»Wir sind die Kolonisierten. Wir sprechen für die Alteingesessenen gegen die Siedler!... Wir sprechen für die Stummen, wir füttern die blinden Münder und ermutigen die tauben Ohren!.. Wir, die Tiere mit den geduldigen Hufen, haben endlich die Geduld verloren!... Wir leben nach dem Gesetz, das jeden Tag unter Beschuss geboren wird!... Die ganze Welt hat etwas zu verlieren, nur wir nicht!... Wir werden gegen jeden kämpfen, der sich zum Verwalter unseres Landes aufschwingt!«
Die jungen Leute hatten ihn auf dem Sofa Platz nehmen lassen, auf der anderen Seite des Hufeisens. Er hielt das Gleichgewicht nicht gut. Er war schwer angeschlagen, lehnte sich vor und benutzte die Arme, um sich abzustützen. Seine Hände lagen wie gefesselt übereinander, aber nur von dem goldenen Armband, das sie ihm angelegt hatten, um ihn für die Vorstellung richtig auszustatten. Der bärtige junge Mann stand schmollend hinter ihm, sein glattrasierter Gefährte saß hingebungsvoll an seiner Seite, und während seine Stimme auf Band im Hinterhof triumphierend fortfuhr, sah sie, wie Michels Lippen sich langsam bewegten und versuchten, mit den Worten Schritt zu halten. Aber die Stimme war für ihren Besitzer zu schnell, zu kräftig. Allmählich gab er den Versuch auf und setzte statt dessen ein einfältiges Entschuldigungslächeln auf, das sie an ihren Vater nach seinem Schlaganfall erinnerte. »Gewalttaten sind kein Verbrechen… sofern sie gegen die Gewaltausübung eines Staats gerichtet sind… den der Terrorist für verbrecherisch hält.« Papierrascheln, als er eine Seite umblätterte. Die Stimme bekam etwas Verwirrtes und Unwilliges. »Ich liebe dich… du bist meine Freiheit … Jetzt bist du eine von uns… Unsere Körper und unser Blut haben sich vermischt… du gehörst mir… bist mein Soldat… bitte, warum sage ich dies? Zusammen werden wir Feuer an die Lunte legen.« Verwirrtes Schweigen. »Bitte, Sir. Was ist dies? Ich frage Sie.«
»Zeig ihr seine Hände«, befahl Kurtz, nachdem er das Tonband abgestellt hatte.
Sofort nahm der Glattrasierte eine von Michels Händen, öffnete sie und zeigte sie ihr wie ein Warenmuster.
»Solange er im Lager lebte, waren sie hart von der Handarbeit«, erklärte Kurtz, der durch den Raum zu ihnen kam. »Jetzt ist er ein großer Intellektueller. Viel Geld, viele Mädchen, gutes Essen, ein angenehmes Leben. Stimmt’s nicht, Bürschchen?« Er näherte sich dem Sofa von hinten und legte seine dicke Hand mit der Fläche auf Michels Kopf, er drehte ihn herum, so dass er ihn ansah. »Du bist ein großer Intellektueller, stimmt’s?« Seine Stimme war weder grausam noch spöttisch. Als redete er seinem eigenen, auf die schiefe Bahn geratenen Sohn ins Gewissen - und hatte dabei auch denselben Ausdruck zärtlicher Zuneigung im Gesicht. »Du kriegst deine Mädchen dazu, dir die Arbeit zu machen, nicht wahr, Bürschchen? Ein Mädchen hat er regelrecht als Bombe benutzt«, erklärte er für Charlie bestimmt. »Hat sie mit hübsch aussehendem Gepäck in ein Flugzeug gesetzt - die Maschine flog in die Luft. Ich nehme an, sie hat nicht einmal gewusst, dass sie es getan hat. So was gehört sich nicht, weißt du das, Bürschchen? So was gehört sich wirklich nicht einer jungen Dame gegenüber.«
Sie erkannte den Geruch, den sie anfangs nicht hatte unterbringen können: es war die After-Shave-Lotion, die Joseph in jedem Schlafzimmer hingestellt hatte, das sie nie gemeinsam benutzt hatten. Sie mussten ihn für diesen Anlass damit eingerieben haben.
»Möchtest du dieser Dame nicht etwas sagen?« fragte Kurtz. »Möchtest du sie nicht in unserer Villa hier willkommen heißen? Ich frage mich allmählich, warum du nicht mehr mit uns zusammenarbeitest!« Allmählich wurden unter seinem eindringlichen Blick Michels Augen wach, und sein Körper richtete sich gehorsam ein wenig auf. »Willst du diese hübsche Dame nicht artig begrüßen? Willst du ihr nicht guten Tag sagen? Guten Tag? Willst du ihr nicht guten Tag sagen, Bürschchen?«
Selbstverständlich tat er es: »Guten Tag«, sagte Michel mit derselben Stimme wie auf dem Tonband, nur hatte sie allen Schwung verloren.
»Nicht antworten«, warnte Joseph sie leise neben ihr. »Guten Tag, Madame! heißt das.« Kurtz bestand ohne jede Böswilligkeit darauf.
»Madame«, sagte Michel.
»Lass ihn etwas schreiben«, befahl Kurtz und ließ ihn los. Sie setzten ihn an einen Tisch und legten einen Federhalter und ein Stück Papier vor ihn, aber er brachte nicht viel zuwege. Doch das machte Kurtz nichts aus. Sehen Sie, wie er den Federhalter hält, sagte er. Sehen Sie, wie seine Finger ganz natürlich die Haltung für die arabische Schrift annehmen. »Möglich, dass Sie mal mitten in der Nacht aufgewacht sind und ihn dabei ertappt haben, wie er seine Abrechnung machte. Verstanden? So hat er dabei ausgesehen.«
Sie sprach mit Joseph, doch nur in Gedanken. Bring mich hier raus! Ich glaube, ich sterbe. Sie hörte, wie Michels Füße gegen die Treppe schlugen, als sie ihn hinauf und außer Hörweite brachten, doch Kurtz ließ ihr keine Atempause, genauso wenig wie sich selbst. »Charlie, wir haben noch einen Auftritt vor. Ich glaube, wir sollten das sofort hinter uns bringen, selbst wenn es ein bisschen Überwindung kostet. Manche Sachen müssen einfach gemacht werden.« Im Wohnzimmer war es sehr still, einfach eine Wohnung irgendwo. An Josephs Arm folgte sie Kurtz nach oben. Sie wusste nicht, warum, aber sie fand es hilfreich, ein wenig zu hinken wie Michel.
Das hölzerne Treppengeländer war noch klebrig vom Schweiß. Die Stufen waren mit einem Material ausgelegt, das wie Sandpapierstreifen aussah, doch als sie darauf trat, blieb das erwartete knirschende Geräusch aus. Sie nahm diese Allerweltsdinge sehr genau in sich auf, denn es gibt Zeiten, in denen solche Details das einzige Bindeglied zur Wirklichkeit darstellen. Eine Toilettentür stand offen, doch als sie genauer hinsah, erkannte sie, dass überhaupt keine Tür da war, nur der Türrahmen, und vom Wasserkasten keine Kette herunterhing, und sie nahm an, dass, wenn man einen Gefangenen den ganzen Tag mit sich herumschleppt, selbst wenn er vor Dope von Sinnen ist, man an so etwas denken, sein Haus in Ordnung bringen musste. Erst nachdem sie ernstlich über jedes dieser wichtigen Probleme nachgedacht hatte, durfte sie sich eingestehen, dass sie in einen ausgepolsterten Raum getreten war, in dem nichts weiter stand als ein Bett an der entgegengesetzten Wand. Und auf dem Bett wieder Michel, nackt bis auf das goldene Amulett, die Hände über dem Geschlecht verkrampft und kaum eine Falte, da wo sich sein Bauch krümmte. Seine Schultermuskeln waren prall und rund, die Brustmuskulatur flach und breit, die Schatten darunter scharf wie mit Ausziehtusche gezogen. Auf Kurtz’ Befehl hin stellten die beiden jungen Männer ihn auf und zerrten seine Hände fort. Beschnitten, gut-entwickelt, schön. Schweigend und mit stirnrunzelnder Missbilligung zeigte der Bärtige auf ein weißes Muttermal an der linken Flanke, das wie ein Milchfleck aussah, sowie auf die unsaubere Narbe einer Stichwunde an der rechten Schulter; und auf das reizende Rinnsal schwarzer Haare, das sich vom Nabel nach unten zog. Schweigend drehten sie ihn um, und sie musste unwillkürlich an Lucy und ihren Lieblingsrücken denken: ein tief zwischen den Muskeln eingebettetes Rückgrat. Aber keine Einschussnarben, überhaupt nichts, was seine vollkommene Schönheit gestört hätte.
Sie drehten ihn wieder um, doch mittlerweile war Joseph wohl zu dem Schluss gekommen, dass Charlie hinreichend bedient sein müsse, denn er führte sie wieder die Treppe hinunter, schnell, einen Arm hatte er ihr um die Taille gelegt, während er mit der anderen Hand ihr Handgelenk so fest hielt, dass es weh tat. In der Toilette, die vom Korridor abging, blieb sie lange genug, um sich zu übergeben, doch danach wollte sie nur noch weg. Raus aus der Wohnung, ihnen aus den Augen, raus aus den eigenen Gedanken, der eigenen Haut.
Sie lief. Sie hatten heute Sport. Sie lief, so schnell sie konnte; die Betonzähne der Stadtsilhouette rings um sie her hüpften aus der entgegengesetzten Richtung an ihr vorbei. Die Dachgärten waren für sie durch zierliche Ziegelwege miteinander verbunden, Verkehrsschilder einer Spielzeugstadt wiesen sie auf Orte hin, die sie nicht lesen konnte, blaue und gelbe Plastikrohre in der Luft bildeten über ihrem Kopf bunte Pinselstriche. Sie lief, so weit sie konnte, hinauf und hinunter, hatte ausgesprochen gärtnerisches Interesse an den vielen verschiedenen Pflanzen an ihrem Weg, den geschmackvollen Geranien und zurechtgestutzten blühenden Sträuchern und Zigarettenkippen und Flecken brachliegender Erde, namenlosen Gräbern gleich. Joseph lief neben ihr her, und sie schrie ihn an, hau ab, hau ab; ein älteres Ehepaar saß auf einer Bank und lächelte wehmütig-versonnen über diesen Streit unter Liebenden. Sie lief so über die ganze Länge von zwei Flachdächern, bis sie an einen Zaun gelangte, hinter dem es steil auf einen Parkplatz abfiel, doch sie beging keinen Selbstmord, weil sie inzwischen schon beschlossen hatte, dass sie nicht der Typ war, und außerdem wollte sie mit Joseph leben und nicht mit Michel sterben. Sie blieb stehen, keuchte kaum. Das Laufen hatte ihr gut getan; sie sollte das viel häufiger tun. Sie bat ihn um eine Zigarette, doch er hatte keine dabei. Er zog sie zu einer Bank; sie setzte sich, stand aber gleich wieder auf, um ihren eigenen Willen zu beweisen. Aus Erfahrung wusste sie, dass gefühlsgeladene Auseinandersetzungen zwischen Leuten, die dabei gehen, wirkungslos verpuffen, und deshalb blieb sie stehen. »Ich rate dir, deine Sympathien für den Unschuldigen aufzuheben«, riet ihr Joseph und schnitt damit in aller Ruhe den Schwall ihrer Beschimpfungen ab.