Ja, bestätigte Kareem höflich, er habe mal einen Bruder und eine Schwester gehabt, doch seine Schwester sei bei einem zionistischen Luftangriff auf das Lager in Nabatiyeh ums Leben gekommen. Sein Bruder war nach Rashidiyeh verlegt und dort drei Tage später bei einer Beschießung von See her getötet worden. Er beschrieb diese Verluste sehr bescheiden, als ob sie in der allgemeinen Tragödie nicht viel zählten.
»Palästina ist mal eine kleine Katze«, erzählte er Charlie eines Morgens geheimnisvoll, als sie geduldig in einem sich bauschenden weißen Nachthemd am Schlafzimmerfenster stand, während er seine Maschinenpistole schussbereit hielt. »Sie muss mal viel gestreichelt werden, sonst dreht sie durch.«
Er habe einen böse aussehenden Mann auf der Straße gesehen, erklärte er, und sei heraufgekommen, um nachzusehen, ob er ihn umbringen solle.
Yasir mit den tiefen Brauenwülsten eines Boxers und einem stechenden, flackernden Blick konnte sich überhaupt nicht mit ihr verständigen. Er trug ein rotkariertes Hemd und eine schwarze Kordel um die Schulter geschlungen, um seine Zugehörigkeit zum Militärischen Abwehrdienst kundzutun, und wenn es dunkelte, stand er im Garten und suchte das Meer nach zionistischen Angreifern ab. Er sei ein großer Kommunist, erklärte Kareem verständnisvoll, und er werde den Kolonialismus überall in der Welt vernichten. Yasir hasse Europäer und Amerikaner, selbst wenn sie behaupteten, Palästina zu lieben, sagte Kareem. Seine Mutter und seine ganze Familie seien in Tal al-Zataar umgekommen. Durch was? fragte Charlie.
Durst, sagte Kareem und erklärte ihr ein kleines Stück Zeitgeschichte: Tal al-Zataar - Thymian-Hügel - sei ein Flüchtlingslager in Beirut. Hütten mit Blechdächern, oft elf Menschen in einem Raum. Dreißigtausend Palästinenser und arme Libanesen hätten dort siebzehn Monate lang bei ununterbrochener Beschießung ausgehalten. Wer denn geschossen habe, wollte Charlie wissen. Diese Frage verwirrte Kareem. Die von der Kata’ib, sagte er, als ob das doch auf der Hand liege. Faschistische maronitische Freischärler, die von den Syrern und zweifellos auch von den Zionisten unterstützt würden. Tausende seien dabei umgekommen, doch wie viel genau, wisse niemand, sagte er; weil nur so wenige übrig geblieben seien, denen sie gefehlt hätten. Als die Angreifer ins Lager eingedrungen seien, hätten sie auch die letzten Überlebenden niedergemacht. Ärzte und Schwestern seien herausgeholt, in einer Reihe aufgestellt und dann gleichfalls erschossen worden, was nur logisch gewesen sei, denn schließlich hätten sie keine Medikamente, kein Wasser und keine Patienten mehr gehabt. »Warst du dabei?« fragte Charlie Kareem. Nein, entgegnete er; aber Yasir.
»In Zukunft legen Sie sich nicht mehr in die Sonne«, befahl Tayeh, als er am nächsten Abend kam, um sie abzuholen. »Wir sind hier nicht an der Riviera.«
Sie sollte Kareem und Yasir nie wiedersehen. Nach und nach geriet sie genau in jenen Zustand, den Joseph vorhergesagt hatte. Sie wurde an die Tragödie gewöhnt, und die Tragödie befreite sie von der Notwendigkeit, sich zu erklären. Sie war eine Reiterin mit Scheuklappen, die durch Ereignisse und Emotionen geleitet wurde, die zu groß waren, als dass sie sie in ihrem ganzen Ausmaß hätte begreifen können, die in ein Land geführt wurde, in dem die Tatsache, anwesend zu sein, bereits Teil einer ungeheueren Ungerechtigkeit war. Sie hatte sich den Opfern angeschlossen und fand sich schließlich mit ihrem Verrat ab. Mit jedem Tag, der verging, wurde die Fiktion ihrer vorgeblichen Treue zu Michel fester in den Tatsachen verankert, wohingegen ihre Treue zu Joseph - falls die keine Fiktion war - nur als ein heimliches Zeichen auf ihrer Seele überlebte. »Bald werden wir alle mal tot sein«, sagte Kareem, wie ein Echo auf Tayehs Ausspruch. »Die Zionisten werden uns alle zu Tode Völkermorden, du wirst mal sehen.«
Das alte Gefängnis lag in der Mitte der Stadt, und es sei, hatte Tayeh dunkel gesagt, die Stätte, an der die Unschuldigen ihr Lebenslänglich absäßen. Um hinzukommen, mussten sie das Auto auf dem Hauptplatz abstellen und ein Gewirr von alten Gassen betreten, die zwar zum Himmel offen waren, jedoch mit plastikgeschützten Spruchbändern vollhingen, die sie zuerst für trocknende Wäsche gehalten hatte. Es war die Abendstunde, wo man kaufte und verkaufte; Läden und Stände waren voll. Die Straßenlampen leuchteten tief in den alten Marmor der Hauswände hinein, so dass es aussah, als wären sie von innen beleuchtet. Der Lärm in den Gassen war zerrissen und verstummte manchmal, wenn sie um eine Ecke bogen, so dass sie dann nur noch ihre eigenen Schritte auf dem glänzenden Straßenpflaster klicken und schlurfen hörten. Ein feindselig blickender Mann in ausgebeulten Hosen führte sie. »Ich habe dem Verwalter gesagt, Sie seien eine Journalistin aus Europa«, erklärte ihr Tayeh, während er neben ihr her humpelte.
»Sein Benehmen Ihnen gegenüber ist nicht gerade freundlich, denn er hat etwas gegen diejenigen, die herkommen, um ihr zoologisches Wissen zu vergrößern.«
Der zerrissene Mond hielt Schritt mit ihnen; der Abend war sehr heiß. Sie betraten einen anderen Platz, und ein Schwall arabischer Musik aus Lautsprechern, die provisorisch auf Pfählen installiert waren, begrüßte sie. Das hohe Tor stand offen und ging auf einen hell erleuchteten Hof, von dem aus eine Steintreppe zu übereinander hängenden Laubengängen nach oben führte. Die Musik war noch lauter.
»Wer sind sie denn?« fragte Charlie. »Was haben sie getan?«
»Nichts. Darin besteht ihr Verbrechen. Es sind die Flüchtlinge, die aus den Flüchtlingslagern hierher geflüchtet sind«, erwiderte Tayeh. »Das Gefängnis hat dicke Mauern und stand leer, daher haben wir es in Besitz genommen, um sie zu beschützen. Grüßen Sie die Leute ernst«, fügte er hinzu. »Lächeln Sie nicht allzu bereitwillig, sonst glauben sie, Sie machten sich über ihr Elend lustig.«
Ein alter Mann saß auf einem Küchenstuhl und sah sie blicklos an. Tayeh und der Verwalter traten auf ihn zu, um ihn zu begrüßen. Charlie sah sich um. So was bekomme ich alle Tage zu sehen. Ich bin eine abgebrühte europäische Journalistin, die denen, die alles haben und trotzdem unglücklich sind, klarmacht, was Elend und Mangel wirklich bedeuten.
Sie stand in der Mitte eines riesigen Steinsilos, dessen uralte Mauern bis zum Himmel hinauf mit Käfigtüren und Laubengängen bepflastert waren. Frisch aufgetragene weiße Tünche bedeckte alles und erweckte die Illusion von Hygiene. Die Zellen zu ebener Erde waren Gewölbenischen. Die Türen standen wie einladend auf, die Gestalten darin schienen zuerst vollkommen regungslos. Selbst die Kinder bewegten sich, als dürften sie keine überflüssige Bewegung machen. Vor jeder Zelle hingen Wäscheleinen; ihre Symmetrie vermittelte den stolzen Wettstreit dörflichen Lebens. Charlie hatte den Geruch von Kaffee, offenen Abflussrohren und großer Wäsche in der Nase. Tayeh und der Verwalter kehrten zurück. »Warten Sie ab, bis man Sie anspricht«, riet Tayeh ihr nochmals. »Gehen Sie nicht unbekümmert auf diese Menschen zu, das verstehen sie nicht. Was Sie hier sehen, ist eine schon halb ausgestorbene Spezies.« Sie stiegen eine Marmortreppe hinauf. Die Zellen dieses Stockwerks hatten dicke Türen mit Gucklöchern für die Wärter. Der Lärm schien mit der Hitze größer zu werden. Eine Frau, die ganz in bäuerliche Tracht gekleidet war, ging an ihnen vorüber. Der Verwalter sprach sie an, und sie zeigte den offenen Gang entlang auf ein handgemaltes Zeichen in arabischer Schrift, das wie ein primitiver Pfeil aussah. Als Charlie in das Brunnenloch hinunterspähte, sah sie, dass der alte Mann wieder auf seinem Stuhl saß und ms Nichts starrte. Er hat sein Tagewerk vollbracht, dachte sie. Er hat uns gesagt: »Geht hinauf!« Sie kamen bei dem Pfeil an, folgten der angegebenen Richtung, stießen wieder auf einen Pfeil und gelangten bald in den eigentlichen Mittelpunkt des Gefängnisses. Um hier wieder herauszufinden, brauche ich einen Faden, dachte sie. Sie sah Tayeh an, doch er wollte sie nicht ansehen. Legen Sie sich in Zukunft nicht mehr in die Sonne. Sie betraten einen ehemaligen Aufenthaltsraum für die Wächter oder eine Kantine. In der Mitte stand ein mit Plastikstoff bespannter Untersuchungstisch und daneben, auf einem neuen Rolltisch, Medikamente, Behälter mit Tupfern und Spritzen. Ein Mann und eine Frau behandelten; die schwarzgekleidete Frau tupfte einem Baby gerade mit einem Wattebausch die Augen ab. Die wartenden Mütter saßen geduldig an den Wänden; ihre Kinder dösten und quengelten. »Bleiben Sie hier stehen«, befahl Tayeh, ging diesmal selbst vor und ließ den Verwalter und Charlie stehen. Doch die Frau hatte ihn bereits hereinkommen sehen; ihre Augen blickten zu ihm auf, dann richtete sie den Blick auf Charlie und ließ ihn bedeutsam und fragend zugleich auf ihr ruhen. Sie trat ans Waschbecken, wusch sich systematisch die Hände und studierte Charlie dabei im Spiegel. »Folgen Sie uns«, sagte Tayeh.