Doch dann, noch während er versuchte, sich einen Weg nach draußen freizuschlagen, sah er immer mehr dieser Fäden im Wald ringsum auftauchen. Das Wesen verstärkte sich und war bereits im Begriff, eine zweite Netzschicht zu spinnen, während er noch damit beschäftigt war, den Teil, der ihn unmittelbar umgab, in Stücke zu schlagen. Für jedes Dutzend Fäden, das er durchtrennte, verstärkten zwei Dutzend weitere den ihn umspannenden Kokon. Immer wieder suchte er den Wald mit den Augen ab und versuchte herauszufinden, was dieses immerfort weiter wachsende Fadengewirr hervorbringen mochte, um nicht nur das Ergebnis, sondern endlich auch dessen Ursprung attackieren zu können, doch sosehr er sich auch bemühte, er konnte weder einen Anfang entdecken, noch sah er, was dieses sich immer mehr verdichtende Fadengeflecht erzeugte, dessen zähe Taue sich zwischen den Bäumen und Sträuchern erstaunlich schnell bewegten. Die Fäden wurden immer länger und vermehrten sich ohne Unterlass, wodurch der ihn umgebende Kokon, sich fortwährend selbst reproduzierend, immer weiter wuchs.
Er schien alle Zeit der Welt zu haben, sich einen Ausweg zu überlegen, und doch war ihm längst klar, dass dies die trügerische Hoffnung eines Narren war. Er war sich sehr wohl bewusst, dass ihm die Zeit davonlief, und das schnell. Mit jedem Augenblick wuchs seine Besorgnis, seine verätzte Haut pochte schmerzhaft und gemahnte ihn an das Schicksal, das ihn erwartete, wenn es ihm nicht gelang, sich zu befreien. Irgendwann, dessen war er sich bewusst, würde der Augenblick kommen, da er jeder Handlungsmöglichkeit beraubt sein würde. Hatte sich diese fein gesponnene Falle erst zusammengezogen, würde er darin umkommen, und es stand sehr zu bezweifeln, dass dies ein schneller Tod sein würde. Während sich das Fadengeflecht ringsumher immer mehr verflocht und zusammenzog, griff Richard in dem verzweifelten Bemühen, sich einen Weg durch die immer mehr zusammenziehende Falle freizuhacken, mit einem wütenden Rundumschlag an. Doch mit jedem Schlag verhedderte sich seine Klinge mehr in der klebrigen Substanz, aus der die Fäden bestanden, und je mehr von ihnen er durchtrennte, desto größer die klebrige Masse, die sich mit der bereits hartnäckig an seiner Klinge haftenden Substanz zu einem Klumpen verband. Die schwerfällige Masse gewann immer mehr an Gewicht, was das Durchtrennen der Fadenwand zusätzlich erschwerte.
Derweil er sich also um sich hackend und schlagend zu befreien versuchte, verdichtete sich der Fadenknoten an seiner Klinge nicht nur immer mehr zu einer klumpigen Masse, sondern verklebte obendrein mit den übrigen Fäden der Falle, sodass jede Bewegung mit der Klinge zu einem schier unüberwindbaren Problem wurde. Er kam sich vor wie eine in einem Spinnennetz gefangene Fliege. Es kostete ihn eine übermenschliche Anstrengung, das Schwert aus dieser Wand aus Fäden wieder herauszuziehen, die natürlich ihrerseits am Schwert haften blieben, sich dehnten und lange, zähe Fäden zogen. Zum allerersten Mal sah sich Richard mit einem Gegner konfrontiert, der seinem Schwert solche Mühe bereitete. Panzerungen und Eisenstangen hatte er damit schon durchschlagen, diese klebrige Substanz jedoch, obwohl an sich leicht zu durch trennen, fiel einfach ab und blieb an allem haften. Einige der schleimigen Fäden streckten sich und blieben an seinem Hosenbein kleben. Als sich beim Zurückreißen seines Schwertes einer davon auf seinen rechten Arm legte, stieß er einen Schmer-zensschrei aus und sank auf die Knie.
»Lord Rahl!«
»Rührt Euch nicht von der Stelle!«, brüllte er zurück, ehe Cara Gelegenheit hatte, einen weiteren Versuch zu unternehmen, sich zu ihm durchzuschlagen. »Alles in Ordnung. Bleibt einfach, wo Ihr seid.«
Er nahm eine Hand voll Blätter, Rinde und Erde vom Boden auf und benutzte diesen Mulch, um seine Hand zu schützen, während er die dunkle, pappige Substanz von seinem Arm entfernte. Der beißende Schmerz war so enorm, dass er fast alles ringsumher vergaß.
Schließlich verdichtete sich die faserige Struktur erneut, bis ihre dicken Fäden junge Schösslinge umrissen. Zweige brachen, ganze Äste wurden von den Bäumen abgerissen, und der Wald füllte sich mit dem beißenden Geruch nach Verbranntem.
Obwohl die Raserei des Schwertes in ihm hochstieg und seinen Zorn entfesselte, dämmerte Richard, dass er drauf und dran war, diesen Kampf zu verlieren. Wo immer er zuschlug, wichen die durchtrennten Fäden einfach nur zurück, verbanden sich mit anderen und schlössen die Lücke wieder. Und obwohl es ihm immer wieder gelang, das ineinander verknotete Geflecht der Netze zu zerschlagen, verflocht sich das Gewirr sofort erneut zu einem klebrigen Brei und schuf so ein noch enger verwobenes Netz. Nach und nach wich seine stille Verzweiflung der panischen Erkenntnis, dass er in der Falle saß, und diese Angst gab seinen Muskeln neue Energie, als er mit letzter Kraft sein Schwert schwang. Es war nicht schwer, sich vorzustellen, dass diese seltsame dunkle Masse ihn umfangen und letztendlich ersticken würde, wenn sie ihn nicht schon vorher dadurch tötete, dass sie ihm das Fleisch von den Knochen ätzte. Unter Aufbietung seiner ganzen Körperkraft gelang es Richard, sein Schwert immer wieder hochzureißen und eine Bresche in die schier undurchdringliche Wand aus dieser Substanz zu schlagen, doch war er letztlich drauf und dran, zu scheitern, denn seine Bemühungen machten seinen Widersacher zunehmend stärker. »Lord Rahl, ich muss unbedingt zu Euch!«
Cara hatte die tödliche Gefahr klar erkannt, in der er sich befand, und wollte mit allen Mitteln einen Weg finden, ihm aus der Klemme zu helfen, aber wie er stand sie der Situation völlig ratlos gegenüber. »Cara, hört mir zu. Wenn Ihr Euch in diesem Geflecht verfangt, werdet Ihr darin umkommen. Haltet Euch fern davon – und was immer Ihr tut, berührt es auf keinen Fall mit Eurem Strafer. Ich werde mir schon etwas einfallen lassen.«
»Dann sputet Euch und tut etwas, ehe es zu spät ist.«
Als ob er das nicht längst versuchte! »Lasst mir nur eine Minute Zeit zum Nachdenken.«
Um wieder zu Atem zu kommen, lehnte er sich keuchend unweit seines Bettzeugs mit dem Rücken gegen den schützenden Stamm einer hoch gewachsenen Föhre und versuchte, sich eine Fluchtmöglichkeit zu überlegen. Rings um den Baum war kaum noch Platz, und es würde nicht mehr lange dauern, bis auch dieser wenige Platz verschwunden sein würde. Aus den Wunden, wo ihn die rätselhafte Substanz berührt hatte, rann ihm das Blut über die Arme, und die Wunden brannten und pochten mit einer Heftigkeit, die jeden klaren Gedanken erschwerte. Er musste unbedingt einen Weg finden, durch dieses klebrige Fadengewirr zu gelangen und sich daraus zu befreien, ehe es ihn endgültig eingeschlossen hatte. Und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.
Benutze das Schwert für den Zweck, für den es sich am besten eignet. Ohne einen weiteren Augenblick zu verlieren, löste sich Richard mit einem Schritt vom Baum, wirbelte herum, holte aus und schwang das Schwert unter Aufbietung seiner ganzen Körperkraft so wuchtig wie nur irgend möglich. Wissend, dass sein Leben davon abhing, legte er seine ganze Wut, seine ganze Energie in diesen einen mit letzter Kraft geführten Schlag. Pfeifend flog die Klingenspitze mit der Geschwindigkeit eines Blitzes heran und bohrte sich in den Stamm – mit einem lauten Krachen, das wie der Einschlag eines Blitzes klang und ebenso große Wirkung zeitigte. Der Baumstamm zersplitterte, schartige Holzsplitter flogen in alle Richtungen davon. Größere Bruchstücke kreisten sirrend durch die Luft, während kleinere Späne und ein wahrer Regen aus Rindenstücken im klebrigen Gewirr dahinter hängen blieben.
39i Dann begann der Baum zu kippen, und mit einem Ächzen brach die weit in den Himmel ragende Krone der mächtigen Föhre durch das dichte Laubdach. Immer schneller stürzte die Föhre durch die dicht beieinander stehenden Bäume und riss auf ihrem Sturz durch den zugewucherten Wald mit ihrem gewaltigen Gewicht mächtige Äste von anderen Bäumen ab.
Wo der Stamm das verworrene Geflecht überragt hatte, zerfetzte er im Fallen die Fäden über ihm und riss dabei die zähen Stricke mit, ehe er krachend auf das Gewirr aus klebrigen Strängen stürzte, dieses zu Boden drückte und unter dem Rest seines Stammes sowie einem dichten Dach aus Zweigen begrub. Ehe das Netz Gelegenheit hatte, sich neu zu bilden und die klaffende Lücke zu schließen, sprang Richard mit einem Satz auf den Stamm, als dieser nach dem Aufprall auf dem Boden wieder nach oben federte, breitete die Arme aus und ließ sich in die Hocke fallen, um das Gleichgewicht zu wahren. Mittlerweile hatte der Regen noch weiter zugenommen, infolgedessen war der Stamm recht glitschig. Kaum war der mächtige Stamm nach einem Durchfedern auf dem Waldboden zur Ruhe gekommen, nutzte Richard die Gelegenheit und lief, noch während ein Regen aus kleinen Zweigen, Rindenstücken, Ästen, Nadeln und Blättern auf ihn niederging, der Länge nach über den mächtigen Föhrenstamm, indem er ihn wie eine Brücke über das klebrige Netz benutzte. Endlich aus der Falle befreit, langte er keuchend bei Cara an. Diese hatte ihn kommen sehen und war auf einen kräftigen Ast geklettert, um ihm notfalls die Hand reichen zu können. Sie packte seinen Arm, um zu verhindern, dass er auf seinem Weg durch das Gewirr aus Zweigen auf der nassen Rinde ausglitt. »Seht«, rief Cara und zeigte auf sein Schwert.