»Los, kommt her und kämpft mit mir!«, wiederholte er. Seine Stimme bekam einen schrillen Klang, als das Feuer seinen Schritt erreichte. »Ich lauf nicht weg vor euch! Ich hab keine Angst. Kommt und seht, wie ein richtiger Mann kämpft!«
»Hast du einen Schlag auf den Kopf bekommen?«
Mit spöttischem Lächeln beugte sich Ailyn zu ihm hinab und hauchte ein Wort in einer uralten, ihm unbekannten Sprache. Ein Prickeln überlief den Zwerg, und seine Haare richteten sich auf. Die Elfe hob den Trollarm an, als wäre er leicht wie eine Feder. Galar atmete erleichtert ein, als der Druck von seiner Brust wich.
»Beeile dich!« Ailyn hielt den Arm mit der Linken. Plötzlich schnellte ihre Rechte hoch, und sie griff einen Speer aus der Luft, der wohl auf den Rücken eines Trolls gezielt hatte, der ein Stück voraus am Ufer kämpfte.
Mühsam kam Galar auf die Beine und begann, mit flachen Händen auf die Flammen einzuschlagen. Sich aufzurichten war keine gute Idee gewesen. Nun leckten die Flammen an ihm empor und breiteten sich schneller aus. Schon hatten sie seinen Bart erreicht!
Wieder flüsterte die Elfe ein Wort, das mehr an einen Tierlaut als an eine der geläufigen Sprachen Albenmarks erinnerte. Ihre flache, vorgestreckte Hand fuhr seinen Körper entlang, ohne ihn zu berühren, und alle Flammen verloschen.
»Lauf, Galar! Mach dich davon. Wir sehen uns in Wanu. Ich werde mit den Trollen versuchen, den Rückzug zu decken. Flieh, solange es noch möglich ist. Das Heer der Devanthar versucht uns zu umzingeln. Es bleibt nicht mehr viel Zeit zur Flucht.«
»Ich bin kein Feigling!«, empörte sich der Schmied. »Ich bin noch nie vor einem Kampf davongelaufen.«
»Wenn du kein Feigling bist, dann habe den Mut, dir unsere Niederlage einzugestehen, und die Klugheit, dich dafür zu entscheiden, an einem anderen Tag erneut zu kämpfen, wenn unsere Aussichten zu siegen besser sind. Jeden, der hierbleibt, erwartet der Tod.« Mit diesen Worten wandte sie sich ab und ging. Sie hielt immer noch den Speer. Es war das erste Mal, dass er Ailyn mit einer Waffe in der Hand sah.
Er entschied sich, auch einen Speer zu nehmen. Es lagen inzwischen genug auf dem Schlachtfeld herum. Die erste Waffe, die er fand, war schlecht ausgewogen und das Stichblatt nur aus Bronze. Aber er behielt sie dennoch. Sein Geschütz stand in Flammen, es gab keinen Grund, auch nur einen Augenblick länger als nötig zu bleiben.
Ein Schatten glitt über ihn hinweg. Immer noch kreisten Adlerkrieger am Himmel. Und viel höher war noch etwas. Es kam aus der Sonne, sodass er es nicht deutlich erkennen konnte. Etwas silbern Strahlendes mit weiten Schwingen.
Galar begann zu laufen. Er wollte dieses Vieh ganz sicher nicht aus der Nähe sehen.
Immer wieder stürzte er auf der steilen, felsigen Böschung. Gefrorenes Blut der Kobolde hatte sie erneut schlüpfrig werden lassen, obwohl die Brandgeschosse Schnee und Eis hatten verschwinden lassen. Überall lagen tote Eisbärte und zwischen ihnen mehrere Adlerkrieger. Ihre geflügelten Feinde schienen in einem ganzen Schwarm über die Kobolde hergefallen zu sein.
Von der Böschung hatte Galar einen guten Überblick über die Kämpfe. Nur zwei Trolle verteidigten noch die Brücke. Sie würden nicht mehr lange standhalten. Die Angreifer, die flussabwärts angelandet waren, hatten sich ein Stück zurückgezogen. Immer noch schoben sich neue Katamarane mit Kriegern auf das Ufer. Alle ihre Speerschleudern standen in Flammen, aber auch einige der Boote hatten Feuer gefangen, und schwarzer, öliger Rauch mischte sich in den weißen Nebel. Es waren viele Zwerge bei ihren Geschützen gestorben. Nyr, Bailin und die anderen Zwerge konnte er zum Glück nicht unter den Toten entdecken.
Verzweifelt blickte er zur kleinen Schar derer, die sich noch der Flut der Menschenkinder entgegenstemmte. Ailyn stand zwischen der Schlachtreihe der am Ufer kämpfenden Trolle und dem Wall aus Speeren, den die Menschenkinder gebildet hatten. Sie hatte ihren Speer mit der Spitze nach unten zur Seite gestreckt. Der lange Schaft lehnte auf ihrem Rücken. Ihr weißes Kleid bewegte sich sanft im Wind. Es sah aus, als wollte sie ganz allein das Heer der Menschenkinder aufhalten.
Schlachthörner riefen zum Angriff, und die Reihe Menschenkinder wogte Ailyn entgegen. Statt zu weichen, lief die Elfe den Kriegern entgegen. Ihr Speer wirbelte herum und band mehrere Waffen der Angreifer. Es war unglaublich zu sehen, wie Ailyn sich bewegte. Es erinnerte mehr an einen Tanz als an einen blutigen Kampf. Bald war sie auf allen Seiten von Feinden umringt. Dutzende Speere waren auf sie gerichtet. Doch sie schwang herum, zersplitterte die hölzernen Schäfte der feindlichen Waffen und schaffte es, die Kraft der Angreifer gegen sie selbst wirken zu lassen. Wirbelnder Schnee begleitete ihre Bewegungen, als wäre sie keine Gestalt aus Fleisch und Blut, sondern ein entfesselter Sturm.
Ein gellender Schrei brach den Bann, den der Kampf der Elfe auf Galar gelegt hatte. Dicht vor dem Ufer entstieg eine nackte Gestalt mit fahlgrüner Haut dem Fluss. Nie zuvor hatte der Schmied eine solche Kreatur gesehen. Sie war größer als ein Troll, hatte aber lange, schlanke Glieder wie eine Elfe. Kein Haar wuchs ihr auf dem Kopf. Der Schädel war nach hinten zurückgekrümmt und von Knochenspiralen umgeben. Sie erinnerten ein wenig an die Hörner von Bergziegen. Große, schwarze Augen lagen neben einer flachen Nase. Die Lippen waren nur ein schmaler Strich.
Die Kreatur reckte ihre Glieder und betrachtete einen Augenblick lang gedankenverloren ihre langen, feingliedrigen Hände. Nahe der Brücke verdichteten sich grüne Nebelschlieren zu einer zweiten, ähnlichen Gestalt. Was wurde dort aus den Wassern des Flusses geboren? Galar entschied, nicht länger zu warten. Fast alle dort unten vermochten schneller zu laufen als er. Das Einzige, was ihn retten würde, war ein ausreichend großer Vorsprung.
Als dicht neben ihm ein Speer in den Boden schlug, sah Galar erschrocken zum Himmel hinauf. Ein Löwe mit goldenen Schwingen flog in kaum zehn Schritt Höhe über ihm hinweg. In einem Sattel mit einer Lehne, hoch wie bei einem Thron, saß eine Gestalt, deren Antlitz blankes Silber war. Sie zog aus einem Köcher am Sattel einen weiteren Speer, während der Löwe eine weite Kehre flog und nun auf die Brücke zuhielt. Seitlich vom Sattel, dicht neben dem Knie des Reiters, steckte eine lange Lanze in einer Lederschlaufe. Unter dem Stichblatt, das wie eine Schwertklinge aussah, wehte ein rotes Banner, auf dem ein Löwenhaupt prangte.
Leises, metallisches Sirren begleitete den Flug des Löwen. Und sie hatten gedacht, Menschenkinder könnten keine Zauber wirken, dachte der Zwerg reumütig. Sie hatten ihre Feinde hoffnungslos unterschätzt. Und nun zahlten sie den Preis für ihre Überheblichkeit.
Galar lief los, wenn auch nicht sonderlich schnell. Er wusste, es lag ein langer Weg vor ihm und dass er mit seinen Kräften haushalten sollte. Er konnte den ganzen Tag am Amboss stehen, er hatte ein Kreuz wie ein Stier, aber Laufen, das war nie seine Sache gewesen. Er könnte auch mit einer schweren Last auf dem Rücken den ganzen Tag gehen, um nach zwei Stunden Rast noch einmal zwölf Stunden auf den Beinen zu sein. Aber Zwerge waren nicht dafür gemacht zu laufen. Das war Elfensache. Man musste sich deren lange Beine nur ansehen. Wie Pferde waren sie. Ein Zwerg war eher wie ein Dachs. Zäh, ausdauernd, in der Lage, sich tief in die Erde zu wühlen, nur laufen … Galar wurde bewusst, dass er sich mit diesen Gedanken nur ablenkte. Er wollte diese riesigen, grünen Gestalten vergessen, die sich aus dem Wasser erhoben hatten. Die hatten lange Beine gehabt und schienen zum Laufen geboren.
Unwillkürlich warf Galar einen Blick über die Schulter. Weit links von ihm bewegten sich zwei kleine, weiße Gestalten. Vermutlich Kobolde. Sie waren viel zu langsam! Galar schnaubte. Er schuldete diesen Zwergenmördern nichts, auch wenn sie hier an diesem verdammten, dampfenden Fluss zusammen gekämpft hatten. Und was noch wichtiger war: Sie hatten noch kürzere Beine als er. Sie würden ihn aufhalten.
Wieder blickte er zurück, die beiden Gestalten waren weiter zurückgefallen. Am Ufer dieses verdammten Flusses waren Kobolde gestorben, um Zwerge zu retten. Er dachte an all die Toten auf der Böschung, deren Blut auf den Felsen gefroren war. Sie hätten fortlaufen können, statt denen, die unten kämpften, den Rücken freizuhalten.