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Dolly trug Mrs. Sands nach unten, während Ren den Knopf von Benjamins Bettpfosten abschraubte. Sie würden Geld brauchen, überlegte er und nahm alles mit. Das Pferd und der Wagen standen im Stall. Es dauerte eine Weile, bis sie die Stute ordentlich angeschirrt und Mrs. Sands hinten im Wagen untergebracht hatten. Ren hörte, wie sie hustete, umklammerte mit seiner unversehrten Hand die Zügel und hoffte, er würde sich im Dunkeln an den Weg erinnern.

Sie brauchten fast eine Stunde, bis sie die Brücke erreicht hatten. Dreimal war Ren falsch abgebogen. Dolly konnte sich nicht an den Weg erinnern, und Mrs. Sands war, schweißgebadet, in einen unruhigen Schlummer gefallen. Im Vorbeifahren sah Ren Gestalten in den schmalen Gassen, ein paar Schatten, die sich um ein Feuer drängten, einen Landstreicher, der an einer Hauswand lehnte, eine alte Frau, die den Rock bis zur Taille hochgehoben hatte und ihn wieder fallen ließ, als sie sah, dass sie vorbeifuhren. Er blickte stur geradeaus, als bemerkte er nichts von alledem, und als er die Brücke erspähte, seufzte er erleichtert auf. Jetzt gab es nur noch eine Straße zum Krankenhaus.

Der Wagen schwankte, als sie den Fluss überquerten. Ren schaute in das vorbeijagende Wasser hinab. Er musste an den ertrunkenen Jungen denken und fragte sich, ob sein Geist wohl merkte, dass über ihm seine alten Kleider vorüberfuhren. Ren hielt die Zügel gut fest und begann mit dem Heben Gott zu verhandeln. Wenn sie die Brücke unbeschadet überquert hätten, würde er zehn Rosenkränze beten. Schafften sie es bis zum Krankenhaus, dann zwanzig.

Vor ihnen unter einer Straßenlaterne standen zwei Männer und rauchten Pfeife. Der eine trug einen flachen Filzhut, der leicht schräg saß, der andere bis zu den Knien hinauf geknöpfte Gamaschen. Es waren dieselben zwei Männer, die Dolly vor O’Sullivans Taverne erkannt hatte. Ren zögerte, fuhr aber weiter. Als sie näher kamen, zog der Mann mit den Gamaschen eine runde, flache Scheibe unter dem Arm hervor und schlug sie ans Handgelenk. Mit einem leisen Knall verwandelte sich die Scheibe in einen Zylinder. Der Mann setzte ihn auf, sprang dann vor das Pferd und packte es am Zaumzeug.

»Bisschen spät zum Beten, findet Ihr nicht, Pater?«

Der Mann mit dem Zylinder war bestimmt nicht älter als zwanzig. Sein Gesicht war weich, sein Selbstvertrauen noch unerschüttert. Hinter ihm zog der Mann mit dem Filzhut eine Kette aus der Tasche und ließ sie durch die Finger gleiten.

»Ich bin ein Mönch«, sagte Dolly.

»Ich habe da was ganz anderes in Erinnerung«, sagte der Zylinder. »Ich erinnere mich an einen violetten Anzug.«

Ren riss an den Zügeln. Die Stute warf den Kopf hin und her. Dolly schob die Kapuze seiner Kutte nach hinten und stieg vom Wagen.

»Lass das Pferd los.«

»Wir wollen doch bloß einen Segen«, sagte der Zylinder. »Dann vergessen wir vielleicht, dass wir dich gesehen haben. Du wirst doch wohl einen Segen für uns haben, Mönch.«

Dolly hob zwei Finger, um das Kreuzzeichen zu machen. Hinter ihm holte der Mann mit dem Filzhut mit der Kette aus. Sie sauste auf Dollys Nacken herab. Ren schrie auf, aber Dolly reagierte überhaupt nicht. Er drehte sich nur um, packte den Mann an der Gurgel und drückte zu. Die Kette fiel zu Boden. Dolly schob den Mann an den Laternenpfosten und knallte seinen Schädel dagegen, ein ums andere Mal, bis der Filzhut auf den Gehweg fiel.

Ren wurde von seinem Sitz gerissen. Der Mann mit dem Zylinder schrie ihm etwas ins Ohr, und da erst merkte der Junge, dass ihm ein Messer an die Wange gedrückt wurde. Dann fielen beide um, und Dolly war über ihnen. Ellbogen und Knie schlugen nach allen Seiten aus. Ren spürte einen brennenden Schmerz an der Wange. Dann einen Tritt in die Magengrube. Er hielt die Arme schützend vors Gesicht und ließ sich vom Gehweg hinunter in den Rinnstein rollen. Über ihm kreischte und ächzte jemand, und plötzlich hörte das Gerangel auf, und es war ruhig. Rens Finger berührten etwas Glitschiges. Es roch nach verdorbenem Fisch, und genau das war es auch. Er blickte um sich. Er war umgeben von Fischköpfen und Schwänzen, den Rückständen von einem Tag Angeln im Fluss.

Dolly packte Ren am Ellbogen und stellte ihn auf die Beine. Sein Schäfergewand war mit Blut bespritzt. Der Mann mit dem Zylinder lag zusammengesackt auf dem Gehsteig; ein Auge war herausgerissen, und von den Wimpern bis zum Ohr verlief eine feucht glänzende rote Spur.

Ren zitterte. Seine Beine waren nass. Er hörte Stimmen, Rufe in der Gasse, die näher kamen. Dolly schaute seelenruhig in die Nacht hinaus, und dem Jungen wurde bewusst, dass er noch ein Dutzend Männer auf diese Weise hätte umbringen können. Ren gab sich alle Mühe, nicht in Panik zu geraten. Er versuchte zu überlegen, was Benjamin getan hätte.

»Schaff sie in den Wagen«, sagte Ren. »Schnell.«

Zusammen luden sie die Männer hinten auf den Wagen, rechts und links von Mrs. Sands. Der ganze Tumult hatte sie aus ihrem Fiebertraum geweckt. Jetzt war sie wach. Ihr Gesicht war rot gefleckt, ihre Stirn schweißnass.

»Die stehlen mir immer meinen Schinken!«, schrie sie.

»Das wissen wir«, sagte Ren und breitete Decken über die beiden Leiber.

Die zugedeckten Toten schienen Mrs. Sands besser zu behagen. Sie schloss wieder die Augen. »Geschieht ihnen ganz recht.«

Ren zog ihr die Bettdecke bis hinauf ans Kinn. Dann ergriff er Dollys Hand. »Los, fahren wir.«

Dollys Finger waren schmierig. Ren spürte etwas in seiner Handfläche – ob Haare oder Haut, konnte er nicht sagen. Das hat er nicht absichtlich getan, dachte er, als sie wieder auf den Wagen kletterten, aber tief im Herzen wusste Ren, dass Dolly es absichtlich getan hatte und dass er es wieder und wieder tun würde. Danach wollte er an gar nichts mehr denken. Er spürte nur noch die Luft auf seiner feuchten Haut und den Fischgeruch in seinen Kleidern. Der Laternenpfahl verschwand hinter ihnen, und Ren begriff, dass er neben einem Mörder auf dem Bock saß. Jetzt würde der liebe Gott nicht mehr mit sich handeln lassen. Jetzt landete Ren mit Sicherheit in der Hölle.

Ren trieb das Pferd an, um so viel Abstand wie möglich zwischen den Wagen und die Stadt zu legen. Bald wären die Gesetzeshüter hinter ihnen her, wegen dieser oder auch anderer Morde, die Dolly begangen hatte. Bei dem Gedanken daran, erwischt zu werden, wurden Rens Handflächen feucht. Alle paar Minuten überzeugte er sich davon, dass ihnen niemand folgte. Nicht mehr lange, und sie hätten die Stadtgrenze hinter sich und wären draußen auf offenem Gelände. Dolly lehnte sich auf dem Sitz zurück, als ginge ihn das alles nichts an. Der Mond war von Wolkenschleiern verdeckt, und Dollys Gesicht blieb im Dunkeln.

»Du hast sie umgebracht, Dolly.«

»Sie sind selber schuld.«

»Das ändert nichts dran.« Im Gehölz neben der Straße raschelte es. Ren drehte den Kopf zur Seite. Er hatte das Gefühl, als würden die Bäume sie beobachten. Die Eichen und Ulmen und Ahornbäume ragten mit ihren wiegenden Ästen hoch neben dem Wagen auf. Ren spürte Worte voller Reue in seiner Kehle, und schließlich brachen sie aus ihm heraus: »O mein Gott, es tut mir von Herzen leid, dass ich mich gegen Dich versündigt habe.« Er schaute zu Dolly hinüber, der zu den Sternen aufsah. »Du wirst auch beichten müssen.«

»Und was?«, fragte Dolly.

»Alles.«

»Das würde Jahre dauern«, sagte Dolly. »Und dabei erinnere ich mich nicht mal an die Hälfte von dem, was ich getan habe.«

»Wenn du nicht beichtest, wirst du nicht erlöst werden.« Ren sah Dolly flüchtig an, um festzustellen, ob seine Worte Eindruck auf ihn machten. Erstaunt stellte er fest, dass dem nicht so war.

Er gab sich die größte Mühe, Dolly die Sache mit den sieben Todsünden, der Wiederkunft Christi und dem Ende der Welt zu erläutern. Er erklärte ihm, dass die Toten auferstehen und bei den Lebenden stehen würden und dass dies der Tag des Jüngsten Gerichts sei und Christus entscheiden werde, wer in den Himmel kommt und wer auf ewig in die Hölle hinabgestoßen wird.