Endlich ein Lichtblick nach so viel Nebel! Rachel hatte recht gehabt; Kurtz hatte recht gehabt; Gott war gerecht und Misha Gavron auch. Die Kräfte des Marktes hatten zu einer natürlichen Lösung geführt.
Nur Gadi Becker nahm nicht an der allgemein gehobenen Stimmung teil.
Wo war er?
Es gab Zeiten, da die anderen das besser zu wissen schienen als er selbst. Eines Tages ging er in dem Haus in der Disraeli Street auf und ab und richtete seinen unsteten Blick immer wieder auf die Dechiffriermaschinen, die - für seinen Geschmack viel zu selten - berichteten, wo seine Agentin -Charlie - gesichtet worden war. Am selben Abend - oder genauer gesagt in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages - drückte er auf die Klingel von Kurtz’ Haustür, weckte Elli und die Hunde damit auf und verlangte die Zusicherung, dass keine Schläge gegen Tayeh oder sonst wen geführt würden, solange Charlie nicht verlegt worden sei. Er habe da so Gerüchte gehört, sagte er. »Misha Gavron ist nicht gerade für seine Geduld bekannt«, sagte er trocken.
Kam jemand von draußen zurück - zum Beispiel der junge Mann, der unter dem Namen Dimitri bekannt war, oder sein Gefährte Raoul, der per Schlauchboot rausgeschleust wurde -, bestand Becker darauf, bei der Einsatzbesprechung hinterher dabei zu sein und den Betreffenden mit Fragen nach ihrer Verfassung zu überschütten.
Nachdem er das ein paar Tage mitgemacht hatte, konnte Kurtz seinen Anblick nicht mehr ertragen - »lässt mich nicht los, wie mein eigenes schlechtes Gewissen« - und drohte offen, ihm das Haus zu verbieten, bis er sich einer weiseren Einsicht beugte. »Ein Agentenführer ohne seinen Agenten ist wie ein Dirigent ohne Orchester«, erklärte er Elli gegenüber tiefsinnig und hatte dabei Mühe, seinen eigenen Zorn zu schlucken. »Es ist richtiger, ihn aufzumuntern und ihm zu helfen, die Zeit rumzukriegen.«
Heimlich und nur mit Ellis geheimem Einverständnis rief Kurtz Frankie an, erzählte ihr, ihr ehemaliger Mann sei in der Stadt, und gab ihr seine Telefonnummer; denn Kurtz ging mit Churchillscher Großmut davon aus, dass jeder eine so glückliche Ehe führen solle wie er selber.
Frankie rief denn auch an, Becker lauschte eine Weile ihrer Stimme - falls er es überhaupt war, der ans Telefon gegangen war - und legte den Hörer behutsam auf die Gabel, ohne zu antworten, was sie wütend machte.
Gleichwohl hatte Kurtz’ List eine gewisse Wirkung, denn am nächsten Tag machte sich Becker zu einer Fahrt auf, die später als eine Art Reise auf der Suche nach sich selbst angesehen wurde, bei der er die Grundvoraussetzungen seines Lebens betrachtete. Er nahm sich einen Leihwagen und fuhr zuerst nach Tel Aviv. Dort wickelte er zunächst eine pessimistisch stimmende Angelegenheit mit seiner Bank ab und stattete dann dem alten Friedhof einen Besuch ab, auf dem sein Vater begraben lag. Er legte Blumen aufs Grab, machte sorgfältig mit einer geliehenen Schaufel ringsum sauber und sagte laut Kaddisch, obwohl weder er noch sein Vater jemals viel Zeit für die Religion gehabt hatten. Von Tel Aviv aus fuhr er dann in südöstlicher Richtung nach Hebron oder - wie Michel es genannt hätte - El Khalil. Dort ging er zur Abraham-Moschee, die seit dem Sechsundsiebzigerkrieg voller Unbehagen auch als Synagoge dient. Er unterhielt sich mit den wieder eingezogenen Soldaten, die mit ihren verknitterten Buschhüten und bis zur Taille offen stehenden Hemden lässig vor dem Eingang Wache standen und auf den Festungsmauern patrouillierten.
Becker, erzählten sie einander, nachdem er wieder gegangen war - nur, dass sie seinen hebräischen Namen benutzten - der legendäre Gadi persönlich - der Mann, der die Schlacht um den Golan hinter den syrischen Linien gekämpft hat - was, zum Teufel, machte er denn hier in diesem arabischen Höllenloch und sah dazu auch noch so aus, als ob es ihm nicht wohl in seiner Haut sei? Unter ihren bewundernden Blicken und ohne sich offensichtlich im geringsten von der explosiven Stille und den finster-drohenden Blicken der Besetzten beirren zu lassen, schlenderte er über den uralten gedeckten Markt. Und manchmal, obwohl offensichtlich mit etwas ganz anderem beschäftigt, blieb er stehen, sprach einen Ladenbesitzer auf arabisch an, erkundigte sich nach einem besonderen Gewürz oder nach dem Preis für ein Paar Schuhe, während kleine Jungen sich um ihn scharten, ihm zuhörten und es einmal sogar wagten, seine Hand zu berühren. Auf dem Weg zurück zu seinem Wagen nickte er den Soldaten zum Abschied zu und fuhr in die schmalen Straßen hinein, die sich zwischen den fruchtbaren roten, terrassenförmig angelegten Weinbergen hindurchschlängelten, bis er allmählich die auf der Ostseite des Berges gelegenen Dörfer mit den würfelförmigen Häusern und den Fernsehantennen auf dem Dach, die wie kleine Eiffeltürme aussahen, erreichte. Die höher gelegenen Hänge waren schneebedeckt; dunkle Wolkenbänke verliehen der Erde ein erbarmungsloses und unversöhnliches Glühen. Auf der anderen Seite des Tals stand - wie der Abgesandte eines eroberungssüchtigen Planeten - eine riesige neue israelische Siedlung.
Und in einem der Dörfer stieg Becker aus und schnappte ein wenig Luft. Hier hatte Michels Familie bis ‘67 gelebt, bis sein Vater es ratsam gefunden hatte zu fliehen.
»Ja, hat er denn seinem eigenen Grab auch einen Besuch abgestattet?« wollte Kurtz missmutig wissen, als ihm all dies berichtet wurde. »Erst das seines Vaters, und dann sein eigenes - oder?« Einen Moment lang herrschte Verwirrung, ehe sie alle in Lachen ausbrachen, als sie sich an die moslemische Überlieferung erinnerten, nach der auch Joseph, der Sohn Isaaks, in Hebron begraben sein soll, was - wie jeder Jude weiß - nicht stimmt. Von Hebron aus, so scheint es, fuhr Becker dann in nördlicher Richtung nach Galiläa hinein, bis nach Bei She’an, einer arabischen Stadt, die die Juden neu besiedelt haben, nachdem sie sie nach dem Krieg ‘48 verlassen vorgefunden hatten. Hier hielt er sich lange genug auf, um das römische Amphitheater zu bewundern, und fuhr
dann gemächlich weiter nach Tiberias, das sich rasch zu einem modernen Urlaubsort im Norden entwickelt, mit riesigen neuen Hotels im amerikanischen Stil am Strand, einem Lido, vielen Kränen und einem ausgezeichneten China-Restaurant. Sein Interesse schien jedoch nur gering zu sein, denn er hielt nicht an, sondern fuhr nur langsam durch die Straßen und spähte aus dem Fenster zu den Wolkenkratzern hinüber, als zählte er sie. Er tauchte dann als nächstes oben im Norden, in Metulla, wieder auf, unmittelbar an der libanesischen Grenze. Ein gepflügter Streifen mit einigen Stacheldrahtverhauen hintereinander bildete die Grenze, die in besseren Tagen ›Guter Zaun‹ genannt worden war. Auf der einen Seite standen israelische Bürger auf einer Beobachtungsplattform und spähten mit bestürztem Gesicht durch den Stacheldraht hinüber in wildzerklüftetes Land. Auf der anderen Seite fuhr die Libanesische Christliche Miliz mit allen möglichen Transporten hin und her, während sie von den Israelis Nachschub für die endlose Blutfehde gegen die palästinensischen Usurpatoren entgegennahm. Damals war Metulla auch der natürliche Endpunkt der nach Beirut hinaufführenden Kurierwege, und Gavrons Amt unterhielt dort ein diskretes Büro, um seinen Agenten beim Transit behilflich zu sein. Der große Becker meldete sich am frühen Abend, blätterte das Hauptbuch des Büros durch, stellte aufs Geratewohl ein paar Fragen über den Standort der UNO-Truppen und ging wieder. Und zwar mit bekümmertem Gesicht, wie der Leiter des Büros sagte. Vielleicht krank. Krank in den Augen, krankes Aussehen. »Was, zum Teufel, hat er gesucht?« wollte Kurtz von dem Leiter wissen, als er es hörte. Doch der Leiter der Dienststelle war ein nüchterner, durch die ständige Geheimniskrämerei stumpf gewordener Mann, der keine weiterführenden Theorien zu bieten hatte. Bekümmert, wiederholte er. So wie Agenten manchmal aussehen, wenn sie lange gehetzt worden sind.