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Mit einer schnellen und doch lautlosen Bewegung nahm Richard in Vorbereitung eines Angriffs das Schwert vor seinen Körper – noch war ihm nicht klar, wie dieser Angriff erfolgen würde, aber er war fest entschlossen, gewappnet zu sein. Er presste den kalten Stahl der Klinge an seine schweißnasse Stirn, dann sprach er mit leisem, kaum hörbarem Flüstern die Worte: »Klinge, sei mir treu an diesem Tag«, Worte, mit denen er sich selbst und seine Klinge darauf einschwor, zu tun, was immer nötig war. Ein paar dicke Regentropfen klatschten auf seine nackte Brust. Der anfangs noch verhaltene Regen nahm nach und nach ein wenig zu, bis das leise Wispern der Regentropfen auf dem dichten Laubdach sich in der Stille des Waldes auszubreiten begann. Immer wieder musste er sich blinzelnd von den sich in seinen Wimpern verfangenden Tropfen befreien.
Er vernahm das Rascheln von sich bewegenden Zweigen und gleich darauf das plötzliche Losstürzen von Schritten in seine Richtung – und erkannte Caras unverwechselbaren Gang. Offenbar hatte sie das Gelände in der unmittelbaren Umgebung ihres Lagerplatzes abgesucht und dieselben Geräusche gehört wie er. Er kannte Cara, daher war er angesichts ihrer angespannten Aufmerksamkeit keineswegs überrascht. Im Schutz des Geräuschs des ringsum niedergehenden Regens konnte er jetzt Äste und Zweige langsam gegeneinander reiben hören. Da und dort brachen knisternd ein paar dünnere Zweige, so als nähere sich ihm etwas von allen Seiten. Etwas berührte seinen linken Arm. Sofort schnellte er einen Schritt zurück und befreite seinen Arm aus dem zähen, klebrigen Kontakt. Die Brandwunde erzeugte einen pochenden Schmerz, jetzt rann ihm schon aus zwei Wunden warmes Blut am Arm herab. Er spürte, wie sich etwas hinten an seinem Hosenbein verfing, und löste sein Bein mit einem Ruck von dem zähen Kontakt. Unterdessen tauchte nicht weit entfernt Cara unter lautem Krachen zwischen den Bäumen auf – behutsam ging sie dabei nicht gerade vor. Sie schob ein kleines Türchen an der Blendlaterne zurück, die sie bei sich trug, und richtete den schwachen Lichtstrahl auf ihren Lagerplatz. Sofort konnte Richard ein Gebilde erkennen, das ihn an eine Art bizarres Netz aus dunklen Fäden erinnerte, die ihn auf allen Seiten kreuz und quer umspannten und sich mit Bäumen, Gestrüpp, Baumstämmen und Büschen verwoben hatten. Das Material erinnerte an eine Art Strick, war aber offenbar von einer zähen, gummiartigen Klebrigkeit. Er hatte nicht den leisesten Schimmer, um was es sich handeln könnte oder wie es ihm gelungen war, ihn von allen Seiten zu umfangen.
»Lord Rahl! Ist alles in Ordnung?«
»Ja. Rührt Euch nicht von der Stelle.«
»Was ist denn los?«
»Das weiß ich selbst noch nicht genau.«
Das Geräusch kam näher, gleichzeitig zogen sich die Fäden rings um ihn her abermals enger zusammen, einer drückte bereits gegen seinen Rücken. Sofort wich er zurück, wirbelte herum und zertrennte ihn mit seinem Schwert.
Doch kaum hatte er ihn durchtrennt, da geriet das Gewirr um ihn herum erneut unter Spannung und zog sich noch enger zusammen.
In der Hoffnung, besser sehen zu können, entfernte Cara die Blende von der Laterne. In diesem Moment erkannte Richard, dass ihn die seidig glänzenden Fäden bereits nahezu vollständig in einen Kokon eingesponnen hatten, sogar über seinem Kopf sah er das Zeug kreuz und quer Fäden ziehen. Es war bereits so nah, dass ihm kaum noch Bewegungsspielraum blieb. Dank einer plötzlichen Eingebung konnte er jetzt auch das seidige Geräusch zuordnen, das er von Beginn an wahrgenommen hatte. Die gleitende, anhaltende Bewegung rührte von etwas her, das diese Fäden um ihn herumspann, so als sollte er einer Spinne als Mahl dienen, nur waren diese Fäden dick wie seine Handgelenke. Ihre Beschaffenheit entzog sich nach wie vor seiner Kenntnis, er wusste nur, dass sie bei jeder Berührung, wenn sie an seinem Hosenbein, an seinem linken Arm und auf seinem Rücken haften blieben, schmerzhafte Brandwunden hervorriefen.
Er sah Cara sich mit ihrer Laterne in der Hand mal hierhin, mal dorthin bewegen. Offenbar suchte sie nach einer Möglichkeit, sich bis zu ihm durchzuschlagen.
»Bleibt, wo Ihr seid, Cara! Die Fäden verätzen einen, sobald man mit ihnen in Berührung kommt!«
»Verätzen?«
»Ja, ich denke, etwa so wie Säure. Außerdem sind sie klebrig. Haltet Euch von ihnen fern, sonst verfangt Ihr Euch womöglich noch darin.«
»Und wie wollt Ihr Euch aus ihnen befreien?«
»Ich werde mich halt irgendwie durchschlagen müssen. Bleibt, wo Ihr seid, ich komme zu Euch rüber.«
Als die Fäden links von ihm sich immer mehr zusammenzuziehen begannen, holte er schließlich mit dem Schwert aus und hieb auf sie ein. Im Schein von Caras Laterne blitzte die Klinge kurz auf, als sie das ihn umhüllende Netz aus klebrigen Fäden zerfetzte. Kaum hatte die Klinge sie durchtrennt, schnellten sie zurück, als hätten sie unter Spannung gestanden. Einige blieben an den Baumstämmen haften und hingen dort herab, einer dunklen Moosart nicht unähnlich. Im Schein der Laterne konnte er das Laub verwelken sehen, das bei der Berührung mit den Fäden offenbar verätzt worden war.
Was immer das Geflecht aus diesem seltsamen Material erzeugen mochte, es blieb Richards Blicken verborgen. Während der Regen mittlerweile dazu übergegangen war, noch stärker niederzuprasseln, lief Cara noch immer auf und ab, um einen Weg ins Innere des Kokons zu finden. »Ich glaube, ich kann ...«
»Nein!«, schrie er sie an. »Ich sagte doch – haltet Euch fern von diesem Zeug!«
Wann immer sie sich um ihn zusammenzuziehen begannen, schlug Richard mit seinem Schwert auf die mächtigen, dunklen Stränge ein, um sie auf ihre Festigkeit zu prüfen und ihren Zusammenhalt zu schwächen, was er aber gezwungenermaßen erst konnte, wenn ihm keine andere Wahl mehr blieb, denn die klebrigen Fäden blieben jetzt immer häufiger an seiner Klinge haften.
»Aber ich muss Euch doch helfen, dieses Ding aufzuhalten!«, rief sie zurück, voller Ungeduld, ihn endlich wieder befreit zu sehen.
»Ihr würdet Euch nur darin verfangen, und ist das erst einmal passiert, könnt Ihr mir gar nicht mehr helfen. Bleibt, wo Ihr seid. Wie gesagt, ich werde versuchen, mich zu Euch durchzuschlagen.«
Das schien sie zumindest fürs Erste von dem Versuch abzubringen, sich bis zu ihm durchzukämpfen. In halb gebückter Stellung, die Lippen aus Hilflosigkeit und Wut zusammengepresst, den Strafer in der Hand, stand sie da und wusste nicht, was sie tun sollte. Einerseits wollte sie nicht seiner Anordnung zuwiderhandeln, zumal sie eingesehen hatte, dass sie durchaus vernünftig war andererseits behagte ihr die Vorstellung nicht, dass er sich allein würde befreien müssen. Es war ein seltsamer, verwirrender Kampf, der ganz ohne Gewaltanwendung stattfand und bei dem offenbar keine Eile zu bestehen schien. Die klaffenden Wunden, die er dem Wesen beibrachte, schienen diesem keine Schmerzen zu bereiten. Das langsame, unerbittliche Näherrücken des ihn umgebenden Fadengewirrs schien ihn einlullen und insofern zu einer zögerlichen Haltung bewegen zu wollen, als es offenbar reichlich Zeit gab, die Situation abzuwägen. Doch trotz der scheinbaren Ruhe, trotz dieser trügerischen Untätigkeit, empfand Richard das unerbittliche Näherrücken der ihn umgebenden Falle als überaus bedrohlich. Nicht gewillt, der Aufforderung zur Untätigkeit nachzukommen, schwang Richard abermals sein Schwert und hackte in die Wand aus ineinander verwobenen Fäden hinein.