»Dieser Mörder hat mich in die Truhe gestopft!«
»Meine liebe Mrs. Sands«, sagte Benjamin. »Es gibt einen ausgesprochen guten Grund, weshalb er das getan hat.«
Alle wandten sich ihm zu, gespannt auf seine Erklärung. Dolly umklammerte die Bibel. Ren biss sich auf die Unterlippe, und die Hauswirtin schaute Benjamin an, als hätte er den Verstand verloren.
»Dieser Mann ist unser Vetter und ein Wanderprediger«, sagte Benjamin. »Er hat vom Tod meiner Schwester erfahren und sich auf die Suche nach uns gemacht.«
Mrs. Sands roch an dem violetten Anzug, dann wedelte sie mit der Hand vor ihrem Gesicht herum. »Er stinkt wie eine Fuhre Mist.«
»Interessant, dass Ihr das sagt«, meinte Benjamin. »Denn in der Tat ist er mit jeder Art von Mist in Berührung gekommen, tierischem wie menschlichem, als er diese Bibel durchs Land getragen und die Heiden im Wald bekehrt hat. Und just dort im Wald begegnete ihm eine indianische Prinzessin namens Happy Feather, die Christin und schließlich seine Frau wurde. Aber Happy Feather konnte mit Jesus nicht viel anfangen, und so kam es, dass sie, während unser Vetter unterwegs war und das Wort Gottes predigte, mit einem Medizinmann von einem anderen Stamm durchbrannte.«
Dolly betrachtete die Bibel, die Benjamin ihm gegeben hatte, von allen Seiten. Ren beobachtete Mrs. Sands und fragte sich, ob sie merkte, dass Dolly das Buch verkehrt herum hielt. Die Hauswirtin angelte auf dem Boden nach ihren Schuhen, doch den Kopf hatte sie schräg nach oben auf Benjamins Gesicht gerichtet und hörte ihm mit einer Mischung aus Unmut und Ungeduld aufmerksam zu.
»Seitdem sucht unser Vetter nach ihr, lebt von der Hand in den Mund und ist halb verrückt geworden. Und dann sah er Euch heute Morgen am Herd stehen, und weil Ihr so wunderschön ausgesehen habt, genau wie Happy Feather, hat er für einen Moment den Verstand verloren. Er hatte Angst, seine Frau könnte ihm wieder davonlaufen. Und deshalb hat er Euch in die Truhe gesperrt. Er hat es aus Liebe getan.« Mit einer Hand zog Benjamin Dollys Jackett zurecht, und mit der anderen wischte er ihm Porridgereste von der Brust. »Habt Erbarmen, Mrs. Sands.«
»Gebt her«, sagte die Hauswirtin. Sie riss Dolly die Bibel aus der Hand. Sie betrachtete die mit Goldschnitt versehenen Seiten, die an den Ecken abgegriffen waren. Die winzigen Buchstaben waren von Hand geschrieben, und sie beäugte erst diese stirnrunzelnd und dann Dolly. Schließlich legte sie die Bibel auf den Tisch, packte ihren Besen und schlug auf alle drei ein. Benjamin traf sie einmal ins Gesicht und Dolly auf die Schultern. Ren duckte sich, aber sie erwischte mit dem Besenstiel seine Beine. »Ihr seid das schlimmste Pack, das mir je untergekommen ist!«
So schnell es ging, verzogen sie sich, Ren taumelnd voraus und ein verblüffter Dolly als Schlusslicht. Sie liefen zur Tür und stolperten hinaus auf die Straße, Mrs. Sands mit dem Besen in der Hand hinterher. »Ich lasse mich nicht in eine Kiste sperren!«, schrie sie. Dabei knallte sie die Tür so heftig zu, dass der Klopfer von selbst anschlug.
Nun standen alle drei draußen in der Gosse. Ren rieb sich die Beine. Dolly spreizte und streckte seine riesigen Finger. Benjamin zupfte sich ein paar Strohhalme aus den Haaren.
»Na«, sagte er. »Das war vielleicht ein Anfang.« Er streckte die Hand aus und stellte sich Dolly vor. »Willkommen aufs Neue in der Welt.«
Seine Hand verschwand bis hinauf zum Handgelenk. Als Dolly ihn endlich losließ, bewegte Benjamin die Finger, damit wieder Blut hineinkam. Trotz des späten Nachmittags schien die Sonne hell, und Dolly musste blinzeln. Die vielen Passanten und das hektische Hin und Her der Kutschen auf der Straße schienen ihn zu verwirren. Er zog die Schultern hoch und schob sich näher an Ren heran.
»Sieht aus, als hätte er dich ins Herz geschlossen«, sagte Benjamin und hob eine Augenbraue.
Ren wurde verlegen. »Kann schon sein.«
Benjamin klopfte seinen Mantel ab, als wäre ihm das egal. Er zupfte sich das letzte Stück Strohhalm vom Kragen. »Es wird Zeit, dass wir Tom aus der Taverne holen.«
Der Markttag neigte sich dem Ende zu, die Lebensmittel-Händlerinnen legten ihr Obst und Gemüse so hin, dass man die fauligen Stellen nicht sah. Die Bäckerin schnitt das hart gewordene Brot zu Toastscheiben. Die Fleischerin an der Ecke kochte übrig gebliebene Knochen aus.
»Ich hab Hunger«, sagte Dolly.
»Du hast gerade was gegessen«, sagte Ren.
»Stimmt«, sagte Benjamin. »Und wir hatten nichts.«
Dolly hockte sich auf den Gehweg und vergrub den Kopf in den Händen. Die Leute begannen zu glotzen, und auf einmal merkte Ren, wie fehl am Platz Dolly war. Eine alte Frau in Lumpen hielt sich im Vorbeigehen die Nase zu. Ein Junge beugte sich aus einer vorbeifahrenden Kutsche und zeigte auf den violetten Anzug. Weiter vorn an der Straßenecke standen ein paar Soldaten und rauchten. Einer von ihnen hielt inne, als er sich seine Zigarre anzündete. Er deutete mit dem Kinn auf sie. Dann ließ er das Streichholz fallen.
»Nichts wie weg hier«, sagte Benjamin.
»Ich rühr mich nicht von der Stelle«, sagte Dolly.
»Musst du aber«, sagte Benjamin. Sein Gesicht blieb von den Soldaten abgewandt. Ren sah, dass er sich in Bewegung setzte, erst einen Fuß auf dem Gehsteig nach vorn schob, dann den anderen. Gleich würde er sie beide hier zurücklassen.
»Bitte«, flehte Ren. »Bitte, Dolly.« Er griff nach dem violetten Jackett und schlang beide Arme um Dollys Schultern. Er vergrub sein Gesicht in dem durchnässten Samt, bis ihm jemand auf den Rücken klopfte.
»Schon gut«, sagte Dolly. »Mach dir keine Sorgen.«
In einer Seitengasse hinter einer Kirchenruine säuberten sie Dolly. Übergossen ihn eimerweise mit Regenwasser und warfen seinen Anzug in den Müll. Dolly wehrte sich nicht. Er schickte dem violetten Anzug einen traurigen Blick hinterher und hielt dann sein Gesicht zum Rasieren hin. Benjamin ließ sich von Ren das Bärenmesser geben und machte sich ans Werk, fast ohne die Haut zu ritzen. Nachdem die Koteletten verschwunden waren, sah Dolly in seiner langen Unterhose viel besser aus als zuvor. Seine Wangen waren rosig, der kahle Schädel glänzte. Es war, als wäre er nie tot gewesen.
Sie fanden, dass Dolly unbedingt eine Verkleidung brauchte, zumindest solange sie sich in North Umbrage aufhielten. Benjamin hob Ren durch das zerbrochene Fenster der aufgelassenen Kirche, wo er etwas zum Anziehen suchen sollte. Man hatte die Kirchenbänke aus dem Innenraum entfernt und die Buntglasfenster ausgehängt, aber das Lesepult war noch da, ebenso ein Stapel Gebetbücher. Ren durchstöberte einen Schrank hinter dem Altar. In einer Truhe entdeckte er allerlei Zubehör für ein Krippenspieclass="underline" einen staubigen Eselskopf, eine winzige Puppe mit einem Heiligenschein aus Draht um den Kopf und ganz unten ein grobes braunes Schäfergewand.
»Ein Predigerkragen wäre besser gewesen«, sagte Benjamin, sobald sie Dolly eingekleidet hatten.
»Er ist kein Prediger«, sagte Ren, »er ist ein Mönch.« Und irgendwie passte das. Ren musste an eine Schar Kapuziner denken, die eines Tages in Saint Anthony aufgetaucht und bis zum nächsten Morgen geblieben waren. Sonderbare, abgehärtete Männer waren das gewesen. Sie aßen nichts, und sie schliefen ohne Decken auf dem Steinpflaster draußen im Hof. Ren hatte sie durch das Fester im Schlafsaal der kleinen Jungen beobachtet. Ihre Körper waren zusammengerollt, die Kutten auf dem Boden ausgebreitet. Im Mondlicht hatten sie ausgesehen wie gefallene Engel.
Ren gab sich große Mühe, Dolly den Unterschied zwischen Gott und dem Heiligen Geist zu erklären, zwischen dem Vaterunser und »Ehre sei Gott in der Höhe«. Sie hatten keinen Rosenkranz zum Üben, aber Benjamin förderte eine Halskette aus gebrannten Perlen zutage, und mithilfe dieses wertlosen Schmuckstücks brachte Ren Dolly bei, das »Gegrüßet seist du, Maria« zu beten, sich den Weg durch die Gesätze des Rosenkranzes zu bahnen und die Geheimnisse des freudenreichen, des schmerzhaften und des glorreichen Rosenkranzes zu unterscheiden.