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Wir gingen wieder zu dem großen, bärtigen Simulacrum hinüber, dem Colleen Nild und Pris gerade andächtig zuhörten.

»… zitiert mich in dem Sinne, dass die Klausel der Unabhängigkeitserklärung, die besagt, dass alle Menschen gleich sind, auch den Neger mit einschließe. Das hätte ich in Chicago gesagt, behauptet Richter Douglas und fügt hinzu, in Charleston hätte ich gesagt, dass der Neser einer niederen Rasse angehöre und das Ganze kein moralisches Problem sei, sondern eine Frage der Abstufung – nur um in Galesburg eine Kehrtwendung zu machen und nun wieder zu sagen, es sei ein moralisches Problem.« Die Lincoln bedachte uns mit einem sanften Lächeln. »Woraufhin jemand im Publikum ruft: ›Er hat ganz recht.‹ Ich war froh, dass mir jemand recht gab, denn mir selbst schien es eher, als hätte Richter Douglas mich bei den Rockschößen. Den kräftigsten Beifall bekam er, als er sagte, dass sich die Republikanische Partei im Norden der Doktrin ›Keine Sklavereistaaten mehr‹ verpflichtet hat und dass eben diese Doktrin von den Republikanern in anderen Teilen der Union nicht anerkannt wird. Und der Richter fragte sich, ob Mr. Lincoln und seine Partei nicht selbst ein Beispiel für das wären, was Mr. Lincoln aus der Heiligen Schrift zitierte – dass nämlich keine Familie, die in sich gespalten ist, Bestand haben wird. Und ob meine Prinzipien denn noch mit denen der Republikanischen Partei übereinstimmten. Leider bekam ich erst im Oktober in Quincy die Gelegenheit zu einer Entgegnung. Dort sagte ich ihm, er könne ebenso gut die Ansicht vertreten, dass ein Bienenstich das Gleiche wäre wie der Stich einer Biene. Ich hatte gewiss nicht die Absicht, politische und soziale Gleichheit zwischen der weißen und der schwarzen Rasse einzuführen. Zwischen ihnen besteht ein physischer Unterschied, der es meiner Meinung nach verbietet, auf der Grundlage absoluter Gleichheit miteinander zu leben. Aber ich denke, der Neger hat das gleiche Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück wie jeder Weiße. Er gleicht mir in vielerlei Hinsicht nicht, ganz sicher nicht in der Farbe, vielleicht auch nicht in der intellektuellen oder moralischen Kapazität – wohl aber in dem Recht, das Brot zu essen, das er mit eigener Hände Arbeit verdient, ohne dass es ihm erst jemand erlauben muss. Darin gleicht er mir und Richter Douglas und jedem anderen Menschen. In diesem Moment wurde mir einiger Jubel zuteil.«

Barrows sah mich an. »Da haben Sie aber ganz schön Text in diese Maschine eingegeben, was?«

»Sie kann sagen, was immer sie will.«

»Ganz egal was? Sie meinen, sie will hier Volksreden halten? Nein, in meinen Augen ist das hier nichts weiter als der altbekannte mechanische Mensch, nur ein bisschen aufgemotzt mit historischem Schnickschnack. Genau so ein Spielzeug wurde 1939 auf der Weltausstellung in San Francisco vorgestellt, Pedro der Voder.«

Der Wortwechsel zwischen Barrows und mir war der Aufmerksamkeit der Lincoln nicht entgangen. Sie wandte sich an Barrows. »Habe ich nicht erst vor Kurzem gehört, wie Sie die Absicht äußerten, mich ›erwerben‹ zu wollen, als eine Art Besitzstück? Habe ich das richtig in Erinnerung? Wenn ja, dann stünde die Frage im Raum, wie Sie das denn tun können, wo doch Miss Frauenzimmer mir erzählt hat, dass es heute eine größere Verständigung zwischen den Rassen gibt als je zuvor. Ich bringe vielleicht etwas durcheinander, aber soweit ich weiß, kann man heute weltweit keine Menschen mehr ›erwerben‹, nicht einmal in Russland, wo schlimme Zustände herrschen sollen.«

»Das trifft jedoch nicht auf mechanische Menschen zu«, entgegnete Barrows.

»Meinen Sie etwa mich damit?«

Barrows lachte. »Genau das.«

»Hätten Sie dann die Güte, Sir, mir zu sagen, was ein Mensch ist?«

»Ja, hätte ich.« Barrows sah grinsend zu Blunk. »Ein Mensch ist ein gegabelter Rettich. Ist Ihnen diese Definition geläufig, Mr. Lincoln?«

»Ja, Sir. Shakespeare lässt seinen Falstaff das sagen, nicht wahr?«[i]

»Richtig. Und ich möchte noch ergänzen: Der Mensch lässt sich als ein Tier definieren, das ein Taschentuch bei sich hat. Wie gefällt Ihnen das? Das ist nicht von Shakespeare.«

Das Simulacrum lachte herzhaft. »Ganz sicher nicht. Ich schätze Ihren Humor, Mr. Barrows. Dürfte ich diese Bemerkung in einer Rede verwenden?«

Barrows nickte.

»Vielen Dank. Nun haben Sie den Menschen also als ein Tier definiert, das ein Taschentuch bei sich hat. Aber was ist ein Tier?«

»Sie sind jedenfalls keines, das kann ich Ihnen sagen. Ein Tier ist von biologischer Herkunft und Beschaffenheit, und an beidem mangelt es Ihnen. Sie bestehen aus Platinen und Kabeln und Schaltern. Sie sind eine Maschine. Wie eine…« Barrows überlegte. »Eine Dampfmaschine.« Er zwinkerte Blunk zu. »Kann eine Dampfmaschine unter dem Schutz der von Ihnen zitierten Verfassungsklausel stehen? Hat sie wie ein Mensch das Recht, das von ihr hergestellte Brot zu essen?«

»Kann eine Maschine reden?«

»Aber sicher. Radios, Diktiergeräte, Kassettenrekorder, Telefone – sie quasseln alle wie verrückt.«

Die Lincoln dachte kurz nach. »Und was, Sir, ist dann eine Maschine?«

»Sie sind eine. Diese Leute hier haben Sie gebaut. Sie gehören diesen Leuten.«

Das faltige, dunkelbärtige Gesicht der Lincoln verzog sich, während sie auf Barrows hinunterblickte. »Dann sind auch Sie, Sir, eine Maschine. Denn auch Sie haben einen Schöpfer. Und Er hat Sie genauso wie ›diese Leute hier‹ nach Seinem Bild gemacht. Ich glaube, Spinoza hatte diese Ansicht über Tiere – dass sie schlaue Maschinen sind. Der kritische Punkt ist, meine ich, die Seele. Eine Maschine kann alles, was ein Mensch kann – dem werden Sie zustimmen. Aber sie besitzt keine Seele.«

»Es gibt keine Seele. Das sind Hirngespinste.«

»Dann ist eine Maschine genau das Gleiche wie ein Tier. Und ein Tier ist genau das Gleiche wie ein Mensch. Trifft das nicht zu?«

»Ein Tier ist aus Fleisch und Blut, und eine Maschine ist aus Kabeln und Platinen, so wie Sie. Was soll das alles? Sie wissen verdammt gut, dass Sie eine Maschine sind. Als wir hereingekommen sind, haben Sie hier im Dunkeln gesessen und darüber nachgedacht. Ich weiß, dass Sie eine Maschine sind, und es ist mir egal. Mir ist nur nicht egal, ob Sie funktionieren oder nicht. Und Sie funktionieren nicht gut genug, um mein Interesse zu wecken. Vielleicht später einmal, wenn die meisten Fehler ausgemerzt sind. Sie können ja nicht mehr, als Reden über Richter Douglas und irgendwelches politisches Zeugs zu schwingen. Wer will das hören?« Barrows wandte sich seinem Anwalt zu. »Ich glaube, wir machen uns besser wieder auf den Weg nach Seattle.« Und zu Maury und mir sagte er: »Hier ist meine Entscheidung. Wir beteiligen uns, aber nur, wenn wir die Mehrheitsanteile bekommen, damit wir die Firmenpolitik bestimmen können. Diese Bürgerkriegsidee etwa ist der reinste Unsinn.«

Ich schluckte. »Wie bitte?«

»Sie haben ganz recht gehört. Dieser Bürgerkriegsplan könnte nur auf eine einzige Weise akzeptablen Profit bringen. Und die würde Ihnen in tausend Jahren nicht einfallen. Den Bürgerkrieg mit Robotern erneut austragen, ja. Aber Profit wird das nur abwerfen, wenn man auf das Ergebnis Wetten platzieren kann.«

»Auf welches Ergebnis?«

»Welche Seite gewinnt. Die Blauen oder die Grauen.«

Blunk machte ein nachdenkliches Gesicht. »So wie bei einem Liga-Endspiel.«

Barrows nickte. »Genau.«

»Aber der Süden könnte gar nicht gewinnen«, sagte Maury. »Ihm fehlt die Industrie.«

»Dann entwickeln Sie eben ein Handicap-System.«

»Das… meinen Sie nicht ernst«, brachte ich stotternd hervor.

»Ernster geht’s nicht.«

»Ein Nationalepos ummünzen? In ein Pferderennen? Ein Hunderennen? Eine Lotterie?«