Die zähe, noch immer an seiner Klinge haftende Substanz hatte sich im Regen aufzulösen begonnen, und auch die Masse der den gesamten Wald durchziehenden Stränge war erschlafft. Wann immer sich einzelne Stränge voneinander lösten, drückte der Regen das Netz ein Stück weiter Richtung Boden, wodurch immer mehr der langen, dicken Stränge von den Bäumen gerissen wurden und in dunklen Klumpen zu Boden fielen, wo sie, im Regen leise vor sich hin zischend, schmolzen – ganz ähnlich dem ersten Schnee des Winters, der es, kaum ist der Schneesturm wieder in Regen übergegangen, nicht schafft, liegen zu bleiben. Erst jetzt, im grauen Licht der morgendlichen Dämmerung, konnte Richard das wahre Ausmaß der Masse erkennen, die ihn in einen Kokon zu hüllen versucht hatte: Es war ein Knäuel von wahrlich enormer Größe. Offenbar hatte der Baum durch das Zerreißen der oberen Maschen des Netzes den Zusammenhalt des Ganzen so nachhaltig zerstört, dass es unter seinem eigenen Gewicht zerrissen und schließlich kraftlos in sich zusammengefallen war.
Jetzt, da der kalte Regen noch einmal an Heftigkeit zunahm, wurden die dunklen Fäden auch von den Ästen und Sträuchern gewaschen, ehe sie zu Boden fielen, wo sie an nichts anderes erinnerten als an die Innereien eines riesigen toten Ungeheuers.
Richard wischte sein Schwert an den regennassen Sträuchern und Gräsern ab, bis von der klebrigen Masse gar nichts mehr zu sehen war. Die Masse am Boden schmolz mit zunehmender Geschwindigkeit dahin, verdampfte und wurde vom aufziehenden grauen Nebel aufgesogen. Etwas entfernt, in den Schatten der Bäume, stieg der dunkle Nebel, gleich dem Dampf über einem frischen Leichnam an einem kalten Wintertag, langsam über dem Boden auf, ehe die düsteren Schwaden, getragen von der eben aufgekommenen schwachen Brise, hinter den dichten Vorhang aus Bäumen geweht wurden.
Im Schutz der Bäume wechselte der dunkle Nebel dann auf unbestimmte, für Richard kaum nachvollziehbare Weise die Richtung und verdichtete sich zu einem tintenschwarzen Schatten. Blitzartig, und ehe er recht begriff, was er sah, zerfiel die unheimliche Erscheinung in tausend flatternde Formen, die in alle Himmelsrichtungen auseinander stoben, so als hätte sich ein rätselhaftes Fantasiegebilde in regennasse Schatten und Nebel aufgelöst. Kurz darauf war nichts mehr zu sehen.
Ein Frösteln kroch Richards Wirbelsäule hoch.
Cara stand und staunte. »Habt Ihr das gesehen?«
Richard nickte. »Dem Verhalten nach ähnelte es ein wenig diesem Wesen in Altur’Rang, nachdem es sich durch die Wände auf mich gestürzt hatte. Das hat sich, unmittelbar bevor es meiner hätte habhaft werden können, auf mehr oder weniger die gleiche Weise aus dem Staub gemacht.«
»Demnach muss es sich wohl um dasselbe unheimliche Wesen handeln.«
Richard suchte die Schatten zwischen den Bäumen ringsum im frühmorgendlichen Platzregen mit den Augen ab. »Das wäre auch meine Vermutung.«
Auch Cara ließ den Blick auf der Suche nach Anzeichen einer Gefahr durch den umliegenden Wald schweifen. »Wir können von Glück reden, dass es genau im richtigen Moment zu regnen angefangen hat.«
»Ich glaube nicht, dass das der Regen war.«
Sie wischte sich das Wasser aus den Augen. »Aber was dann?«
»Mit Bestimmtheit kann ich das nicht sagen, aber womöglich war es einfach der Umstand, dass ich mich aus seiner Falle befreien konnte.«
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Bestie, die über solche Macht verfügt, sich so leicht beirren lässt weder jetzt noch das Mal davor.«
»Eine andere Erklärung habe ich nicht, aber ich kenne jemanden, der eine wissen könnte.« Er fasste Cara beim Arm. »Kommt jetzt. Lasst uns unsere Sachen zusammensuchen und dann von hier verschwinden.«
Mit einer Handbewegung wies sie in den Wald. »Geht Ihr die Pferde holen. Ich packe inzwischen unser Bettzeug zusammen. Trocknen können wir es später.«
»Nein. Ich möchte, dass wir diesen Ort sofort verlassen.« Rasch entnahm er seinem Bündel ein Hemd und einen Umhang, um wenigstens den Versuch zu unternehmen, einigermaßen trocken zu bleiben. »Die Pferde lassen wir hier zurück. Solange sie in ihrem Pferch eingesperrt sind, wo sie genügend Gras und Wasser haben, werden sie eine Weile gut zurechtkommen.«
»Aber zu Pferd könnten wir diesen Ort schneller verlassen.«
Er schob seine Arme in die Ärmel seines Hemdes, ohne den umliegenden Wald aus den Augen zu lassen. »Über den Gebirgspass können wir sie nicht mitnehmen, der ist an einigen Stellen viel zu eng, und ebenso wenig nach Agaden, wo Shota lebt. Gönnen wir ihnen also ihre wohlverdiente Verschnaufpause, während wir die Hexe besuchen. Sobald wir in Erfahrung gebracht haben, was sie über Kahlans jetzigen Aufenthaltsort weiß, können wir wieder zurückkommen und sie holen. Vielleicht weiß Shota sogar, wie wir dieses Wesen abschütteln können, das mich verfolgt.«
Cara nickte und stopfte die wenigen Gegenstände, die sie herausgenommen hatte, wieder in ihr Bündel zurück, dann holte auch sie einen Umhang hervor. Sie nahm ihr Bündel an einem Tragegurt auf und warf es sich über die Schulter. »Wir müssen noch ein paar Dinge aus unseren Satteltaschen drüben bei den Pferden holen.«
»Die lassen wir hier zurück. Ich möchte nicht mehr als unbedingt nötig mitschleppen müssen, das würde uns nur behindern.«
Den Blick in den dichten Regenschleier gerichtet, sagte sie: »Aber jemand könnte unsere Vorräte stehlen.«
»Kein Dieb würde sich in Shotas Nähe wagen.«
Erstaunt blickte sie zu ihm auf. »Und warum nicht?«
»Weil sie und ihr Gefährte durch diese Wälder streifen; und sie ist eine ziemlich unduldsame Frau.«
»Na, das ist ja großartig«, murmelte Cara.
Richard schwang sein Bündel herum auf seinen Rücken und marschierte los. »Kommt jetzt. Beeilt Euch.«
Sie hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten. »Habt Ihr jemals die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass die Hexe gefährlicher sein könnte als dieses Wesen?«
Er warf einen Blick über die Schulter. »Ihr seid heute Morgen von ausnehmend sonnigem Gemüt, wisst Ihr das?«
37
Der Regen war in Schnee übergegangen, kaum dass sie den dichten Wald hinter sich gelassen hatten; sie waren, nach Überqueren der Baumgrenze, jetzt in das Gebiet des Buckelwaldes vorgedrungen. Die in dieser Höhe üblichen überaus harten Witterungsbedingungen hatten zur Folge, dass die verkümmerten, nur mit spärlichem Grün bedeckten Bäume in bizarren windschiefen Formen wuchsen. Eine Durchquerung des Buckelwaldes hatte etwas von einer Wanderung durch die versteinerten Formen verdorrter Seelen mit ihren für alle Ewigkeit in gequälter Haltung erstarrten Gliedern, so als wären sie ihren Gräbern entstiegen, nur um ihre Füße auf ewig mit dem geweihten Boden verwachsen zu finden, der verhinderte, dass sie der Welt des Irdischen jemals entkommen konnten.
Obwohl es Menschen gab, die sich schlicht weigerten, die unwirkliche Welt des Buckelwaldes ohne irgendeine Art mystischen Schutz zu betreten, verband Richard keine abergläubischen Gefühle mit diesem Ort. In seinen Augen waren diese Vorstellungen im Grunde nichts weiter als Ausflüchte – Ausflüchte von Menschen, die es vorzogen, unwissend zu bleiben. Richard durchschaute dieses vordergründige Getue und sah, was sich tatsächlich hinter diesem Aberglauben verbarg – nichts Geringeres als der Appell, den Menschen als ein Wesen zu betrachten, das unfähig ist, seine selbst gesteckten Ziele zu erreichen und sich zum Zwecke der Sicherung seines Überlebens mit der Realität seiner Umgebung zu befassen, das sich stattdessen die Vorstellung zu Eigen macht, sein ganzes Dasein beruhe nur auf den Launen ungewisser, sich dem menschlichen Erkenntnisvermögen entziehender Kräfte, die man lediglich durch einen demütigen Kniefall oder – so man gezwungen ist, einen spirituellen Ort zu betreten – durch das Mitführen eines geeigneten Talismans überreden kann, doch bitte von ihren grausamen und erbarmungslosen Anwandlungen Abstand zu nehmen. Auch wenn Richard sich im Buckelwald stets unbehaglich gefühlt hatte, so wusste er doch, was es mit diesem Ort auf sich hatte und warum er so gewachsen war, selbst wenn das dem Aufenthalt an diesem Ort nichts von seiner Unheimlichkeit nahm. Im Wesentlichen, so glaubte er, gab es zwei Möglichkeiten, mit dieser seit Urzeiten in der Natur des Menschen angelegten Regung umzugehen. Die abergläubische Lösung bestand darin, geweihte Talismane und Amulette mit sich herumzuschleppen, um die an diesen Orten vermuteten übellaunigen Dämonen und unbegreiflichen dunklen Kräfte abzuwehren – in der Hoffnung, die Mächte des Schicksals ließen sich womöglich überreden, netterweise von ihrem launischen Tun abzulassen. Trotz ihrer selbstgewiss vorgetragenen Behauptung, dass diese mysteriösen Mächte sich ihrem Wesen nach dem Erkenntnisvermögen einfacher Sterblicher entzogen, schreckten diese Menschen nicht davor zurück, voller Inbrunst, wenngleich ohne einen einzigen Beweis, daran zu glauben, dass die Macht dieser Talismane imstande sei, das ungestüme Wesen dieser bedrohlichen Kräfte milde zu stimmen, und sie beharrten darauf, man brauche dazu nichts weiter als einen festen Glauben – als wäre dieser gleichsam eine Art mystischer Putz, der die Fähigkeit besaß, all die klaffenden Risse in ihren Überzeugungen zu überdecken.