Ren versuchte sich etwas Interessantes einfallen zu lassen, aber der Anblick der feinen blonden Härchen am Oberschenkel des Mädchens verscheuchte vorübergehend jeden Gedanken aus seinem Kopf. »Ein Löwe hat sie gefressen«, sagte er schließlich, um eine von Benjamins Geschichten auszuprobieren. »Er ist aus dem Zirkus entflohen. Und er hieß Pierre.« Aus seinem Mund klangen die Worte unglaubwürdig.
Das Mädchen hörte auf, an dem Schorf herumzukratzen. »Du bist kein sehr guter Lügner.«
Die Tür zur Bar wurde aufgestoßen, und Tageslicht strömte herein. Drei schwarz gekleidete Männer traten ein und gingen auf Ren zu. Er war überzeugt, dass sie Dolly draußen entdeckt hatten und gekommen waren, um sie zu verhaften, doch die Männer blieben neben dem Schankkellner stehen. Der kleinste beugte sich über den Tresen, berührte ein Augenlid und schob es hoch. Die Iris darunter sah hart und glänzend aus wie eine Murmel.
»Hier hält keiner lang durch, was?«, sagte der Mann. Er griff in seine Tasche und holte einen kleinen Sack hervor, den er dem Schankkellner rasch über den Kopf stülpte und im Nacken verknotete. »Wo ist der Patron?«, fragte er das Mädchen.
Sie zeigte zum Hinterzimmer, als käme so etwas hier alle Tage vor.
»Den Rest überlasse ich euch«, sagte der kleine Mann zu den beiden anderen, rückte seinen Hut gerade und verschwand durch die Schwingtür.
Die Leichenbestatter versuchten den Körper aufzurichten, doch er war schon zu steif, und so rollten sie den Schankkellner, der noch immer seinen Löffel in der Hand hielt, einfach auf den Boden. Einer der Männer fasste ihn unter den Kniekehlen, und der andere schob von hinten seine Arme unter den Achseln hindurch und verhakte die Hände über der Brust. Die Gäste rückten auf ihren Stühlen beiseite, und die Leichenbestatter bewegten sich unbeholfen und mit kleinen Schritten auf die Tür zu. Dabei schwang der Arm des Schankkellners über die Köpfe der Leute hinweg. Die Stammgäste wandten ihre Gesichter ab, stierten auf ihre Karten oder den zusammenfallenden Schaum in ihren Bierkrügen.
Als die Leichenbestatter um einen Tisch herummanövrierten, stolperte einer der beiden, so dass der Löffel, den der Schankkellner noch immer fest umklammert hielt, einen Hut erwischte.
Er hatte eine breite Krempe wie ein Pastorenhut und eine blutrote Hutschnur. Wie von einem Windstoß erfasst, kreiselte er und landete, ziemlich verformt, neben dem Fußrohr des Tresens im Sägemehl. Der Besitzer des Huts stand von seinem Stuhl auf, und es war, als legte sich ein Schatten über den Raum.
Die Augen des Mannes standen zu weit auseinander. Das fiel Ren als Allererstes auf. Dazwischen war so viel Platz, dass das Gesicht eingedrückt wirkte – eine freie, unausgefüllte Fläche. Seine Haut war blass, das lange Haar klebte seitlich am Kinn. Sein Mantel war aus Leder, und er trug rote Handschuhe, in demselben Rot wie die Hutschnur.
Die Leichenbestatter blieben wie angewurzelt stehen. Als der Mann mit den roten Handschuhen sich näherte, ließen sie den Schankkellner auf den Boden fallen. »Es war keine Absicht«, sagte einer von ihnen. Der andere wich zurück. Die Gäste an den umliegenden Tischen kamen in Bewegung und verdrückten sich auf die andere Seite der Taverne. Der Mann mit den roten Handschuhen sagte kein Wort. Unter den Blicken aller zog er ein langes Messer aus seinem Gürtel, setzte es ans Handgelenk des toten Mannes und schnitt ihm die Hand ab.
Das grünliche Mädchen ergriff Rens Ärmel und drückte ihr Gesicht hinein. Durch den Stoff hindurch spürte er ihren heißen Atem auf seiner Haut. Der Arm des Schankkellners zitterte, als sich die Klinge durch den Knochen fraß. Als der Mann mit den roten Handschuhen sein Werk vollendet hatte, hob er seinen Hut vom Boden auf. Er klopfte ihn ab, brachte ihn mit flinken Fingern wieder in Form und setzte ihn auf. Dann nahm er die Hand des Schankkellners, die noch immer den Löffel hielt, und ging damit an seinen Tisch zurück. Er zeigte auf das grünliche Mädchen. »Bring mir Suppe.«
Das Mädchen eilte in Küche, während die Zecher mit den Füßen Sägemehl über das Blut schoben und wieder auf ihre Stühle zurückkehrten. Die Leichenbestatter wirkten erleichtert. Eilig gingen sie um den Toten herum, hoben ihn wieder hoch und hasteten zur Tür hinaus. Die Klinke schnappte zu, das Tageslicht verkroch sich in die Ecken, die Sturmlampen verbreiteten ihren Schimmer, und alle Männer, alle ohne Ausnahme, fingen auf einmal an zu reden, als hätten sie die Luft angehalten, bis der Tote fort war.
Das grünliche Mädchen kam mit einem Teller Suppe zurück. Ren sah zu, wie sie sich durch das Gewühl schlängelte. Er schloss die Augen, aber das änderte nichts. Noch immer sah er das Messer, das sich vor und zurück bewegte, sah das fleischige Armende des Schankkellners. Seine Narbe juckte so heftig, dass es brannte. Er drückte mit der Hand fest dagegen und grub die Fingernägel ins Fleisch.
Der Schankraum wurde schmaler und entfernte sich, bis es Ren vorkam, als würde er sich über den Brunnen in Saint Anthony beugen und das Echo des Wassers zu sich heraufhallen hören. Irgendwo in diesem Echo lag etwas von jenem Entsetzen, das Ren schon früher erlebt hatte. Jetzt erinnerte er sich wieder, konnte es beinahe greifen, während die Männer in der Schenke ihm ins Ohr murmelten und das grünliche Mädchen ihn schließlich am Ellbogen packte und sagte: »Gleich wirst du alles verschütten.«
Der Bierkrug in seiner Hand stand schräg. Ren konnte sich nicht erinnern, ihn vom Tresen genommen zu haben. Er umfasste ihn fester und hielt ihn wieder gerade. Er bedankte sich bei dem Mädchen, das ihn halbherzig anlächelte und sich wieder ihrer Arbeit zuwandte. Leicht schwankend ging Ren zurück zum Tisch. Benjamin und Tom beobachteten den Mann mit den roten Handschuhen, der jetzt mit der Hand des Schankkellners seine Suppe aß.
»Wir müssen hier weg«, sagte Tom.
»Du bist betrunken«, sagte Benjamin.
»Ja«, sagte Tom. »Aber ich meine es ernst.«
»Wir gehen nirgendwohin«, sagte Benjamin. »Noch nicht.«
Tom schenkte sich noch ein Glas ein. »Ich bin jetzt seit zwei Tagen in dieser Kaschemme, und ich habe mehr mitgekriegt, als mir lieb ist.« Er schaute zu den Nebentischen hinüber, beugte sich dann vor und senkte die Stimme. »Dieser McGinty, der Mausefallenmann, betreibt hier einen Markt für Schmuggelware. Opium, erotische Romane, Postkarten, Goldzähne, Whiskey, Waltran, Pistolen, Armreifen aus Elfenbein und Lippenrouge. Für alles und jedes, was das Herz begehrt. Er kontrolliert das Ganze von seiner Fabrik aus und schneidet sich von jeder Transaktion sein Scheibchen ab. Und wenn er sein Scheibchen nicht bekommt, schneiden sich seine Männer auf eigene Faust was ab.«
Tom deutete mit dem Kopf auf den Mann mit den roten Handschuhen, dann signalisierte er Ren mit einer Geste, dass es ihm leidtat. »Ich hänge an meinen Händen«, sagte Tom. »Ich habe nicht die Absicht, sie loszuwerden.«
Benjamin reagierte nicht darauf. Er war zu sehr damit beschäftigt, den Mann mit den roten Handschuhen dabei zu beobachten, wie er seine Suppe aß, so als würde ihm dieser Vorgang etwas Wichtiges verraten, etwas, das er seit Jahren in Erfahrung zu bringen versuchte. Jedes Mal, wenn der Mann die Hand des Schankkellners hob, veränderte sich Benjamins Miene, bis er so wütend aussah, wie Ren ihn noch nie erlebt hatte. Er stieß sich vom Tisch ab und knöpfte langsam seinen Mantel zu.
»Wohin gehst du?«, fragte Tom.
»Eine Tour machen wir noch«, sagte Benjamin. »Noch eine einzige, und dann verschwinden wir.« Plötzlich schien er es eilig zu haben. Er gab Ren den Schlüssel zu ihrem Zimmer. »Du musst Mrs. Sands anbetteln, dass sie uns wieder reinlässt.« »Und was wird aus Dolly?«
Benjamin blieb kurz stehen und presste die Lippen aufeinander. »Sorg nur dafür, dass er vorerst niemanden umbringt.« Damit schlug er den Mantelkragen hoch und war mit zwei Schritten im Gewühl verschwunden.
Ren betastete den Schlüssel in seiner Hand. Tom goss eine sandfarbene Flüssigkeit in zwei Gläser und schob ihm eines hin. »Da«, sagte er. »Ich habe es satt, allein zu trinken.«