Arm mächtig wie ein Baumstamm.

»Beweg dich!«, schrie er. »Verdammter Idiot! Mach was!«

Der Troll verdrehte die Augen. Er sah Galar an. Seine Lider begannen zu flattern.

»Du wirst jetzt nicht sterben! Hörst du? Heb deinen Arm!« Galar stemmte sich mit aller Kraft gegen den Troll, als eine Gestalt mit einem Speer über den Leichnam des Hünen hinwegstieg.

Galar verdrehte ebenfalls die Augen und entschied, sich tot zu stellen. Doch aus den Augenwinkeln sah er, wie die Flammen am Holz der Speerschleuder emporleckten und sich, immer stärker werdend, auch in seine Richtung ausbreiteten.

Der Menschensohn, der über ihm stand, starrte ihn forschend an.

Er durfte mit keiner Wimper zucken, dachte Galar und starrte reglos in das Antlitz, auf das ein Fischmaul mit unglaublich vielen Zähnen tätowiert war. Nicht bewegen. Ganz gleich, was geschah.

Das letzte Fest

Der Troll bewegte sich mit nervtötender Behäbigkeit. Selbst über einfachste Dinge wie eine Parade oder ein Wegducken schien er einen Augenblick nachdenken zu müssen, statt es einfach zu tun. Er steckte Treffer um Treffer von der hochgewachsenen Gestalt mit der Keule ein. Der Goldene vermutete, dass es ein Unsterblicher sein musste, der da an der Spitze seiner Krieger auf der Brücke kämpfte.

Das einzig Erstaunliche an dem Troll war, wie viele dieser knochenzerschmetternden Hiebe er aushielt, bevor er zu Boden ging. Kurz wischte die Landschaft und ein Stückchen Himmel an ihm vorbei, dann sah der Goldene durch die Augen des Trolls den Krieger mit dem Wolfsschädel auf dem Kopf über sich stehen. Ein Fuß drückte den Troll zu Boden. Der Menschensohn hob mit beiden Händen die Keule hoch über den Kopf. Dann fuhr die Waffe nieder. Sie zielte mitten auf das Gesicht!

Der Goldene schloss im Reflex die Augen. Er spürte keinen Treffer und teilte nicht die Schmerzen des Trolls. Als die Himmelsschlange ihre Augen wieder öffnete, war die Verbindung in die andere Welt abgebrochen.

Es war zum Verzweifeln. Der Kampf um Wanu entglitt seiner Kontrolle. Er konnte nicht sagen, ob es ein Erfolg oder eine Katastrophe wurde.

Ihm war nach wie vor unklar, warum die beiden Trolle, die seine Spitzel gewesen waren, in der Stadt der Menschen zurückgeblieben waren. Zum Glück hatte sein Bote, Abendstern, die beiden so sehr aufgeschreckt, dass sie zum Heer zurückgekehrt waren. Aber wo steckte der Sonnendrache jetzt? Zuletzt hatte er ihn durch die Augen der beiden Trolle in der Menschenstadt gesehen.

Abendstern hätte zurückkehren sollen! Er hatte klare Befehle gehabt. Warum kam er nicht? Stürzte er sich in den Kampf am Fluss? Der Sonnendrache fand Gefallen an Tod und Gemetzel. Aber seine Mission war die eines Spähers und nicht die eines Kriegers.

Der Goldene entschied, den Zauber, der es ihm erlaubte, durch fremde Augen zu sehen, beim nächsten Mal auf jemand Zuverlässiges zu legen. Eine Drachenelfe. Eine, die ihre beste Zeit hinter sich hatte. Vielleicht Lyvianne? Bei ihr wäre es zu verschmerzen, wenn ihr Hirn etwas Schaden nahm. Er musste sich ohnehin etwas überlegen, um sie loszuwerden. Wie sie ihre eigenen Kinder mordete und immer auf der Suche nach einem Bettgefährten war, mit dem sie einen vollkommenen Elfen zeugen konnte, das konnte er nicht länger dulden. Nicht dass er moralisch sonderlich verwerflich fand, was sie tat … In gewisser Weise war es sogar konsequent. Fast alle Elfen strebten nach Vollkommenheit. Nur erschufen sie normalerweise Kunstwerke, Lieder, schöne Gärten.