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»Bis vierzehn Uhr sind wir längst weg, stimmt’ s?« fragte Megan.

Jaime nickte grinsend. »Ich gehe telefonieren. Ihr wartet hier.«

Amparo hängte sich bei ihm ein. »Ich begleite dich.«

Megan und Felix sahen den Davongehenden nach.

Felix warf Megan einen prüfenden Blick zu. »Du kommst mit Jaime gut aus, nicht wahr?«

»Ja.« Sie war plötzlich verlegen.

»Er ist kein anspruchsloser Freund. Aber er ist ein sehr ehrenhafter und sehr tapferer Mann. Und ein fürsorglicher Freund. Ich wüsste niemanden, der ihm gleicht. Hab’ ich dir schon erzählt, wie er mir das Leben gerettet hat?«

»Nein. Ich würd’s gern hören.«

»Vor ein paar Monaten hat der Staat sechs Freiheitskämpfer hingerichtet. Um sie zu rächen, wollte Jaime den Staudamm bei Puenta la Reina südlich von Pamplona sprengen. In der Stadt darunter befinden sich zahlreiche militärische Einrichtungen. Wir sind nachts gekommen, aber irgend jemand hatte unseren Plan der GEO verraten, und Acocas Männer haben drei von uns gefangen genommen.

Wir sind zum Tod verurteilt worden. Niemand hätte unser Gefängnis stürmen können, aber Jaime hat einen Weg gefunden. Er hat die Stiere in Pamplona freigelassen und in der entstehenden Verwirrung zwei von uns befreit. Den dritten hatten Acocas Männer leider tot geprügelt. Ja, Megan, Jaime Miro ist ein ganz besonderer Mann.«

»Was passiert jetzt?« wollte Felix wissen, als Jaime und Amparo zurückkamen.

»Ein Freund holt uns ab und bringt uns nach Leon.«

Eine halbe Stunde später fuhr ein Zwölftonner mit Plane und Spriegel vor.

»Willkommen«, sagte der Fahrer fröhlich. »Steigt auf!«

»Danke, Amigo.«

»Ich freue mich, euch helfen zu können. Nur gut, dass du angerufen hast, Jaime. Hier wimmelt’s überall von verdammten Soldaten. Ein gefährliches Pflaster für dich und deine Freunde.«

Sie kletterten auf die Ladefläche, und das riesige Fahrzeug brummte nach Nordosten davon.

»Wo bleibt ihr in Leon?« hatte der Fahrer noch gefragt, bevor er Gas gegeben hatte.

»Bei Freunden«, hatte Jaime ausweichend geantwortet.

Er traut keinem, dachte Megan. Nicht einmal den Leuten, die ihm helfen. Aber wie kann er auch? Sein Leben ist in Gefahr. Und sie überlegte, wie schrecklich es für Jaime sein musste, ständig auf der Flucht vor Polizei und Militär zu sein. Alles wegen eines Ideals, für das er sein Leben zu opfern bereit war. Was hatte er gleich wieder gesagt? Der Unterschied zwischen einem Patrioten und einem Rebellen hängt davon ab, wer gerade an der Macht ist.

Die Fahrt war angenehm. Auf paradoxe Weise vermittelte die dünne Plane ihnen ein Gefühl der Sicherheit, das Megan erkennen ließ, unter welcher nervlichen Anspannung sie im Freien als Gejagte gestanden hatte. Und Jaime lebt ständig mit dieser Anspannung. Wie stark er ist!

Sie unterhielt sich mit Jaime, und ihr Dialog floss so mühelos, als seien sie alte Freunde. Amparo Jiron, die ihnen gegenübersaß, hörte zu und schwieg mit ausdrucksloser Miene.

»Als Junge wäre ich am liebsten Astronaut geworden«, erzählte Jaime.

Das interessierte Megan. »Wie bist du darauf gekommen?«

»Ich hatte miterlebt, wie meine Eltern, meine Schwestern und viele meiner Freunde erschossen worden waren, und konnte das Elend auf dieser blutdurchtränkten Erde nicht mehr ertragen. Die Sterne schienen mir einen Ausweg zu bieten. Sie sind Millionen von Lichtjahren entfernt, und ich habe oft davon geträumt, eines Tages zu ihnen zu reisen und diesen schrecklichen Planeten hinter mir zu lassen.«

Sie beobachtete ihn wortlos.

»Aber es gibt keine Flucht vor der Wirklichkeit, nicht wahr? Letztlich müssen wir uns alle zu unserer Verantwortung bekennen, deshalb bin ich auf die Erde zurückgekehrt. Früher habe ich geglaubt, ein einzelner Mensch könne nichts ausrichten. Aber jetzt weiß ich, dass das nicht stimmt. Jesus hat etwas bewirkt - Mohammed und Gandhi, Einstein und Churchill ebenfalls.« Er lächelte schief. »Versteh mich bitte nicht falsch, Megan. Ich will mich nicht mit einem von ihnen vergleichen, aber ich tue, was ich kann. Wir müssen alle tun, was in unseren Kräften steht, glaube ich.«

Und Megan fragte sich, ob seine Worte eine besondere Bedeutung für sie haben sollten.

»Nachdem ich mir die Sterne aus dem Kopf geschlagen hatte, habe ich Hochbau studiert und bin Ingenieur geworden. Ich habe gelernt, Häuser zu bauen. Jetzt jage ich sie in die Luft. Und eine Ironie des Schicksals hat es gewollt, dass ich auch schon von mir miterbaute Gebäude gesprengt habe.«

In der Abenddämmerung erreichten sie Leon.

»Wohin soll ich euch bringen?« fragte der LKW-Fahrer.

»Du kannst uns hier an der Ecke absetzen, Amigo.«

Der Fahrer nickte. »Wird gemacht. Kämpft so tapfer weiter wie bisher.«

Jaime half Megan beim Aussteigen. Amparo beobachtete die beiden mit funkelnden Augen. Ihr Mann durfte keine andere Frau berühren! Sie ist eine Schlampe, dachte Amparo. Und Jaime ist scharf auf das Nönnchen. Aber das wird nicht lange anhalten. Er wird bald merken, dass sie nicht die Frau ist, für die er sie hält. Er braucht ein Vollblutweib.

Die kleine Gruppe bewegte sich wachsam durch Leon und benützte möglichst nur Seitenstraßen. Zwanzig Minuten später erreichte sie ein von einem hohen Zaun umgebenes einstöckiges kleines Haus am Stadtrand.

»Das ist unser Quartier«, sagte Jaime. »Wir übernachten hier und fahren morgen bei Einbruch der Dunkelheit weiter.«

Zu Megans Überraschung fanden sie das Gartentor und die Haustür unversperrt vor.

»Wem gehört dieses Haus?« erkundigte sie sich.

»Du fragst zuviel«, wies Amparo sie zurecht. »Sei lieber froh, dass wir dich bisher mitgeschleppt haben.«

Jaime musterte Amparo kritisch. »Sie hat sich das Recht verdient, Fragen zu stellen.« Er wandte sich an Megan. »Das Haus gehört einem Freund. Wir sind jetzt im Baskenland. Ab hier kommen wir leichter voran. Hier leben überall Genossen, die schützend ihre Hand über uns halten. Übermorgen bist du wieder im Kloster.«

Und Megan empfand leichtes Bedauern, das fast Trauer war. Was ist nur in mich gefahren? fragte sie sich. Natürlich will ich dorthin zurück. Herr, vergib mir. Ich habe dein sicheres Geleit erfleht, und du gewährst es mir.

»Ich verhungere!« behauptete Felix. »Mal sehen, was sich in der Küche tut.«

Die Vorräte waren überreichlich.

»Er hat gut für uns gesorgt«, stellte Jaime fest. »Ich koche uns ein gutes Abendessen.« Er lächelte Megan zu. »Das haben wir uns ehrlich verdient, findest du nicht auch?«

»Ich hab’ nicht gewusst, dass Männer kochen können«, gab Megan zu.

Felix lachte. »Baskische Männer sind stolz auf ihre Kochkünste. Jaime kocht sogar besser als die meisten. Wart’s nur ab!«

Sie reichten Jaime die Zutaten, die er verlangte, und beobachteten, wie er ein Pfefferomelette mit geröstetem grünem Pfeffer, Zwiebelscheiben, Tomaten, Eiern und Schinken zubereitete.

»Mmmm, das riecht köstlich!« sagte Megan anerkennend.

»Ah, das ist nur die Vorspeise. Ich koche dir eine baskische Spezialität - pollo al chilindron.«

Er hat nicht »euch« gesagt, stellte Amparo fest. Er hat »dir« gesagt. Für die Schlampe.

Jaime tranchierte ein Huhn, würzte die Scheiben mit Salz und Pfeffer und briet sie in Öl, während er in einer weiteren Pfanne Zwiebeln, Knoblauch und Tomaten dünstete. »Jetzt lassen wir alles eine halbe Stunde lang auf kleiner Flamme garen.«

Felix hatte eine Flasche Rotwein entdeckt. Er schenkte ein und reichte die gefüllten Gläser herum. »Roter aus Rioja. Der schmeckt!« Er bot Megan ein Glas an. »Du auch?«