»Ist er allein aufgetreten?«
»Ja. Er hat auf eine in der Schlange wartende Kundin gezeigt und behauptet, sie gehöre seiner Bande an, aber nachdem Miro verschwunden war, habe ich sie erkannt. Sie ist eine Sekretärin, die ihr Gehaltskonto bei uns hat und.«
»Haben Sie gesehen, in welche Richtung Miro geflüchtet ist?« unterbrach Oberst Acoca ihn ungeduldig.
»In Richtung Ausgang.«
Die Befragung des Polizeibeamten war kaum lohnender.
»Sie haben zu viert im Wagen gesessen, Oberst. Jaime Miro und ein anderer vorn, die beiden Frauen hinten.«
»Wohin sind sie gefahren?«
Der Polizeibeamte zögerte. »Vom Ende der Einbahnstraße aus können sie in alle Richtungen gefahren sein«, gab er zu. Seine Miene hellte sich auf. »Aber ich kann das Fluchtfahrzeug beschreiben!«
Oberst Acoca schüttelte angewidert den Kopf. »Sparen Sie sich die Mühe.«
Sie träumte, und im Traum hörte sie die Stimmen des Mobs, der sich zusammenrottete, um sie wegen Banküberfalls auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Ich hab ’s nicht für mich, sondern für die gute Sache getan. Die Stimmen wurden lauter.
Megan öffnete die Augen, setzte sich auf und starrte die ihr fremden Burgmauern an. Aber die Stimmen waren real. Sie kamen von draußen.
Sie sprang auf und hastete an das schmale Fenster. Genau unter ihr hatten Soldaten auf der freien Fläche vor der Burg ein Lager bezogen. Jähe Panik erfüllte Megan. Wir sind umzingelt! Ich muss Jaime finden.
Megan lief zu dem Raum, in dem er mit Amparo geschlafen hatte, und warf einen Blick hinein. Er war leer. Sie rannte die Treppen zur Halle im Erdgeschoß hinunter. Jaime und Amparo standen in der Nähe der verriegelten Eingangstür und flüsterten miteinander.
Felix kam heran. »Ich habe hinten nachgesehen. Es gibt keinen Hinterausgang.«
»Was ist mit den rückwärtigen Fenstern?«
»Viel zu klein. Wir können nur durch diese Tür raus.«
Und dort sind die Soldaten, dachte Megan. Wir sitzen in der Falle.
»Ein Scheißpech, dass sie ausgerechnet hier ihr Lager aufschlagen müssen!« fluchte Jaime halblaut.
»Was tun wir jetzt?« flüsterte Amparo.
»Was sollen wir schon tun? Wir bleiben hier, bis sie abziehen. Vielleicht.«
In diesem Augenblick wurde energisch an die Eingangstür geklopft. »Aufmachen!« verlangte eine befehlsgewohnte Männerstimme.
Jaime und Felix wechselten einen raschen Blick und zogen stumm ihre Pistolen.
»Wir wissen, dass dort jemand drin ist«, rief die Stimme. »Los, macht auf!«
»Verschwindet von der Tür«, forderte Jaime Amparo und Megan auf.
Aussichtslos! dachte Megan, während Amparo hinter Jaime und Felix trat. Dort draußen sind mindestens dreißig Soldaten. Gegen die haben wir keine Chance.
Bevor die anderen reagieren konnten, war Megan an der Tür und öffnete sie einen Spalt weit.
»Gott sei Dank, dass Sie gekommen sind!« rief sie klagend aus. »Sie müssen mir helfen!«
33
Der Heeresoffizier starrte Megan prüfend an. »Wer sind Sie? Was tun Sie hier? Ich bin Hauptmann Rodriguez, und wir sind auf der Suche nach einem gewissen.«
»Sie kommen gerade noch rechtzeitig, Hauptmann.« Sie umklammerte seinen Arm. »Meine beiden kleinen Söhne haben Typhus und müssen dringend zu einem Arzt. Sie müssen reinkommen und mir helfen, sie raus zu tragen.«
»Typhus?«
»Ja.« Megan zerrte an seinem Arm. »Sie haben schrecklich hohes Fieber. Es verbrennt sie regelrecht! Sie sind mit Pusteln übersät und schwer krank. Rufen Sie Ihre Leute herein, damit sie mir helfen, die armen Würmer.«
»Senora! Sind Sie wahnsinnig? Typhus ist verdammt ansteckend!«
»Das darf jetzt keine Rolle spielen, Hauptmann. Sie brauchen Ihre Hilfe, sonst müssen sie vielleicht sterben.« Megan zerrte weiter an seinem Arm.
»Lassen Sie mich los!«
»Sie dürfen mich nicht im Stich lassen. Was soll ich nur tun?«
»Sie gehen wieder hinein und warten, bis wir die Polizei benachrichtigt haben, damit sie einen Arzt oder einen Krankenwagen schickt.«
»Aber.«
»Keine Widerrede, Senora. Hinein mit Ihnen!« Rodri-guez drehte sich um. »Sergeant, wir rücken ab!«
Megan schloss die Tür und lehnte sich ausgepumpt von innen dagegen.
Jaime starrte sie verblüfft an. »Mein Gott, das haben Sie wunderbar gemacht! Wo haben Sie bloß so lügen gelernt?«
Megan sah zu ihm hinüber und seufzte. »Im Waisenhaus haben wir gelernt, uns selbst zu verteidigen. Ich hoffe, dass Gott mir vergeben wird.«
»Ich wollte, ich hätte den Gesichtsausdruck dieses Hauptmanns beobachten können!« Jaime lachte halblaut. »Typhus! Verdammt noch mal!« Er fing den tadelnden Blick Megans auf. »Entschuldigung, Schwester.«
Draußen waren Arbeitsgeräusche zu hören: die Soldaten begannen, ihre Zelte abzubrechen.
»Die Polizei wird bald hier sein«, sagte Jaime, als das Militär abgerückt war. »Außerdem sind wir in Logrono verabredet.«
»Jetzt können wir auch verschwinden«, entschied Jaime eine Viertelstunde nach dem Abmarsch der Soldaten. Er wandte sich an Felix. »Sieh zu, was du in der Stadt auftreiben kannst. Am besten wieder eine Limousine.«
Felix grinste. »Kein Problem, Amigo.«
Eine halbe Stunde später stiegen sie an einem vereinbarten Treffpunkt jenseits der Burg in einen klapprigen grauen Renault und fuhren nach Osten weiter.
Zu Megans Überraschung saß diesmal sie vorn neben Jaime. Felix und Amparo hatten den Rücksitz für sich. Jaime blickte grinsend zu Megan hinüber.
»Typhus!« sagte er und begann laut zu lachen.
Megan lächelte. »Er hat gar nicht schnell genug verschwinden können, nicht wahr?«
»Sie sind also im Waisenhaus aufgewachsen, Schwester?«
»Ja.« »Wo?«
»In Avila.«
»Aber Sie sehen nicht wie eine Spanierin aus.«
»Das höre ich nicht zum ersten Mal.«
»Für Sie muss das Waisenhaus eine wahre Hölle gewesen sein.«
Sein unerwartetes Mitgefühl verblüffte Megan. »Das hätte es sein können«, bestätigte sie. »Aber es war keine.« Das habe ich nicht zugelassen, dachte sie.
»Wissen Sie eigentlich, wer Ihre Eltern sind?«
Megan erinnerte sich an ihre Kinderphantasien. »O ja! Mein Vater war ein tapferer Engländer, der im Bürgerkrieg einen Krankenwagen der Loyalisten gefahren hat. Meine Mutter ist bei den Kämpfen umgekommen, und ich bin vor der Tür eines Bauernhauses zurückgelassen worden.« Sie zuckte mit den Schultern. »Oder mein Vater war ein ausländischer Prinz, der eine Affäre mit einem Bauernmädchen gehabt hat, das mich ausgesetzt hat, um einen Skandal zu vermeiden.«
Jaime warf ihr einen prüfenden Blick zu, ohne etwas zu sagen.
»Ich.« Megan schwieg abrupt. »Ich weiß nicht, wer meine Eltern sind.«
Sie fuhren eine Zeitlang schweigend weiter.
»Wie lange sind Sie im Kloster gewesen?«
»Ungefähr fünfzehn Jahre.«
Jaime war verblüfft. »Großer Gott!« Dann fügte er hastig hinzu: »Entschuldigen Sie, Schwester, aber ich habe das Gefühl, mit jemandem von einem anderen Stern zu sprechen. Sie haben also keine Vorstellung davon, was in den letzten fünfzehn Jahren auf der Welt passiert ist?«
»Ich bin sicher, dass alle Veränderungen nur vorläufig gewesen sind. Was sich geändert hat, wird sich wieder ändern.«
»Wollen Sie noch immer ins Kloster zurück?«
Seine Frage überraschte Megan.
»Selbstverständlich.«
»Weshalb?« Jaime schüttelte den Kopf. »Hinter Klostermauern versäumen Sie so viel. Hier draußen gibt’s Musik und Literatur. Spanien hat der Welt Cervantes, Picasso, Lorca, Pizarro, De Soto, Lope de Vega, Goya und Velasquez geschenkt. Es ist ein märchenhaftes Land.«