»Auf die Idee mit der Raumforschung«, sagte ich, »ist die Regierung gekommen.«
»Dann eben meine Modifikation dieser Idee. Worauf ich hinaus will, ist, dass es sich ausgleicht.«
»Ich weiß nicht, was Sie damit meinen, Mr. Barrows«, warf Pris ein. »Was gleicht sich aus?«
»Ihre Idee – die Simulacra, die man nicht von Menschen unterscheiden kann – und unsere Idee, sie auf Luna in ein modernes Haus zu stecken und Edwards zu nennen.«
»Das war Louis’ Idee«, rief Maury. »Das mit den Edwards. Stimmt’s, Louis?«
»Ja.« Jedenfalls nahm ich es an. Bloß weg hier, dachte ich. Der drückt uns immer weiter an die Wand.
Die Lincoln saß da und nippte an ihrem Tom Collins.
»Wie schmeckt Ihnen der Drink, Mr. President?«, fragte Barrows.
»Gut. Sehr aromatisch. Aber er trübt die Sinne.« Dennoch nippte sie erneut daran.
Genau das, was wir brauchen, schoss es mir durch den Kopf. Getrübte Sinne!
Zehn
Wir machten für den Abend Schluss. »Nett, Sie kennengelernt zu haben, Mr. Barrows.« Ich streckte ihm die Hand hin.
»Gleichfalls.« Er schüttelte mir die Hand, dann Maury und Pris. Die Lincoln stand ein Stück abseits und sah mit traurigem Gesicht zu. Barrows bot ihr nicht die Hand an, und er sagte auch nicht auf Wiedersehen zu ihr.
Darauf gingen wir vier zurück zu MASA Associates und atmeten dabei die kalte Nachtluft ein. Die Luft roch gut, sie klärte unsere Köpfe. Zurück im Büro zogen wir den Old Crow hervor. Wir nahmen Pappbecher und schenkten uns Bourbon und Wasser ein.
»Wir sind in Schwierigkeiten«, sagte Maury.
Wir anderen nickten.
»Was halten Sie davon?«, wandte er sich an die Lincoln. »Was ist Ihre Meinung von ihm?«
»Er ist wie die Krabbe, die vorankommt, indem sie seitwärtsläuft.«
»Und das bedeutet?«, fragte Pris.
»Ich weiß, was er damit sagen will.« Maury nahm einen tiefen Schluck. »Der Bursche hat uns dermaßen in die Knie gezwungen, dass wir nicht mehr wissen, was wir machen sollen. Wir sind Memmen. Memmen!« Er zeigte auf mich. »Und wir zwei nennen uns Geschäftsleute. Dabei haben wir uns über den Tisch ziehen lassen. Hätten wir nicht vertagt, würde die Firma jetzt schon ihm gehören.«
»Mein Vater…«, begann ich.
»Dein Vater! Der ist ja noch bescheuerter als wir. Ich wünschte, wir hätten uns nie mit diesem Barrows eingelassen. Jetzt werden wir ihn nicht wieder los.«
»Wir müssen ja nicht mit ihm ins Geschäft kommen«, sagte Pris.
Ich nickte. »Wir sagen ihm einfach, er soll wieder zurück nach Seattle fliegen.«
»Macht keine Witze! Wir können ihm überhaupt nichts sagen. Der wird morgen früh frisch und munter hier vor der Tür stehen. Und uns zermalmen.« Maury starrte mich an.
»Also, ich glaube, Barrows ist verzweifelt. Sein Projekt, die Kolonisierung des Mondes, steht vor dem Scheitern, merkt ihr das nicht auch? Wir haben keinen mächtigen, erfolgreichen Unternehmer vor uns. Sondern jemanden, der sein ganzes Geld in Wohnsiedlungen auf dem Mond gesteckt hat, in Kuppeln zur Wärme- und Luftversorgung und in Konverter, die Eis in Wasser umwandeln. Und jetzt kriegt er die Leute nicht dazu, dorthin zu ziehen. Ich habe eher Mitleid mit ihm.«
Die anderen sahen mich aufmerksam an.
»Um sich zu retten, hat er sich jetzt zu diesem Betrug entschlossen. Zu Städten voller Simulacra, die so tun, als wären sie menschliche Siedler. Aus diesem Plan spricht die reinste Verzweiflung. Zugegeben, als ich vorher davon gehört habe, hielt ich es für möglich, dass es sich um eine dieser hochfliegenden Visionen handelt, die Männer von Barrows’ Schlag haben, die wir anderen nie haben, weil wir Normalsterbliche sind. Aber jetzt bin ich mir da gar nicht mehr so sicher. Ich glaube, er ist so in Panik, dass er nicht mehr klar denken kann. Die Idee ist völlig abwegig. Damit kann er doch nicht ernsthaft irgendwen täuschen wollen. Die Regierung würde es sofort spitz kriegen.«
»Und wie?«, fragte Maury.
»Das Gesundheitsministerium überprüft jede auswanderungswillige Person. Wie also will Barrows die Simulacra auch nur von der Erde fortkriegen?«
Maury winkte ab. »Ich meine, es steht uns überhaupt nicht zu, zu beurteilen, wie vernünftig der Plan ist. Wer sind wir denn? Nur die Zeit wird es erweisen, und wenn wir nicht mit ihm ins Geschäft kommen, dann nicht mal sie.«
»Das sehe ich auch so«, sagte Pris. »Wir sollten uns darauf beschränken, was für uns herausspringen könnte.«
»Gar nichts, wenn die Sache auffliegt und er dafür ins Gefängnis wandert«, erwiderte ich. »Und das wird er. Ich bin der Meinung, wir sollten uns aus der Sache raushalten. Mit diesem Menschen sollten wir keine Geschäfte machen. Es ist unsicher, riskant und schlichtweg bescheuert. Unsere eigenen Ideen sind schon verrückt genug.«
»Könnte Mr. Stanton hierher kommen?«, fragte die Lincoln unvermittelt.
Maury wandte den Kopf. »Wie bitte?«
»Ich denke, es wäre von Vorteil, wenn Mr. Stanton bei uns wäre anstatt in Seattle, wo er sich Ihren Worten nach befindet.«
Wir sahen uns alle an.
»Sie hat recht«, sagte Pris. »Wir sollten die Stanton zurückholen. Sie wäre uns hier von Nutzen. Sie ist so stur.«
Ich nickte. »Ja, eisernen Willen können wir gebrauchen. Wir haben zu wenig davon.«
»Wir können sie zurückholen«, sagte Maury. »Sogar noch heute Nacht. Wir chartern ein Privatflugzeug, fliegen nach Seattle, treiben die Stanton auf und fliegen gleich wieder zurück. Dann ist sie morgen früh dabei, wenn wir uns Barrows stellen.«
»Aber dann wären wir völlig kaputt«, entgegnete ich. »Wir würden auf dem Zahnfleisch gehen. Und vielleicht dauert es ja auch viel länger, sie zu finden. Vielleicht ist sie inzwischen gar nicht mehr in Seattle. Sie könnte nach Alaska oder nach Japan geflogen sein – oder sogar zu einer von Barrows’ Siedlungen auf dem Mond.«
Wir nippten missmutig an unseren Pappbechern, nur die Lincoln nicht, sie hatte ihren beiseitegestellt.
»Hat von euch jemand je Känguruschwanzsuppe gegessen?«, fragte Maury in die Stille hinein. Wir sahen ihn alle an. »Ich hab hier noch irgendwo eine Dose. Wir können sie heiß machen. Schmeckt sehr lecker.«
»Für mich nicht«, sagte ich.
»Nein, danke«, sagte Pris.
Das Simulacrum lächelte sein sanftes Lächeln.
»Na schön, dann nicht. Aber wollt ihr wissen, wie ich da rangekommen bin? Ich war im Supermarkt und stand an der Kasse an. Die Kassiererin sagte zu jemandem: ›Nein, die Känguruschwanzsuppe nehmen wir demnächst aus dem Sortiment.‹ Und auf einmal ist hinter den Cornflakespackungen oder so diese hohle Stimme zu hören: ›Keine Känguruschwanzsuppe mehr? Nie mehr?‹ Und dieser Typ kommt mit seinem Wagen um die Ecke geflitzt, um die letzten Dosen aufzukaufen. Da hab ich mir auch ein paar gegriffen. Kostet mal, das muntert euch auf.«
»Ist euch aufgefallen, wie Barrows uns zermürbt?«, fragte ich. »Erst nennt er die Simulacra Roboter, dann nennt er sie Spielereien, und am Ende sind es nur noch Puppen.«
»Es ist eine Technik«, sagte Pris, »eine Verhandlungstechnik. Er gräbt uns das Wasser ab.«
»Worte«, murmelte die Lincoln, »sind Waffen.«
»Können Sie nicht irgendetwas zu ihm sagen?«, fragte ich sie. »Sie haben doch mit ihm debattiert.«
Die Lincoln schüttelte den Kopf.
Pris schnaubte. »Natürlich kann sie ihm nichts sagen. Weil sie fair argumentiert. So haben sie damals debattiert, Mitte des letzten Jahrhunderts. Barrows argumentiert nicht fair, und es gibt auch kein Publikum, das ihm auf die Finger klopft. Richtig, Mr. Lincoln?«
Das Simulacrum antwortete nicht; sein Lächeln kam mir jetzt noch trauriger vor, sein Gesicht länger und die Sorgenfalten tiefer.