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Das Beunruhigendste an diesem Etwas war seine Art, sich zu bewegen – denn es bewegte sich nicht etwa in kurzen Schüben, wie ein von Zweig zu Zweig flatternder Vogel, oder mit kurzen, immer wieder stockenden Bewegungen, wie etwa ein Eichhörnchen. Es bewegte sich auch nicht mit der verstohlenen Heimlichkeit einer Schlange, die ein Stück vorangleitet, kurz innehält und dann weitergleitet. Dieses Etwas bewegte sich nicht nur lautlos und fließend, sondern ohne jede Unterbrechung. Die Pferde, ein Stück abseits zwischen den Bäumen in einem Pferch, den Richard mithilfe einiger junger Schösslinge gebaut hatte, um das hintere Ende eines engen Felsspalts abzuteilen, stampften schnaubend mit den Hufen. In der Ferne flog ein Vogelschwarm plötzlich von seinem Schlafplatz auf und erhob sich in die Lüfte. In diesem Moment bemerkte Richard zum ersten Mal, dass die Zikaden verstummt waren. Richard nahm den schwachen Geruch von etwas wahr, das hier im Wald völlig fehl am Platz war. Vorsichtig, ohne ein Geräusch zu machen, sog er prüfend die Luft ein, versuchte, den Geruch einzuordnen, und fand, dass es der Hauch von etwas Brennendem sein könnte, auch wenn der Geruch nicht gerade beißend war. Er erinnerte ein wenig an ein Lagerfeuer, auf das sie jedoch verzichtet hatten, weil Richard weder die Zeit dafür erübrigen noch Gefahr laufen wollte, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Cara hatte eine Blendlaterne dabei, doch der Geruch stammte auch nicht von einer Laternenflamme.

Den Wald ringsum mit den Augen absuchend, hielt er wiederholt Ausschau nach Cara. Sie hatte Wache, befand sich also wahrscheinlich ganz in der Nähe, trotzdem konnte Richard sie nirgends entdecken. Er wollte schon instinktiv ihren Namen rufen, doch im allerletzten Augenblick widerstand er diesem Drang. Ehe er Alarm schlug, wollte er herausfinden, was hier gespielt wurde, was hier nicht stimmte. Ein Ruf hätte einen Feind sofort gewarnt, dass seine Anwesenheit bemerkt worden war. Besser, man ließ einen Gegner, erst recht einen Gegner, der sich heimlich anzuschleichen versuchte, im Glauben, er sei noch unentdeckt.

Als er das umliegende Gelände betrachtete, stellte Richard fest, dass mit dem Wald irgendetwas nicht stimmte. Er hätte nicht sagen können, was genau, aber irgendetwas schien verkehrt – ein Eindruck, der wahrscheinlich nicht zuletzt von dem seltsam verbrannten Geruch herrührte. Es war immer noch zu dunkel, um deutlich sehen zu können, aber soweit er erkennen konnte, schien mit den Zweigen etwas nicht zu stimmen. Irgendetwas an den Föhrenzweigen war merkwürdig – richtig, die Nadeln. Sie wirkten irgendwie unnatürlich. Sein erster Besuch in Agaden war ihm noch bestens in Erinnerung. Damals war er ein Stück weiter unten in den Bergen von einem seltsamen Geschöpf angefallen worden, und während er noch wie von Sinnen damit beschäftigt war, es sich vom Leib zu halten, hatte Sho-ta Kahlan entführt und nach Agaden hinunter verschleppt. Der Überfall damals war in der Maske eines Fremden erfolgt, der ihn in einen Hinterhalt zu locken versuchte, aber zu guter Letzt hatte sich das Geschöpf vertreiben lassen, außerdem war von einem Fremden diesmal nichts zu sehen. Wie auch immer, das musste nicht heißen, dass dieses Geschöpf es nach seinem ersten gescheiterten Versuch diesmal nicht auf andere Weise versuchen konnte. Damals, fiel ihm jetzt wieder ein, hatte er diese abscheuliche Missbildung nur mit seinem Schwert in Schach halten können. So leise wie irgend möglich ließ Richard sein Schwert ganz langsam aus der Scheide gleiten. Um jedes unnötige Geräusch zu vermeiden, presste er die flachen Klingenseiten gleich an der Scheidenöffnung zusammen und nahm sie beim Herausziehen zwischen Daumen und Zeigefinger. Selbst jetzt noch erzeugte die Klinge beim Herausgleiten ein unendlich leises Klirren. Und auch der Zorn des Schwertes streifte seine Fesseln ab. Noch während er in einer einzigen gleichmäßigen Bewegung sein Schwert zog, begann er sich vorsichtig auf jene Stelle zuzubewegen, wo er die Bewegung gesehen zu haben meinte. Sobald er seine Blickrichtung leicht veränderte, glaubte er aus den Augenwinkeln die undeutlichen Umrisse von etwas erkennen zu können, das sich genau vor ihm befand, doch wenn er die Stelle direkt anvisierte, war nichts zu sehen. Unmöglich zu sagen, ob ihm sein Sehvermögen einen Streich spielte oder ob es dort tatsächlich nichts zu sehen gab. Natürlich war er sich bewusst, dass das Sehvermögen des Auges, besonders bei diesen schlechten Lichtverhältnissen, im Zentrum nicht annähernd so gut war wie am Rand. Als Waldführer, der viel Zeit nachts im Freien verbracht hatte, hatte er diese Technik, sein Ziel nicht direkt anzuvisieren, sondern den Blick auf einen Punkt fünfzehn Grad seitlich zu richten, bereits oft angewandt, denn nachts war das periphere Sehvermögen besser als das direkte.

Er hatte kaum drei Schritte zurückgelegt, als er mit dem Hosenbein gegen etwas stieß, das eigentlich nicht hätte dort sein dürfen. Die Berührung war sacht, beinahe wie von einem tief hängenden Zweig. Er hielt augenblicklich inne, um keinen Druck auszuüben. Wieder stieg ihm dieser Geruch in die Nase, nur kräftiger, wie von verbranntem Stoff.

In diesem Moment spürte er eine gewaltige Hitze an seinem Schienbein. Mit hastigen Bewegungen, aber ohne ein Geräusch zu machen, zog er sich zurück.

Um nichts in der Welt hätte Richard zu erklären vermocht, was ihn da berührt hatte, etwas Natürliches konnte es jedenfalls nicht gewesen sein. Er hätte vielleicht eine Art Stolperdraht vermutet, der einer zwischen den Bäumen verborgenen Person sein Kommen ankündigen sollte, nur hätte ein Stolperdraht nicht so auf seiner Haut gebrannt.

Was immer es sein mochte, es zerrte beim Zurückweichen an seinen Hosen, als sei es klebrig. Und als er sich mit einem energischen Schritt nach hinten befreit hatte, brach die schleichende Bewegung in den Bäumen abrupt ab, so als hätte sie das Abreißen des Kontakts zu seinem Hosenbein gespürt. Die Totenstille klang ihm fast schmerzhaft in den Ohren.

Nur wenige Augenblicke später nahm dieses Etwas seine Bewegung wieder auf, nur schneller diesmal, als hätte es jetzt ein klares Ziel. Das leise, seidige Geräusch, dessen schwaches Wispern jetzt zwischen den Stämmen der Bäume zu hören war, erinnerte ihn ein wenig an einen über eine glatte Eisfläche gleitenden Schlittschuh.

Beim Zurückweichen verfing sich etwas an seinem anderen Hosenbein. Es war klebrig, genau wie das Etwas, an dem er zuvor hängen geblieben war. Und wieder fühlte er Hitze. Als er sich umdrehte, um zu sehen, was sich da an seinem Hosenbein befand, streifte ihn etwas unmittelbar über dem Ellbogen leicht am Arm. Er hatte kein Hemd an, daher brannte sich das klebrige Etwas, kaum hatte es ihn berührt, tief in seine Haut. Sofort riss er den Arm zurück, entfernte sich einen Schritt von dem Etwas, das ihn am Hosenbein berührt hatte, und versuchte, ohne ein Geräusch zu machen, den brennenden Schmerz mit der Schwerthand zu lindern. Sein Zorn sowie die Wut, die vom Schwert in seinen Körper flutete, drohten jeden Sinn für Vorsicht zu überlagern.

Er wandte sich herum und versuchte, in der Dunkelheit zu erkennen, ob dort etwas war, das nicht dorthin gehörte. Der rasiermesserfeine Lichtstreif am Horizont blinkte beim Herumdrehen auf der Klinge und ließ das polierte Metall aussehen, als sei es blutverschmiert – passend zu dem echten Blut auf seiner Hand am Heft. Die Schatten rings um ihn her begannen, sich um ihn zusammenzuziehen. Was immer es sein mochte, es berührte im Näherkommen die Stämme und Zweige ringsumher und bog das in seinem Weg hängende Blattwerk und Gestrüpp sanft zur Seite. Das leise Zischen, das er gehört hatte, war vermutlich das Geräusch der bei der Berührung versengten Vegetation, was auch den Geruch nach verbranntem Laub erklärte, den er ganz zu Anfang wahrgenommen hatte. Allerdings war ihm nach wie vor schleierhaft, was ihn hervorgerufen haben konnte – oder wie. Er hätte sein Urteil gern in Zweifel gezogen, hätte gern bezweifelt, dass es so etwas tatsächlich geben konnte, wäre da nicht der heftige, brennende Schmerz gewesen, sobald dieses Etwas einen berührte. Das Blut, das seinen Arm herunterrann, war jedenfalls keine Einbildung. Instinktiv spürte Richard, dass ihm die Zeit davonzulaufen begann.