»Früher war alles besser«, brummte Maury.
Aber, dachte ich, eines können wir doch tun. »Also gut, womöglich hat er die Stanton weggeschlossen. Oder sie in ihre Einzelteile zerlegen lassen, und seine Ingenieure fertigen gerade ihr eigenes, leicht abgewandeltes Modell an, damit unsere Patente nicht greifen.« Ich sah Maury an. »Haben wir wirklich Patentschutz?«
»Kommt drauf an. Du weißt ja, wie das läuft. Er kann uns die Idee mit den Simulacra klauen, jetzt wo er sie gesehen hat. Bei solchen Sachen muss man nur wissen, dass sie funktionieren, dann wird man sie irgendwann auch selbst zum Laufen kriegen.«
»Okay, dann ist es eben wie beim Verbrennungsmotor. Aber wir haben einen Vorsprung. Lasst uns so rasch wie möglich mit der Produktion beginnen. Bringen wir unsere Simulacra auf den Markt, bevor Barrows so weit ist.«
Stille.
Maury kaute an seinem Daumen. »Ich glaube, da ist was dran. Was bleibt uns auch anderes übrig? Was meinst du, kriegt dein Vater das Montageband sofort zum Laufen? Kann er so schnell umrüsten?«
»Im Handumdrehen.«
»Red keinen Unsinn«, sagte Pris. »Der alte Jerome? Schon allein für die Fertigung der Stanzen wird er ein Jahr brauchen. Und die Verkabelung wird in Japan vorgenommen werden – er wird also nach Japan müssen, um das zu arrangieren, und er wird wieder per Schiff reisen wollen, wie schon einmal.«
Ich sah sie spöttisch an. »Jedenfalls hast du auch schon dran gedacht.«
»Selbstverständlich. Ich habe es sogar ernsthaft in Erwägung gezogen.«
»Ich glaube, es ist unsere einzige Hoffnung. Wir müssen die verfluchten Dinger endlich in den Handel bringen – wir haben schon genug Zeit verschwendet.«
Maury nickte. »Okay. Wir machen Folgendes: Wir fahren morgen nach Boise und erteilen Jerome und deinem komischen Bruder Chester den Auftrag. Sie sollen sofort mit der Fertigung der Stanzen beginnen und nach Japan fliegen. Aber was sagen wir Barrows?«
Erneut Stille.
Ich räusperte mich. »Wir sagen ihm, dass die Lincoln kaputtgegangen ist. Dass sie nicht funktioniert und wir sie nicht produzieren werden. Dann wird er das Interesse an der ganzen Sache verlieren.«
Maury kam zu mir. »Du meinst, wir legen sie lahm? Schalten sie ab?«
Ich nickte.
»Gefällt mir nicht.«
Wir sahen beide verstohlen zu der Lincoln hinüber.
»Er wird natürlich darauf bestehen, sie sich selber anzusehen«, sagte Pris. »Aber soll er doch. Soll er an ihr rütteln wie an einem Kaugummiautomaten, wenn er möchte. Wenn wir sie abgeschaltet haben, gibt sie keinen Pieps mehr von sich.«
»Na schön«, brummte Maury.
Ich legte ihm die Hand auf die Schulter. »Dann ist es beschlossene Sache.«
Wir schalteten die Lincoln unverzüglich ab. Gleich darauf verkündete Maury, dass er ins Bett wolle, setzte sich ins Auto und fuhr heim. Pris bot an, mich auf dem Nachhauseweg in meinem Motel abzusetzen und am nächsten Morgen wieder abzuholen. Ich war so müde, dass ich das Angebot erfreut annahm.
»Sind alle Reichen und Mächtigen so«, fragte sie, als wir durch das schlafende Ontario fuhren.
»Klar. Alle jedenfalls, die es selbst zu etwas gebracht haben – die bloß geerbt haben vielleicht nicht.«
»Es war schrecklich, die Lincoln abzuschalten. Mit anzusehen, wie sie zu leben aufhört – als hätten wir sie noch einmal getötet. Findest du nicht auch?«
»Ja.«
Dann, als wir vor meinem Motel hielten, sagte sie: »Denkst du, dass man nur so reich werden kann? Indem man so ist wie er?« Sam K. Barrows hatte sie verändert, zweifelsohne. Aus ihr war eine desillusionierte Frau geworden.
»Frag mich nicht. Ich verdiene siebenhundertfünfzig im Monat, wenn überhaupt.«
»Aber bewundern muss man ihn schon.«
»Ich wusste, dass du das früher oder später sagen würdest.«
Pris seufzte. »Ich bin also ein offenes Buch für dich.«
»Nein, du bist das größte Rätsel, das mir je über den Weg gelaufen ist. Nur dieses eine Mal dachte ich mir: Pris sagt gleich: ›Aber bewundern muss man ihn schon.‹ Und dann hast du es gesagt.«
»Und ich wette, du glaubst auch, dass ich zu meiner alten Haltung ihm gegenüber zurückkehren werde und das ›aber‹ weglasse und ihn einfach nur wieder bewundere.«
Ich erwiderte nichts. Aber sie hatte recht.
»Ist dir aufgefallen, dass ich in der Lage war, das Abschalten der Lincoln zu ertragen? Und wenn ich das ertragen kann, dann kann ich alles ertragen. Ja, ich habe es sogar genossen, auch wenn ich mir das natürlich nicht habe anmerken lassen.«
»Du lügst wie gedruckt.«
»Nein, ich hatte ein sehr angenehmes Gefühl von Macht dabei, von absoluter Macht. Wir haben ihr das Leben geschenkt und dann – zack! – haben wir es ihr wieder genommen. Ganz einfach. Die moralische Verantwortung dafür tragen nicht wir, die trägt Sam Barrows, und er hätte nicht mit der Wimper gezuckt, er hätte einen Riesenspaß dabei gehabt. Und in Wirklichkeit wollen wir genauso sein. Ich bedauere es nicht, sie abgeschaltet zu haben – ich bedauere, dass es mich so aufwühlt. Ich verachte mich dafür, das ich so bin. Kein Wunder, dass ich mit euch hier herumkrebse und Sam Barrows ganz oben an der Spitze ist. Der Unterschied zwischen ihm und uns liegt doch auf der Hand.« Sie steckte sich eine Zigarette an und blies Rauch in die Luft. »Und was ist mit Sex?«
»Sex? Sex ist noch schlimmer als nette Simulacra abschalten.«
»Ich meine, Sex verändert einen. Die Erfahrung des Geschlechtsverkehrs.«
Es ließ mir das Blut gefrieren, sie so reden zu hören.
»Was ist mit dir?«
»Du machst mir Angst.«
»Wieso?«
»Du redest, als würdest du…«
»Als würde ich sogar auf meinen eigenen Körper von oben herabblicken. Ja, das tue ich. Ich bin nicht mein Körper. Ich bin meine Seele.«
»Und wo sind die Beweise, würde Blunk sagen.«
»Ich habe keine, aber es stimmt trotzdem. Ich bin kein physischer Körper in Raum und Zeit. Platon hatte recht.«
»Und wir anderen? Was ist mit uns?«
»Ach, das ist eure Sache. Ich nehme euch als Körper wahr, also seid ihr vielleicht welche, vielleicht ist nicht mehr an euch dran. Weißt du es denn nicht? Wenn du es nicht selber weißt, kann ich es dir auch nicht sagen.« Sie machte ihre Zigarette aus. »Ich fahre jetzt besser nach Hause, Louis.«
»Gut.« Ich öffnete die Wagentür. Das Motel war trotz der vielen Zimmer stockdunkel, sogar das große Neonschild war für die Nacht abgeschaltet worden.
»Weißt du, ich habe immer ein Diaphragma dabei.«
Ich sah sie amüsiert an. »Ein Pessar im Handtäschchen? Oder ein Zwerchfell in der Brust?«
»Das ist nicht komisch, Louis. Damit ist es mir sehr ernst – mit Sex, meine ich.«
»Dann will ich dich in deiner Ernsthaftigkeit nicht stören.« Ich machte die Tür hinter mir zu.
Pris kurbelte auf meiner Seite das Fenster hinunter. »Ich werde jetzt etwas Sentimentales sagen.«
»Nein, wirst du nicht. Weil ich nämlich nicht zuhören werde. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn ernste Menschen sentimentale Anwandlungen haben. Bleib du mal lieber ein distanzierter Geist, der sich über leidende Tiere lustig macht, dann kann ich dich wenigstens…« Ich zögerte. »Dann kann ich dich wenigstens in Ruhe hassen und Angst vor dir haben.«
»Und wenn ich nun trotzdem etwas Sentimentales sage?«
»Dann gehe ich morgen ins Krankenhaus und lasse mich kastrieren oder wie man das heutzutage nennt.«
»Du willst also sagen, dass ich nur dann begehrenswert bin, wenn ich grausam und schizoid bin. Aber wenn ich sentimental werde, dann bin ich nicht mal das.«
»Das ›nicht mal‹ kannst du weglassen. Es ist verdammt viel.«
»Nimm mich mit auf dein Zimmer und besorg’s mir.«
»Weißt du, deine Sprache hat irgendwie etwas an sich, das wenig Raum für Begehren lässt.«